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GEHEIMDIENSTE / BERLIN Weiter nicht

aus DER SPIEGEL 5/1969

Um 17.21 Uhr am 16. Dezember 1968, einem düsteren Frühwinter-Nachmittag, meldete die Taxe 333 des Berliner »Würfel-Funk« an ihre Zentrale: »Schwerer Unfall Neue Kantstraße 22.«

Polizei und ein Krankenwagen kamen zum Unfallort. Zwei Feuerwehrmänner bargen das Verkehrsopfer eine bewußtlose, aus Kopfwunden blutende, etwa dreißigjährige Frau in hellem Popelinemantel.

Im Westend-Krankenhaus versuchten Beamte, die immer noch Bewußtlose zu identifizieren. In einem Notizbuch fanden sie eine Frankfurter Telephonnummer.

Sie riefen an und bekamen einen Frankfurter Kaufmann an den Apparat. der sieh einer Kudamm-Bekanntschaft entsann: der Lehrerin Ute Schwarzer aus Hannover, die noch in der Woche zuvor im Kurfürstendamm-Hotel Frühling am Zoo« logiert habe.

Nachforschungen im Hotel bestätigten den Frankfurter Hinweis. Im Zimmer der Verunglückten fanden die Polizisten einen auf Ute Schwarzer ausgestellten Reisepaß (Nr. C 0842 098) mit Photo. Ordnungsgemäß informierten sie ihre Kollegen in Hannover und baten, die Familie zu benachrichtigen.

Damit, so schien es, war der Routine-Fall für die Berliner Polizei erledigt.

In Hannover jedoch fanden die niedersächsischen Schupo-Kollegen die Lehrerin Schwarzer gesund, munter und im Besitze ihres Reisepasses Nr. C 2921 087 vor. Die Niedersachsen meldeten ihre Entdeckung nach Berlin -- wo sich nun Beamte der Abteilung 1, der politischen Polizei, des Rätsels annahmen.

Die Verunglückte war inzwischen im Westend-Krankenhaus verstorben

In der braunen Lederhandtasche der Toten entdeckten sie nebst einigen Packungen der DDR-Zigarettenmarke »Belvedere« ein Geheimfach. Inhalt: 200 Deutsche Mark (West). Außerdem stellten die Rechercheure eine unverfänglich getextete Ansichtskarte mit DDR-Adresse sicher.

Bei der kriminaltechnischen Untersuchung des Reisepasses entpuppte sich das Personalpapier zudem als »Totalfälschung": Die Fälscher hatten sich der Personalien der Hannoveranerin Schwarzer, aber der Paßnummer eines Hannoveraner Bürgers bedient.

Aus der Machart das Falsifikats wie des Geheimfachs in der Handtasche schlossen die Peiltpolizisten ohne Mühe auf den Arbeitgeber der Toten: Paßblüten und »Verbringungsmittel« (Polizeijargon) dieser Art produziert in Deutschland exklusiv das Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit, im Volksmund auch »VEB Horch und Guck« genannt.

Damit stand für West-Berlins Abwehr fest, daß sie mit der unbekannten Toten eines der rund 16 000 in Berlin wie in Westdeutschland operierenden DDR-Agenten habhaft geworden war -freilich nur mit Hilfe des Genossen Zufall.

Doch weiter half der Zufall nicht. Bis heute blieb der Polizei verborgen, wann und woher die Unbekannte nach West-Berlin kam, welchen Auftrag sie hatte, ob sie nach Ost-Berlin zurückkehren oder aber West-Berlin gleichsam als Klimakammer vor dem Übertritt in die Bundesrepublik nutzen wollte.

Nirgendwo im innerdeutschen Grenzbereich hat das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bessere und billigere Möglichkeiten, seine Kundschafter ungesehen in den Westen zu schleusen. Eine S-Bahn-Fahrt vom Ost-Berliner Bahnhof Friedrichstraße zu jedem beliebigen Haltepunkt in West-Berlin kostet ganze 30 Pfennig, und Grenzkontrollen auf West-Berliner Seite finden nicht statt.

West-Berlins Sicherheitsbeamte wären mit großer Sicherheit nicht einmal auf den Namen ihrer dunkel-~ haarigen Toten gekommen, hätte nicht Ost-Berlins MfS-Chef Mielke in Wahrnehmung seiner Sorgepflicht vor Weihnachten die Eltern des Unfallopfers informieren lassen.

Diese boten den West-Berliner Rechtsanwalt Jürgen Stange, der vor Jahren den Austausch der Star-Agenten Abel und Powers bewerkstelligen half, die Überführung ihrer toten Tochter in die Wege zu leiten. Und damit der Totenschein ausgestellt und bei der Staatsanwaltschaft die Freigabe der Leiche erwirkt werden konnte, teilte Anwalt Stange die Personalien mit: Gudrun Heidel, gebohren am 14. April 1939 in Chemnitz heute Karl-Marx-Stadt.

Doch auch der West-Berliner Senat, von einem westdeutschen Nachrichtendienst inspiriert begehrte Stanges bewährte Hilfe Er ließ den Anwalt wissen, daß er an einem neuerlichen Agenten-Tausch interessiert sei: die tote Gudrun Heidel gegen zwei lebende, aber im Osten inhaftierte West -Kundschafter. Mielkes Ministerium zog mit.

Ein DDR-Leichenwagen fuhr Gudrun Heidel durch die Mauer, und Ost-Berlins Städtisches Bestattungswesen, schließlich brachte sie am 27. Dezember auf den letzten Weg Noch am selben Tage kehrten auch die West-Späher aus der Kälte zurück.

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