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»Weizsäcker könnte Kanzler werden«

Der Schwenk der »Bild«-Zeitung von der Kohl-Wahlhilfe zur Anti-Kohl-Kampagne *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Wolter Freiherr von Tiesenhausen, CDU-Sprecher in Bonn, übte ungewohnte Presseschelte: Letzte Woche legte er sich mit der notorisch rechten »Quick« an. Die Illustrierte hatte Demoskopen-Daten über Kanzler Kohls Popularitätsverfall veröffentlicht und auf der Titelseite verkündet: »Bundesbürger fordern: Stoltenberg soll Kanzler werden«. Tiesenhausen: »Unverfrorenheit.«

Hypernervös reagiert die Unionsführung auf eine »Abwendung der konservativen Medien von der Person des Bundeskanzlers« ("Frankfurter Rundschau"). Kohl-kritisch zeigen sich Blätter, auf deren Hilfe der Kanzler bislang hatte bauen können.

Entsetzt sichteten Kohl-Helfer harte Kritik von der »FAZ« bis hin zu Springer-Blättern wie der »Welt« und dem »Hamburger Abendblatt«, das am Mittwoch mit der Schlagzeile erschien: »Kohl hat die Erwartungen nicht erfüllt«. Der »Abendblatt«-Kommentar begann mit dem vernichtenden Satz: »Des Kanzlers betuliche, oft selbstgefällige Art kommt nicht mehr an.«

Als geradezu katastrophal werten Parteistrategen die radikale Wende, die Axel Springers »Bild« vollzog. Das Boulevard-Blatt, mit zwölf Millionen täglichen Lesern bislang wichtigste publizistische Stütze Kohls, verfolgt den Oggersheimer neuerdings ähnlich gnadenlos wie einst den SPD-Kanzler Brandt.

»Bild«, von Heinrich Böll als »Regierungsorgan« par excellence porträtiert, berichtet nun über »tölpelhafte Pannen« der Regierung, erwähnt Stichworte wie »Bitburg, Kießling, Buschhaus usw.« und schürt CDU-Zweifel, »ob Kohl noch der richtige Mann für die Bundestagswahl 1987 ist«.

Nach der letzten Bundestagswahl hatte Verleger Springer leitenden »Bild«-Redakteuren noch für »unschätzbare Dienste« im Wahlkampf gedankt. Jahrelang spazierte der Wahlsieger »gut gelaunt« und »locker« durch die »Bild«-Spalten und »flachste«.

Kießling, Buschhaus, Bitburg, die jüngst entdeckten Pannenpunkte, waren früher für »Bild« allenfalls Bewährungsproben Kohls, wenn nicht gar Pluspunkte. Als »Sieg« der »deutsch-amerikanischen Freundschaft« las sich der Bitburger Friedhofsbesuch - »Ronald Reagan und Helmut Kohl haben es geschafft«.

Den Umschwung bei Springer schaffte Kohl mit der »Katastrophe in NRW«, der, so »Bild«, »bisher schlimmsten Wahlschlappe der CDU« im volkreichsten Bundesland. Danach brach sich, erkennbar, lang angestauter Unmut Bahn. Seither vergeht kaum ein Tag ohne »Bild«-Kritik oder von »Bild« gedruckte Kritik am »Amtsträger Kohl«, wie CSU-Chef Strauß in einem »Bild«-Interview spottete. Strauß ein andermal: _____« Der Herr Bundeskanzler hat erklärt, daß er bis zum » _____« Herbst nachdenken will. Ich hoffe, er wird zu einem » _____« richtigen Ergebnis kommen. Ich kann allen in Bonn nur » _____« raten, sich nicht mit politischen Baldriantropfen zu » _____« begnügen, die Ursachen unter den Teppich zu kehren und zu » _____« hoffen, daß das Ganze schon vorübergeht ... »

»Es ist nicht mehr viel Zeit!« mahnte auch ein »Bild«-Kommentator nach dem nordrhein-westfälischen Debakel, und er meinte die nächste Bundestagswahl. »Seit der verheerenden Wahlschlappe«, gab »Bild« das innerparteiliche Echo wieder, »droht der bisher trotz aller Pannen standfeste Regierungs- und CDU-Chef selbst zu kippen.«

Dem Wahlschock in der Westregion folgte Dienstag letzter Woche die »schreckliche Umfrage« ("Bild"): Fast 60 Prozent der Bevölkerung seien, so Emnid, mit Kohls Leistung unzufrieden. »Bild«-Schlagzeile: »Kohl - der Riese wankt«.

Zugleich machte sich »Bild«-Kolumnist Mainhardt Graf Nayhauß über Kohls Entschlußlosigkeit lustig. Kohl habe zwar begriffen, »daß er etwas gegen seinen rapiden Ansehens-Verlust tun« müsse, sei aber nicht in der Lage, »etwa ruckzuck« zu handeln: »Er sitzt die bisher schwerste Krise seiner Kanzlerschaft wieder aus.«

Das dickfellige Zeitschinden entfremdete Kohl der schlagkräftigsten publizistischen Hilfstruppe der CDU. Kanzler Konrad Adenauer hatte die »Bild«-Zeitung einst auf der Regierungsbank gelesen und deren Chefredakteur Peter Boenisch mit guten Beziehungen geschmeichelt.

Kohl nötigt die »Bild«-Zeitung heute zu Mitleidsbekundungen gegenüber Bundespressechef Boenisch, der glatt überfordert sei, die vielen Regierungspannen »den Bürgern zu erklären«. »Welt«-Chefredakteur Herbert Kremp, neben Boenisch jahrelang Springers heftigster Vorkämpfer gegen die SPD, putzt seit dem NRW-Einbruch in galligen »Bild«-Kommentaren - meist unter dem Kürzel »h. k.« - den CDU-Kanzler herunter: »Helmut Kohl, der ein phänomenales Gespür für Wählerwünsche und Stimmungen hatte, ist in letzter Zeit unzugänglicher geworden.« Überschrift: »Die Zeichen an der Wand ...« Fazit von Kremp: »Für Bundeskanzler Kohl sind sie da.«

»Irgendwie fehlt heute der richtige Schwung«, kommentierte Kremp letzte Woche unter Klarnamen, »das Übel Arbeitslosigkeit zu beseitigen.« Den anzüglichen Vergleich für Kohls Schwunglosigkeit fand »Bild« in Ludwig Erhards Spätphase: »Kohl ist so gelassen, wie Erhard es war.«

Auf der Suche nach Auswegen stieß Mainhardt Graf Nayhauß auf den Publikumsmagneten Richard von Weizsäcker. »Kann ein Bundespräsident zurücktreten, um Kanzler zu werden?« fragte der Graf letzte Woche die »Bild«-Leser.

Antwort: »Er könnte.«

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