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WELCHE MEDIZIN BRAUCHT AMERIKA?

Zur Person befragte der britische Journalist David Frost während des Vorwahlkampfes alle amerikanischen Präsidentschaftskandidaten. Den Wortlaut der TV-Gespräche veröffentlichte Frost in seinem Buch »The Presidential Debate, 1968«. Frosts Interviews mit dem derzeit aussichtsreichsten Kandidaten, Richard Nixon, und dem noch chancenlosen Vizepräsidenten Hubert Humphrey -- der nach den letzten Meinungsumfragen sogar von dem Rechtsaußen George Wallace bedroht scheint -- gibt der SPIEGEL im folgenden gekürzt wieder.
aus DER SPIEGEL 39/1968

»Wir leben für eine große Vision«

David Frost interviewt Richard Nixon

FROST: Mr. Nixon, in einem Wahljahr fühlt sich natürlich jeder als eine Art Arzt, diagnostiziert Krankheiten und schlägt Heilmittel für Amerika vor. Was ist Ihrer Meinung nach die Wurzel des Übels, die Ursache für das amerikanische Unbehagen?

NIXON: Weil, wir sind heute das am besten ernährte, am besten wohnende, am besten gekleidete Volk der Welt, keine Zivilisation hat je diesen Lebensstandard erreicht. Und dennoch halten wir diese Errungenschaften immer noch nicht für ausreichend. Das Unbehagen grassiert vor allem bei denen, die besonders gut ernährt sind, besonders gut wohnen, besonders gut gekleidet sind, und es grassiert zu einer Zeit, da es den meisten Menschen In den USA besser geht als je zuvor. Ich will damit nicht sagen, daß es in unserem Land nicht auch schreckliche Armut gibt und die Amerikaner sich darüber keine Sorgen machen. Aber was die Menschen in diesem Land brauchen, ist ein Traum, ein Wunschbild, ein höheres Ziel.

FROST: Wie soll dieser Traum oder dieses Ziel für den Amerikaner von heute aussehen?

NIXON: Wir müssen darauf hinarbeiten, eine Welt zu schaffen, in der es Frieden und Freiheit für alle Völker gibt. In den Vereinigten Staaten müssen wir eine Gesellschaft schaffen, die sich nicht nur in dem erschöpft, was ich einmal als negative Freiheiten bezeichnen möchte. Sie erinnern sich an Franklin Roosevelts »vier Freiheiten«, die Freiheit von Furcht und Not etwa. Inzwischen sind die meisten Amerikaner von Furcht und Not befreit, und sie stellen fest, daß das nicht ausreicht. Denn unser Freiheitsbegriff hat sich erweitert. Wir wollen in Freiheit reisen, in Freiheit unsere Entscheidungen fällen, frei die Vision dieser Nation in der Welt verbreiten. Amerikas Führer müssen ihre Landsleute auf den Gipfel des Berges bringen, ihnen das Ziel zeigen und dann dafür sorgen, daß dieses Ziel erreicht wird.

FROST: Glauben Sie an den Grundsatz: »Recht oder Unrecht, es ist mein Vaterland?«

NIXON: Nein. Ich bin zwar zufällig der Meinung, daß Amerika mit seiner

Copyright 1968 David Frost.

Außenpolitik eher recht hat als unrecht; aber ich glaube, daß jeder Amerikaner verpflichtet ist, die Politik seines Landes zu kontrollieren und, wenn sie falsch ist, alles zu tun, um sie zu berichtigen. Ich glaube jedoch nicht an die alte chauvinistische Vorstellung, daß man die Politik Amerikas um keinen Preis kritisieren dürfe.

FROST: Wie würden Sie heute unamerikanisches Verhalten definieren?

NIXON: Als unamerikanisches Verhalten kann man jede Tätigkeit bezeichnen, die dem amerikanischen Ideal jenes Freiheitsbegriffs zuwiderläuft, für den wir in unserem Land einstehen und den wir letzten Endes auch der übrigen Welt wünschen. Einen Punkt möchte ich aber besonders deutlich machen. Es gibt Amerikaner, die glauben, unser System sei so gut, daß es auch alle anderen haben sollten. Diese Auffassung teile ich nicht. Ich glaube, daß es viele Zivilisationen gibt, die -- offen gesagt -- mit unserem System nicht den nötigen Fortschritt erzielen würden. Einige unterentwickelte Länder zum Beispiel würden das, was für sie wichtig ist, mit dem System der amerikanischen freien Marktwirtschaft nicht erreichen. Sie sind einfach noch nicht so weit entwickelt. Unamerikanisches Verhalten, das wäre -- im weitesten Sinne -- etwa gegeben, wenn dem einzelnen das Recht auf Entscheidungsfreiheit streitig gemacht oder dieses Recht nicht anerkannt wird.

FROST: Wenn Sie auf Ihre Laufbahn zurückblicken, Mr. Nixon, worauf sind Sie besonders stolz?

NIXON: Weh, ich würde nicht meine Wahl in den Kongreß oder in den Senat, nicht meine Wahl zum Vizepräsidenten der USA und auch nicht meine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten meiner Partei im Jahre 1960 nennen. All das waren große Erfolge, und am Beginn meiner Laufbahn hätte schon einer davon ausgereicht. Aber entscheidend war nicht, daß ich Vizepräsident wurde, sondern was ich In diesem Amt tat, vor allem in außenpolitischer Hinsicht durch meine Reisen und vielleicht durch irgendeinen Beitrag zu einer Welt, in der wir im letzten Drittel dieses Jahrhunderts in Frieden leben können. Ich glaube, wir haben unter der Eisenhower-Regierung In dieser Hinsicht einige Erfolge erzielt, und wir werden in der nächsten Regierung noch mehr Fortschritte machen.

FROST: Gab es irgend etwas In Ihrem Leben, was Sie heute anders machen würden?

NIXON: Oh, ich glaube, zuerst fällt einem der Wahlkampf von 1960 ein. Hätte Ich oder hätte ich nicht mit John Kennedy im Fernsehen diskutieren sollen? Und wenn ich nun schon mit ihm diskutierte, dann hätte ich wohl, wie manche Leute meinen, einen besseren Maskenbildner und dergleichen haben müssen. Aber all das trifft nicht den Kern. Ich will nicht versuchen, all das noch einmal zu analysieren, was ich als Vizepräsident und im Wahlkampf getan habe. Es wurden jedenfalls Fehler gemacht. Ich blicke lieber in die Zukunft, und was jene Fehler betrifft, so werde ich versuchen, eine Wiederholung, soweit es geht, zu vermeiden.

FROST: Gut, aber ich frage mich, ob es rückblickend vielleicht irgendeine Bemerkung gibt, die Sie lieber nicht gemacht hätten. So etwas kommt doch bei jedem einmal vor.

NIXON: Viele Leute werden sagen, ich hätte die Presse nicht kritisieren dürfen, als ich (1962) die Gouverneurswahl in Kalifornien verlor, und ich würde das heute auch sagen. Wenn man im öffentlichen Leben steht und mit der Möglichkeit rechnet, wieder einmal zu kandidieren, dann ist eine solche Erklärung ein sehr großer Fehler. Als ich meine politische Laufbahn begann, erteilte mir ein sehr weiser alter Politiker einige sehr gute Ratschläge. »Dick«, sagte er, »eines möchte ich Ihnen nahelegen. Sie werden im Laufe Ihrer politischen Karriere viele Fehler machen, aber denken Sie an eins: Lassen Sie sich niemals auf einen Streit mit der Presse ein, denn die Presse hat immer das letzte Wort.« Doch als ich die Wahl in Kalifornien verloren hatte, da konnte ich nicht ahnen, daß ich jemals dort sitzen würde, wo ich heute sitze, und daß man mich wieder als Präsidentschaftskandidaten der Vereinigten Staaten interviewen würde. Ich kann Ihnen versichern: Solange ich im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehe, werde ich mich nie wieder auf einen Streit mit der Presse einlassen.

FROST: Welche historische Persönlichkeit bewundern Sie am meisten, für wen hegen Sie die meiste Sympathie?

NIXON: Unter den amerikanischen Politikern sind es -- abgesehen von denen der letzten Generation -- Abraham Lincoln, Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson, zwei Republikaner und ein Demokrat, die den amerikanischen Traum begriffen, jene Mischung aus hoffnungslosem Idealismus -- wie ich es nennen möchte -- und der für Amerika charakteristischen Dynamik.

FROST: Wofür vor allem leben Ihrer Meinung nach die Menschen auf der Erde?

NIXON: Ich glaube, die Menschen leben auf der Erde für eine größere Vision, für ein größeres Ziel -- mit den anderen jene Träume zu teilen, die sie selbst bereits erreicht haben. Abraham Lincoln hat es besonders prägnant formuliert: »Wir müssen jedermann gleiche Startmöglichkeiten geben.« Er sagte nicht, wir sollten den Menschen Wohnung und Arbeit und alles das geben, was sie brauchen, sondern gleiche Startchancen. Wenn meine Kinder und Enkelkinder in einer Welt aufwachsen können, in der alle Menschen die gleichen Startchancen und die Möglichkeit haben, ihre schöpferischen Fähigkeiten voll zu entfalten, dann gehen wir einem ungeahnten Fortschritt entgegen. Wir brechen in eine unbekannte, aufregende und interessante Welt auf. Wir müssen vorwärts und aufwärts streben. Wir müssen uns beflügeln lassen. Ich weiß, ich habe Ihre Frage nicht beantwortet, aber wer Ihnen auf diese Frage eine präzise Antwort gibt, der hat den amerikanischen Traum nicht begriffen.

FROST: Wann werden die Neger in Amerika die gleichen Startchancen haben?

NIXON: Nach den Buchstaben des Gesetzes haben wir dieses Ziel bereits erreicht. Vor hundert Jahren, als gerade die Sklaven befreit wurden, war das noch nicht der Fall. Damals konnte man sagen, Lincoln habe die Sklaven befreit. Jetzt haben wir die Aufgabe, die Neger zu befreien. Von der Gesetzgebung her haben wir das in den letzten zehn Jahren getan -- mit den historischen Gesetzen, die vom Kongreß verabschiedet wurden. Aber das ist erst der Anfang. Nachdem wir nun die Türen geöffnet haben, müssen wir den Neger vorbereiten, durch diese Türen zu gehen. Nach der Zeit der Revolution brauchen wir jetzt eine Zeit der Versöhnung. Das heißt: Eine gleiche Chance für den Neger bedeutet nicht nur, daß er das Recht hat, ein Haus zu kaufen und Arbeit zu bekommen. Ihm gegenüber muß jemand am Tisch sitzen, der nicht nur bereit ist, das Gesetz buchstabengetreu anzuwenden, sondern es mit Leben auszufüllen. Die weiße Bevölkerung in unserem Land muß von einem neuen Geist beseelt werden, es muß zu einer Versöhnung kommen, die Mauer des Hasses muß abgetragen werden.

FROST: Glauben Sie, daß zwischen Schwarzen und Weißen ein grundlegender Unterschied besteht?

NIXON: Das ist der Kernpunkt des Problems: Sie sind von Grund auf verschieden. Es dient durchaus nicht dem Fortschritt in unserem Land, wenn man behauptet, die Schwarzen und die Weißen seien in jeder Hinsicht gleich. Im Sport etwa oder auf anderen Gebieten, wo die Neger eine gleiche Chance haben, stellt man fest, daß sie einigen Weißen recht überlegen sein können. Auf anderen Gebieten können die Weißen überlegen sein. Das muß man begreifen. Aber das macht ja die Größe Amerikas aus, daß es bei uns eine Mannigfaltigkeit gibt, daß wir nicht alle gleich sind. Es gibt Schwarze und Weiße, Amerikaner italienischer, irischer und anderer Herkunft. Gerade diese Tatsache verleiht unserem Leben seine Mannigfaltigkeit, und ich möchte das nicht ändern.

FROST: Ich glaube, viele Leute haben Ihr Comeback und Ihren Kampfgeist mit Erstaunen bewundert. Blicken Sie nicht manchmal auf 1962 zurück und kneifen sich in den Arm,

* Bei Nixons Besuch in der Sowjet-Union. um zu prüfen, ob es nicht doch nur ein Traum ist, was Sie 1968 erleben?

NIXON: Als ich 1962 die Gouverneurswahl verlor, hätte ich eine Million zu eins gewettet, daß ich nie wieder für ein öffentliches Amt kandidieren würde. Und wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, dann wundere ich mich darüber, was geschehen ist. Aber ich will damit nicht sagen, daß der Mensch einfach vom großen Schicksalsstrom mitgerissen wird und nichts tun kann, um die Verhältnisse zu ändern. Er muß nur aufmerksam sein, vorbereitet, gewillt, darf nicht einfach die Hände in den Schoß legen und warten, bis ein Windzug ihn erfaßt. Ich gehöre zu diesen aktiven Menschen. Und wenn die Voraussetzungen, das Land, die Zelt reif sind für den Mann und der Mann reif für die Welt -- beides muß zusammenkommen -, dann entsteht jene chemische Reaktion, die Erfolg bedeutet.

FROST: Wie würden Sie politischen Erfolg definieren?

NIXON: Als ich meine politische Laufbahn begann, hätte ich politischen Erfolg einfach mit Sieg definiert. Als ich zum erstenmal für den Kongreß kandidierte -- ich wurde im Alter von 33 Jahren in den Kongreß gewählt -, war das für mich und meine Frau und unsere Familie ein sehr großer Erfolg.

Aber jetzt, da ich buchstäblich alles erreicht habe, was ein Mann erreichen kann, um wer zu sein -- ich war Kongreßabgeordneter, Senator, Vizepräsident und beinahe Präsident -, jetzt sehe ich im Erfolg nur noch die Fähigkeit, etwas zu tun. Wenn es mir als Präsidentschaftskandidaten nicht gelingt, einen Beitrag für den Frieden im Ausland und für Frieden und Fortschritt im Inland zu leisten, dann wird mein Leben ein Mißerfolg gewesen sein.

FROST: Wie soll sich die Nachwelt an Sie erinnern? Es liegt zwar noch viel Zeit vor Ihnen, aber wie sollte Ihrer Meinung nach die erste Zeile Ihres Nachrufs lauten?

NIXON: »Er bat einen großen Beitrag zum Frieden der Welt geleistet.« Das hat vielleicht familiäre Gründe. Meine Mutter und meine Großmutter waren sehr gläubige Quäker; durch meine Teilnahme am Zweiten Weltkrieg und meine Heftigkeit in politischen Auseinandersetzungen hielten sie mich für alles andere als einen Quäker. Aber tief in mir hege ich -- wie die meisten Amerikaner -- den Wunsch nach einer besseren Welt, in der wir wirklich Frieden haben. Wenn ich dazu keinen Beitrag leiste, dann wird mein Leben ein Mißerfolg gewesen sein.

»Ich sehe die Sonne aufgehen«

David Frost Interviewt Hubert Humphrey

FROST: Es ist ja wohl immer etwas merkwürdig, Berichte über sich selbst in den Zeitungen zu lesen. Stimmen Sie dem Bild zu, das die Presse von Ihnen zeichnet, oder glauben Sie, daß die Zeitungen etwas auslassen? Wird korrekt über Sie berichtet?

HUMPHREY: Ich glaube, jeder sieht sich selbst sehr subjektiv. Eine der Beschränkungen der Presse liegt meines Erachtens darin, daß sie oft einfach nicht die Zelt hat, die Menschen als Privatleute kennenzulernen -- und jeder Mensch hat nun mal ein privates und ein öffentliches Gesicht. Das bedeutet nicht, daß man schizophren ist; aber die private Einstellung, das private Verhalten und die privaten Gewohnheiten eines Menschen bestimmen in gewisser Weise auch sein Leben in der Öffentlichkeit. Um jemanden wirklich kennenzulernen, muß man ihn zutiefst ergründen und nicht nur oberflächlich; man muß sozusagen nicht nur die Haut eines Menschen, sondern Mark und Sehne, Herz und Geist kennen.

FROST: Wenn jemand Sie nun nut aus der Öffentlichkeit kennt und Sie dann privat kennenlernt, was würde ihn dann am meisten überraschen?

HUMPHREY: Oh, das läßt sich schwer sagen. Ich glaube, es ist weitgehend bekannt, daß mich die unterschiedlichsten Menschen anziehen. Ich finde Gefallen an einem sehr heterogenen Bekanntenkreis und fühle mich dadurch sozusagen kulturell oder zumindest geistig bereichert. Ich liebe zum Beispiel Berufsboxer, als Gruppe sind sie sehr interessant. Ich finde Gefallen an Leuten aus der Welt der Kunst und des Theaters -- viele von ihnen sind sehr, sehr großmütig, manche sehr exzentrisch. Dann Menschen wie die Arbeiter unseres Landes mit ihrer sehr festen Haltung. Selbst die Einfachheit birgt Tiefgründigkeit, wenn Sie wissen, was ich meine. Ich liebe Kinder über alles. Wenn Ich mal am Ende bin, müde, abgespannt und entmutigt und dann auf die Straßen Washingtons gehe und die Schulkinder sehen und mit ihnen plaudern kann. finde ich sie schön. anziehend und interessant. Ihre Augen leuchten, es geht einem gut in ihrer Nähe. Sie wirken erfrischend. Erwachsene ermüden mich zuweilen.

FROST: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, auf welche Leistung sind Sie dann besonders stolz?

HUMPHREY: Ich glaube, auf jenen Tag im Jahre 1948, als ich vor dem demokratischen Parteikonvent stand und meine Partei aufforderte, sich für das fundamentale

Problem unserer Zeit und aller Zeiten, die Menschenrechte einzusetzen. Ich war in der Politik noch neu und als nationaler Politiker nicht bekannt. Ich war Bürgermeister meiner Stadt (Minneapolis). Ich hatte praktiziert, was ich predigte. Ich wußte, daß sich das, worüber ich sprach, bewähren würde. Ich wußte, daß es zu einer besseren Stadt führen würde, zu einem besseren Amerika und zu einer Verbesserung der Demokratischen Partei. Ich glaubte, es sei für die Demokratische Partei an der Zeit, Stellung zu beziehen, und setzte mich gegen die Mehrheit des Resolutionskomitees für eine starke und wirksame, klare und unmißverständliche Unterstützung des gesamten Problems der Bürgerrechte ein. Ich glaube, daß jemand, der im öffentlichen Leben steht, erziehen und überreden sollte.

FROST: Wenn Sie sich vergegenwärtigen, was Sie 1948 sagten, würden Sie dann wünschen, damals nicht so ungestüm gewesen zu sein, oder würden Sie wünschen, die Dinge heute so klar sehen zu können wie damals?

HUMPHREY: Nein, ich bedaure das, was ich 1948 tat, keineswegs. Ich bin sehr stolz darauf. Damals wurde gerade die Tür geöffnet, wir sind noch immer nicht in das volle Sonnenlicht der gleichen Chancen und gleichen Rechte und der Menschenrechte hinausgetreten. Wir stehen am Anfang. Die Tür öffnet sich immer mehr. Mehr Sonnenschein dringt in das amerikanische Leben, und ich sehe die Sonne über unserem ganzen Land aufgehen. Unsere damaligen Bemühungen trugen dazu bei, mein Ziel zu entwickeln, nämlich eine einzige Gesellschaft in unserem Lande. Ich habe mir Sorgen In einer Wahlkampfpause am Atlantik.

gemacht, daß sich bei uns zwei Amerikas herausbilden könnten, das Amerika der Reichen und das der Armen, das Amerika der Weißen und das der Schwarzen -- zwei getrennte, aber ungleiche Gesellschaften. Aber ich glaube, daß sich das Problem lösen läßt.

FROST: Gab es irgend etwas in Ihrem Leben, was Sie heute anders machen würden?

HUMPHREY: Ich glaube, es gibt manches, was ich gern noch einmal neu beginnen möchte. Ich bezweifle zum Beispiel, daß ich 1960 in den Präsidentschaftsvorwahlen sehr Gutes geleistet habe. Ich glaube, meine ganze Aktion war nicht genügend organisiert. Ich glaube, daß ich selbst nicht das Gefühl hatte, die Sache meistern zu können. Doch das Ist Vergangenheit. Ich befasse mich nicht lange mit Fehlern der Vergangenheit, außer daß ich mir vornehme, es beim nächsten Mal besser zu machen. Ich könnte mir denken, daß man sich oft wünscht, zu bestimmten Zeiten eine festere und profiliertere Haltung eingenommen zu haben.

FROST: Wann zum Beispiel?

HUMPHREY: Während der Ära (des Kommunistenjägers) McCarthy. Damals widersetzte ich mich den Ansichten Joseph McCarthys. Ich lehnte seine Taktik ab. Ich glaube, Amerika machte eine sehr ungesunde, entwürdigende Entwicklung durch. Mitunter denke ich, ich hätte ihm energischeren Widerstand leisten sollen, aber damals kämpfte Ich buchstäblich darum, politisch zu überleben.

FROST: »Groß« ist ein Wort, mit dem man sehr sparsam umgehen sollte -- doch wie vielen großen Männern sind Sie bewußt begegnet?

HUMPHREY: Es ist sehr schwer, als Zeitgenosse über die Größe oder Nichtgröße eines Mannes zu entscheiden, denn die meisten von uns sind so beschäftigt, daß sie keine Zelt haben für eine gründliche Analyse und richtige Perspektive. Doch einige Leute besitzen ganz offenbar etwas von jener Größe ...

FROST: Es ist natürlich schwer, jemanden zu beurteilen, wenn man ihm nahesteht. Aber: Würden Sie Präsident Johnson als einen großen Mann bezeichnen?

HUMPHREY: Ja. Seine Größe liegt in der Kenntnis und der Technik der Regierung und In dem Verständnis der großen Probleme. Jeder Präsident ist natürlich ein Individualist. Jeder zieht sein Präsidentenamt anders auf. Präsidenten gleichen mehr oder weniger großen Dirigenten großer Orchester. Man kann dasselbe Orchester beibehalten und jede Woche einen neuen Dirigenten einsetzen, die Musik wird immer anders sein, weil der Dirigent dem Musiker seinen Geist einhaucht. Ich glaube, die Größe Präsident Johnsons liegt außerdem in seiner ungeheuren Hingabe an die Weiterentwicklung seines Landes. Er ist kein Radikaler, aber ein aufrichtiger Progressist und ein kluger Mann.

FROST: In einem Buch über Sie wurde ein Ausspruch von Präsident Johnson zitiert, wonach er glaubt, daß Sie »und er in etwa 95 Prozent aller Fälle übereinstimmen. Halten Sie diese Angabe für richtig?

HUMPHREY: Ja, unbedingt. Er war mir ein sehr großer Lehrer. Alle guten Absichten auf der Welt sind für eine Regierung nur von geringem Nutzen, wenn man nicht versteht, sie in die Tat umzusetzen. Es gibt viele gute Männer, aber tüchtige, fähige Männer mit beruflichem Geschick und Können und der Befähigung für die feine Kunst demokratischer Regierung sind sehr selten.

FROST: Welche Haltung sollte Ihrer Meinung nach ein Vizepräsident einnehmen? Ich meine, wenn zum Beispiel ein Vizepräsident, der Ihnen als Präsident unterstellt ist, aus Gewissensgründen mit Ihrer Politik nicht übereinstimmte, würden Sie dann van Ihm erwarten, daß er frei seine Meinung äußerte?

HUMPHREY: Ich würde erwarten, daß er zunächst mit mir darüber spräche, so daß wir uns aussprechen und hoffnungsvoll darüber diskutieren könnten. Aber ich habe immer an eine höhere Autorität als die gesetzliche Autorität geglaubt und bin der Ansicht, daß diese höhere Autorität das Gewissen eines Menschen ist. Wenn es sich um eine fundamentale, grundlegende Meinungsverschiedenheit handelte, würde ich erwarten, daß der Vizepräsident sich verpflichtet fühlt, zumindest seine Meinung zu äußern. Ob er sich dabei auf eine Vendetta oder einen politischen Kampf einläßt, steht auf einem anderen Blatt. Ich bin der Meinung, daß ein Vizepräsident seinem Präsidenten an allerletzter Stelle Loyalität schuldet.

FROST: Sie haben natürlich keine einzige grundlegende Meinungsverschiedenheit mit Präsident Johnson gehabt

HUMPHREY: Nein, überhaupt keine. Ich glaube, Präsident Johnson wird In die Geschichte als ein Mann eingehen, der für einige der großen Durchbrüche im sozialen Leben und in den sozialen Bedingungen Amerikas, für einige der Durchbrüche zum Besseren verantwortlich war.

FROST: Zur Frage des gegenwärtigen amerikanischen Unbehagens: Sie glauben nicht, daß ein solches Unbehagen überhaupt besteht, daß Amerika innerlich krank ist?

HUMPHREY: Nein, ich bin absolut sicher, daß dieses Unbehagen nicht existiert. Ich weiß, daß man sich in Amerika Sorgen macht. Es ist eine Gärung, ein Wandel im Gange. Es gibt Schwierigkeiten und Sorgen, aber ich halte das nicht für eine Krankheit. Ich meine vielmehr, daß es sich darum handelt, daß die USA eine Nation sind, die erwachsen wird und heranreift.

FROST: Würden Sie denn grundsätzlich sagen, daß Amerika in den letzten Jahren vom Kurs abgekommen ist?

HUMPHREY: Nein, ich glaube zwar, daß Amerika einen neuen Kurs steuert, aber das ist ein Kurs, der nicht von der kontinuierlichen Richtung der amerikanischen Geschichte abweicht. Ich glaube, wir befinden uns in einer Ära der Emanzipation für einen Teil unseres Volkes, der entrechtet war und nicht an allen Segnungen und allen Privilegien und Verantwortlichkeiten Anteil hatte. Die Freiheit läßt sich nicht leicht erkaufen, sie kommt Schritt für Schritt in immer neuen Bereichen und neuen Dimensionen, und wir erleben jetzt allmählich die sogenannte Mitbestimmungs-Demokratie. Ich glaube tatsächlich, die Tyrannei liegt in den letzten Zügen.

FROST: Wofür leben Ihrer Meinung nach die Menschen in erster Linie auf der Erde?

HUMPHREY: Sie leben zu zwei Zwecken auf der Erde. Zunächst, um das meiste aus dem zu machen, was sie in sich tragen, nämlich die großen latenten Talente zu entwickeln und sich in geistiger, physischer und intellektueller Hinsicht zu entfalten, und dann, es in einer Weise zu tun, die den Mitmenschen dienlich ist. Der Mensch lebt nicht für sich allein. Das muß er sich immer vergegenwärtigen, wenn er Unabhängigkeit und Freiheit sucht. Letzten Endes besteht der Sinn des menschlichen Daseins auf der Erde darin, gute Werke zu tun, um zu einem besseren Menschen zu werden.

FROST: Eine letzte Frage. Es liegt zum Glück noch in weiter Ferne, aber wie soll sich die Nachwelt an Sie erinnern, wie wünschen Sie sich die erste Zeile Ihres Nachrufs?

HUMPHREY: Wenn ich heute darüber nachdenke, so würde ich mir wünschen, daß von mir im Sinne eines Heilenden gesprochen wird.

FROST: Heilung erfordert Medizin. Was ist Ihrer Meinung nach die fundamentale Medizin?

HUMPHREY: Ich glaube, wenn die Menschen beginnen zu begreifen, daß sie nicht auf der Welt sind, um nur sich selbst zu leben, sondern um eine Gesellschaft aufzubauen -- in Amerika nennen wir es eine große Gesellschaft -, eine gute Gesellschaft, eine Gesellschaft freier Menschen, dann ist meines Erachtens der letzte Sinn unseres Erdendaseins erfüllt.

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