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ÜBERSIEDLER Welle in den Topf

Übersiedler aus dem Osten landen in der Bundesrepublik sehr oft als Nichtseßhafte auf der Straße. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Er hatte es schon fast geschafft. Einen Wachposten, der sich ihm in den Weg stellen wollte, hatte er kampfunfähig geschossen, dessen Hund mit einem gezielten Schuß niedergestreckt.

Die Waffe, eine Makarow-Pistole, hatte er sich für 400 Mark bei einem Sowjet-Soldaten besorgt. Doch wenige Meter vor der Mauer fand die Flucht ein jähes Ende: Scheinwerfer flammten auf, Grenzer der Nationalen Volksarmee, Maschinenpistolen im Anschlag, umstellten den Mann und nahmen ihn fest.

Der Fluchtversuch brachte ihm fünf Jahre Knast. Noch in der U-Haft stellte Albert Wöhr _(Name von der Redaktion geändert. ) , heute 45, einen Ausbürgerungsantrag. Gleich nach der Entlassung konnte er ausreisen. Das war 1971.

Im Westen genoß er zunächst die Freiheit: »Ich hab'' mir Deutschland angeguckt, und wenn das Geld knapp wurde, hab'' ich wieder gearbeitet.« Als gelernter Meß- und Regelmechaniker fand er leicht einen Job: mal bei Siemens in Berlin, mal bei BBC in München, dann bei Stiebel-Eltron in Hamburg. Doch als bei seinem letzten Arbeitgeber, der Technischen Universität Berlin, seine Stelle eingespart und ihm gekündigt wurde, war alles aus: Er landete auf der Straße. Zuletzt fand er im Dornahof, einem Nichtseßhaftenheim in der Nähe von Ravensburg, eine Unterkunft.

Dort klopfen in jüngster Zeit häufiger Übersiedler aus dem Osten an. Bis 1985 wurden alljährlich zwei bis drei Ostdeutsche aufgenommen, im letzten Jahr waren es zehn, allein im ersten Halbjahr 1988 schon neun.

»Der Dornahof ist kein Einzelfall«, sagt Heinrich Holtmannspötter, der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft für Nichtseßhaftenhilfe (BAG-NH) in Bielefeld. Auch Egbert Köchling, beim Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband in Stuttgart zuständig für Aussiedlerfragen, hat festgestellt, »daß ein wachsender Teil der Übersiedler in den Nichtseßhaftenbereich abrutscht«.

Wie eine Untersuchung des württembergischen Caritasverbandes ergab, ist jeder dritte Tippelbruder ein Aussiedler. Jeder zehnte der 2000 sogenannten Berber in Stuttgart kam in den letzten drei Jahren aus der DDR oder aus den ehemaligen Ostgebieten. Exakte aktuelle Zahlen gibt es nicht, die bundesweite BAG-NH-Statistik wurde 1981 aus Datenschutzgründen eingestellt. Unter den Wohnsitzlosen in Frankfurt und Hamburg schätzen die Behörden den Anteil der DDR-Bürger auf 40 Prozent.

Sie kommen aus allen sozialen Schichten. Da gibt es den Chirurgen, der zunächst als Leitender Arzt an einer bayrischen Klinik gearbeitet hat, bevor er die übliche Nichtseßhaftenkarriere durchlief - Eheprobleme, Alkohol, Arbeitsplatzverlust - und schließlich auf der Straße landete. Oder den Lebenskünstler und Entertainer aus Dresden, der zwischen Engagements beim Zirkus immer mal wieder auf der Parkbank schlief.

Die meisten aber sind schon drüben mit dem Gesetz in Konflikt geraten und wurden von der Bundesregierung freigekauft, wie jener wohnsitzlose 26jährige, der im letzten Jahr ("Ich bin fertig mit der Welt") die Frankfurter Oper in Brand steckte.

Michael Monzer, 31, der als Psychologe bei der »Zentralen Beratungsstelle für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten« in Stuttgart auch Nichtseßhafte aus der DDR betreut, hat festgestellt: »Das sind immer Leute, die relativ lange im Knast saßen.«

Von diesen freigekauften Ex-Häftlingen waren einige tatsächlich politische Gefangene, die wegen systemkritischen _(Christoph-Ulrich-Hahn-Haus, ) _(Stuttgart. )

Verhaltens einsaßen, andere jedoch gewöhnliche Kriminelle. »Die verkaufen uns ''ne gesunde Mischung«, sagt Karl-Heinz Maier, der Leiter des Dornahofs.

Doch nicht nur Ex-Häftlinge sind besonders stark gefährdet, über kurz oder lang in der Gosse zu landen. Nach Ansicht von Sozialwissenschaftlern kommen Aussiedler generell schwerer in ihrem Alltag zurecht als Bundesbürger.

Als Hauptursache der Nichtseßhaftigkeit gilt die Armut. Obwohl DDR-Übersiedler, zumindest in der Anfangszeit, fast ausschließlich von Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld leben, haben sie gleich nach der Übersiedlung das unabwendbare Bedürfnis, erst mal ein paar Wohlstandsgüter zu erwerben und als Päckchen nach drüben zu schicken. Sie wollen den Zurückgebliebenen zeigen, daß sie es geschafft haben.

Viele verfallen in einen Kaufrausch, ordern Wohnungsmobiliar, Fernseher, Video oder ein neues Auto. »Da schwappt so ''ne richtige Welle rein in den leeren Topf«, sagt Dornahof-Chef karl-Heinz Maier.

Volker Ronge, Soziologe an der Bergischen Universität Wuppertal, hat nach der ersten großen Einwanderungswelle 1984 den Lebensstandard der Zuzügler untersucht: 15 Prozent aller Übersiedler hatten nach einem Jahr einen Videorecorder, während die Quote unter Bundesbürgern bei acht Prozent lag. 81 Prozent besaßen binnen zwölf Monaten schon einen Farbfernseher, 73 Prozent einen Pkw und 85 Prozent, als Kontakt-Medium zu den Verwandten drüben, ein Telephon. Nur nach Geschirrspülmaschinen, die nach dieser Statistik in jedem fünften westdeutschen Haushalt laufen, verlangen DDR-Aussiedler nicht.

Weil die mittellosen Ostdeutschen die lang entbehrten Wohlstandsattribute zumeist nur auf Pump erwerben können, werden sie zu beliebten Opfern von Kredithaien, Ratenverkäufern und Versandhäusern. Viele sind innerhalb kurzer Zeit überschuldet, und nur wenige können den Schuldenberg mittels eines geregelten Einkommens abtragen.

Ein erheblicher Teil der Neuankömmlinge bleibt, wider eigenes Erwarten, lange arbeitslos. 40 Prozent der DDR-Übersiedler sind nach Ermittlungen des Bonner Arbeitsamts »Personen ohne Berufsabschluß, Angelernte oder Leute mit beruflichen Abschlüssen, die in der Bundesrepublik in direkter Form nicht verwertbar« sind - und damit auf dem Arbeitsmarkt kaum unterzubringen. Weitere 30 Prozent sind Akademiker und gleichfalls schwer vermittelbar. Von den Neu-Bundesbürgern des Jahres 1984 war jeder dritte, wie Soziologe Ronge herausgefunden hat, auch nach einem Jahr noch - oder wieder - arbeitslos.

Viele verlieren ihren Job alsbald wieder, weil sie die erstbeste Möglichkeit nutzen und eine unterbezahlte Stelle ohne Kündigungsschutz annehmen. Manche genügen nicht den hohen westlichen Leistungsanforderungen, andere legen, so Ronge, einen solchen »Übereifer« an den Tag, daß sie als »egozentrische Streber« eine Belastung fürs Betriebsklima werden.

Der Verlust des Arbeitsplatzes kann zu erheblichen psychischen Störungen führen, zumal schon die Flucht eine große seelische Belastung bedeutet. Zahlreiche DDR-Übersiedler hatten vor ihrem Weggang massive psychische Probleme. Die Flucht in den Westen war bei ihnen, wie der Reutlinger Sozialwissenschafter Josef Weber behauptet, »in erster Linie die Flucht vor ganz persönlichen Problemen«.

Doch auch diejenigen, die kerngesund und mit intakter Seele rüberkommen, haben oft ihre Schwierigkeiten mit der westlichen Wirklichkeit. Der Grund: DDR-Bürger unterscheiden sich in ihrer psychischen Struktur erheblich von Bundesdeutschen. Drüben sind zurückhaltende Persönlichkeiten gefragt, die sich leiten lassen, hierzulande harte Kämpfer, die sich durchboxen.

Nach den Erfahrungen Ronges sind die DDR-Übersiedler auf den Westen unzureichend vorbereitet, weil sie eine »Verhaltensethik« mitbringen, die hierzulande in den fünfziger Jahren verbreitet war. Die DDR-Zuwanderer seien »ein sozialismustypisches Ausmaß an sozialer Absicherung und Betreuung gewohnt«, das es ihnen schwermache, »den wenig solidarischen und nur begrenzt sozial abgefederten Konkurrenzkampf und Leistungsdruck in der westlich-kapitalistischen ''Ellbogen-Gesellschaft'' zu bestehen«.

Weil überdies die bundesdeutsche Bevölkerung nur eine »begrenzte Integrationsbereitschaft« zeigt, werden DDR-Übersiedler schnell isoliert. Wie Ronge, der »längerfristig einsetzende Integrationsprobleme« erwartet, befürchtet zuch Manfred Zacher vom württembergischen Caritasverband angesichts der Zuwanderungswelle enorme Probleme: »Da bleiben viele auf der Strecke.«

Bisher ist unklar, wo die Neubürger wohnen sollen. Weil der soziale Wohnungsbau von Bonn seit Jahren vernachlässigt wird, finden Aussiedler aus Polen und der Sowjet-Union oder Neuzugänge aus der DDR nur selten eine Wohnung zu erschwinglichem Preis.

Schon in ein paar Monaten wird nach Ansicht von Fachleuten der Wohnungsmarkt im Billigbereich zusammenbrechen. Thomas Specht, der bei der Bundesarbeitsgemeinschaft für Nichtseßhaftenhilfe die Entwicklung seit Jahren beobachtet, prophezeit für den Winter ein »mittleres Chaos«. Ob Aussiedler oder bedürftige Bundesdeutsche - »der Wohnungsmarkt«, erwartet Specht, »haut die Leute, die anfällig sind, massenweise auf die Straße«.

Seine Prognose: »Nur durch Beschlagnahme wird das Problem zu lösen sein.«

Name von der Redaktion geändert.Christoph-Ulrich-Hahn-Haus, Stuttgart.

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