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JESUITEN Welt von morgen

Die Jesuiten gründeten die erste private Hochschule der Bundesrepublik, die auch Nichtjesuiten zugänglich ist.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Die Order kam aus Rom, und sie war progressiv. Pedro Arrupe. Generaloberer der 33 828 Mann starken Societas Jesu, befahl eine neue Strategie: jeder Jesuit müsse als »Agent des sozialen Wandels« handeln.

Die wendigste Ordensgemeinschaft der katholischen Kirche gehorchte ihrem General. Als sichtbares Zeichen ihres neuen Stils eröffneten die deutschsprachigen Provinzen der Gesellschaft Jesu am Samstag vorletzter Woche die erste private, staatlich anerkannte Hochschule der Bundesrepublik: die »Hochschule für Philosophie« in München.

Im Gegensatz zu allen Kirchen-Hochschulen wollen die rund 40 Professoren und Dozenten der neuen Jesuiten-Hochschule nicht nur den eigenen Ordensnachwuchs philosophisch, psychologisch und soziologisch schulen, sondern auch »solche Studenten, die keine Ambitionen auf den Priesterberuf haben.

Die römische Kirche und der bayrische Staat erkannten den Nutzen der neuen Jesuiten-Universität. Rom erlaubte, daß auch Nichtkleriker kirchliche Titel, also den Doktor und den Lizentiaten kirchlichen Rechts, erwerben dürfen, und das »bayrische Kultusministerium erklärte sich bereit, die Titel anzuerkennen.

Mit der neuen Hochschule in München greifen die Jesuiten auf eine Praxis zurück, mit der sie bereits im 16. und 17. Jahrhundert in Deutschland Erfolg hatten. Damals gründeten die Soldaten Christi als Speerspitze der Gegenreformation zahlreiche Schulen. Sie entwickelten als erste die Erziehung bewußt zu einem Instrument epochaler ideologischer Auseinandersetzung.

Mit dem Verbot des Ordens im Jahre 1773 durch Papst Clemens XIV. endete diese Tätigkeit. Und als ·die Jesuiten 1814 wieder zugelassen wurden, entsprach die Generallinie des Ordens einer zur Selbsteinmauerung entschlossenen Kirche. So beschränkten die neuen Ordenshochschulen -- wie das Berchmanskolleg in Pullach -- sich darauf, den eigenen Nachwuchs auszubilden: Hohe Mauern und scholastisches Denken schufen, wie der heutige Jesuitenprovinzial Krauss eingesteht, »eine gewisse Distanziertheit von den aktuellen Strömungen der Umwelt«.

Erst als während des Zweiten Vatikanums die Generalkongregation des Ordens -- die gesetzgebende Versammlung der Gesellschaft Jesu -- eine Studienreform beschloß (Reduzierung der philosophischen Ausbildung von drei auf zwei Jahre, Erweiterung der Spezialstudien), öffneten sich Mitte der sechziger Jahre die Tore des Berchmanskollegs, einerseits, um Nichtjesuiten als Dozenten aufzunehmen, und andererseits, um nichtjesuitische Hörer zu gewinnen.

Das allerdings gelang nur ausnahmsweise. Das Pullacher Kolleg durfte an Nichtjesuiten weder akademische Titel noch Grade verleihen. So beschlossen die Provinziale der deutschsprachigen Provinzen im Frühsommer 1969, das Berchmanskolleg zu verkaufen und für sechs Millionen Mark in München, in der Nähe der Universität, eine neue Hochschule zu errichten, die allen Studenten zugänglich ist -- und die akademische Titel verleihen darf.

Um den gesellschaftspolitischen Bezug der neuen Hochschule zu verdeutlichen, wurde ihr das bislang in Mannheim ansässige Jesuiten-»Institut für Gesellschaftspolitik« angegliedert, das sich hauptsächlich mit Fragen der Entwicklungspolitik beschäftigt und, so der Leiter »des Instituts, Pater Hans Zwiefelhofer, »Modelle für eine Weit von morgen« entwerfen will.

Dabei wollen die Münchner Jesuiten-Patres sich nicht auf die Theorie beschränken, sondern »die Ergebnisse dieser theoretisch orientierenden Bemühungen für das Zusammenleben der Menschen praktisch anwendbar machen«.

Die Abkehr von der »Gettophilosophie« der Tridentinischen Kirche, die Hinwendung zum gesellschaftlichen und politischen Engagement könnten freilich die neue Hochschule zu einem Gegengewicht einer roten oder rosaroten Universität machen. Der Rektor der neuen Hochschule, Pater Albert Keller, 39, versteht denn auch seine Aufgabe als einen Versuch, »die akademische Landschaft in der Bundesrepublik zu beeinflussen« -- freilich nicht in gesellschaftlich reaktionärer Absicht.

Solche Überlegungen möchte Keller gar nicht erst aufkommen lassen. Zwar hätten sich, als der Plan einer Hochschulgründung bekanntgeworden sei, einige deutsche Professoren als Dozenten beworben, »weil sie wohl dachten, die Hochschule könnte ein Zufluchtsort für sie sein«, aber gerade das wolle man unbedingt vermeiden. Der Wille der Jesuiten zur Auseinandersetzung mit der modernen Weit ist durch eine Reihe junger Professoren garantiert -- vor allem aber dadurch, daß der Erzvater progressiver katholischer Theologie. Karl Rahner, in das Professoren-Kollegium berufen wurde.

Gestützt auf den Auftrag Papst Pauls, die Auseinandersetzung mit dem Atheismus zu führen, versteht sich die neue Hochschule als ein Experiment der Kirche im Sinne des Rahner-Schülers Johannes Baptist Metz -- nämlich »in ganz neuer Weise die gesellschaftskritische, gewissermaßen politische Potenz ihres Glaubens zu mobilisieren«.

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