Zur Ausgabe
Artikel 17 / 106
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Hauptstadt Weltbild an der Ecke

Kulturkampf um Straßennamen in Berlin: Kommunisten sollen verschwinden - doch was ist mit NS-Bezeichnungen?
aus DER SPIEGEL 17/1995

Gerhard Keil, Bürgermeister im Berliner Bezirk Mitte, hat ein ausgeprägtes Gespür für sozialistische Traditionen. »Unerträglich« findet es der Sozialdemokrat deshalb, wie der Senat jetzt über seinen Kopf hinweg den Namen der Sozialistin Clara Zetkin aus dem Straßenbild verbannen will.

Nach dem Willen des Berliner Verkehrssenators Herwig Haase (CDU) soll die Clara-Zetkin-Straße, die sich vom Reichstag fast bis zum Bahnhof Friedrichstraße zieht, künftig Dorotheenstraße heißen. Statt an die sozialdemokratische Frauenrechtlerin zu erinnern, die sich 1919 der KPD anschloß, wird der zentral gelegene Verkehrsweg dann den Namen der zweiten Gemahlin des Großen Kurfürsten tragen.

Das gibt Ärger. Er werde »massiv« etwas dagegen unternehmen, kündigte der Lokalpolitiker Keil an, »mit Demonstrationen, Unterschriftensammlungen und allem, was dazu gehört«.

Die verschlafenen Sozialdemokraten rühren sich allerdings reichlich spät. Die SPD im Berliner Senat sei vom Koalitionspartner CDU »völlig überrumpelt« worden, räumt Parteisprecher Peter Stadtmüller ein.

Dafür ist, wie stets, die PDS zur Stelle. Die Linkssozialisten machen für die Beibehaltung des alten Namens auf dem Straßenschild mobil, sie wollen »verhindern, daß der Senat sein Weltbild auf das Antlitz der Stadt überträgt«.

Der Fall der roten Clara beschäftigt nun die Berliner in beiden Teilen der Stadt. Es droht ein Kulturkampf ums Weltbild auf den schwarz-weißen Emailleschildern an der Straßenecke. Dabei geht es um Kommunisten ebenso wie um Hinterlassenschaften der Nazi-Zeit.

Die Front der Antikommunisten in Berlins Rathaus beruft sich bei ihrer Offensive zur Vergangenheitsbewältigung auf ein Gesetz, das es dem Senat ermöglicht, auch gegen den Willen der Bezirksverordnetenversammlungen Straßen nach Gusto umzubenennen - »ein bißchen tricky«, wie Haase-Sprecher Tomas Spahn einräumt.

Der Verkehrssenator will von seiner Richtlinienkompetenz bei Straßennamen heftig Gebrauch machen. Neben Clara Zetkin sollen im Berliner Osten der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff und der erste sowjetische Stadtkommandant von Berlin, Nikolai Bersarin, als Namenspatrone weichen. Die Dimitroffstraße im Bezirk Prenzlauer Berg soll wie vor Kriegsende Danziger Straße heißen, der Bersarinplatz in Friedrichshain den Namen Baltenplatz erhalten, zu Ehren der baltischen Republiken.

Schon einmal wollte die CDU den Ost-Berlinern die alten Straßenschilder nehmen. Der Plan scheiterte im vergangenen Jahr jedoch am heftigen Widerstand der SPD. »Ehe wir einen Koalitionskrach provozieren, lassen wir lieber alles beim alten«, hatte ein Haase-Mitarbeiter seinerzeit erklärt.

Heute ist das egal: Schließlich stehen im Oktober Wahlen zum Abgeordnetenhaus an. Da gilt es rechtzeitig Profil zu zeigen. Vor allem im Westteil der Stadt wollen sich die Christdemokraten als Sieger der Geschichte präsentieren. Der Streit um die Straßennamen kommt da gerade recht.

Bei Anwohnern und Geschäftsleuten im Osten stößt die verordnete Namensreform indes abermals auf breite Ablehnung. Werner Thauer, 42, Inhaber eines Fernsehgeschäfts in der Dimitroffstraße, findet das Haase-Vorhaben »mehr als ärgerlich«. Das Herz des Geschäftsmannes hängt nicht an der Person des einstigen Generalsekretärs der Kommunistischen Internationale. Thauer sorgt sich vor allem um die Kosten für neue Brief- und Rechnungsbögen.

»Wir haben uns an den Namen gewöhnt«, sagt eine Mitarbeiterin des Optikergeschäfts Kutschke an der Dimitroffstraße, und Anett Lamprecht, Angestellte in einem Kosmetiksalon, reut die unnötige Ausgabe. »Das Geld für die Umbenennung«, findet sie, »sollte der Senat lieber sparen.«

Die Straßennamen aus kommunistischer Zeit sind für viele Ost-Berliner ein gewohnter Teil des Alltags. Das Umtaufen ihrer Straßen werten sie als Beweis für die typische Arroganz der Westler gegenüber den kleinen Überbleibseln ostdeutscher Identität.

Die Ostler empört besonders, daß sich das christdemokratische Sendungsbewußtsein auf den Osten der Hauptstadt beschränkt. Im Westen gelten Straßen, die nach dem Hitler-Steigbügelhalter Hindenburg oder dem Jagdflieger des Ersten Weltkriegs Manfred von Richthofen benannt sind, weiterhin als sakrosankt.

Als sich in Berlin-Charlottenburg eine Bürgerinitiative für eine Umbenennung der 1936 getauften Reichssportfeldstraße bildete, wandten sich CDU-Kommunalpolitiker vehement dagegen. Und auch Schilderstürmer Haase war nicht bereit, die Initiative zu unterstützen. Nun hat zwar die Bezirksverordnetenversammlung mit den Stimmen von SPD, Grünen und FDP beschlossen, die Straße in der Nähe des Olympiastadions nach dem jüdischen Sportler Alfred Flatow zu benennen, der 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt umkam. Doch der Beschluß entzweit die Anwohner. Eine konservativ dominierte Nachbarschaftsinitiative hat mittlerweile 362 Widersprüche gesammelt.

Ob der von den Nazis ererbte Name auch künftig auf Straßenschildern der Hauptstadt zu finden ist, müssen nun die Richter des Verwaltungsgerichts entscheiden. Y

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 17 / 106
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.