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Weltbund der Virenjäger

Von Genf aus wird ein weltweites Forschernetz koordiniert: Die Virologen in Hongkong steuern ihre klinische Erfahrung bei, die Hamburger einen Sars-Test, ein Kollege aus Kanada inspiriert mit seinen Zweifeln. Gemeinsam wollen sie den jüngsten Feind der Menschheit besiegen.
aus DER SPIEGEL 19/2003

Der Schleim kommt per Bote. In speziell gesicherten Kleinbussen rollt er vormittags mitten im Hamburger Vergnügungsviertel St. Pauli an, verschachtelt wie eine Matrjoschka-Puppe: Tröpfchen in winzigen Röhrchen, umschlossen von einer Dose, die in einem Behälter steckt, den wiederum ein gepolsterter Karton umgibt. Der Verpackungsmüll ist laut Weltgesundheitsorganisation Vorschrift - UN 3373, ein weltweit gültiger Code, weist die Ladung als gefährliche Substanz aus.

Sechs Päckchen sind es heute. Sechs Patienten also, die irgendwo in Deutschland der Diagnose entgegenbangen. Gleichmütig greift Marcus Panning nach der heiklen Fracht. Der angehende Facharzt für Mikrobiologie am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin ist es gewohnt, sich mit den kleinsten Feinden des Menschen unter einem Dach aufzuhalten. Der Zentralkühlschrank des Instituts gleicht einer Pandora-Büchse: Plastikröhrchen mit Ebola- und Dengue-Erregern stapeln sich hier neben Zellkulturen mit Lassa- und Aids-Viren. Die Forscher sind stolz auf eine der größten Virensammlungen der Welt.

Seit dem 23. März beherbergt der rote Backsteinbau oberhalb der Elbe einen neuen Feind: das Sars-Virus. Damals hatte Pannings Kollege Christian Drosten das Virus aus Frankfurt am Main mitgebracht - und seither ist am Tropeninstitut die Hölle los. »Fast alles dreht sich jetzt um Sars«, erzählt Panning, während er seine Päckchen durch die langen Institutsgänge trägt.

»Eigentlich war es ja Zufall, dass ich gerade in Frankfurt war«, erzählt Drosten. Er hatte dort seine Doktorarbeit verteidigt, als ihm ein Kollege eine Zellkultur mitgab, gewonnen aus dem Auswurf des ersten Sars-Patienten in Deutschland.

Zwei Tage und Nächte arbeitete der 30-Jährige wie besessen, tauchte ab in die Labors und in sein zehn Quadratmeter großes, mit Ordnern, Büchern, Kitteln und Kaffeetassen voll gestopftes Büro, das er mit drei Kollegen teilt. Dann präsentierte er der Welt, was er gefunden hatte: Fast gleichzeitig mit Labors in Hongkong und Atlanta hatten die Hamburger herausgefunden, dass der Sars-Erreger zur Familie der Coronaviren gehört.

Wenig später war in Hamburg der erste Schnelltest zum Nachweis des Virus einsatzbereit - und das Institut zum Sars-Ratgeber für jedermann geworden: Eine Kreditversicherung fragt an, ob sich ihre Mitarbeiter an Zolldokumenten aus Asien infizieren könnten; eine Mutter will wissen, ob sie auf der Spanienreise den Toilettensitz im Flugzeug mit Sagrotan einsprühen müsse; Liebhaber chinesischer Nudel-Tütensuppen erkundigen sich nach deren septischer Unbedenklichkeit.

»Vor allem aber wollen sich jetzt alle testen lassen«, sagt Panning. Eine Firma, die auch in China Handel treibt, hätte am liebsten all ihre Mitarbeiter überprüft und bot 500 Euro pro Test, das Dreifache des üblichen Preises. »Totaler Quatsch«, findet Panning. Denn eine Sars-Infektion lässt sich bislang erst nachweisen, wenn der Patient bereits heftig fiebert.

Es verstreicht kein Tag, an dem nicht Hausärzte, Krankenhäuser und Labors aus

ganz Deutschland Schleim, Rachenspülwasser und Stuhlproben ihrer hustenden Kranken an die Elbe schicken. Bis zu zehn vorschriftsgetreu verpackte Proben landen jeden Morgen in der Poststelle der Hamburger Virologen.

Sie stammen von Männern und Frauen, 20- und 80-Jährigen, manchmal auch von Kindern - so wie im Fall des 6-jährigen Mädchens, das ein Rettungswagen am Sonntag zum Institut gebracht hat. Das Testergebnis war, wie bei rund 200 anderen Patienten bisher, negativ. Nur in drei Proben stießen die Forscher auf den Sars-Erreger.

»In zwei Stunden weiß ich, ob wir auch diesmal wieder Entwarnung geben können«, verkündet Panning und verschwindet mit der unheimlichen Fracht hinter der Metalltür eines Sicherheitslabors. Ein kleines Türfenster gewährt Einblick in den Vorraum, wo Panning Mundschutz, grünen Kittel, und die gelben Gummihandschuhe überstreift. Dann betritt er den Raum hinter einer zweiten Tür. Hier erst macht er das Virus unschädlich: Er mischt den Patientenschleim mit einer hoch konzentrierten Salzlösung, die das Virus, falls die Proben denn Sars-Mikroben enthalten, in winzige Teilchen zerhackt und nur das Erbgut des Erregers, die Ribonukleinsäure, unzerstört lässt.

Befreit von Kittel, Mundschutz und Handschuhen erscheint Panning eine Viertelstunde später wieder auf dem Flur. »Sollte da tatsächlich Sars dringesteckt haben, dann ist es jetzt nicht länger ansteckend«, erklärt er, während er im nächsten Labor mit einer Pipette sein Präparat in winzige Kanülen träufelt. »Jetzt lässt sich in der Zentrifuge das reine Erbgut herausfiltern.«

Dieser Rest, zähflüssig, weiß und kaum mehr als reiskorngroß, muss nun zur Polymerase-Kettenreaktion in den Thermocycler - eine Art Kopierer für Erbsubstanz, der binnen Minuten das Erbgut der Coronaviren vieltausendfach zu vervielfältigen vermag.

»Ein super Gerät«, kommentiert Drosten und strahlt. »Damit können wir über 50 verschiedene Erreger aufspüren.« Auf der Suche nach seinem Notizbuch ist Pannings Kollege gerade ins Labor gestürmt. Vor dem Monitor auf dem Thermocycler hält er inne, starrt auf die bunten Kurven, die auf dem Bildschirm tanzen. Gleich wird sich entscheiden, ob Deutschland morgen früh einen neuen Sars-Kranken haben wird.

»Jetzt kommt''s drauf an, ob die Linien zu flackern beginnen«, erklärt Drosten. Sieben der Kurven bleiben dunkel, eine flackert auf. »Aber das ist nur die Kontrollprobe«, sagt der Forscher, und beinahe klingt es ein bisschen enttäuscht. »Die andern flimmern nicht. Also ist heute wieder kein Kranker dabei.«

»Wo war noch mal mein Notizbuch?« Drosten grinst und eilt hinaus. In ein paar Minuten beginnt die große Telefonkonferenz der WHO in Genf - dann wird der junge Forscher der internationalen Wissenschaftlergemeinde Rapport erstatten: kein neuer Sars-Fall in Deutschland.

*

Gerade hatten sie hier in Hongkong begonnen zu hoffen, das Schlimmste könnte vorüber sein, und nun das: zwölf Rückfälle, die ersten weltweit seit Ausbruch der Seuche. Einige der Patienten galten schon seit zwei Wochen als geheilt. Jetzt sind sie wieder im Krankenhaus.

Malik Peiris war darauf vorbereitet, dass Unerwartetes geschehen könnte. Trotzdem fühlt sich der Chef der Abteilung für Mikrobiologie an der Universität von Hongkong an diesem Tag, als hätte irgendjemand ein Loch unten in den Sack geschnitten, in den er zuvor mühsam einen Haufen Reiskörner hineingelesen hatte. So viele neue, drängende Fragen, die er und seine überarbeiteten Leute klären müssen. Können die wieder Erkrankten das Virus weiterverbreiten? Und wie konnte es zu diesem Rückschlag kommen?

»Die Immunantwort beim Menschen könnte anders als erwartet ausfallen«, spekuliert Peiris, »weil wir es mit tierischen Coronaviren zu tun haben.« Könnte. Es gibt zu viele Konjunktive in der ganzen Angelegenheit.

Peiris kommt aus Kandy, Sri Lanka, Stadt der Tempel. Er hat in den USA und in Großbritannien geforscht, er ist angesehen in der internationalen Gemeinde der Grippeexperten. Austausch ist jetzt überlebenswichtig. Vor allem die deutschen Kollegen genießen hohe Wertschätzung in Hongkong. Und die Konkurrenz untereinander? Peiris'' Lächeln ist undurchdringlich wie die empfohlenen N95-Masken, die er trägt, wenn er mit infiziertem Material hantiert: »Nur die Patienten zählen jetzt. Für sie müssen wir alles über das Virus herausfinden.«

Das Tischtelefon klingelt, dann das Handy, manchmal beide gleichzeitig. Die Wände in Peiris'' winzigem Büro scheinen aus Akten gebaut. In der Mitte sitzt der Forscher im korrekten grauen Hemd mit Krawatte. Er sieht müde aus.

Immerhin sind mittlerweile weniger diagnostische Tests fällig. Im Queen Mary Hospital liegen nur noch 60 Patienten, plus 300 Verdachtsfälle. Noch immer ist Peiris damit beschäftigt, die Ergebnisse von 4000 Tests zusammenzufassen - Papierkram, der wertvolle Forschungszeit frisst. »Die Erwartungen sind hoch. Die Regierung, die Öffentlichkeit - alle wollen schnelle Erfolge sehen.« Soeben hat die Sars-Sterblichkeitsrate in Hongkong die Zehnprozentmarke überschritten.

Es ist zehn Uhr morgens. Peiris ist später dran als sonst, weil er sich beim Frühstück ein Gespräch mit seinem Sohn gestattete - das erste seit Wochen. »Er lernt in der Schule gerade, was Magensäure mit Essen anstellt.«

Schon wieder klingelt das Handy: Eine WHO-Gruppe ist in der Wohnanlage Amoy Gardens eingetroffen. In Block E, der vor über einem Monat evakuiert wurde, weil sich das Virus dort ausbreitete wie nirgendwo sonst in der Stadt, kratzen sie Proben von den Wänden, Fußböden, Luftschächten und Wasserleitungen. Noch immer ist nicht klar, was in Block E geschah.

Peiris'' Leute haben das Virus in den Ausscheidungen der Bewohner gefunden. »Demnach könnte eine solche sprunghafte Übertragung eigentlich überall stattfinden: Ein zweites Amoy Gardens ist nicht auszuschließen.« Vielleicht wird es ein Treffen mit den WHO-Leuten geben? Auch mit dem Team der Uni steht am Nachmittag noch eine Besprechung auf dem Plan. »Oh, sorry, beides streng vertraulich«, sagt Peiris mit seinem N95-Lächeln.

Aber etwas darf er doch sagen: »Bisher hatten wir den Eindruck, das Virus benutze eine Art Guerrilla-Taktik, etwa bei der mysteriösen Spezialisierung auf Krankenschwestern und Ärzte.« Nun aber habe ein Kollege aus Peiris'' Team gerade herausgefunden, dass keiner der Infizierten die Sicherheitsvorschriften konsequent eingehalten habe. »In drei Tagen können Sie die Arbeit im ,Lancet'' nachlesen.« Die Studie bestätigt, dass die Masken wirklich schützen, und sie stützt die Theorie, dass es sich um eine reine Tröpfcheninfektion handelt.

Peiris schnappt sich Kittel und Maske, hastet los. Dringend muss er einige Proben an Dr. Chan, den Mikrobiologen, weiterreichen. Im Flur riecht es nach Bohnerwachs und Fischsoße. Die Vorlesungszeit hat gerade wieder begonnen. In den Gängen sitzen Studenten in abgewetzten Plastikmöbeln beim Essen aus Plastikdosen zusammen.

Peiris nimmt die Palette mit Serumproben für Dr. Chan aus dem Stahlschrank. »Wir lernen hier vieles von den Patienten, was sich im Labor nicht zeigt.« Deshalb sieht er sich immer wieder selbst einige der Patienten an. »Interessant ist zum Beispiel, dass sich einige rasant erholen, wenn sie Steroide bekommen«, erzählt er. Was er daraus schließt? »Steroide bekämpfen nicht das Virus, sondern die überschießende Immunantwort des Körpers. Das spricht eher dafür, dass eigentlich gar nicht das Virus die Leute umbringt, sondern ihr eigenes Immunsystem.«

Noch etwas anderes deutet darauf hin: »Bis heute sind in Hongkong keine Kinder an Sars gestorben, zum Glück. Es ist wie bei der Vogelgrippe: Immer zeigen die Kinder einen milderen Verlauf. Das könnte damit zusammenhängen, dass Kinder eine andere, tendenziell schwächere Immunabwehr haben.« Könnte.

Eilig drückt Peiris Dr. Chan die Proben in die Hand und verschwindet wieder durch die Tür, an die jemand mit Tesafilm eine rotgoldene Papierfahne mit einem Schaf geklebt hat. »Eigentlich ein Glücksbringer«, sagt Chan. »Das Jahr des Schafs begann im Februar. Es scheint diesmal unter keinem guten Stern zu stehen.« In den Röhrchen, die Peiris ihm gebracht hat, ist Katzenserum aus China. Denn seit jüngstem kursiert in Peking das Gerücht, Hunde und Katzen streuten das Virus. Seither zerren wütende Menschen die Tiere aus ihren Winkeln und schlagen sie tot.

Nebenan rotiert in Zentrifugen eine Flüssigkeit, die aussieht wie Grapefruitsaft. »Urin aus Amoy Gardens«, sagt Chan. Gerade haben sie in einigen Proben eine Abweichung in einem Teil des Erbguts gefunden. »Das kann das Wachstum ändern oder den Ansteckungsgrad, wer weiß?«

Chan Kwok Hung ist ein leiser, bescheidener Mensch, aber auch ihn erfüllt eine Entdeckung mit Stolz: »Ich gehe davon aus, dass ich der Erste bin, dem es gelang, das Sars-Virus zu isolieren.« Im Unterdruck-Sicherheitslabor, zu dem nur eine Hand voll Kollegen Zutritt haben, vermehren sie nun so viele Virenproben wie möglich.

Chan zieht Handschuhe über, öffnet den safeartigen Inkubator, holt vorsichtig eine Palette Reagenzgläser mit orangefarbenen Kappen hervor und legt eine davon unter das Objektiv. »Sehen Sie hier diese runden, aufgedunsenen Dinger? Das ist, was Sars aus den Zellen macht. Als ich das an einem Montagmorgen sah, wusste ich: Vielleicht ist das jetzt ein historischer Moment.« Chan lacht verlegen über seine eigene Ergriffenheit. »In den nächsten Wochen habe ich gezittert vor Nervosität und schlecht geschlafen, aus Angst, das Virus könnte instabil sein und wegsterben.« Ein normales Grippevirus hält um die drei Stunden durch. Mittlerweile weiß Chan: Sars-Viren können auf einem gewöhnlichen Tisch mindestens 25 Stunden überleben.

Zwei Stockwerke weiter unten plant Guan Yi, der Virologe, seine nächste Reise nach Guangdong. Lange vor den Experten der WHO war er dort unterwegs, 14-mal allein seit Februar. »Schon am 11. Februar habe ich in Genf angerufen und denen erzählt, dass hier etwas sehr Beunruhigendes los ist«, erzählt er.

Guan wippt nervös mit den Beinen. Sein Ehrgeiz gilt dem Ökosystem des Virus. Welche Tiere sind die Träger? Unter welchen Bedingungen breitet es sich aus? Welche Artengrenzen kann es überwinden? Hypothesen hat er genug, aber wenn er sie jetzt hinausposaunt, könnten ihn die Behörden daran hindern, seine Arbeit zu beenden.

Guan kramt im Schrank und wedelt, aufgebracht über so viel Bürokratie, mit einem Stück Papier. »Hier: Mein Vertrag mit den chinesischen Behörden. Mit Amtsstempel. Ohne den läuft gar nichts.« Natürlich fühlen sich die chinesischen Kollegen in ihrer Forscherehre gekränkt, natürlich wachen Funktionäre über Guans Sammeleifer. Und natürlich bespricht er nicht alle Details mit ihnen.

Es hilft dem Virologen, dass er selbst aus Jiangxi, Südchina, kommt. Er spricht die gleiche Sprache wie die Kranken, er begegnet ihnen wie ein Kumpel, und sie verweigern sich ihm nicht. »Ich habe denen selber das Zeug mit einer Vakuumpumpe aus der Nase gesaugt«, ruft Guan, der gelernter Kinderarzt ist. Ein paar seiner alten Klassenkameraden, die in Jiangxi als Ärzte arbeiten, waren auch von Sars befallen. Er hat an ihren Krankenbetten gesessen. Alle haben überlebt. »Wie geht''s?«, will er sie fragen, wenn er sie wiedertrifft. »Zurück aus der Hölle?« Guan hustet, nimmt einen Schluck Tee aus der Thermoskanne, hustet wieder.

»Oh, keine Angst, das ist vom Rauchen«, sagt er mit seinem scheppernden Lachen. Zum Beweis fingert er eine Schachtel Mild Seven aus der Jackentasche. »Und hier noch eine Kleinigkeit«, sagt er triumphierend, während er auf dem Bildschirm eine Karte von Südchina öffnet, »da drin sind alle Sars-Daten seit Dezember. Die ersten Patienten in Shenzhen, Foshan und so weiter. Diese Details hat sonst keiner.« Guan hat daraus den Verbreitungsweg rekonstruiert und einen Sars-Stammbaum gezeichnet. Sein Datenpuzzle hat er gerade an das »New England Journal of Medicine« geschickt. »Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss noch meinen Report für die Regierung schreiben.«

*

Beige gestrichene Wände, Schreibtische mit graugelben Kunststoffplatten, viele Akten, eine Palme - wie eine Zentrale, in der die Fäden eines weltumspannenden Feldzugs zusammenlaufen, mutet Klaus Stöhrs Dienstzimmer nicht gerade an.

»Ich muss erst mal gucken, was über Nacht so im Rest der Welt passiert ist«, sagt Stöhr, 44, freundlich lächelnd, in der Stimme einen Hauch von Sächsisch. In den achtziger Jahren hat er daheim in Leipzig Tiermedizin studiert. Inzwischen ist er Direktor des Influenza-Programms in der Genfer WHO-Zentrale und seit sieben Wochen auch Chef einer der drei Arbeitsgruppen des eilig zusammengestellten Sars-Teams. Mehr als hundert E-Mails sind über Nacht eingetroffen, viel Zeit zum Antworten bleibt Stöhr nicht.

9.30 Uhr: Stöhr springt auf. »Team-Meeting«, ruft er, und nun kommt Leben in den eben noch so gemütlichen Mann. Im Laufschritt stürmt Stöhr einen langen neonbeleuchteten Gang entlang; aus den Bürozimmern, deren Türen fast alle offen stehen, dringen Wortfetzen aus Englisch, Französisch, Italienisch.

Schwungvoll biegt Stöhr in eines der Zimmer ein. »Hello Klaus«, ruft ihm sein Team entgegen. Gut ein halbes Dutzend Männer und Frauen in kurzärmligen Hemden oder T-Shirts sitzen um drei in der Mitte des Raums zusammengestellte Tische herum. Es sind Forscher aus den verschiedensten Abteilungen der WHO, ein bunt zusammengewürfelter Haufen internationaler Spitzenkräfte, die Mitte März eilends zusammengesucht wurden; manche für länger, manche auch nur für ein paar Wochen.

»Sind Sie Mohammed?«, fragt Stöhr. Ein Mann am Fenster nickt. »Gut! Das ist Mohammed aus Jordanien«, so stellt er ihn den anderen vor. »Er wird ein paar Wochen lang die Standardisierung der Labortests koordinieren.«

»Koordinieren« ist ein Schlüsselwort für Stöhr. »Wir sammeln Informationen aus aller Welt, stellen sie sinnvoll zusammen, bewerten sie und geben sie dann wieder in alle Welt weiter«, erklärt er. »Dadurch wollen wir die Ressourcen der einzelnen Labors, die Leistungen der einzelnen Forscher und Kliniker vervielfachen.« Nach einer kurzen Pause ergänzt er: »Nein, potenzieren!«

Stöhrs Mitarbeiter stellen Tabellen zusammen: Welche wissenschaftlichen Fragen zu Sars sind noch unbeantwortet? Welche Studien laufen? Wo sind die Lücken? Alles, was die Truppe ins Internet stellt, wird von den Forschern rund um die Welt begierig abgerufen. Und dann gilt es, die telefonischen Schaltkonferenzen zu planen, auf denen die Lage noch einmal besprochen wird, neue Forschungsprojekte angeschoben werden. Längst ist Stöhrs Eröffnungsgruß »Good morning, good day, good evening« zum Symbol des erdumspannenden Forschernetzwerks geworden.

»Mohammed!«, ruft Stöhr und blickt in eine himmelblaue Kladde, in der er alles kurz notiert, was wichtig ist. »Wenn wir es schaffen wollen, die Labortests zu standardisieren, dann brauchen wir ein Referenzserum, das an Labors in aller Welt verschickt werden kann.«

»Darum soll ich mich kümmern?«

»Ja, und es eilt. In ungefähr zwei Wochen muss alles fertig sein. Das Blut für das Serum kommt aus Hongkong und England, das Verschicken übernimmt das Robert-Koch-Institut in Berlin.«

»Und wie überzeugen wir die Chinesen?«

»Hm. Wie wäre es mit einem Trainingskurs in Peking? In zwei Wochen, auf Chinesisch, für Wissenschaftler aus allen Provinzen, die Reisekosten werden erstattet. Marta, kannst du das organisieren?« Erschrocken blickt eine von Stöhrs Mitarbeiterinnen auf. Stöhr lacht: »Hier kann man kreativ arbeiten, was?«

Auch am Abend kehrt für Stöhr kaum Ruhe ein. Es gilt, die Entwicklung des Impfstoffs anzuschieben, dafür muss eine weltweite Datenbank über die verschiedenen Varianten des rasant mutierenden Coronavirus erstellt werden. Vielleicht, überlegt Stöhr, schafft er es ja trotzdem noch, mit Tony Clement, einem alten Bekannten, zu Abend zu essen. Der ist inzwischen Gesundheitsminister der kanadischen Provinz Ontario und gerade in Genf - er hat hier erfolgreich für eine Aufhebung der Reisewarnung für Toronto gekämpft.

*

Der Dienstag ist für Toronto ein Freudentag. Gemeinsam jubeln Premierminister, Bürgermeister, Hoteliers und Presse: Endlich ist die Stadt offiziell wieder ungefährlich - die WHO hat ihre Reisewarnung zurückgezogen. Und bei den Toronto Blue Jays gibt es zur Feier des Tages Baseballkarten für nur einen kanadischen Dollar. Das Spiel ist ausverkauft, mit Transparenten und guter Laune machen es die Torontoer zur Siegesfeier über das Virus.

Nur Allison McGeer, 50, ist sich nicht so sicher. Und sie weiß, wovon sie spricht. Die WHO-Warnung vor Toronto »war zwar eine Überreaktion«, sagt die Chef-Epidemiologin des Mount-Sinai-Krankenhauses, aber »Überreaktionen sind bei diesem Virus durchaus angebracht«.

Sars, räumt McGeer ein, verbreite sich nicht so leicht wie die Grippe, aber doch leicht genug. Eine langsam sich ausbreitende globale Epidemie sei noch immer nicht ausgeschlossen. Der Kampf gegen das Virus in der Stadt sei zwar letztlich erfolgreich verlaufen, aber viele hätten noch nicht begriffen, welche Opfer dies erforderte. »An der Seuche sind sogar Menschen gestorben, die gar kein Sars hatten.« Denn sechs Wochen galt in Toronto ein Stopp für alle Transplantationen. In den Hospitälern herrschten drakonische Regeln, selbst Sterbende durften keinen Besuch empfangen.

Mitte März, da besaß die neue Seuche noch gar keinen Namen, telefonierte McGeer einmal täglich mit einem alten Bekannten, Frank Plummer. Die Epidemiologin hatte im Scarborough Grace Hospital Stellung bezogen, er wies sie an, Proben zu sammeln von allen Infizierten, den ersten in Kanada. Bis zu zweimal täglich schickte sie Plummer Blut, Kot, Lungengewebe, Nasen- und Rachenabstriche von Kranken, Sterbenden oder Toten.

Plummer, 50, lebt in Winnipeg, einer Präriestadt im mittleren Kanada, und leitet dort das National Microbiology Laboratory. Neue Seuchen sind sein Job.

Deshalb blieb Plummer zunächst gefasst, als im eiskalten Winnipeg die ersten Proben zur neuen Lungenseuche eingingen. Ohnehin hat er eine geruhsame Art, mit Vollbart und Wuschelkopf wirkt er wie ein ergrauter Teddybär.

Als ihm jedoch bewusst wurde, dass ein einziger Sars-Fall im Scarborough Grace Hospital erst sieben, dann Dutzende weiterer Verdachtsfälle produziert hatte, wurde ihm mulmig: »Wir wussten: Dies ist eine Notlage. Die Dramatik der ersten Tage hat mich immer wieder erinnert an die erste Zeit von HIV.« Nur dass die Dinge damals nicht diese Geschwindigkeit hatten.

Nach wenigen Tagen schon wurde der Infektionsherd Scarborough Grace geschlossen, alle Patienten wurden verlegt. Noch ein paar Tage später schickte ihm McGeer neues Material - ihr eigenes.

Plummers Kollegin hatte sich infiziert, so wie mehr als 60 weitere Krankenhausmitarbeiter in Toronto. Im Umgang mit Patienten hatte sie stets Mundschutz und Handschuhe getragen - im Umgang mit Kollegen nicht. Mindestens zwei hatten sich gesund gefühlt, während im Innern ihres Körpers bereits das Virus brütete. Das war McGeers Verhängnis: drei Wochen Krankenhaus, insgesamt fünf Wochen Quarantäne. »Eine elende Krankheit«, sagt die zierliche Frau. »Es fühlt sich an wie der erste Tag einer Grippe mal 14.«

Dabei habe sie noch Glück gehabt. »Ich war ein leichter Fall«, ihre Lunge sei verschont geblieben. Inzwischen ist McGeer wiederhergestellt und hat sich erneut in den Kampf gegen Sars geworfen. Anderen ist es schlimmer ergangen: Sie ermüden, obwohl genesen, noch immer sehr schnell, alles strengt an, schon nach drei Schritten sind sie außer Atem. Teile ihrer Lungen sind zerstört.

Am Donnerstag dann eine Schreckensbotschaft: McGeers Ahnung hat sich bestätigt; die Krankheit ist nicht verschwunden aus Toronto. Zwei weitere Krankenhausmitarbeiter liegen fiebernd im Bett. Die Diagnose wurde für einen Fall bereits am Montag gestellt - ausgerechnet von Donald Low, jenem Seuchenexperten, der tags darauf lauthals im Fernsehen verkündet hatte: »Ich garantiere: Es gibt kein Sars-Risiko in Toronto.« Der WHO wurde der Befund offenbar absichtsvoll verschwiegen, um die Rücknahme der Reisewarnung nicht zu gefährden.

Für Frank Plummer, Kanadas führenden Mikrobiologen und Virenfahnder, gibt es noch weitere Gründe zur Sorge. Vieles, so findet er, ergibt keinen Sinn.

Warum, so fragt sich der Forscher, hat er das Coronavirus auch in Patienten gefunden, die gar nicht Sars-krank waren? Vielleicht ist es nicht der alleinige Sars-Verursacher? Plummer hat die Coronaviren sogar in kerngesunden Leuten nachgewiesen. Im Auswurf der Kranken hingegen spürt er sie zusehends seltener auf: Am Anfang der Epidemie waren mehr als 80 Prozent der Erkrankten Corona-positiv, seither nahm der Anteil stetig ab - auf nur noch 20 Prozent. »Das ist verwirrend«, findet Plummer.

»Vielleicht«, grübelt er, »suchen wir im falschen Gewebe.« Vielleicht wandere das Virus im Körper. Aus Hongkong hat Plummer die Botschaft erhalten, dass der Erreger dort im Kot von 90 Prozent aller Patienten nachweisbar ist. »Aber dann ist es wohl gar keine Erkrankung der Atemwege«, findet Plummer. »Ist Sars vielleicht in Wirklichkeit mehr eine Darmkrankheit?«

Natürlich weiß Plummer, dass er die Kollegen mit solchen Überlegungen nervt. Warum, so fragen die, muss er nun auch noch das wenige in Frage stellen, was sie einigermaßen sicher zu wissen glauben? Aber Plummer weiß auch, dass Zweifel zum Prozess normaler Wissenschaft gehören: Wissen entsteht nur, wenn unermüdlich Theorien aufgestellt, überprüft, angezweifelt und verworfen werfen. Normalerweise braucht dies Monate und Jahre. Bei Sars geht alles schneller.

Maria Cheng aus der Presseabteilung der WHO in Genf stammt aus Toronto. Tagelang hat sie sich mit einer Meute von bisweilen mehr als 30 aufgebrachten kanadischen Journalisten herumschlagen müssen. »Na, Maria, sind deine Landsleute jetzt zufrieden?«, ist das Erste, was sie heute Morgen hört, als sie bei Klaus Stöhr vorbeikommt.

Die Aufhebung der Reisewarnung ist unter WHO-Mitarbeitern nicht unumstritten. Stöhr mag sich dazu nicht direkt äußern - lieber flüchtet er sich in eine Metapher: »Es ist so, als segelten wir mit einem Boot, an dem wir noch bauen. Uns fehlt noch unglaublich viel Wissen. Trotzdem müssen wir ständig Entscheidungen treffen, bei denen es um Leben und Tod gehen kann - aber zugleich auch um viel Geld.«

Entscheidungen werden bei der WHO im Team getroffen. »Horizontales Management« nennt Stöhr das. Beim Team-Meeting geht es heute darum: Wer wird fortan nach WHO-Definition als echter, wer als verdächtiger Sars-Fall gelten? Nachdem es nun endlich Tests gibt, so viel ist sicher, muss die bisher noch gültige rein klinische Definition geändert werden.

Die Zeit drängt für Stöhrs Team. Die Labors rund um die Welt testen längst massenhaft - und die Ärzte sind verwirrt. Die CDC in Atlanta sind bereits vorgeprescht und haben ihre Web-Seite geändert. Stöhr ist besorgt: Natürlich will er die Vorteile der Tests nutzen; doch er fürchtet auch, die Ärzte könnten fatale Fehler machen, weil sie unterschätzen, wie unzuverlässig die Tests bisweilen sind.

»Haben alle unser Thesenpapier bekommen?«, fragt Stöhr und blättert in seiner himmelblauen Kladde. »Mir gefällt nicht, was die CDC da machen, ich finde es gefährlich!«

Fast eine Stunde dauert die Diskussion. Am Ende ist es neben vielen Details vor allem ein wichtiger Satz, der an der ursprünglichen Definition geändert wird. Er warnt die Ärzte davor, auf Grund eines negativen Testergebnisses Entwarnung zu geben. Stöhr ist überzeugt, dass dieser Satz Leben retten kann.

»Das«, sagt Stöhr, »ist eine der kleineren Entscheidungen. Bald könnten ganz andere Dinge auf uns zukommen.« Was etwa, wenn sich einmal die Frage stellt, ob Lebensmittel sicher sind? »Noch«, sagt Stöhr, »ist das kein Thema. Aber immerhin kann Sars auch durch Schmierinfektion übertragen werden.« Und bei Lebensmitteln, so viel weiß er, geht es immer auch um sehr viel Geld. »Deshalb gilt es, jetzt möglichst viel Wissen über dieses Thema zu sammeln. Dann sind wir später, wenn vielleicht schwere Entscheidungen anstehen, gerüstet.«

»Hallo Klaus!« Eine Mitarbeiterin aus der Abteilung für Lebensmittelsicherheit steht in der Tür. Sie ist Veterinärin, wie Stöhr. Das verbindet. »Hallo«, antwortet Stöhr, der sie schon erwartet hat. »Ich brauche unbedingt jemand, der systematisch bei Labors weltweit anfragt: ,Habt ihr nicht Lust, interessante Experimente im Rahmen eines WHO-Programms zu machen?'' Was ist - kannst du das koordinieren?«

Stöhr will wissen, von welchem Tier der Erreger ursprünglich auf den Menschen übergesprungen ist. »Aber in Guangdong nach infizierten Tieren zu fahnden wäre wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Deshalb brauchen wir unbedingt Tierexperimente.« Die Frau zögert. Eigentlich müsste sie nächste Woche nach Argentinien reisen. »Gut«, meint sie schließlich, »ich werde mich freistellen lassen.«

*

Im Hamburger Bernhard-Nocht-Institut brummt der Fahrstuhl. Die Virologen Marcel Asper und Dirk Heinsoth haben sich in Begleitung von neun weißen Mäusen in den Keller aufgemacht. Dort will Asper die Tiere mit dem Sars-Erreger infizieren.

Neben Marburg ist Hamburg die einzige deutsche Stadt mit einem so genannten L4-Sicherheitslabor. Auf 35 Quadratmetern züchten und lagern die Virologen hier hochinfektiöse Zellkulturen. Vier Panzerglasfenster schirmen den Raum zum Institutshof ab, sie müssen jeder Erschütterung trotzen.

Nur acht Mitarbeiter arbeiten regelmäßig in dem mit drei aufeinander folgenden Türen gesicherten Raum, die Schlüssel liegen im Tresor. »Sterilität« lautet das oberste Gebot. Nichts, nicht einmal Luft, darf nach außen dringen - sie könnte mit Viren verseucht sein. Ein Gebläse regelt Zu- und Abluft, jeder Gegenstand, der das Labor verlässt, muss bei etwa 130 Grad minutenlang in einen Sterilisator.

Asper schiebt die Mäuse in eine Schleuse - eine Art Durchreiche zum L4-Labor. Nachher wird er die Tiere dann von innen aus der Schleuse holen. Zuvor allerdings müssen sich Heinsoth und Asper für die Begegnung mit den Viren wappnen.

Asper greift nach einem weißen, aufblasbaren Schutzanzug aus PVC. Fest angeklebte Gummistiefel baumeln an den Hosenbeinen, an den Ärmeln schlackern Handschuhe. In der Hüftpartie hängt ein langer Schlauch. Asper wird damit Luft in den Anzug blasen: Im ersten der zwei Schleusen-Durchgänge ist ein Lufthahn installiert. Auch die durchsichtige Haube wird er sich dort über den Kopf ziehen.

»Es ist fürchterlich heiß in diesem Ding«, stöhnt der Wissenschaftler, dann setzt er sich die Kopfhörer auf. Im Labor verständigen sich Asper und Heinsoth gewöhnlich mit Hilfe eines Walkie-Talkie. »Test, Test, Dirk, kannst du mich hören?«

Heinsoth beschäftigt noch ein anderes Problem. Er hockt im Waschraum und gießt vier Liter beißende Peroxyessigsäure in den Duschkanister. Nur wenn der Behälter mit der ätzenden Flüssigkeit gefüllt ist, können die Forscher das Labor später wieder verlassen. Drei Minuten müssen sie unter dem feinen Säurenebel ausharren, anschließend versprühen vier Düsen fünf Minuten lang frisches Leitungswasser. Erst dann gelten die gespülten Wissenschaftler als virenfrei und dürfen zurück in die Welt.

Eine halbe Stunde lang dauern die Vorbereitungen, dann stoßen Asper und Heinsoth in das Labor vor. 400 Liter Luft plustern inzwischen ihre Anzüge auf. Plump wie Astronauten setzen die Forscher ihre Schritte.

Asper befreit die Mäuse aus der Schleuse. Anschließend greift er nach einer Flasche, die aussieht wie ein Flachmann: In roter Flüssigkeit schwimmen darin die Virus-infizierten Zellen. Der Cocktail aus Antibiotika, Aminosäuren, Kälberserum, Zuckern und Salzen scheint Sars-Viren gut zu bekommen. »Die Zellen vermehren sich prima«, verkündet Asper über sein Funkgerät.

Tropfen für Tropfen proportioniert er die ansteckende Flüssigkeit mit einer Pipette in kleine Röhrchen, verschließt sie und packt sie in den Kühlschrank. Bei minus 70 Grad kann das Virus jahrelang überleben.

Den letzten Rest träufelt Asper über die Mäusenasen - diese Tröpfcheninfektion soll den natürlichen Weg der Ansteckung beim Menschen nachahmen. »Wenn die Tiere überhaupt erkranken, dauert das mindestens eine Woche«, schätzt der Virologe. Dass sich die Maus am Ende wirklich als Sars-anfällig erweist, hält Asper fü r nicht sehr wahrscheinlich. Aber einen Versuch sei es schließlich wert. »Wir brauchen nun mal geeignete Tiermodelle, um irgendwann einmal mögliche Impfstoffe zu testen«, erklärt er.

Nach dem Experiment schält sich Asper erschöpft und durstig aus seinem Anzug; zwei Stunden in der luftdichten Hülle haben ihn jede Menge Schweiß gekostet. »Jetzt ein Wasser«, sind seine ersten, schnaufenden Worte.

Fast jeden Tag schleust sich der Forscher ins Labor ein. Normalerweise geht es darum, die Wirkung körpereigener Abwehrstoffe bei Lassa-Viren zu untersuchen. Demnächst will er diese Substanzen auch den mit Coronaviren infizierten Zellkulturen verabreichen. »Ich versuche das halt nebenbei«, kommentiert er lakonisch.

Zehn Tassen Leitungswasser stürzt er hinunter, dann hat er seinen Flüssigkeitsverlust wieder ausgeglichen. Hingebungsvoll wendet er sich darauf dem Abschiedsgeschenk für eine Doktorandin zu: einem Album mit Fotos aus dem Forscheralltag.

»Wissenschaft«, sagt er trocken und klebt zum dritten Mal ein besonders widerspenstiges Bild ins Buch, »basiert nun mal auf Zufall, Versuch und Irrtum.«

MARCO EVERS, VERONIKA HACKENBROCH,

BEATE LAKOTTA, KATJA THIMM

* Am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut; links: beim Empfang vonSars-Proben; rechts: mit Coronaviren im Hochsicherheitslabor.

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