Zur Ausgabe
Artikel 104 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Briefe

Welterfahren, vorsichtig und zynisch
aus DER SPIEGEL 32/2001

Welterfahren, vorsichtig und zynisch

Nr. 30/2001, Titel: Kampf um den Global-Kapitalismus - Wem gehört die Welt?

Ihre Berichterstattung zum Gipfel in Genua ist die ausgewogenste und fairste Darstellung, die ich gelesen habe. Sie zeigen, dass gute Recherche und niveauvolle Sprache einen hervorragenden journalistischen Text ergeben können. Großartig!

BERLIN KLAUS KUFNER

Die Antwort auf diese zentrale Frage »Wem gehört die Welt?« ist einfach und wichtig zugleich: Allen! Damit hat die Wirtschaft als Subsystem der Gesellschaft auch allen zu dienen.

MÜNCHEN DR. GERD REINHOLD

Der grundsätzliche Irrtum des leider auch von Naivität beherrschten G-8-Politikers besteht in dem utopischen Glauben, dass in einer global vernetzten Welt, in der dank des Internet »alle« miteinander kommunizieren können, Weltkonzerne »global« Handel betreiben und Wissenschaftler »global« ihre Gedanken austauschen, ebenso »globales« Leid und Elend jenseits der westlichen Hemisphäre beseitigt werden kann.

HAMBURG RUZBEH HAKIMI

Die Chimäre des Kapitalismus gehorcht nur dem Zuckerbrot des Profites und der Peitsche des Gesetzes. Begibt man sich des Gesetzes, ist zu befürchten, dass sie auf der ungehemmten Jagd nach Profit den Globus verwüstet. Menetekel Globalisierung.

HANNOVER PAUL SCHOLZ

Dank dem Erfinder des Wortes »Globalisierung« dafür, dass er uns ein Feindbild gegeben hat, für das sich das Leben wieder lohnt, für das wir auf die Straße gehen, uns empören und mit Steinen werfen können. Viele Probleme der Dritten Welt werden nicht durch internationale Konzerne verursacht, sondern sind hausgemacht. Diktatoren sind halt auch nicht immer Wohltäter an ihrem Volk. Es ist ein ausgemachter Unsinn zu glauben, die Beschränkung des Welthandels verbessere die Situation der Menschen vor Ort. Das sieht man ja an der Wirkung von Embargos.

MEERSBURG BERNHARD SCHMIDT

Jeder einzelne Verbraucher arbeitet an seiner eigenen Demontage, wenn er immer süchtiger und gezielter nach »Billigheimerangeboten« schielt, die Augen vor der Qualität verschließt und schon gar nicht darüber nachdenkt, wie solche Angebote zustande kommen, wie viele Arbeitsplätze dafür geopfert wurden.

NEUSTADT (RHEINL.-PFALZ) GÖTZ KÜPPER

Warum wird der einzelne Bürger nicht aufgerufen, einen Beitrag zu leisten? Es werden doch alternative Erzeugnisse wie Gepa- und TransFair-Artikel angeboten.

NÜRNBERG ALOIS THALLER

Aber wie könnte man denn die Macht der Konzerne sinnvoll beschneiden? Protektionismus geht nicht und neue Regeln, wer bitte soll die aufstellen, wenn man sieht, wie schwer es der Staatengemeinschaft fällt, sich beim Kyoto-Protokoll zu einigen? Da bleibe ich lieber ein genusssüchtiger Europäer, der, nachdem vielleicht Ford die BRD übernommen hat, nicht mehr Bürger der BRD ist, sondern Angestellter der »Bundesrepublik Ford«.

BAD NEUENAHR-AHRWEILER ALEXANDER HILGER

Eine stärkere regionale Vernetzung von Unternehmen und Sparern würde einer Region mehr Wirtschaftskraft, soziale Stabilität und wachsende Bewusstheit über die sozio-ökonomische Interdependenz bringen; die Sparer bekämen fairen Zugang zum Produktiv-Vermögen ihrer Region; die Börsen müssten ihrerseits mit bedeutend weniger Spielgeld auskommen, und der Global-Kapitalismus würde an Macht einbüßen; die Abhängigkeit der Region von den Währungsschwankungen des Dollars würde eingeschränkt.

TERLAN (ITALIEN) KARL TROJER

Wirkliche Globalisierung würde den freien Verkehr aller Waren in allen ihren Formen bedeuten, ohne Einfuhrbeschränkungen und ohne Dumping-Subventionen, insbesondere den freien Handel mit Agrarprodukten, den Wegfall von Subventionen, den Fall der Kontingentierung von auf Agrarwirtschaft beruhenden Halb- und Fertigerzeugnissen wie Stoffen, Garnen, Kleidung et cetera. Insbesondere würde der wirkliche »freie« Verkehr von Dienstleistungen den Wegfall aller Einwanderungsbestimmungen bedeuten, ist doch die Arbeitsmigration nichts anderes als das Angebot von Dienstleistungen - Arbeit - außerhalb des Ursprungslandes zu - unter Umständen - günstigeren Preisen, sprich niedrigeren Löhnen. Halbheiten wie sie von G-8-Gipfeln vertreten werden, verfangen sich auf Dauer nur in ihren eigenen Widersprüchen.

MANAGUA CORNELIUS HOPMANN

Die Kommunikationsfähigkeit der Globalisierungseliten lässt sehr zu wünschen übrig. Darum richtet sich der Protest gegen Ausgrenzung der Bevölkerung an die Adresse des G-8-Gipfels oder gegen den globalen Wanderzirkus des Weltwirtschaftsforums des Professor Schwab, der die Eliten zusammenführt, ohne Ergebnisse zu präsentieren, und dennoch profitiert. Mit Lippenbekenntnissen von Staatsmännern oder Konzernchefs sollte sich die Weltöffentlichkeit nicht zufrieden geben. Solange dort agiert wird, als ob es sich um eine Freimaurerloge handeln würde, wird man Transparenz und Verantwortlichkeit einfordern müssen.

DARMSTADT DR. BRITTA A. MÖSER

Genua war erst ein zarter Auftakt für den Sturz des Goldenen Kalbes von seinem Thron. Wie kommen die Füße dazu, Herz und Kopf regieren zu wollen? Für eine richtig gestellte neue globale Weltordnung bedeutet das: erst der Mensch, dann der Staat - zuletzt der Markt.

BERLIN KAI STOLDT

Was wollen denn künftige Regierungen und Politiker gegen eine Wirtschaft ausrichten, die sich im globalen Fieberwahn befindet? Schon heute lachen sich doch Konzernherren schlapp, wenn in bestimmten Bereichen der Wirtschaft politische Forderungen an sie gestellt werden. Wir laufen längst Gefahr, uns dem undemokratischen Diktat einer künftig kleinen Zahl privater Machtzentren und ihrer weltweit agierenden Interessenvertreter auszuliefern.

LUDWIGSBURG HEINZ SKRZIPIETZ

Am Schluss bleibt eine ernüchternde Bilanz zurück: Ohnmacht und große Ratlosigkeit auf allen Seiten. Handeln im Sinne der Menschlichkeit scheint niemand mehr zu wollen oder zu können, zu fest sind die Strukturen zementiert. Da wundert es nicht, dass Krawalle an der Tagesordnung sind. Viele Menschen spüren, dass etwas krumm läuft, dass sie um ein lebenswertes Leben betrogen werden, dass immer mehr Früchte ihrer Arbeit in den Taschen anderer Leute verschwinden. Dieses Unbehagen wird von Jahr zu Jahr stärker und wir alle streben einem Umbruch zu. Wie dieser Umbruch vonstatten geht und ob es eine Revolution globalen Ausmaßes gibt, entscheiden die Einsicht und der Mut der Gipfelteilnehmer. Dies würde allerdings bedeuten, dass diejenigen, die an den wahren Quellen sitzen und die auch das kleinste Wässerchen auf ihre Mühlen zu lenken verstanden, diese freigeben müssen.

ZÜRICH HANS ULRICH SPITZLI

Ich gehöre der Generation 1973 an. Es hieß immer, wir seien unpolitisch. Aber wir können nicht mehr schweigen. In Anbetracht eines »passiven Holocausts«. Heute sterben unschuldig jeden Tag 32 000 Kinder an Hunger in der Dritten Welt. Der reichste Mann der Welt besitzt mehr, als die ärmsten 20 Entwicklungsländer zusammen erwirtschaften. Deshalb müssen wir »teilen« lernen! Ressourcen sind genügend für alle da. Aber stattdessen werden nicht einmal die Schulden der ärmsten Länder abgeschrieben, geschweige denn die Entwicklungshilfe erhöht.

HELSINKI TILO T. BALZ

Nicht alle profitieren vom Wohlstand, und wir müssen uns klar darüber werden, dass wir selbst ein Stück der Verantwortung tragen. Die globale Protestbewegung kann ein Anstoß für jeden sein, dies zu erkennen. Sie ist ein Ausdruck des Unwillens, bei Ausbeutung und Zerstörung nicht länger mitzumachen und hoffentlich ein Auslöser für umfassende Reformen - mögen sie noch so aussichtslos sein.

BATTENBERG (HESSEN) DIANA ENGEL

Den Sanftmütigen gehört die Erde, doch die Tollwütigen stehen im Grundbuch.

LIPPSTADT (NRDRH.-WESTF.) WALTER CONRAD

Wenn erwähnt wird, dass sich die »Tigerstaaten« Südostasiens aus der Armut befreien konnten, dann müsste man fairerweise auch sagen, welchen Preis das hat: Eine gewaltige, kaum zu tilgende Staatsverschuldung, die die Menschen früher oder später geradewegs in eine neue, wesentlich schlimmere Armut hineinführen wird.

SCHMELZ (SAARLAND) KARIN MONTAG

Die Wirtschaft muss demokratisiert werden, um ihre Legitimation wiederzuerlangen. Es ist beschämend, dass die Mächtigen der Wirtschaft sich weigern, trotz ihrer globalen Aktivitäten auch globale Verantwortung für genau diese Aktivitäten zu übernehmen. Stets verweisen sie in diesem Fall auf die Politik, der sie sonst nur einen minimalen Spielraum zugestehen wollen. Es ist geradezu amüsant, wie sogar manche Politiker nach einer weiteren Liberalisierung der Märkte schreien, und somit eigentlich die Auflösung ihres eigenen Berufsstandes heraufschwören. Was wir brauchen, ist eine Globalisierung, deren Maßstab nicht wie bisher der Profit sein darf, sondern das Wohl des Menschen.

FRANKFURT AM MAIN SONY JOY

Wie soll Politik Fragen der Globalisierung lösen, wenn sie nicht einmal fähig ist, etwas gegen die akuten globalen Probleme Unterernährung und Umweltverschmutzung zu unternehmen? Machen wir uns nichts vor: Die 1,8-prozentige Reduzierung der Treibhausgase sind kein Erfolg, sondern ein weiteres Todesurteil für die Ökologie. Wem gehört also die Welt? Die Antwort mag doch schon keiner mehr hören: den Aktionären, den Banken, den Reichen, den Konzernen und ein bisschen auch uns wohlstandsgeilen Mitschwimmern - eben den Falschen. Und die wollen offensichtlich keine Globalisierung, sondern globale Kapitalisierung.

QUAKENBRÜCK (NRDRH.-WESTF.) CHRISTIAN STOKOWSKI

Als Vater eines in der Diaz-Schule von Polizisten verprügelten und verletzten friedlichen Demonstranten, der in der danach folgenden circa viertägigen Haft wie seine Mitgefangenen weiterer körperlicher Gewalt und Psychoterror durch die Polizei ausgesetzt war, versuchte ich meine Partei, die SPD, auf dieses Thema aufmerksam zu machen und zu entsprechenden öffentlichen Äußerungen zu diesen ungeheuren Vorgängen zu bewegen. Aber dieser Versuch ist gescheitert.

MARL (NRDRH.-WESTF.) EWALD SCHLEITING

Ich war bei einem Besuch in Genua Zeuge der eskalierenden Gewalt auf der Küstenpromenade, wo sich die Hauptmasse der Demonstranten befand, und musste beobachten, wie diese von der Polizei immer wieder auf vielfältige Art und Weise provoziert wurde. Dies etwa dadurch, dass ein Helikopter in niedriger Höhe über ihren Köpfen schwebte und ein Polizist mit Daumen und Zeigefinger »spielerisch« auf die Demonstranten schoss. Dass dies aufstachelnd wirken musste, liegt auf der Hand. Angesichts des getöteten Jungen am Vortag offenbarte solche Provokation einen bestürzenden Mangel an Anstand und Respekt vor dem menschlichen Leben! Dies zeigte sich kurz darauf auch bei der brutalen Zerschlagung der Demonstration, als drei (!) Hubschrauber im Tiefflug wahllos Tränengasgranaten in die Menge jagten und diese wie eine Viehherde vor sich hertrieb! Dies geschah wohlgemerkt weit von jeglichen Absperrungen entfernt, wo sich zahlreiche alte Menschen und Jugendliche von Kirchen- und Menschenrechtsgruppen aufhielten.

TÜBINGEN STEFFEN OTTO

Es sind diesmal keine wohlstandsüberdrüssigen Studenten mehr, die ihr Mütchen kühlen möchten in einer netten, kleinen Spaßrevolution. Was jetzt kommt, das hat seine Wurzel in einem objektiven Versagen des Systems. Die Globalisierung mit ihren ruinösen Folgen ist nicht das Ergebnis einer Strategie von Bösewichtern, sondern folgerichtige Entwicklung des ganz normalen Kapitalismus. Dass wir uns auf die Alternativen auch nicht wirklich freuen können, ändert nichts. Im Gegenteil: Wir heutigen Revolutionäre sind nicht naiv und begeistert, sondern welterfahren, vorsichtig und zynisch; 68 wird sich nicht wiederholen.

WIEN PETER GUTJAHR

Ich habe mich als friedlicher Demonstrant an den Protesten beteiligt. Dabei waren Fußtritte jedoch das geringere Übel: Meine Begegnung mit dem italienischen Rechtsstaat bestand darin, vor einem Garagentor zu kauern und mir den Arm blau schlagen zu lassen, den ich zum Schutz über meinen Kopf hielt. Mir wurde zum Verhängnis, dass ich mich in einer kleinen Gruppe zwischen zwei Demonstrationen befand. Wir waren deutlich als friedliche Gruppe zu erkennen. Aber unsere Wehrlosigkeit lud die Polizei ein, ihren Hass auf uns zu entladen. Einer aus der Gruppe liegt noch in einem Krankenhaus in Genua: mit ausgeschlagenen Zähnen.

HAMBURG LORENZ RIEMER

Sie schreiben, dass die Welt von dem Tod Carlo Giulianis geschockt war. Ich denke, dass aber leider nur wenige wirklich geschockt waren. Die meisten Menschen werden doch sagen, dass er selber schuld war. »Warum protestiert er überhaupt?« Und wenn auch nur ein Politiker wirklich betroffen gewesen wäre, hätte er konsequent sein und den Gipfel verlassen müssen.

BERLIN JÖRN EHRENTRAUT

Die neue Regierung in Rom ist kaum im Amt und vollzieht schon vor den Augen Europas den Schritt vom Rechtsstaat zum Rechts-Staat. Würde man die Vorgehensweise der Polizei zur Maxime des allgemeinen Handelns machen, wäre das ein Schritt zurück zum allgemeinen Faustrecht.

BOZEN DR. JOSEF TINKHAUSER

Wenn 200 Hooligans nach einem Fußballspiel rumwüten, wird nicht über die Zukunft des Fußballs, schon gar nicht der Gesellschaft, nachgedacht. Spiel und Spaß gehen vor! Bei 0,3 Promille »gewaltbereiten« Demonstranten angesichts eines global brisanten Problems ist das ganz anders.

STUTTGART INGO NAUHAUS

Es ist schlimm, einen toten Demonstranten bedauern zu müssen. Dennoch verstehe ich die allgemeine Empörung nicht. Selbst wer in noch so friedlicher Absicht zur Demonstration nach Genua reist, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er sich der Gefahr einer Eskalation durch gewaltbereite Autonome aussetzt. Wie sehr die »schwarzen Schafe« die Belagerung eines Gipfels eskalieren lassen können und die Polizei provozieren, hat nicht zuletzt Göteborg gezeigt. Sprich, jeder muss damit rechnen, das Gewaltmonopol der Polizei zur Herstellung von Sicherheit und Ordnung am eigenen Leib zu erfahren. Tränengas und Gummiknüppel inbegriffen. Also bitte hinterher nicht wie ein kleines Kind weinen, sondern erst denken - nachdenken - und dann handeln, nicht umgekehrt.

HAMBURG MICHAEL DAUER

Zur Ausgabe
Artikel 104 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.