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»Weltgeist zu Pferde«

Napoleons Erfolge zeigten Europa, welche Kraft in der nationalen Idee steckte. Von Ute Planert
Von Ute Planert
aus DER SPIEGEL 6/2007

Planert, 42, ist Hochschuldozentin für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen.

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Im runden Saal des Berliner Akademiegebäudes gab es keinen leeren Platz mehr. Studenten mit ihren Professoren, Offiziere in weiblicher Begleitung, einflussreiche Staatsbeamte und geschmackvoll gekleidete Damen der besten Gesellschaftskreise - sie alle zog es in jenem Winter 1807/08 allwöchentlich zum Berliner Prachtboulevard »Unter den Linden«. Anders als sonst war ihr Ziel jedoch nicht das illustre Opernhaus, sondern es waren die Vorlesungen eines kleinen, gedrungenen Mannes: Johann Gottlieb Fichte, Philosoph und ein glänzender Redner.

Während draußen der Trommelschlag vorbeimarschierender Truppen die Zuhörer an die französische Besatzungsmacht gemahnte, appellierte der Professor drinnen an die Kräfte der deutschen Nation - und schickte sich an, dem von Napoleon tief gedemütigten Preußen neue Hoffnung auf eine nationale Wiedergeburt einzuflößen. Ergriffen folgte das Publikum seiner Beschwörung von Gemeinschaftssinn und Germanengeist, begeistert applaudierte es der Aussicht, die politische Schwäche der Gegenwart durch Rückbesinnung auf deutsche Tugenden und nationale Erziehung zu überwinden.

Dass sich Fichte dabei weder von ängstlichen preußischen Beamten noch von französischen Spitzeln beirren ließ, rechneten die Berliner ihm hoch an. Nur zu gut war ihnen noch der Fall des Nürnberger Verlegers Johann Philipp Palm im Gedächtnis, der von den Franzosen füsiliert worden war - nur weil er eine Flugschrift vertrieben hatte, in der die »tiefe Erniedrigung« Deutschlands nach dem Zerfall des Alten Reichs beklagt wurde.

In der Tat, vom altehrwürdigen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation war nach langen Jahren Krieg gegen das revolutionäre Frankreich nichts mehr übriggeblieben. Die Uneinigkeit der deutschen

Fürsten, schwankende Interessen der europäischen Bündnispartner, gravierende Fehleinschätzungen und eine fatale militärische Rückständigkeit führten letztlich zur Niederlage der antifranzösischen Koalition. Dagegen ergriff jenseits des Rheins mit Napoleon ein charismatischer Herrscher die Macht, der nicht nur die innenpolitischen Querelen beseitigte, sondern auch kühne Kriegsstrategien entwarf; heute noch zählen sie zum Lehrstoff amerikanischer Militärakademien.

Da war es nur konsequent, dass der habsburgische Kaiser Franz II. im Sommer 1806 die Krone niederlegte - und das Reich für aufgelöst erklärte.

Preußen hatte sich seit 1795 aus den Koalitionskriegen vornehm herausgehalten, doch als es nach dem Untergang des Alten Reichs versuchte, im Bündnis mit Russland die Franzosen in die Knie zu zwingen, erlitt es eine verheerende Niederlage. In Tilsit diktierte Napoleon dem einst so mächtigen Militärstaat empfindliche Friedensbedingungen, auf 42 000 Mann wurde das stolze Heer zurückgeschnitten, vom Staatsgebiet die Hälfte amputiert. Nur die Fürsprache des russischen Zaren bewahrte Preußen vor der völligen Auflösung. Niemand schien dem »Weltgeist zu Pferde«, wie der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel den gebürtigen Korsen nannte, widerstehen zu können. Am 27. Oktober 1806 zog Napoleon durch das Brandenburger Tor in Berlin ein. Preußen war französisch besetzt.

Tausende von Schaulustigen beäugten das Spektakel mit einer Mischung aus Neugier, Furcht und Verwunderung. Man bestaunte die hochgewachsenen Garden, schauderte beim ungewohnten Anblick dunkelhäutiger Soldaten und fragte sich, wie die ein wenig abgerissen wirkenden Franzosen ein Heer hatten besiegen können, das einst als Inbegriff militärischer Zucht gegolten hatte. Die meisten waren gekommen, um den französischen Kaiser zu sehen, und nach anfänglicher Zurückhaltung jubelte man auch in Berlin dem mächtigsten Mann Europas zu.

Allmählich kehrte im besetzten Berlin der Alltag ein. Die Einwohner schimpften auf die unvermeidlichen Kosten, freuten sich, wenn die fremden Soldaten nicht benötigte Waren billig auf dem Markt verkauften, und sie kramten schon fast vergessene Französischkenntnisse hervor. Die Soldaten Napoleons bezogen in den Häusern der Berliner Quartier, und in einigen Salons der Stadt gingen französische Offiziere aus und ein.

Während sich die Kutscher und Handwerker, Wäscherinnen und Dienstmädchen mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren suchten, arbeitete man allerdings andernorts unter Hochdruck an ihrer Revision. Denn im Gegensatz zu jenem Teil der Bevölkerung, der vor allem mit dem täglichen Überleben beschäftigt war, empfanden Adel und Bildungsbürgertum die preußische Niederlage und die französische Besetzung als ungeheure Schmach. In dieser Situation glichen Fichtes kämpferische »Reden an die deutsche Nation« einer Sensation. Die gute Gesellschaft Berlins lag ihm zu Füßen.

Wenn Fichte unter dem Beifall des Publikums gegen den »ertödtenden Geist des Auslandes« wetterte und die Deutschen als ein von Freiheit beseeltes, germanisches »Urvolk« charakterisierte, knüpfte er damit an Überzeugungen an, die seinen Zuhörern geläufig waren. Seit die »Germania« des antiken Historikers Tacitus zum Kultbuch avanciert war, galten Freiheitssinn und Tapferkeit als typisch deutsche Eigenschaften. Und immer häufiger erschienen Dramen und Gedichte, die diese Überlieferung aufgriffen und dabei Frankreich an die Stelle Roms setzten. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wuchs die Distanz zum linksrheinischen Nachbarn im gleichen Maß, wie sich Dichter und Denker auf die eigene Nation besannen.

Das war nicht immer so gewesen, ganz im Gegenteil. Seit den Zeiten Ludwigs XIV. (1638 bis 1715) gab Frankreich in Europa den Ton an. Die Armeen des Sonnenkönigs waren gefürchtet, und durch gezielte Förderung von Kunst und Wissenschaft hatte der Monarch Paris zielstrebig zur Kulturhauptstadt Europas ausgebaut. An die zahlreichen deutschen Fürstenhöfe ließ man Baumeister aus der französischen Metropole kommen. Auf diese Weise war die

alteuropäische Adelskultur ganz französisch gestimmt. Das rächte sich, als die neue Schicht der Bildungsbürger die Vorherrschaft der Fürsten immer stärker in Frage stellte. Denn mit dem Adel geriet die Vorliebe für französische Kultur gleich mit in die Kritik. Und umgekehrt: Wer abschätzig von Frankreich sprach, war meist Gegner jener ausgeprägten Feudalherrschaft, für die Versailles zum Inbegriff geworden war.

Das alte Europa war eine Ständegesellschaft, die Rechte und Privilegien nach Herkunft und Geburt verteilte - was auf die Opposition jener wachsenden Schicht von Bürgern stieß, die sich durch Bildung, Beruf und Leistungswillen dem Adel gleichwertig, wenn nicht gar überlegen fühlten. Ihr Aufstiegswille geriet zunehmend in Konflikt mit den althergebrachten Hierarchien. Das war der Nährboden für einen Gesellschaftsentwurf, der langfristig die Vorherrschaft des Adels durch eine nationale Gemeinschaft gleichberechtigter Staatsbürger ablösen sollte.

Dass sie sich Konkurrenz um Macht und Einfluss heranzogen, hatten die Fürsten nicht geahnt, als sie ihre Herrschaft im Verlauf der frühen Neuzeit immer mehr auf gutausgebildete Beamte und Juristen, Theologen und Mediziner stützten. Ihre Kenntnisse erwarb die neue Funktionselite an einer der zahlreichen Landesuniversitäten, wie sie heute noch die deutsche Bildungslandschaft prägen. Um 1770 gab es in Deutschland fast doppelt so viele Hochschulen wie in England und Frankreich zusammen. Hier trafen sich die Sprösslinge verarmter und daher dem neuen Leistungsideal zugetaner Adliger mit Söhnen aus dem aufstiegsorientierten Bürgertum. So formte sich eine beständig wachsende Gruppe, für die gemeinsame Bildung, Kultur und Lebensweise wichtiger waren als Herkunft und Geburt.

Die Aufklärung rüttelte an alten Überzeugungen, konfessionelle Unterschiede, ja die Dogmen der Kirche überhaupt verloren an Bedeutung. Ganz wie es Immanuel Kant, der Königsberger Philosoph, propagierte: Die Menschen begannen, sich aus ihrer »selbstverschuldeten Unmündigkeit« zu befreien.

Wo einer dynamischen Gesellschaft alte Gewissheiten verlorengingen, entdeckten die Gebildeten die deutsche Sprache, Geschichte und Kultur als einigendes Band. Quer zu den Ständen der Feudalgesellschaft stehend, auf viele Einzelstaaten zerstreut, erfanden Dichter und Philosophen die deutsche Kulturnation.

Hatte man früher neidvoll nach Paris und zuletzt auch immer öfter nach London geblickt, wetterte man jetzt gegen den Zeitgeschmack, »der halb französisch und halb britisch ist«. Statt im Ausland nach Vorbildern zu suchen, setzte man auf die Ausbildung einer eigenständigen Nationalliteratur. In neuen Nationaltheatern fanden junge Dichter wie Friedrich Schiller ihre Bühne. Literatur und Sprache wurden zum Leitmotiv einer Nation auf der Suche nach sich selbst. Denn die Sprache, so hatte es der ungemein vielseitige Theologe, Dichter und Sprachphilosoph Johann Gottfried Herder gelehrt, war der tiefste

Ausdruck nationaler Wesensart, hier offenbarte sich jener »Nationalcharakter«, von dem um 1800 so oft die Rede war.

Angesteckt von der britischen Begeisterung für altenglische Dichtkunst, machte sich auch Herder auf die Suche nach der ursprünglichen deutschen Volkspoesie. Der Weimarer Theologe glaubte, jedes Volk habe in grauer Vorzeit eine kulturelle Einheit gebildet, die jedoch im lateinisch geprägten Mittelalter und durch die Anpassung an die französische Leitkultur verlorengegangen sei. Jetzt kam es für ihn darauf an, zu diesen Wurzeln zurückzukehren, um daraus neue Kraft zu schöpfen.

Für ihn, den humanistisch gesinnten Kulturphilosophen, leistete jedes Volk seinen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit, ebenso wie jede Nation Teil der göttlichen Ordnung war.

Herder und Wieland, Goethe und Schiller - der Weimarer Klassik ging es um die deutsche Kulturnation als Teil einer internationalen Völkergemeinschaft. Damit unterschied sie sich deutlich von dem »rasenden Odengeschnaube« und scharfen Frankreich-Hass der im »Göttinger Hain«

zusammengeschlossenen Jungpoeten, die schon mal das Werk kosmopolitischer Kollegen in Flammen aufgehen ließen.

Auch war Herder beileibe kein preußischer Patriot. Vielmehr hatte der Sohn eines ostpreußischen Küsters, dem zu Hause der Wehrdienst drohte, auf dem Weg zu einer Anstellung als Hilfslehrer in Riga »bei Überschreitung der preußischen Grenze vor Freude die Erde küssen mögen«. Mit der Macht des Adels konnte er, der jahrzehntelang in fürstlichen Diensten stand, sich schwer anfreunden. Noch als Vorsitzender der Weimarer Kirchenbehörde brachte er es zum Entsetzen seiner Tischnachbarn fertig, an der Tafel der Herzogin den fürstlichen Hof mit einen »Grindkopf« und die Hofleute mit Läusen zu vergleichen, die sich darauf tummelten.

Solch öffentliche Invektiven hörte man an den deutschen Adelshöfen eher selten. Die meisten Beamten hielten sich mit Opposition gegen ihre fürstlichen Arbeitgeber zurück. Stattdessen verstanden sie sich als Vaterlandsfreunde, Patrioten - ein Modebegriff, der sich trefflich dazu eignete, Mitspracherecht in öffentlichen Angelegenheiten einzufordern, ohne gleich die herrschende Gesellschaftsordnung umzustürzen. Denn ein Patriot sorgte sich weniger um das Fürstenhaus als um das Wohl des - einzelstaatlichen - Vaterlandes. Und daraus leitete er die Legitimation ab, Kritik zu üben, Reformvorschläge zu unterbreiten, kurz: sich in den fürstlichen Zuständigkeitsbereich der Politik einzumischen. Öffentliches Engagement im Namen der Vaterlandsliebe - das war der erste Schritt auf dem Weg zur Staatsbürgernation mit Mitwirkungsrechten für alle.

Ähnliche Entwicklungen vollzogen sich im 18. Jahrhundert auch mit Blick auf das Reich. Spätestens seit die beständigen Kriege zwischen Preußen und Österreich den Zusammenhalt gefährdeten, fühlten sich selbsternannte Reichspatrioten zu Vorschlägen für eine Reform der geltenden Verfassung herausgefordert. Ein letztes Mal bildete das Alte Reich Gegenstand erhitzter Debatten. Gleichzeitig stieß der Siebenjährige Krieg (1756 bis 1763) zwischen den beiden deutschen Großmächten eine Entwicklung an, die für die Zukunft richtungweisend werden sollte: die Nationalisierung der Feindschaft und die Koppelung von Vaterlandsliebe und Heldentod.

Deshalb kreidete die preußische Propaganda Österreich seine Allianz mit Frankreich und Russland an; wie gut diese nationale Karte stach, zeigte die Reaktion der Wiener Hofburg, die mit Verteidigungsschriften auf den Vorwurf der »Ausländerei« reagierte. Eine Großmacht, die ihre internationale Bündnispolitik rechtfertigte - das war neu. Ebenso neu wie die Medienoffensive, die den Siebenjährigen Krieg vor allem auf preußischer Seite begleitete: Flugschriften, Kriegspredigten, Soldatenlieder und Heldenepen appellierten an die patriotischen Impulse des Publikums. Tabakdosen mit Bildern und Aufschriften, Tücher, Stiche und Kalender fanden reißenden Absatz - Massenware, mit der Gesinnungspreußen ihrer Begeisterung für die vaterländische Sache Ausdruck verleihen konnten.

Sprachnationalismus und mythologische Spurensuche, Konjunktur des Deutschen und vaterländisches Heldentum, Hoffnungen auf das Reich und preußische Machtpolitik: Die Jahre vor der

Französischen Revolution erwiesen sich als ein Laboratorium ganz unterschiedlicher Vorstellungen von Volk, Nation und Vaterland. Reichspatrioten standen neben Universalnationalisten, Kosmopoliten neben Landespatrioten, germanophile Romantiker neben Sammlern der Volkskultur, die Kulturnation neben dem Heldentod. Welcher dieser Entwürfe den Sieg davontragen würde, war längst noch nicht ausgemacht, als die Nachricht von der Französischen Revolution Europa erschütterte.

Was den europäischen Adel für seine Zukunft fürchten ließ, begrüßte die deutsche Geisteselite von Hegel bis Schiller als Anbruch einer neuen Zeit. Etliche Revolutionstouristen schnürten eilends ihr Bündel, um Zeuge der unerhörten Ereignisse zu werden.

Die Zuhausegebliebenen pflegten ihre revolutionäre Gesinnung in Jakobinerclubs, entwarfen republikanische Verfassungen und mahnten politische Reformen an. Selbst auf dem Land wurde es unruhig, hatten sich die französischen Neuigkeiten doch bis in die Dörfer herumgesprochen.

Allzu lang hielt der Enthusiasmus jedoch nicht vor. Als der französische König 1793 als »Bürger Louis Capet« das Schafott bestieg und im Terror der innenpolitischen Machtkämpfe

die Köpfe rollten, ging ein Großteil der deutschen Gelehrtenwelt auf Distanz. Nach Ansicht deutscher Intellektueller hatte ein Umsturz der Gesellschaftsordnung friedlich und vor allem unblutig vor sich zu gehen. Dass sich enttäuschte Revolutionsanhänger als antifranzösische Propagandisten an vorderster Front der Gegenrevolution wiederfanden, war daher keine Seltenheit.

Gegenüber der unerhörten Provokation in seiner Mitte konnte der europäische Adel nicht untätig bleiben. Eine von Preußen und Österreich unterzeichnete Erklärung betonte das Interesse der Großmächte an der Wiederherstellung der französischen Monarchie. Auf die Drohung mit militärischer Intervention reagierte Paris prompt: Im Frühjahr 1792 erklärte Frankreich seinerseits den Krieg - ein Kampf um die Vorherrschaft in Europa, der den Kontinent fast ein Vierteljahrhundert in Atem hielt.

Im Gegensatz zu den Söldnern ihrer Gegner wussten die Franzosen, wofür sie kämpften: nicht nur für Nation und Vaterland, sondern auch für Menschenrechte, die Befreiung der Bauern von adliger Unterdrückung und die Gleichheit vor dem Gesetz. Das alles stand in der gerade verabschiedeten Verfassung; für den wohlhabenderen Teil der männlichen Bevölkerung sah sie sogar das Wahlrecht zur Nationalversammlung vor. Während man auf deutscher Seite schon den Heldentod fürs Vaterland forderte, bevor von politischen Rechten überhaupt die Rede war, hielten es die Franzosen umgekehrt: Auf der linken Rheinseite begründeten Staatsbürgerrechte die Verteidigung der politischen Gemeinschaft.

Und tatsächlich: Ihr Ziel vor Augen, reihte die französische Armee bald Sieg an Sieg. »Krieg den Palästen, Friede den Hütten« hieß ihr Motto, das Revolutionsfreunde und Adelsgegner aus vielen Ländern elektrisierte. Jetzt wurde klar, welche Macht von einem zur Nation gewordenen Volk ausgehen kann. Holland, Belgien, Italien, schließlich die Schweiz: Innerhalb weniger Jahre war Frankreich von einem Gürtel an Pufferstaaten und Tochterrepubliken umgeben.

Das Alte Reich hatte dem französischen Revolutionselan nichts entgegenzusetzen. 1794 besetzten französische Truppen das linke Rheinufer. Im Jahr darauf zog sich Preußen aus dem Krieg zurück. Noch bestand das Reich - auf dem Papier. In Wirklichkeit war es schon jetzt in verschiedene Einflusszonen mit ganz unterschiedlichen politischen Schicksalen zerfallen: in einen schrumpfenden österreichischen Machtbereich im Süden; in Preußens norddeutsche Sphäre; in die zahlreichen Mittelstaaten, die sich immer mehr an Frankreich orientierten; und in das nach Frankreich eingegliederte Rheinland. »Deutschland - aber wo liegt es?« Im Zeitalter zwischen Französischer Revolution 1789 und Wiener Kongress 1815 war die Antwort auf Schillers Frage so ungewiss wie nie zuvor.

Um den befürchteten Einfall der französischen Armee abzuwehren, riefen kleine und große Fürsten im deutschen Süden ihre Einwohner zum Landsturm auf. Jetzt sprach man viel von Nation und Vaterland, auch wenn damit nicht Deutschland, sondern der jeweilige Einzelstaat gemeint war.

Die vaterländische Rhetorik machte aus Bauern jedoch keine Nationalhelden. Die Landbevölkerung war nicht gewillt, für die Volksbewaffnungspläne ihrer Fürsten den Kopf hinzuhalten. Außerdem verband ein Teil der Dorfbewohner mit dem Einmarsch französischer Truppen große Hoffnungen. »Die Armen ... freuen sich sehr auf die Franzosen«, notierte Philipp Jakob Herbst, Pfarrer in Steinen unweit der Schweizer Grenze, »sie erwarten eine gänzliche Umänderung der Welt und meinen, die Armen bekämen jetzt große Bauernhöfe, und die Reichen würden ihre Tagelöhner.«

Nur zu schnell jedoch sahen sich die umsturzhungrigen Untertanen in ihren Erwartungen getäuscht. Die französische Republik war außerstande, die aufgebotenen Massenheere aus eigener Kraft zu unterhalten. Die Soldaten lebten überwiegend aus und von dem Land, durch das sie zogen - ebenso wie andere Armeen, die in immer wieder neuen Kriegen auf Versorgung durch die Einwohnerschaft zählten.

Als sich die bedrängten süddeutschen Fürsten immer mehr Frankreich annäherten und 1806 in der Rheinbundakte ihren Pakt mit Napoleon besiegelten, atmeten die Bewohner der Krisengebiete daher erst einmal auf - durften sie im Bündnis mit Europas stärkster Militärmacht doch jetzt auf einige ruhige Jahre hoffen.

Preußen am Boden, das Reich verschwunden, Österreich aus dem Spiel, die Rheinbundländer verbündet mit Napoleon: Das Jahr 1806 markierte einen tiefgreifenden Wendepunkt. In Preußen, wo französische Okkupationstruppen die Eintreibung phantastischer Tributzahlungen erzwingen sollten, war an Widerstand vorerst nicht zu denken. Stattdessen schickte sich zunächst Österreich an, im Kampf gegen das napoleonische Imperium die Führungsrolle zu übernehmen.

Als Napoleon Truppen in das aufständische Spanien verlegte, schien der Zeitpunkt zum Losschlagen gekommen. Nach dem Beispiel der Iberischen Halbinsel, wo revoltierende Bauern im Verbund mit Adel und Klerus einen Guerillakrieg gegen Napoleons Bruder Joseph führten, wollte man von Wien aus auch in Deutschland eine Erhebung lostreten. Die gewünschte Resonanz blieb freilich aus. Kein Sturm nationaler Entrüstung erhob sich, nur die Tiroler sehnten sich zurück unter die Fittiche des habsburgischen Doppeladlers.

In Berlin zog man unterdessen Lehren aus dem preußischen Zusammenbruch. Die Minister Karl vom Stein und Karl August

von Hardenberg hegten hochfliegende Pläne. Sie entwarfen ein umfassendes Reformprogramm, das die Verwaltung effizienter, die Wirtschaft leistungsfähiger und das Militär schlagkräftiger machen sollte. Ziel war, Preußen zu stärken und wieder in die Riege der Großmächte einzureihen. Dabei erwiesen sich die Reformer als gelehrige Schüler der Französischen Revolution: Um die schlummernden Kräfte der Bevölkerung zu wecken, wollten

sie »demokratische Grundsätze in einer monarchischen Regierung« verwirklichen.

Heimlich zirkulierten antifranzösische Schriften. Als Steins brieflich geäußerte Aufstandspläne abgefangen wurden, erklärte Napoleon ihn zum Staatsfeind. Der Minister floh an den Zarenhof. Die französische Aufsicht konnte jedoch nicht verhindern, dass Berlins patriotische Elite sich in der Deutschen Tischgesellschaft traf, die Frauen, Juden und Franzosen gleichermaßen ausschloss und durch antisemitische Ausfälle von sich reden machte.

Der Untergang der Großen Armee in Russland 1812 gab schließlich das Signal zum Umsturz. 600 000 Soldaten aus 20 Ländern waren mit Napoleon ausgezogen, an die 100 000 kamen zurück. Unter dem Druck seiner Generäle - sie hatten sogar die Absetzung Friedrich Wilhelms III. erwogen - rief der zögernde Preußenkönig im Frühjahr 1813 schließlich zum Volkskrieg gegen die Franzosen auf.

Was nun losbrach, haben Generationen nationalistischer Historiker zum Gründungsmythos der deutschen Nation verklärt, auch wenn sich die »deutsche Erhebung« im Wesentlichen auf Preußen beschränkte. Hier nämlich schickten sich mehr als 500 Publizisten an, mit unzähligen Schriften und Pamphleten den Wehrwillen zu heben. Dass man anders als im Siebenjährigen Krieg nicht nur einige zehntausend Soldaten, sondern die ganze Bevölkerung mobilisieren wollte, steigerte die Intensität der Kriegspropaganda.

Carl von Clausewitz ernannte Freiheit und Ehre zu den höchsten Gütern eines Volkes und beschrieb im Vorgriff auf seine berühmte Abhandlung »Vom Kriege« den Volkskrieg als totalen Krieg, der nicht nur das Engagement von Soldaten, sondern auch die Mithilfe der gesamten Gesellschaft erheischte. Ein preußischer Generalstabsoffizier verfasste eine »Apologie des Krieges«. Er beschrieb den Krieg als »Wohltat«, glaubte er doch, dass »gemeinschaftliche Noth und Thränen« wie kein anderes Mittel den Staat zusammenhielten.

Hier kündigte sich jene Staatsvergötterung an, die so oft in der deutschen Geschichte

anzutreffen war: Ohne die Bereitschaft, »das einzelne Glied dem Ganzen zu opfern«, sei »überhaupt der Staat nicht zu denken«.

Während Militärs den totalen Krieg verherrlichten, suchten die Dichter nach des Deutschen Vaterland. Man fand es in einem »Alldeutschland« ohne Schlagbäume, geeint durch sprachliche Homogenität und den Hass auf den französischen Nachbarn - überall dort also, wo »die deutsche Zunge klingt« und »jeder Franzmann heißet Feind«. Entsprechend rief Freiherr vom Stein zum Kreuzzug gegen die »unreine ... und unzüchtige französische Rasse« auf; und der antisemitische Historiker Friedrich Rühs - er wollte Juden wegen mangelnder Ehrhaftigkeit vom Wehrdienst ausschließen - prägte das böse Wort vom französischen »Erbfeind«.

Antisemitismus, Frankophobie und Nationalismus gingen in den antinapoleonischen Kriegen - prägend für die weitere deutsche Geschichte - eine enge Verbindung ein.

Gleichzeitig kursierten Verfassungspläne. Im Schutz der Anonymität forderten zahlreiche Autoren, den Freiheitskampf nun auch im Innern fortzusetzen. Die Abschaffung der Monarchie verwarfen sie als undeutsch; man wollte sich nicht gegen Staat und Fürsten, sondern mit ihnen emanzipieren. In diesem Rahmen aber artikulierte eine wachsende Zahl von Flugschriften und Broschüren bereits jetzt jene liberalen Kernforderungen, die im 19. Jahrhundert immer wieder auf der Tagesordnung standen: einen Verbund der Einzelstaaten mit einer einheitlichen Rechtsordnung, die Teilung der politischen Gewalten und den Erlass einer Verfassung, die das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit garantierte, schließlich die Einrichtung einer Volksvertretung, durch die, wie es 1813 die meisten Pläne vorsahen, wohlhabende und gebildete Männer deutscher Herkunft und christlicher Konfession Einfluss auf die fürstliche Politik nehmen konnten.

Der Krieg gegen Napoleon entwickelte so einen eigentümlichen Doppelcharakter: Er war Befreiungskrieg gegen die französische Hegemonie und Freiheitskrieg für die politische Emanzipation des Bürgertums zugleich. Das erklärt, warum sich im weiteren Verlauf der Geschichte ganz unterschiedliche Gruppen auf seine Tradition berufen konnten. Seine religiöse Überhöhung zum »heiligen Krieg« machte ihn für all jene Bevölkerungsschichten anschlussfähig, die das nationale Paradigma noch nicht verinnerlicht hatten. Und schließlich durften Kriegshelden nicht fehlen: nicht nur Heerführer und gekrönte Häupter wie ehedem, sondern erstmals auch Studenten und junge Männer, die sich in Freiwilligeneinheiten wie den Lützower Jägern sammelten.

Angesteckt von männlichem Heldenmut, zogen sogar einige »Heldenjungfrauen« als Rekruten verkleidet mit den preußischen Einheiten ins Feld. In der Regel beschränkten sich Frauen jedoch aufs Spendensammeln. Selbst Dienstmädchen legten ihr Scherflein auf dem »Altar des Vaterlandes« nieder. 6,5 Millionen Taler kamen so in Preußen zusammen. Auch bei der Verwundetenpflege waren Frauen unentbehrlich, denn die schlecht ausgestatteten Lazarette waren der Masse der Verletzten nicht gewachsen.

Ob Spendensammlung oder freiwilliger Kriegseinsatz: Der patriotische Eifer in Preußen stand und fiel mit der Nähe zu Berlin und der langjährigen Zugehörigkeit zur preußischen Monarchie. Vom gebildeten Bürgertum abgesehen, bewegte weniger nationale Gesinnung als Anhänglichkeit an die Dynastie die Menschen zum Handeln. Die Behauptung vom Durchbruch des deutschen Nationalismus in den »Befreiungskriegen« ist ebenso eine Legende wie die Vorstellung, dass allein die akademische Jugend die Freiwilligeneinheiten bevölkerte. Weitaus häufiger meldeten sich Handwerker und Bauern zum

Einsatz, die sich nach einem Ende der beständigen Kriegslasten sehnten. Jenseits aller Propaganda war es die Erfahrung ökonomischer Ausbeutung und militärischer Belastung, die viele Menschen in das antinapoleonische Lager trieb.

Das galt auch für die anderen deutschen Staaten, die sich im Herbst 1813 nach und nach der antifranzösischen Koalition anschlossen. Auch hier stellte sich Begeisterung für die deutsche Sache keineswegs flächendeckend ein. Sie blieb Angelegenheit der Studenten und Bildungsbürger in den Städten oder äußerte sich in protestantischen Regionen mit traditioneller Nähe zur preußischen Monarchie.

Zudem brachten die »Befreiungskriege« den Menschen nicht die erhoffte Erleichterung, sondern größere Belastungen als je zuvor. Erneut wurden Süddeutschland und die Gegenden am Rhein zum Aufmarschplatz. Die Alliierten hoben mehr Soldaten aus als selbst Napoleon. In den Augen derjenigen, die sie führen mussten, unterschieden sich die Kriege mit und gegen Frankreich kaum. Manche Zeitgenossen erwähnten in ihren Tagebüchern nicht einmal den Wechsel an die Seite der Alliierten, von nationalen Idealen ganz zu schweigen. Schon Goethe bestritt daher, dass es überhaupt eine gemeinsame Erhebung des deutschen Volkes gegeben habe. »Erhebt sich, wer gewaltsam aufgestöbert wird? Wir sprechen nicht von den Tausenden gebildeter Jünglinge und Männer, wir sprechen von der Menge, den Millionen.«

Wie wenig der Nationalgedanke außerhalb der Bildungsschichten noch in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts Fuß gefasst hatte, lässt die Begegnung des wandernden Gesellen Johann Eberhard Dewald mit national gesinnten Freiburger Studenten ahnen. Sosehr die »Herren Studenten« sich bemühten, ihm mit »wahrem Eifer« von »deutscher Freiheit« und einem »einzigen Deutschland« zu predigen - dem Handwerksburschen dröhnten nur die Ohren. 20 Jahre nach dem Ende der »Befreiungskriege« wusste er immer noch »nit, worauf das hinaussollte«.

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Deutsche Verhältnisse

Europa befindet sich im Umbruch. Neue, bürgerliche Funktionseliten steigen auf und stellen die Herrschaft des Adels in Frage.

Etwa 20 000 Menschen beteiligen sich nach Schätzungen des Berliner Aufklärers Friedrich Nicolai am Diskurs über das Selbstverständnis der Deutschen.

In Mannheim wird das Nationaltheater eröffnet. Der Gebrauch der deutschen Sprache gilt als politischer Akt: Er ist gegen das Französische gerichtet.

Die Französische Revolution beginnt. Auch im Reich kommt es zu Unruhen, die aber isoliert bleiben. Das deutsche Bürgertum ist zu schwach, der Gegensatz zwischen Adel und Bauern nicht so ausgeprägt wie in Frankreich.

Das französische Revolutionsheer zwingt eine österreichisch-preußische Interventionsarmee zum Rückzug. 1794 besetzt Frankreich das westliche Rheinufer.

Preußen schließt in Basel einen Sonderfrieden mit Frankreich. Es stimmt zu, wie zwei Jahre später auch Österreich, die linksrheinischen Gebiete abzutreten.

General Napoleon Bonaparte gelangt durch einen Staatsstreich an die Macht. Fünf Jahre später krönt er sich zum Kaiser der Franzosen.

Die von der Abtretung der linksrheinischen Gebiete betroffenen Fürsten werden durch den Reichsdeputationshauptschluss entschädigt, das Reich wird neu organisiert: Fast alle geistlichen Fürsten verlieren ihr Territorium. Kleinere weltliche Fürstentümer und die meisten Reichsstädte büßen ihre Selbständigkeit ein.

16 deutsche Fürsten verlassen den Reichsverband und gründen den »Rheinbund«. Am 6. August legt Kaiser Franz II. die Krone nieder - das Heilige Römische Reich existiert nicht mehr.

Preußen - im Vorjahr bei Jena und Auerstedt von Napoleon vernichtend geschlagen - verliert im Frieden von Tilsit die Hälfte seines Staatsgebiets. Das Land erneuert sich durch die Preußischen Reformen: Bauernbefreiung, Selbstverwaltung der Städte, neuorganisiertes Bildungswesen.

Österreich führt erneut Krieg gegen Napoleon und setzt auf eine nationale Erhebung. Doch nur in Tirol und Norddeutschland kommt es zu Aufständen.

Der Hauslehrer Friedrich Ludwig Jahn errichtet in Berlin den ersten Turnplatz. Die Turnerschaft wird zu einem frühen Kristallisationspunkt der deutschen Nationalbewegung.

Napoleon zieht mit 600 000 Soldaten, darunter über 150 000 Deutschen, nach Russland. Ein Großteil von ihnen überlebt den Feldzug nicht.

Die Verbündeten Preußen, Russland, Österreich siegen über Napoleons Truppen in der »Völkerschlacht« bei Leipzig. Die Befreiungskriege werden in Deutschland bald als »Volkskrieg« verklärt.

* Gemälde von Charles Meynier, 1810. * Szene aus dem Film »Marie Antoinette« von Sofia Coppola (2006) mit Kirsten Dunst (l.) als Königin Marie Antoinette. * Links: Gemälde von Gerhard von Kügelgen, 1799; rechts: Kupferstich von Georg Daniel Heumann, 1747. * Revolutionsgeneral Marie Joseph Marquis de Lafayette zwischen Darstellungen der Vernunft (l.) und der Gleichheit (r.). * Holzstich nach Woldemar Friedrich, um 1880. * Gemälde »Gallia schützt Bavaria« von Marianne Kürzinger, 1805.

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