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SCHWEIZ Weltkrieg '85

Der dritte Weltkrieg, meinen Schweizer Planstrategen, bricht in Griechenland aus. Athen reagierte böse. *
aus DER SPIEGEL 51/1984

Das Szenario war ebenso schreckenerregend wie weltumspannend.

In Griechenland fälscht - wer täte so was wohl sonst? - die linke Regierung im Oktober 1985 die Wahlen. Das läßt sich die Rechte nicht gefallen und tut, was sie tatsächlich schon mal tat: sie putscht.

Die Linken lassen sich aber nicht, wie anno 67, einfach von der Macht vertreiben. Sie rufen die lieben Russen zu Hilfe. Und die marschieren flugs von Norden her beim eben ausgetretenen Nato-Mitglied Griechenland ein.

So stellte sich der Divisionär Gustav Däniker, Stabschef Operative Schulung des eidgenössischen Milizheeres und früher in der Werbebranche tätig, den Ausbruch des dritten Weltkriegs vor. Dies aber nicht für ein Schreckenskabarett, vielmehr als ernsthafte Vorgabe für eine »Gesamtverteidigungsübung« im November, an der 12 000 Schweizer Soldaten und Zivilisten teilnahmen und im Rahmen dieses Szenariums Bahnhöfe besetzten, Zivilschutzbunker füllten und das Berner Bundeshaus mit Stacheldraht umzäunten.

Und so geht's weiter rund im Däniker-Schocker: Nato-Nachbar Türkei sperrt die Meerenge der Dardanellen, landet auf den Griecheninseln Limnos und Rhodos, kassiert auch gleich noch den griechischen Teil Zyperns. Die Sowjets nutzen den Wirrwarr zum Einfall bei den Türken.

Zehntausende Griechen fliehen übers Meer nach Italien. Rom reicht die Masse der Flüchtlinge in die Bundesrepublik, nach Frankreich und Holland weiter.

In Spanien übernimmt das Militär die Macht. Washington schürt Konflikte in Mittelamerika und Afrika, Moskau bedroht Pakistan. Österreich, wie anders, biedert sich bei den Russen an, auf Schweden ist ohnehin kein Verlaß.

Ganz schlimm ergeht es dadurch der neutralen Schweiz. Die soll, bei aller Überfremdung, nun auch noch Griechen aufnehmen und mit dem Westen marschieren; sie wird von den Amerikanern mit »gewissen Maßnahmen« bedroht, falls sie ihre »sture, von den Ereignissen überholte Haltung nicht aufgebe«. Zugleich aber dräut Gefahr aus dem Osten für den Fall, daß die Eidgenossen »ihre Neutralität nicht endlich glaubwürdig gestalten«.

Da bricht »Verwirrung« aus bei den Älplern. Die öffentliche Meinung ist »zerstritten«. Es kommt zu »Ausschreitungen«. Zwar ist der Geist bei der teilmobilisierten Truppe »zufriedenstellend«, doch »häufen sich publizistische Angriffe auf die Armee«, besonders in der »welschen Presse«, und »Verweigerungen nehmen zu«.

Nirgendwo herrscht mehr Zucht. Gastarbeiter versuchen Freunde ins Land zu schmuggeln, die Justiz kommt mit Verhaften und Verurteilen nicht mehr nach, alles ist »widersprüchlich«.

Damit's noch richtig spannend wird, besetzt Frankreich Teile der Schweiz als Aufmarschgebiet gegen die Sowjet-Union und wirft zwei Atombomben aufs Alpenland. 40 000 Eidgenossen sterben.

Da schweizerische Manöversoldaten bei Truppenübungen »mit überraschenden Einfällen und perfiden, schmutzigen Tricks denken, planen und handeln sollen«, wäre der Schwachsinn wohl niemandem aufgefallen, wenn nicht, wieder mal ein Fall von Landesverrat, die linke Zürcher »Wochenzeitung« die Schauermär veröffentlicht und die Athener satirische Wochenzeitung »Pontiki« (Maus) den Schweizer Käse wiedergekäut hätte.

So geriet die Alpen-Saga jäh zu hochpolitischem Ärger. Die linke Athener Regierung verlangte vom eidgenössischen Botschafter Charles Steinhäuslin Aufklärung darüber, ob dies denn wohl die offizielle Meinung der Berner Regierung widerspiegelt. Moskaus Staatsagentur Tass wähnte hinter Dänikers Hirngespinsten »System« - psychologischen Druck auf Griechenlands sozialistische Regierung, »Washingtons abenteuerlichem militaristischen Kurs zu folgen«.

Diplomat Steinhäuslin nannte das Däniker-Gruselstück ein »Versehen«, dem »keinerlei Bedeutung« beizumessen sei. Die eidgenössische Regierung habe die Planvorlage gar nicht gekannt.

Der sozialdemokratische Abgeordnete Hansjörg Braunschweig fragte im Nationalrat nach, welche Rolle in dem Konflikts-Szenario wohl etwa »Ausländer, Flüchtlinge, Gewerkschafter, Umweltschützer, Frauen, Jugendliche, Alternative, Intellektuelle« gespielt hätten und warum ein Atombombeneinsatz angenommen worden sei, obwohl von »offizieller Schweizer Seite« die Auffassung vertreten werde, ein atomarer Krieg sei »immer weniger wahrscheinlich«.

Überhaupt nicht geniert durch die Posse aber zeigten sich die eidgenössischen Militärs, die seit 170 Jahren immer nur Krieg spielen dürfen und dies daher offenbar lustvoll tun. Däniker im Fernsehen: »Zur strategisch-operativen Schulung ... müssen künstliche Lagen geschaffen werden, die Potentiale und Doktrinen fremder Mächte ins Spiel bringen, mit denen wir in einem Ernstfall unter Umständen zu rechnen hätten. Sie müssen nicht vor allem wahrscheinlich

oder neutral sein, sondern bedrohungsgerecht. Aber sie müssen auf dieser obersten Ebene, um richtig üben zu können, gleichwohl konkret sein.«

Und damit sie richtig in Übung bleiben, knüpfen sich die eidgenössischen Landesverteidiger gleich einen konkreten Feind an der Heimatfront vor. Das Militärdepartement strengte gegen die »Wochenzeitung« ein »gerichtspolizeiliches Verfahren« an. Militärrichter Schaad, im Zivilberuf Bankdirektor, ließ den Journalisten Urs Frieden, Autor des Manöverberichts, verhaften. Denn das Drehbuch für den Weltenbrand 1985 aus schweizerischer Kasernen-Perspektive war als »vertraulich« klassifiziert.

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