Zur Ausgabe
Artikel 36 / 62

Weltmacht Öl

aus DER SPIEGEL 1/1974

4. Fortsetzung

Die Leute im Westen sollen sich daran gewöhnen, ihre Zimmertemperaturen herunterzustellen und Pullover anzuziehen.« Der dieses erzieherische Wort sprach, war nicht etwa ein westlicher Wohlstandsschmäher. sondern der Algerier Abd el-Rahman Khene. Generalsekretär des Ölexportkartells Opec.

Noch wenige Jahre zuvor hätte ein Araber nicht riskiert, sich gegenüber einem westlichen Land als Verhaltenskritiker aufzuspielen. Denn bis vor kurzem noch waren arabische Länder eher Wirtschaftskolonien als souveräne Staaten: Bis gegen Ende der sechziger Jahre hatte fast ausschließlich die Preis- und Mengenstrategie der internationalen Ölgesellschaften. nicht die Wirtschafts- und Finanzpolitik der einheimischen Regierungen die Höhe der Staatseinnahmen und damit das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung in den Ölexportländern bestimmt.

Heute entscheiden die einstigen Öl-Marionetten mit jedem Beschluß über gekürzte Liefermengen und erhöhte Preise nicht allein über die eigene wirtschaftliche Zukunft, sondern zugleich auch darüber, wer in Westeuropa, Japan und den Vereinigten Staaten zu Fuß zu gehen und zu frieren hat, ob im Westen Wirtschaftswachstum oder Arbeitslosigkeit das Angemessene wäre. Noch vor kurzem als ein machtloser Haufen reaktionärer oder radikaler. korrupter und unfähiger. untereinander heillos zerstrittener Monarchen und Revoluzzer abgetan. die niemals den gemeinsamen Griff zur Ölboykott-Waffe finden würden, sind Arabiens Führer nun gesuchte Gesprächs- und Verhandlungspartner der westlichen Diplomaten. In der Meinung der Weltöffentlichkeit rückte Saudi-Arabiens König Feisal, Herr über fünf bis acht Millionen meist schreib- und leseunkundiger Wüstenbewohner und zugleich über die größten Ölreserven der Welt, vom pittoresken Beduinenfürsten zum drittmächtigsten Mann der Erde nach Nixon und Breschnew auf.

Der Wandel in den Beziehungen zwischen den Ölkonzernen und den Verbraucherländern einerseits und den ölproduzierenden Staaten andererseits deutet auf eine so rasche und dramatische Machtverschiebung, wie sie kaum jemals zuvor die Wirtschaftsblöcke im Industriezeitalter erschüttert hatte. »Die Winde des Wechsels für die Ölindustrie, die sich während der Jahrzehnte seit 1950 geregt haben«, kommentierte vor rund zwei Jahren bereits der New Yorker Erdöl-Experte Walter J. Levy diese Entwicklung, »sind nun zu Hurrikan-Proportionen angeschwollen.«

Den Wirbelsturm »hatten die Ölländer in Nahost auf der Konferenz von Teheran im Januar 1971 entfacht. In den damaligen Verhandlungen über höhere Ölabgaben saßen sich erstmals die Vertrete r aller großen Mineralöl-Konzerne und die Ölminister der Welt in jeweils geschlossener Front am Konferenztisch gegenüber.

Nach wochenlangem Widerstand der Konzernmanager gegen drastisch erhöhte Rohölpreise setzten die Araber ihren Verhandlungspartnern ein Ultimatum: Falls bis Mitte Februar 1971 keine Einigung zustande komme, werde ein Lieferboykott gegen die Firmen verhängt.

Noch vor Ablauf der Frist krochen die Repräsentanten der mächtigsten Erdölkonzerne der Welt zu Kreuze: Sie akzeptierten die Forderungen der Minister. Mit diesem Sieg wurden sieh die in der Opec zusammengeschlossenen Förderländer, die auf über 70 Prozent der bekannten Welt-Erdöl-Reserven sitzen, ihrer Monopolmacht zum ersten Mal voll bewußt. »Der Geist« entwich nun »aus der Flasche«, entsetzte sich Morris A. Adelman, Wirtschaftsprofessor am Massachusetts Institute of Technology.

Nach Ansicht Adelmans trug allerdings Amerikas Außenministerium zur Kapitulation der Konzerne entscheidend bei. Denn John Irwin. Vize-Außenminister der USA. war während der Ölkonferenz zum Schah von Persien gereist, um ihm zu erklären, welch großen Schaden ein Embargo in Europa und Japan anrichten würde.

»Man kann sich wohl kaum eine wirksamere Anregung zu extremer Aktion vorstellen«, kritisierte Adelman die Politik des State Department, »als zu hören, daß dies dem Gegner großen Schaden zufügen würde.« Unmittelbar nach Irwins Audienz beim Schah drohte dieser denn auch den Konzernen erstmals mit einem Ölboykott.

Hätten die USA und die anderen großen Verbraucherländer sich damals entschlossen, die Opec-Forderungen zurückzuweisen, wäre das Kartell, so Adelman, gleich bei der ersten großen Machtprobe zerbrochen. Als Kronzeugen für diese von vielen Opec-Beobachtern unterstützte These zitierte Adelman den Schah.

»Wenn die Ölförderländer auch nur die kleinste Niederlage erleiden«, erklärte der Herrscher des Iran auf einer Pressekonferenz während der Verhandlungen in Teheran, »werden für die Opec die Totenglocken läuten, und die Länder werden dann nie mehr den Mut zu gemeinsamem Handeln haben.«

Enteignung der Konzerne: Teufelskreis von Bagdad.

Nach dem Sieg von Teheran aber gewannen die Regierungen der Ölländer nun Runde um Runde im weiteren Kampf gegen die amerikanischen und westeuropäischen Ölgiganten.

So verstaatlichte Algeriens Staatschef Houari Boumedienne im Februar 1971 51 Prozent der französischen Ölanlagen in seinem Lande. Die Franzosen. die sich durch hohe Investitionen in ihrer ehemaligen nordafrikanischen Kolonie eine unabhängige Energieversorgung hatten sichern wollen, versuchten vergebens, Boumedienne unter diplomatischen Druck zu setzen.

Schon im Juni 1971 erkannte die Pariser Regierung die Enteignungen an. Die weitere Entwicklung der algerischen Mineralölwirtschaft verlief dann so erfolgreich, daß Boumediennes Ölpolitik inzwischen als Musterfall einer geglückten Dekolonialisierung arabischen Erdöls gift.

Der nächste Schlag gegen westliche Ölunternehmen folgte im Dezember 1971. Ober die britische Regierung verärgert, die seiner Meinung nach die Besetzung dreier Inselchen im Persischen Golf durch den Iran zugelassen hatte. enteignete der libysche Staatschef Muammar el-Gaddafi die Konzession der Londoner BP im libyschen Ölfeld Sarir. Zur Erinnerung an diese Tat nannte der Libyer, dessen Land über 2000 Kilometer vom Golf entfernt ist. die nationale Ölfirma, die fortan die Sarir-Anlagen betrieb, »Arabische Golf-Explorations-Gesellschaft«.

Wenig später, Anfang Juni 1972, nationalisierte auch der Irak: Nach jahrelangem Streit mit der weitaus wichtigsten Konzessionsgesellschaft im Lande, der Iraq Petroleum Company (IPC). kassierte Bagdads Regime den gesamten irakischen Besitz der Londoner Firma.

»Wir befanden uns in einem Teufelskreis«, begründete Abd el-Amir el-Anbari vom Bagdader Ölministerium den Enteignungs-Akt, »wir mußten nationalisieren, weil die IPC die Ölproduktion nicht mit der gewünschten Rate steigerte, und die IPC-Leute hatten nicht investiert, weil sie Angst vor der Nationalisierung hatten.«

Durch die Vertreibung der IPC erlitt der relativ schwache Irak zwar zunächst einen schweren finanzieLlen Rückschlag: Bagdad mußte auf Waren-Importe fast vollständig verzichten und die Gehälter der öffentlich Bediensteten um rund zehn Prozent kürzen, weil IPC den Verkauf verstaatlichten Öls in den Westen zum großen Teil abbiocken konnte und so der Devisenstrom abriß.

Aber die Front der IPC-Aktionäre gegen den Irak war nicht geschlossen. Der französische IPC-Teilhaber, Compagnie Française des Petroles (CFP), bezog weiterhin Öl aus dem Irak. Und nach Vermittlung der Franzosen fügten sich auch die übrigen IPC-Aktionäre BP, Royal Dutch/Shell, Exxon und Mobil Oil gegen eine Entschädigung von 15 Millionen Tonnen Rohöl Ende Februar 1973 in die Enteignung.

Ölkonzerne verschwinden aus dem Iran.

Im Gegensatz zu den Diktatoren schien den konservativen Ölmonarchen am Golf jedoch eine Enteignung von Konzessionen und Förderanlagen der fremden Konzerne vorerst noch zu riskant. Als Ersatz oder Vorstufe für eine völlige Übernahme der ausländischen Konzessionsgesellschaften handelte Saudi-Arabiens Ölminister Scheich Ahmed Saki el-Jamani, ein in Harvard trainierter Jurist, den Ölkonzernen im Dezember 1972 zunächst ein Beteiligungsabkommen ab.

Danach verpflichteten sich die Ölunternehmen gegenüber fünf Förderländern am Golf, diese mit einer stufenweise steigenden Quote an den Konzessionsgesellschaften zu beteiligen (Eingangsstufe 1973: 25 Prozent, Endstufe 1982: 51 Prozent). Da die Regierungen ihren Förderanteil nun auf dem freien Markt verkaufen oder den Ölkonzernen zu einem hohen Rückkaufpreis überlassen konnten, erhöhten sie mit dem Beteiligungspakt zugleich ihre Öleinnahmen.

Schon bei der Ratifikation des Beteiligungsverfahrens im kuweitischen Parlament aber geriet das Abkommen unter Beschuß. Die Abgeordneten verweigerten ihre Zustimmung zu dem Vertrag, weil sie die Anfangsquote von 25 Prozent für zu niedrig und die Entschädigungssumme für zu hoch hielten.

Gegenwärtig verhandelt die Regierung Kuweits mit den Vertretern von BP und Gulf Oil, den Aktionären der Konzessionsgesellschaft Kuwait Oil Company (KOC), über eine staatliche Majoritätsbeteiligung von voraussichtlich 60 Prozent an der KOC -- und niemand zweifelt daran, daß sich die Regierung gegen die Konzerne durchsetzen wird.

Auch der saudiarabische Ölminister Jamani, der noch vor einem Jahr das Beteiligungswerk als so dauerhaft wie eine »katholische Ehe gepriesen hatte, sinnt nun auf Scheidung und auf ein »neues System«, das zwischen Beteiligung und Nationalisierung liegt.

Den Weg zu einem solchen System wies der Perser-Schah. Er setzte das seit 1954 in seinem Lande operierende Förderkonsortium Iranian Oil Participants (IOP) im Januar 1973 so unter Druck, daß die IOP -- gegen das Versprechen des Schahs, den Aktionären 20 Jahre lang garantierte Mengen Rohöl zu liefern -- es vorzog, aus dem Iran zu verschwinden. Am persischen Neujahrstag, dem 21. März, übernahm die staatliche iranische Ölgesellschaft die gesamte Ölförderung des Landes.

Wegen mangelnden libyschen Knowhows in der Fördertechnik schreckte dagegen Libyens Staatschef Gaddafi. der seine Abneigung gegen die ausländischen Ölkonzerne nie verhehlte, bislang noch vor einer vollen Verstaatlichung der Ölindustrie zurück.

Als die Ölkonzerne sich weigerten, Gaddafis Forderung nach einer 50-Prozent-Teilhaberschaft zu erfüllen, enteignete er Anfang September 1973 aber 51 Prozent aller Konzessionen -- darunter auch den Konzessionsanteil der Essener Gelsenberg AG, die als einzige deutsche Gesellschaft über ihr libysches Förderrecht direkten Zugang zu arabischen Ölquellen besaß.

Bereits wenige Wochen nach der Verstaatlichung schlossen die kleineren Konzessionäre wie Gelsenberg zum Ärger der angelsächsischen Großkonzerne durch Anerkennung der Aktion ihren Separatfrieden mit dem Libyer ab.

Scheichs werden von Öldollars überrollt.

Im Laufe von knapp drei Jahren hatten somit die Ölländer durch Enteignungen und Beteiligungs-Forderungen die jahrzehntelange Herrschaft der multinationalen Ölgiganten über die Ölquellen in Nahost und Nordafrika gebrochen.

In wenigen Jahren, so schätzen westliche und arabische Ölexperten, werden die ausländischen Konzessionsgesellschaften aus den wichtigsten arabischen Ölländern völlig verschwunden sein. Die Rolle der Ölkonzerne in Nahost wird sich dann allein darauf beschränken, als Käufer von Rohöl staatlicher Gesellschaften aufzutreten und im Auftrag der Ölländer bislang noch unentdeckte Ölblasen zu erschließen.

Mit der Wachablösung an den Fördertürmen schossen die Einnahmen der Ölländer steil empor: Die Abgaben der Ölgesellschaften an die Opec-Länder, die 1970 erst 7,65 Milliarden Dollar betragen hatten, stiegen im Jahre 1971 -- dem Jahr der Teheraner Preiskonferenz -- auf 11,84 Milliarden Dollar.

1972 kassierten die Opec-Regierungen 14,3 Milliarden Dollar, und 1973 mußten die Ölkonzerne über 20 Milliarden Dollar an ihre Gastländer zahlen. Zudem verdienten die ölländer noch am freien Verkauf »des Öls, das ihnen die Konzessionsgesellschaften laut Beteiligungs-Abkommen als staatliche Förderquote überlassen mußten.

Durch größere Fördermengen und höhere Rohölpreise schwoll vor allem der Devisenstrom in die Kasse des größten Ölexporteurs der Erde, des Saudi-Königs Feisal, zur Flut. Der Monarch, der 1970 erst 1,214 Milliarden Dollar ölgelder eingenommen hatte. sackte zwei Jahre später mit 2,734 Milliarden Dollar bereits weit mehr als das Doppelte ein. Trotz gedrosselter Produktion im vierten Quartal kassierte er im Jahre 1973 schätzungsweise 6 Milliarden Öldollar,

Auch Persiens Schah Resa Pahlevi langte kräftig hin. Die Öleinnahmen seines Staates. des zweitgrößen Ölexportlandes der Welt, jagten von 1,1 Milliarden Dollar im Jahre 1970 auf 3,6 Milliarden Dollar 1973 hoch. Nach zwei drastischen Preiserhöhungen VOn Mitte Oktober und Ende Dezember werden die persischen Öleinnahmen für das laufende Jahr sogar auf rund 14 Milliarden Dollar geschätzt.

Während aber der Schah die Devisen-Milliarden in Rüstungskäufe und ehrgeizige Industrialisierungsprojekte steckte, wurden die dünnbesiedelten und unterentwickelten Ölmonarchien Arabiens von den öldollars geradezu überrollt.

trotz beachtlicher Investitionen in die Infrastruktur des zum Teil noch mittelalterlich anmutenden Wüstenstaates gelang es beispielsweise den Entwicklungsstrategen Saudi-Arabiens in den Vergangenen Etatjahren nicht, mehr als zwei Drittel der im Budget bereitgestellten Mittel auch tatsächlich auszugeben.

Wüste, geringe Bevölkerungszahl. Analphabetentum und Angst vor Überfremdung setzten dem Tempo Grenzen. mit dem die eingenommenen Dollar sinnvoll im Lande selbst investiert werden konnten. So türmten sich denn bereits 1972 die Devisenreserven der sau-

* Sadat (Ägypten), Boumedienne (Algerien), Assad (Syrien), Feisal (Saudi-Arabien) auf der arabischen Gipfelkonferenz Ende November in Algier.

diarabischen Währungsbehörde Monat für Monat um weitere 85 Millionen Dollar auf (offizielle Reserven gegenwärtig: über vier Milliarden Dollar).

Araber blockieren westliche Förderpläne.

Die New Yorker Chemical Bank errechnete schon vor dem letzten Preisschub der Opec-Länder. daß 1980 auf den Devisenkonten der Ölstaaten des Nahen Ostens etwa 175 Milliarden Dollar lagern werden genügend Spielgeld. um das westliche Währungssystem jederzeit durch gezielte Spekulation aus dem Lot zu bringen oder um ganze Industriezweige an europäischen oder amerikanischen Börsen aufzukaufen.

Das Internationale Institut für Strategische Studien in London prophezeite. daß die arabischen Erdölstaaten spätestens in den achtziger Jahren »die Gläubiger der gesamten Welt« sein würden. Und Top-Erdölberater Levy erklärte: »Sie (die Araber) verwandeln ein flüssiges unterirdisches Fort Knox in ein festes oberirdisches Fort Knox:«

Doch Währungsverluste durch Dollar- und Pfundabwertung sowie die immer schnellere Inflation verdarben den Scheichs schon bald den Spaß an immer rascher wachsenden Devisenschätzen. Sie erkannten, daß im Zuge rasch steigender Ölpreise ihre flüssige Bank unter dem Wüstensand mehr Zinsen bringt, als New Yorker, Londoner oder Zürcher Depots bei der Anlage von überschüssigem Ölgeld bieten.

Deshalb beschlossen die Feudalherren vom Golf. nur noch so viel Öl zu fördern, wie sie zur Finanzierung der eigenen Entwicklungsprogramme brauchen. So zögerten die arabischen Ölfürsten schon geraume Zeit vor dem vierten Nahostkrieg, den zunehmenden Produktionsforderungen der Ölkonzerne nachzugehen und die Ölförderung ihrer Länder noch länger nur am Bedarf der energiehungrigen Europäer. Amerikaner und Japaner auszurichten.

Zudem exerzierte Libyens Oberst Gaddafi den Ölscheichs vor, daß trotz gedrosselter Produktion die Öleinnahmen wegen höherer Preise weiter steigen: Gaddafi senkte die libysche Förderung von 159,2 Millionen Tonnen im Jahre 1970 auf 105 Millionen Tonnen im Jahre 1972. Die Öleinnahmen stiegen derweil von 1,3 Milliarden Dollar auf 2,34 Milliarden Dollar.

Das Fürstentum Kuweit. das bereits Rücklagen für die Zeit nach der Ausbeutung seiner riesigen Ölwannen bildet, fror 1972 »die Ölproduktion auf einem Förderniveau von 150 Millionen Tonnen pro Jahr ein. Die Saudis, die 1972 noch »die Welt geradezu mit Öl überschwemmen« (Ölminister Jamani) wollten, blockten bereits Monate vor dem jüngsten Krieg den Plan der US-Gesellschaft Aramco ab, die Produktion bis 1980 um jährlich 14 Prozent auf eine Milliarde Tonnen zu steigern.

Ölverschwender USA wurde verwundbar.

»Die Logik erfordert, daß unsere Ölproduktion nicht die Grenzen überschreitet«, erläuterte König Feisal seine neue Ölstrategie, »über die hinaus unsere Wirtschaft die Einnahmen nicht mehr absorbieren kann.«

Darüber hinaus mengte Saudi-Herrscher Feisal. der sich bis dahin stets geweigert hatte, Öl als politische Waffe gegen Israel und seine Sympathisanten einzusetzen, im Frühjahr 1973 seinem

* Oben: Mittagessen bei König Feisal, bei dem nach Beduinenart auch ungeladene Gäste bewirtet werden Unten: Straße in Riad.

Öl erstmals einen kräftigen Schuß Politik bei. Er ließ seinen Ölminister im April in den USA offiziell erklären, Saudi-Arabien werde die wirtschaftliche Kooperation mit dem Westen nur dann fortsetzen, wenn die US-Regierung Israel zum Rückzug aus den 1967 eroberten Gebieten zwingen werde.

Doch weder Amerikaner noch Europäer hahmen die Warnungen des Wüstenkönigs ernst. Sie vertrauten darauf. Feisals unerschütterlicher Antikommunismus werde ihn weiterhin auf der Seite des Westens halten.

Der Ausbruch des jüngsten Nahostkrieges aber gab den Arabern Gelegenheit, die ölhungrigen Industriestaaten abrupt auf strenge Energie-Diät zu setzen. Zusammen mit den kleinen Scheichtümern am Golf sowie den nordafrikanischen Öllieferanten Algerien und Libyen verhängte die Öl-Supermacht Saudi-Arabien einen totalen Boykott gegen die USA und die Niederlande und drosselte auch ihre Lieferungen an die übrige Kundschaft.

Mit ihrem Bremsprogramm warfen die Araber nicht allein die extrem importabhängigen Ölschlucker Japan und Westeuropa aus der lebenswichtigen Ölbalance. Die arabische Ölwaffe traf auch einen Gegner, der noch vor wenigen Jahren als unverwundbar gegolten hatte -- die Vereinigten Staaten, Israels wichtigsten Sympathisanten.

Denn die USA, die mit einer Förderung von durchschnittlich elf Millionen Barrel pro Tag mehr als jeder andere Staat der Erde

produzieren (Saudi-Arabien vor dem Boykott: 83 Millionen Barrel pro Tag), bezogen zwar Ende Juni 1973 erst 5,44 Prozent Öl aus arabischen Quellen. Aber jede Tonne. die nun die Araber weniger lieferten, vergrößerte das Öldefizit, in das die USA durch eine falsche Energiepolitik schon vor dem Nahostkrieg geraten waren.

Seit 1959 hatten. die US-Regierungen die heimischen Ölproduzenten durch niedrige Importquoten vor der Konkurrenz billigeren ausländischen Öls geschützt. Durch geringe Mineralölsteuern und niedrige staatlich fixierte Erdgaspreise hatten Washingtons Energiepolitiker zudem einen maßlosen Energiekonsum provoziert.

So verbrauchen die Amerikaner, die rund 6 Prozent der Weltbevölkerung stellen, über 30 Prozent der gesamten Energie und über die Hälfte des Benzins in der Welt. Vor allem im Straßenverkehr vergeudet die größte Autofahrer-Nation der Welt verschwenderisch viel Kraft.

Ein amerikanischer Straßenkreuzer etwa rollt bei einem Verbrauch von zehn Litern Benzin im Durchschnitt 57 Kilometer -- ein europäisches Modell fährt mit der gleichen Menge Kraftstoff fast doppelt so weit. Nur ein Zehntel des verbrauchten Benzins wird dabei in Antriebsenergie übertragen.

Auch in der Industrie setzen die Amerikaner Energie weniger effektiv als die Europäer ein, So benötigt die europäische Industrie für den gleichen Arbeitsvorgang 10 bis 20 Prozent weniger Energie als die US-Industrie.

Amerikas Öl- und Gasreserven schrumpften auf einen Vorrat, der nur noch für zehn bis elf Jahre reicht. Eilig hob Präsident Nixon im April 1973 die Importbeschränkungen für Rohöl auf.

Doch die längst fällige Maßnahme stieß nun ins Leere. Denn inzwischen fehlten die Raffinerien, um verstärkte Rohöl-Importe zu dem dringend benötigten Benzin und Heizöl zu verarbeiten: Jahrelang hatten die Ölkonzerne ihre Raffinerie-Kapazitäten in den USA trotz eines jährlich um 4,5 Prozent steigenden Bedarfs nur um 3,5 bis 4,0 Prozent ausgebaut. Schließlich wurde keine einzige US-Raffinerie mehr gebaut -- teils wegen massiver Proteste der Umweltschützer, teils wegen Steuervergünstigungen, die zum Bau von Raffinerien in der Karibik verlockten.

Nach lokalen Schwierigkeiten mit der Heizöl-Versorgung im vergangenen Winter klaffte daher in den Sommermonaten eine Benzinlücke von etwa drei bis fünf Prozent des Normalbedarfs auf. Tausende von unabhängigen Tankstellen mußten schließen. Auf der Jagd nach Öl-Fertigprodukten fegten US-Importeure die Auslandsmärkte leer und trieben vor allem auf dem europäischen Ölbazar Rotterdam die Preise hoch.

Weltmacht Öl am Ende?

Hätten die Araber bis zum Sommer 1973 noch am raschen Erfolg eines Ölembargos zweifeln können, so gab ihnen die offensichtliche US-Versorgungskrise die Gewißheit. daß eine Ölblockade alle Industriestaaten empfindlich treffen würde. Als die arabischen Führer dann ihren Boykott beschlossen, saßen die Industrieländer in der Falle: Die in Amerika, England und Holland residierenden Manager der großen Ölkonzerne konnten eine Versorgungsgarantie nicht mehr geben.

Die Ölkonzerne, mächtigste Unternehmensgruppen der Geschichte, Finanz-Imperien über und zwischen den Nationalstaaten, waren an der arabischen Front an die Grenzen ihrer Kraft gestoßen. Doch Embargo oder nicht, die Weltmacht des Öls hat ihren Höhepunkt in diesem Jahrzehnt erreicht, wenn nicht schon überschritten.

Zwar stimmt es, daß die Industrieländer in Ost und West für die nächsten zehn, fünfzehn Jahre vor allem auf das Mineralöl als Energieträger angewiesen sind. Richtig ist auch, daß im kommenden Jahrzehnt trotz der gegenwärtigen Produktionseinschränkungen mehr Öl auf der Welt verbraucht wird als zu irgendeiner Zeit zuvor, und es ist ebenfalls wahr, daß neben den wirtschaftlichen zunehmend auch die politischen Kräfteströme dem Ölstrom folgen. Aber längst ist Futurologen und Energietechnokraten, Konzernplanern und Konjunkturstrategen klar geworden, daß Öl auf Dauer das Wirtschaftswachstum der Industrieländer nicht schmieren kann, daß angesichts des hektisch steigenden Energiebedarfs andere Quellen erschlossen werden müssen.

Amerikas Bevölkerung verbraucht heute je Person sechsmal soviel Energie wie die Bevölkerung außerhalb der USA. Würde die restliche Menschheit -- ungefähr 3,5 Milliarden Erdbewohner -- den Konsum-Standard der Amerikaner von heute erreichen, bedeutete das eine Verfünffachung des Welt-Energiebedarfs. Würde er -- wie heute -- zu etwa 50 Prozent aus Öl gedeckt, wären die gesicherten Ölreserven in sieben Jahren ausgebeutet.

Schwarzseher rechnen sich für die Zeit in hundert Jahren gar eine Verdreihundertfachung des gegenwärtigen Energiebedarfs aus, falls Amerikas Konsum sich in gewohnten Raten erhöht, falls die Weltbevölkerung sich auf 18 Milliarden Menschen erweitert und falls alle 18 Milliarden dann den gleichen Lebensstandard erreicht haben wie Amerikas Bürger.

Wie auch immer: Es ist ziemlich ausgeschlossen, daß Mineralöl jemals in später Zukunft wieder eine so überragende Bedeutung für die Entwicklung neuer Zivilisationen erreichen wird wie in den vergangenen sieben Jahrzehnten.

Grenzen werden der Macht des Öls außer von den ausbeutbaren Reserven auch von der Belastbarkeit der Umwelt gesetzt. In den dicht besiedelten Industriezentren verfilzen sich schon heute Verkehrschaos, Industrieballung und allgemeine Verschmutzung von Land, Meer, Luft und Flüssen in einem solchen Problemknäuel, daß kaum sichtbar wird, auf welche Art eine auf Öl gebaute Industriewirtschaft noch wachsen könnte -- allein von den Kosten der Umweltreparatur könnte das Wirtschaftswachstum wieder aufgezehrt werden.

Um die ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Grenzen zu durchstoßen, die der Ölzeit gesetzt sind, suchen Techniker, Wissenschaftler und Ökonomen bereits seit mindestens zehn Jahren nach Energieformen, die das Öl ersetzen könnten. Ihre weitgespannten Hoffnungen richteten sich dabei vor allem auf die Atom-Energie.

In drei technologischen Stufen versprachen die Atomphysiker Anfang der sechziger Jahre, alle künftigen Energieprobleme glatt zu lösen. Stufe eins sollten Atomreaktoren des heute gebräuchlichen »herkömmlichen« Typs sein. Von 1980 an sollte -- Stufe zwei -- dann der Zukunftstyp des schnellen Brüters wirtschaftlich arbeiten und zwei Jahrzehnte später der alles lösende Fusionsreaktor -- die visionäre Technik der gezähmten Wasserstoffbombe.

Aber die Nuklear-Strategie blieb hängen: Die herkömmlichen Reaktoren verbrauchen zuviel Uran, die schnellen Brüter brachten unvermutete Kühlprobleme, und die Kernfusion rückte erst einmal in weite Ferne. Die hierzu erforderlichen Temperaturen konnten im Laboratorium bislang nur über ein Fünfzigstel der nötigen Zeit hinweg erreicht werden.

Das schon für die frühen achtziger Jahre -- das geplante Einsatzdatum der schnellen Brüter -- angepeilte Ende der Ölzeit verschiebt sich um mindestens ein Jahrzehnt -- wahrscheinlich um mehr.

Der Irrtum der Atom-Techniker verstärkte die Ölschwäche der Industrieländer: Für die Zeit von 1970 bis 1980. so hatte vor drei Jahren David Barran, damaliger Chef der Royal Dutch/Shell-Gruppe und gelernter Historiker. verkündet, werde nun soviel Öl benötigt wie in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor.

Da soviel Öl auf die Schnelle nur ein Gebiet der Weit liefern konnte -- der Nahe Osten nämlich -, wurde der gesamte Westen plötzlich abhängiger vom Araber-Öl, als selbst die Manager der Ölkonzerne es vorausgesehen hatten: Japan zu 80, Westeuropa zu 70 und die USA zu 5 Prozent.

Skeptiker fürchten noch Schlimmeres: Falls die Sowjet-Union aus Sibirien künftig nicht mehr Öl herausholen kann als jetzt, wird auch sie auf die Quellen am Persischen. Golf zurückgreifen müssen, für zusätzliche Knappheit am Ölmarkt und neue Preisschübe sorgen.

Schon seit über drei Jahren suchen deshalb die »Sieben Schwestern« der Ölindustrie nach Quellen außerhalb Arabiens. Runde 400 Milliarden Dollar hat die Welt-Ölindustrie bis 1985 für die Aufschließung neuer Ölvorkommen veranschlagt. Aber bis 1985 auch wird es dauern, daß Öl aus solchen Quellen reichlich fließt.

100 Millionen Dollar für eine neue Quelle.

Größer als je zuvor wird der technische und finanzielle Aufwand der Ölbohrerei sein. Denn die Konzerne gehen von der Wüste in die Arktis und vom Land ins Meer. Nicht mehr als 100 000 Dollar kostete eine erfolgreiche Bohrung im Sand des Nahen Ostens und im Geröll des Wilden Westen von Amerika. Bohrungen in Alaska oder Nordkanada aber, aus deren Tundren der Frost nie schwindet, kosten etwa das Fünfzigfache.

Die arktischen Gebiete, unter denen Geologen noch riesige Läger vermuten, sind allein von der Luft her erreichbar, jede Bohrstation muß vom Hubschrauber aus auf- und wieder abgebaut werden. Hochbezahlte Spezialtrupps -- Mischung aus Abenteurern und verkrachten Existenzen -- schuften 15 Stunden täglich in Eis und Schnee und setzen sich nach jeweils zwei Wochen dann für sechs Tage per Flugzeug in zivilisierte Gegenden ab. Wochenlohn der Petroleros: 700 Dollar.

Fünf bis sieben Millionen Dollar müssen die Ölunternehmen für einen Bohrversuch im Eis, aber auch vor den Küsten des Golfs von Mexiko oder in der Nordsee ausgeben. Doch nur jede fünfzehnte Bohrung wird fündig. Gesamtkosten für eine neue Ölquelle: rund hundert Millionen Dollar, der Preis für zwei Supertanker von 250 000 Tonnen.

Mit solchem Aufwand könnten die Konzerne den Westen bis 1985 durch neue Ölfunde wieder halbwegs unabhängig von den arabischen Boykottländern machen. Sobald die USA in fünf Jahren ihre Rohöl-Pipeline von Alaska in die Verbraucherzentren Amerikas gebaut hat, kommt ein Fünftel des US-Öls aus dem polaren Grenzland. Ein weiteres Fünftel können die Amerikaner aus den Wassern des Golfs von Mexiko holen -- und schließlich können sie den Ölbohrer auch in das kalifornische Schelfgebiet setzen, das sie wegen der Proteste von Umweltschützern bislang meiden mußten.

Im US-Nachbarland Kanada, im südamerikanischen Peru und in Ecuador taten sich inzwischen Ölquellen auf. deren Ausbeutung die Selbstversorgung des amerikanischen Kontinents auf längere Sicht sichern könnte. Europa dagegen wäre dann keineswegs gegen arabische Pressionen gefeit.

Die schwachen Chancen der Europäer liegen gegenwärtig allein in der Existenz von zwei weltweit operierenden Ölkonzernen -- Shell und BP -- und in der Nordsee. Schon 1980 können die überraschend großen Nordsee- Reserven so weit aufbereitet sein, daß Großbritannien und die skandinavischen Länder ihren gesamten Bedarf daraus decken könnten.

Die Macht der nahöstlichen Öl-Scheichs wird auch vom Fernen Osten her eingeengt, was »die ölängstlichen Japaner freudig begrüßen: Vor Indonesien, Thailand und China liegen bislang kaum ausgebeutete Schätze, und unter dem Riesenreich Maos sollen angeblich ähnlich große Ölreserven liegen wie im Nahen Osten.

Doch jede Gesundrechnung dieser Art setzt voraus, was seit Jahrzehnten nicht mehr eingeplant war: den weitgehenden Verzicht auf Energie- Mehrverbrauch -- also auf schnelles industrielles Wachstum.

Um sich aus dem Dilemma zu lösen. visieren die Konzerne der Ölindustrie inzwischen noch weit schwierigere Ziele an. Die US-Gesellschaft Sun Oil, in Europa kaum bekannt, sicherte sich die Mehrheit an der kanadischen Great Canadian Oil Sands Ltd., die am Athabasca-River über große Vorkommen fast freiliegender schwarzer und ölhaltiger Teersände verfügt. Und auch die Branchenriesen Exxon und Shell haben sich in schwarze Sände eingekauft -- freilich in tieferen Erdlagen.

Bislang betrieben die Ölgesellschaften das Geschäft der Trennung von Sand und Öl nur halbherzig: Nur durch Tagebau gewonnenes Teersand-Öl konnte zu wettbewerbsfähigen Preisen angeboten werden.

Seit die Araber den Ölpreis aber seit Mitte Oktober fast vervierfacht haben, arbeiten die Teersand-Ausbeuter von Athabasca rentabel. Und allein Kanadas Reserven an Teersand-Öl sind ebenso groß wie die gesamten Öl-Vorkommen des Nahen Ostens. Um sie im großen Stil auszubeuten, müßten die Amerikaner und Kanadier etwa hundert Bergbaubetriebe zu einer Investitionssumme von jeweils etwa einer Milliarde Dollar hinstellen.

Solche Investitionen könnten schneller als geplant näher rücken. Noch im Oktober 1973 schätzte zwar der Sun-Oil-Konzern, erst 1985 könnten sich die tieferliegenden Sände für die Ausbeutung lohnen, weil sie gegenwärtig noch doppelt so teuer wie Öl vom Weltmarkt seien -- acht Dollar je Barrel.

Doch für 17 Dollar je Barrel gingen -- obwohl der offizielle Verkaufspreis zu jener Zeit noch bei 3,65 Dollar lag (heute: rund 7 Dollar) -- Mitte Dezember von den Persern versteigerte Spitzenmengen an Rohöl weg. Auf solch einer Preisbasis wird nahezu jede Art der Ölproduktion in die Bereiche der Rentabilität geschoben.

So etwa die Verflüssigung von Kohle, einst von Hitlers Kriegswirtschaft erzwungen, in Südafrika mit Billigstkohle weiterentwickelt, sonst in der Welt aber allenfalls im Experimentierstadium: Hydrierbenzin war bislang noch doppelt bis zweieinhalbmal so teuer wie Ölbenzin (ohne Steuern) -- in Deutschland 35 bis 45 Pfennig je Liter. Aber die Kostendifferenz schrumpfte durch die neuesten Ölpreisbeschlüsse der Förderstaaten.

Auch die vermutlich teuerste Art der Ölgewinnung, die Destillation aus Ölschiefer, könnte bald die Rentabilitäts-Schwelle erreichen: Amerikas Rocky Mountains bergen so viele ölige Schieferformationen, daß allein daraus der Welt-Erdöl-Bedarf fünfzig Jahre lang zu decken wäre.

Industrienationen werden zu Schuldnern der neuen Herren.

Dies alles sind zwar noch weitgehend Visionen. Doch je knapper und teurer Scheichs, Könige und Revolutionsgenerale aus dem Nahen Osten ihren Stoff halten werden, desto schroffer wird sich die bislang in Industrie- und Entwicklungsländer gegliederte Welt noch einmal neu aufteilen: in Öl-Selbstversorger und -Habenichtse.

Unter den Öl-Habenichtsen sind die Industrieländer Japan und Westeuropa immer noch vergleichsweise gut dran, weil sie sich gegenüber den Ölexporteuren als Know-how-Mächte behaupten können. Böse Zeiten dagegen stehen Öl-Habenichtsen unter den Entwicklungsländern ins Haus -- so etwa Indien. Sie werden vom erhöhten Ölpreis dermaßen hart getroffen, daß industrielle Entwicklungsmaßnahmen fraglich werden, weil die Devisen fehlen, um das teure Öl zu bezahlen. Klagte Bonns Entwicklungsminister Eppler: »Die Araber schaden den kein Öl besitzenden Staaten der Dritten Welt mehr als den Industrieländern.«

Westliche Technologie-Monopolisten

stehen nahöstlichen Öl-Monopolen mithin als gleichgewichtige Kontrahenten gegenüber. Der dritte Stand aber, die Entwicklungsländer ohne Öl und Technologie, sind auf die Gnade beider Blöcke angewiesen. Die Dreiteilung der Welt in zwei Starke und einen Schwachen wurde fast über Nacht zu einem neuen politischen Faktor.

Den Habenichtsen erwächst daraus vermutlich kein Vorteil. Denn viel zu sehr sind Öl- und Industrieländer jetzt damit beschäftigt, die Tatsachen zu ordnen, die Ende vergangenen Jahres von den arabischen Ölstaaten für wohl lange Jahre geschaffen worden sind. Unübersehbar nämlich sind die Folgen der neuen Opec-Politik gedrosselter Mengen und vervielfachter Preise.

Rund fünfzig Milliarden Dollar, so rechneten Fachleute aus, werden die Industrienationen 1974 zusätzlich an die Opec-Länder zahlen, um bei den seit Herbst fast vervierfachten Preisen das notwendige Öl zu bekommen. Rund 50 Milliarden Dollar, ein kompletter westdeutscher Bundeshaushalt, fließen jetzt zusätzlich von westlichen auf nahöstliche Konten und verändern die Kräfte am internationalen Finanzmarkt abrupt.

Die Finanzherren der westlichen Welt, die großen Industrienationen, werden zu Schuldnern der neuen Herrscher, der

Opec-Regierungen. Doch ob sich dies alles für die Ölländer zum Segen auswirken wird, wissen sie selbst noch nicht recht: Sie wollen sich daher schon bald mit Abgesandten der Verbraucherländer auf einer gemeinsamen Konferenz treffen, um die Folgen ihres Tuns für die Volkswirtschaften des Westens zu ergründen, deren Lieferanten sie auch im kommenden Jahrzehnt noch sein wollen.

Nach dem Raubbau nun das Diktat der Araber.

Was immer von Ölmagnaten jeder Couleur gespielt worden ist -- es hatte stets den Ruch des Gewaltsamen, der Bereicherung einzelner Personen, Gruppen oder Nationen.

Erst waren es die Rockefellers und Deterdings, dann die Riesen-Konzerne des Ölgeschäfts, die »Sieben Schwestern«, die durch Öl Macht und Milliarden gewannen. Dann bereicherten sich sogar ganze Kontinente, die großen Industrienationen des Westens, am Raubbau billigen Araber-Öls. Nun aber sind es die Araber selber, die schnell und rücksichtslos das große Geld mit dem Öl machen wollen.

Das Diktat aus dem Morgenland, das dem Wachstumsrausch der Europäer ein jähes Ende setzte, ist der einstweilen letzte Streich in der Folge von Gewalttätigkeiten mit der Waffe Öl. Ende

Zur Ausgabe
Artikel 36 / 62
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.