Zur Ausgabe
Artikel 34 / 69

Weltmacht Öl

Westeuropa drohen Monate einer schweren Energie-Krise. Nordamerika muß seine Wachstums-Pläne bescheidener halten, und Japan bangt um seine industrielle Kraft. Zum ersten Male ist eine Zivilisation nicht durch Schießkrieg, sondern durch Wirtschaftskrieg bedroht. Die arabische Ölpolitik hat das feinnervige Energie-Versorgungssystem des Westens schockartig gestört. Der SPIEGEL beschreibt Gestalt und Geschichte der Weltmacht Öl.
aus DER SPIEGEL 50/1973

Seit sieben Wochen tun Westeuropas Bürger so, ais stehe der dritte Weltkrieg vor der Tür.

Vom 17. Oktober bis Ende voriger Woche tankten deutsche Autofahrer 20 Prozent mehr Benzin als saisonüblich und füllten sie feuergefährlich in privaten Benzinspeichern ab: allein im November 150 000 Tonnen.

30 Prozent mehr Heizöl als normal verschwanden -- oft in Partien von nur 200 Litern -- in den Erd- und Kellertanks der deutschen Privathaushalte: ein Hort von 16 Millionen Tonnen leichten Heizöls -- genug, um bis zum nächsten März voll durchzuheizen.

In firmeneigenen Tankstationen versteckte das westdeutsche Straßenverkehrsgewerbe bislang unbekannte Mengen Dieselöl und läßt seine Lastzüge seither an Straßentankstellen auffüllen.

Die Hamstermoral der Wohlstandsbürger -- ausgebrochen pünktlich am 17. Oktober, als Arabiens Potentaten Europa, Japan und Amerika die Ölzufuhr drosselten -- brachte Regierungen in Verlegenheit, Konzerne in Verruf. Markte durcheinander und driftete die Preise steil in die Höhe.

Um 400 Prozent -- von 12 auf 60 Pfennig je Liter -- rauschte bei Westdeutschlands freien Brennstotthändlern der sonst so günstige Preis konzernfreier Rotterdamer Importware nach oben.

Um 50 Prozent -- von 65 Pfennig auf rund eine Mark -- erhöhten freie Tankstellen, die Ware am Rotterdamer Ölbasar zukaufen mußten, den Abgabepreis von Dieselöl. Und um 20 Pfennig kletterte bei ihnen der Preis für Superbenzin.

Zum ersten Male, seit Ludwig Erhard vor 25 Jahren das Ende der Bewirtschaftung und die ungebremste Liberalität der Marktwirtschaft verkündete, erlebte die Bundesrepublik, was ihre Nachkriegs-Erwachsenen nie gekannt hatten: gespaltene Märkte, begrenzte Kontingente und Zapfsäulen mit der Aufschrift: »Bitte nur zehn Liter tanken.«

Unvermittelt und ungewollt gerät eine Weltmacht in den Blick des Bürgers, die es bislang stets vorgezogen hatte, stumm und unauffällig zwischen den Staaten zu arbeiten: die große Internationale des Ölgeschafts.

Seit Anfang des Jahrhunderts beherrschen private Riesen-Unternehmen mit der Finanzkraft von mittleren Staatshaushalten das weltumspannende Ölgeschäft. Leise und nach außen unaufdringlich regieren die Top-Leute der sogenannten »sieben Schwestern« -- der Konzerne Exxon (früher: Standard Oil of New Jersey), Royal Dutch Shell, Texaco, Standard Oil of California, Mobil Oil, Gulf Oil und British Petroleum (BP), vom Bohrloch bis zur Selbstbedienungs-Tanksäule souverän das Geschehen am Markt.

Die öl-Magnaten in den amerikanischen, britischen und holländischen Konzern-Hauptquartieren lenken das am feinsten gesponnene Netz multinationaler Wirtschaftsverflechtung, das es je gegeben hat. Ihr Einfluß reicht bis in die letzten Dörfer der westlichen Welt. Sie disponieren über ein Fünftel der Weithandelsflotte und haben ein weiteres Fünftel unter fester Charter.

Die Internationale der sieben Schwestern bohrt am Äquator und in der Arktis, im Wüstensand und im Meeresschelf nach Öl. Rund tausend Milliarden Dollar will sie in den nächsten zwölf Jahren flottmachen, um die Ölversorgung des Westens zu sichern. Denn ihre Versorgungsgarantie ist gefallen, seit das öl aus der Wüste nur noch spärlich fließt.

Im westdeutschen Fernsehen beschworen Experten und Regierungsbeamte das Volk eilfertig zum Maßhalten. Minister Hans Friderichs wiegelte die Gefahren der Zukunft wechselseitig auf und ab, Konkurrenzminister Helmut Schmidt beschwor die Blut- und Tränenrede des weiland britischen Premierministers Sir Winston Churchill.

In Konzernen und Kontoren. in Bonn und Brüssel, bei Ministern und Managern trafen Krisenstäbe zusammen, die sich abwechselnd beruhigten oder hysterisierten und die jeweilige Stimmungslage anschließend vor den TV-Kameras verbreiteten.

Zwischen SPD- und FDP-Ministern quoll bislang mühsam unterdrückter Grundsatzstreit um liberale oder geplante Wirtschaftspolitik empor. »Die Leute dürfen nicht das Gefühl haben«, maulte SPD-Matador Hans-Jochen Vogel den zögernden Ordo-Liberalen Hans Friderichs an, »wer 60 Pfennig fürs Heizöl zahlen kann, der kriegt was. die anderen nicht.« Die Vogel-Gruppe in der SPD verlangt deshalb Höchstpreise für Heizöl, und Linksaußen Wolfgang Roth forderte gar die Verstaatlichung der Mineralöl-Konzerne.

Durch die angenehm gewärmte Wohlstandswelt der Deutschen war der Schirocco aus dem Wüstenland gefahren. Um fünf Prozent jeden Monat, so lauteten die Beschlüsse der Erdölkonferenz von Kuweit am 17. Oktober, wollten die arabischen Ölländer die Förderung aus ihren Quellen kürzen.

Da die USA und die Niederlande vom totalen Boykott getroffen wurden. da außerdem die Zufuhr aus anderen Ölländern wie Nigeria, Venezuela und [ran unverändert fließt, werden die europäischen Staaten, mithin auch die Bundesrepublik Deutschland, mit 15 bis 20 Prozent weniger Öl bedacht, als für 1973/74 programmiert war -- zwölf Prozent weniger als vergangenes Jahr. freilich kaum einen Tropfen weniger als 1970.

Wenn die Fehlmenge steigt, werden harte Maßnahmen nötig.

Keinen Augenblick früher als in der letzten Novemberwoche erst schlug der Araber-Boykott auf die europäischen Märkte durch. Erst Ende November verkürzten sich für die Chemie-Industrie die Leichtbenzin-Zufuhren aus den Rotterdamer petrochemischen Anlagen um 15 Prozent. Erst Anfang Dezember mußten von Rotterdam abhängige Raffinerien ihre bislang mit Vollkapazität gefahrenen Anlagen um 20 bis 30 Prozent drosseln. Die Shell-Anlagen in Rotterdam wurden um 20 Prozent, die BP- um 25, die Exxon- um 40 und die Gulf-Oil-Raffinerien um 45 Prozent heruntergefahren --

Während schon Sonntagsfahrverbote und Tempo 100 den europäischen Autofahrer so belästigten, daß die Fahrzeugindustrie des Westens sich vor einer schweren Absatzkrise sieht, waren die Tanklager in ganz Europa noch prall gefüllt: 25 Millionen Tonnen öl lagern allein in den Tanks der deutschen Mineralölindustrie, Pflichtvorräte freilich eingeschlossen.

Jetzt, vom Dezember 1973 an, fehlen monatlich 1,5 Millionen Tonnen Rohöl und knapp eine halbe Million Tonnen Produkten-Importe in Deutschland. Erst jetzt legen an den Kopfstationen des europäischen Pipeline-Netzes Supertanker an, die nur zu 80 Prozent gefüllt sind.

Und erst jetzt, wo die Privathaushalte bis zum Frühjahr eingedeckt sind. stockt der Nachschub für schweres Heizöl, das die Industrie benötigt. Die Lücke entstand, weil aus Ländern, die den Araber-Boykott nicht mitmachen, vor allem leichtere Ölsorten ins Land flossen. Um 34 Mark je Tonne haben die Konzerne, der Marktlage folgend, den Preis für schweres Heizöl Anfang Dezember erhöht. Im Januar wollen sie auch ihre Großkunden, deren langfristige Verträge dann auslaufen, um zusätzliche 30 Mark je Tonne erleichtern.

Wenn der Winter frostig und die Stimmung der Verbraucher hitzig bleiben, muß Westdeutschlands Bürokratie gleichwohl tun, was erst Hitler und später die Besatzungsmächte in Deutschland verfügt hatten: Bezugsscheine für Knappheitsware ausgeben -- Benzin und Heizöl rationieren. Bleiben Winter und Verbraucher milde, genügen Sonntagsfahrverbot, Tempo 100 und das improvisierte Bewirtschaftungssystem der Konzerne, die mit einer Festschreibung des Preises für leichtes Heizöl rechtzeitig Wohlverhalten bekundeten.

Heizöl-Kunden der Konzerne sollen danach nur beliefert werden, wenn ihre Tanks mehr als zur Hälfte leer sind, Tankstellen sollen ihren Sprit ausgeben, solange er läuft, und dann einfach schließen. Auf diese Weise, so meinen die Konzern-Verwalter, könnten ihre Händler mit der inzwischen um 15 Prozent gekürzten Menge frei operieren. Erst wenn die Fehlmenge auf über 20 Prozent steigt, so die Meinung der Ölexperten, werden harte Maßnahmen nötig.

»Den Winter werden wir schaffen«, lautet denn auch die hoffnungsfrohe Prognose des BP-Direktors Hans Joachim Burchard, der neuerdings wöchentliche Krisenseminare für Journalisten abhält. Und tatsächlich ist nicht der Winter 1973/74 die kritische Zeit, sondern das, was danach kommt.

Um sieben Prozent im Jahr, um 100 Prozent in zehn Jahren, sollte nach den Wachstumsprojektionen der westlichen Industriezentren Nordamerika, Westeuropa und Ostasien der Mineralöl-Verbrauch künftig steigen. Mit 4,5 bis 5 Prozent mehr Primärenergie-Einsatz kalkulierten westliche Wirtschaftsprognostiker -- und in genau dem gleichen Maße würde, die Erfahrungen der vergangenen zwölf Jahre vorausgesetzt. auch die auf hohen Konsum getrimmte Wirtschaft wachsen. Doch das ehrgeizige Ziel der westlichen Zivilisationsländer ist ohne nahöstliches Öl nicht zu erreichen.

Japan, fast ohne eigene Energiequellen, benötigt 99 Prozent seines Brennstoffs aus Importen. Westeuropa war, nach der Abdankung der Kohle, zu über 60 Prozent importabhängig geworden, und die USA haben ihre eigenen immensen Ölquellen inzwischen so strapaziert, daß sie rund 15 Prozent auf dem Weltmarkt zukaufen mußten.. Bis 1980 aber hätte der Energiebedarf der Wohlstandsländer bereits eine Erhöhung der Ölproduktion von 2,6 Milliarden auf 4,4 Milliarden Tonnen erzwungen.

Die Opec -- das mächtigste Kartell der Wirtschaftsgeschichte.

Dieser Zuwachs wäre nicht einzuplanen gewesen, ohne daß Saudi-Arabien seine Quellen von knapp 300 Millionen auf eine Milliarde Tonnen Ölförderung im Jahre 1980 aufzureißen versprach. Doch unvermittelt stoppten die Araber den Rausch: Streckung der eigenen Vorräte und steil steigende Preise lautete ihr im Frühjahr 1973 formuliertes Konzept.

Wachstum. Energie- und Mineralölverbrauch werden nicht so stattfinden, wie noch vor wenigen Monaten erhofft. Die Ölscheichs aus Nahost, ihrer Monopollage gewiß, bremsen den Wildwuchs der Überflußgesellschaften.

Die konzertierte Aktion von Königen, Scheichs und Revolutionsgenerälen änderte schlagartig auch das Verhältnis der einst allmächtigen Ölkonzerne zu den Regierungen des Westens. Immer mehr sahen sich die Manager der in den europäischen Ländern operierenden Tochtergesellschaften der großen Ölkonzerne in eine Zwitterstellung von privatwirtschaftlichem Handeln und Staatsräson gedrängt. Doch Aktionäre und Regierungen. Dividende und Stimmzettel -- diese Kluft läßt sich auf die Dauer nicht kitten.

Abd el-Rahman Khene, Generalsekretär der Organisation erdölexportierender Länder (Opec), erkannte die Lücke und versuchte sie zu verbreitern: Vergangene Woche schlug der arabische öl-Funktionär vor, daß künftig allein die Regierungen der westeuropäischen Länder mit den Wüstenscheichs über die Ölzufuhr verhandeln sollten und nicht mehr die Manager der Know-how-starken internationalen Mineralölindustrie. Denn die Entmachtung der Konzerne ist das erklärte Ziel seiner Organisation.

Schon jetzt hat die Opec -- mächtigstes und erfolgreichstes Kartell der Wirtschaftsgeschichte, gemeinsam mit den Regierungen ihrer Mitgliedsstaaten die großen internationalen Ölgesellschaften von überlegenen Verhandlungspartnern zu Befehlsempfängern degradiert. Schon jetzt ist deutlich, daß die inzwischen von den Arabern beherrschte Organisation westliche Ölleute nur so lange an ihren Wüstenquellen dulden wird, wie sie wegen ihres Know-how im Förder- und Explorationsgeschäft noch von Nutzen sind.

Dabei hatten die Opec-Länder, die sich vor 13 Jahren zum Schutz- und Trutzbündnis gegen die westlichen Ölkonzerne zusammengeschlossen hatten, im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens nur aus der Defensive heraus gehandelt. Denn zu stark waren Marktposition und Kapitalkraft der riesigen multinationalen Ölgesellschaften, vor allem der sieben Schwestern, als daß die Gründung einer Interessengemeinschaft der wichtigsten Ölexport-Länder ihre Herrschaft über die Ölquellen auf Anhieb hätte gefährden können.

In die gemeinsame Verteidigung hatten die westlichen Fördergesellschaften ihre Gastgeberländer gedrängt, als sie Ende der fünfziger Jahre die ohnehin recht bescheidenen Einnahmen der Ölländer kürzten: Wegen einer allgemeinen Ölschwemme, die den Marktpreis für Rohöl drückte, setzten die Mineralöl-Konzerne 1959 auch den Listenpreis ("posted price") für Rohöl herab, nach dem die Ölsteuern der Gesellschaften an die Förderländer berechnet werden. Mit dem um rund acht Prozent gesenkten Steuer-Referenzpreis setzten die Ölgesellschaften somit zugleich die Öleinnahmen der Exportländer herab.

Den Protest der Ölexporteure ließen die Konzerne unbeachtet. Im August 1960 reduzierten sie den posted price noch um weitere sechs Prozent. Allein durch diese letzte Preissenkung gingen den Ölexportländern in der Periode von August 1960 bis Ende 1963 rund 300 Millionen Dollar Öleinnahmen verloren.

Nach dem Preisschnitt vom August fanden sich die bislang zerstrittenen Förderstaaten im September 1960 zu einer Krisenkonferenz in Bagdad ein, um über gemeinsame Abwehrmaßnahmen gegen die selbstherrlichen Ölgesellschaften zu beraten. Vor allem Perez Alfonso, öl- und Bergbauminister Venezuelas, des damals größten Ölexporteurs, und Scheich Abdallah el-Tariki, Saudi-Arabiens Ölminister, drängten zu konzertierter Aktion.

Gemeinsames Interesse siegte über gegenseitiges Mißtrauen. Fünf Staaten beschlossen, eine Organisation ölexportierender Länder zu schaffen, um durch koordinierte Ölpolitik ein weiteres Absinken des posted price zu verhindern.

Der Schah von Persien etwa war über die Art, in der die Ölgesellschaften ihre Listenpreise gesenkt hatten, so auf gebracht, daß er sogar seine Abneigung gegen Kooperationen mit dem Revolutionsregime des Generals Kassem im benachbarten Irak überwand. Selbst wenn eine Preissenkung »grundsätzlich richtig wäre«, erklärte stolz Schah Resa Pahlewi, »könnte sie für uns so lange nicht akzeptabel sein, wie sie ohne unsere Zustimmung vorgenommen wurde«.

Doch die Erfolge des »sehr exklusiven Klubs« (Pérez Alfonso) der Opec« dem später noch Libyen, Indonesien, Algerien, Abu Dhabi, Katar. Nigeria und (vor wenigen Wochen) Ecuador beitraten, blieben zunächst bescheiden. Zwar gelang es den Opec-Mitgliedern, den Rutsch des Steuer-Referenzpreises abzufangen. Aber anspruchsvollere Pläne wie das Anheben des Ölpreises auf den Stand vor 1959 scheiterten am Widerstand der Ölgesellschaften.

Denn das gemeinsame Interesse der Ölländer an einem möglichst hohen posted price genügte nicht, die Opec zu einer schlagkräftigen Organisation zu verwandeln. Hierzu wären vielmehr Produktions-Absprachen zwischen den Opec-Mitgliedern erforderlich gewesen, die einen preisdrückenden Wettbewerb der Produzentenländer auf dem von einer Ölschwemme überschwappenden Rohölmarkt verhindert hätten.

Der Schah unterläuft den ersten Öl-Boykott.

Doch wiederholte Vorschläge einiger Opec-Länder« innerhalb des Kartells Exportquoten festzusetzen, wurden stets von Mitgliedsländern wie Persien oder Saudi-Arabien abgelehnt, die ihre künftigen Marktanteile durch forcierten Ausbau der Förderkapazitäten zu erhöhen hofften.

So lieferten Persien, Saudi-Arabien und Kuweit bereitwillig mehr Öl, als die Förderung im Irak wegen eines Streites zwischen General Kassem und der ausländischen Konzessionsgesellschaft Iraq Petroleum Company (IPC} gedrosselt wurde.

Der Iran stieß 1967 auch in die Lieferlücke, die ein kurzfristiger Ölboykott der Araber nach dem dritten Nahostkrieg gerissen hatte. Und als nach Schließung des Suezkanals Transportengpässe bei der Umleitung des Öls ums Kap der Guten Hoffnung auftraten, nutzte Mittelmeer-Anrainer Libyen die Chance, innerhalb weniger Jahre zum wichtigsten Öllieferanten Westeuropas aufzusteigen: Rund 40 Prozent des 1970 in die Bundesrepublik importierten Öls stammen aus libyschen Quellen.

Solange die Ölländer sich gegenseitig Marktanteile abzujagen versuchten, blieb die dominierende Stellung der Ölkonzerne trotz Opec unangetastet. Die Opec-Zentrale, die ihren Sitz zunächst in Genf hatte und dann nach Wien überwechselte, diente fast nur dem Ideen- und Informationsaustausch zwischen ihren Mitgliederländern. Verhandlungen mit den Ölgesellschaften über Preise und Fördermengen führten die Regierungen der Mitgliedsländer weiterhin auf eigene Faust, und die Ölkonzerne brachten es immer wieder fertig, einen Araber gegen den anderen auszutricksen.

Gaddafi stellt den westlichen Konzernen ein Ultimatum.

»Die Opec-Regierungen haben sich selbst erniedrigt«. schimpfte Mitbegründer Tariki, »indem sie ihren Mann, einen einzigen Mann, losschicken, der den Ölgesellschaften von Hauptstadt zu Hauptstadt nachjagt, um an deren Türen zu klopfen und gesagt zu bekommen, daß niemand drin ist?

Der erste erfolgreiche Ansturm der Ölländer gegen die Phalanx der Ölkonzerne wurde dennoch 1970 von einem Einzelkämpfer ausgelöst -- dem ein Jahr zuvor durch einen Putsch an die Macht gelangten libyschen Staatschef Muammar el-Gaddafi.

Am 3. Mai 1970 riß der Bulldozer einer französischen Firma, der die Trasse für ein Fernsprechkabel in der syrischen Wüste grub, ein Loch in die Transarabische Pipeline (Tapline).

Als die Tapline-Gesellschaft den Schaden schnell beheben wollte, versagte Syriens Regierung in Damaskus ihre Zustimmung: Die Behörden könnten nicht die Verantwortung für das Leben der Tapline-Arbeiter übernehmen, da sie militärischen Angriffen Israels ausgesetzt sein würden. Die Transarabien-Röhre, durch die normalerweise 450 000 Barrel Öl pro Tag von Saudi-Arabien durch Jordanien und Syrien in den libanesischen Hafen Sidon flossen, blieb fast neun Monate trocken.

Das verstärkte die nach Schließung des Suezkanals ohnehin kräftige Marktposition Libyens. Vier Tage nach dem syrischen Röhrenschnitt befahl Staatschef Gaddafi den Ölgesellschaften, die libysche Ölförderung drastisch zu drosseln, da durch jahrelange Überproduktion der Ölvorrat des Landes zu rasch ausgebeutet werde.

Zugleich drohte der damals 32jährige Revolutions-Obrist den ausländischen Gesellschaften, darunter der Essener Gelsenberg AG, er werde die Exporte stoppen. falls die Konzerne seiner Forderung nach einem merklich höheren Staatsanteil an den Öleinnahmen nicht nachkämen.

Monatelang widersetzten sich die Firmen. Dann brach die amerikanische Ölgesellschaft Occidental, die nicht zum Club der »sieben Schwestern« gehörte. aber ein Drittel ihres Rohöls aus Libyen bezog, aus und akzeptierte Gaddafis Bedingungen. Durch den Angebots-Rückgang und einen ungewöhnlich starken Nachfrage-Anstieg in den westlichen Industrieländern unversehens in eine Nachschubklemme geraten, kapitulierten daraufhin auch die übrigen Ölfirmen, unter ihnen die drei Branchenriesen Shell, Texaco und Standard Oil of California.

Prompt prasselte nun auf die internationalen Mineralöl-Konzerne »ein Crescendo von Forderungen« (so der New Yorker Ölexperte Walter J. Levy) der restlichen ölexportierenden Entwicklungsländer herab.

Bereits im Dezember 1970 einigten sich die in Caracas versammelten Vertreter der Opec-Mitgliedsländer darauf, den Erdölriesen im wesentlichen drei Forderungen zu präsentieren: eine Anhebung des Öl-Steuersatzes von 50 auf mindestens 55 Prozent, eine kräftige Erhöhung des Steuer-Referenzpreises und eine Entschädigung für den Kaufkraftverlust ihrer Öleinnahmen durch den Anstieg westlicher Exportgüterpreise.

Teheran 1971: Wendepunkt der Ölpolitik.

In den anschließenden Teheraner Verhandlungen vom Januar 1971 zwischen den Ölministern der sechs Förderländer am Persischen Golf und den Unterhändlern der in diesem Gebiet operierenden Erdölkonzerne setzten die Opec-Vertreter erstmals geschlossen ihre geballte Marktmacht ein. Der Drohung der Golfländer, einen Ölboykott zu verhängen, falls ihre Forderungen nicht erfüllt würden, konnten die Ölkonzerne nur hinhaltenden Widerstand entgegensetzen: Mitte Februar 1971 akzeptierten die Ölmanager die Forderungen ihrer Kontrahenten: Die Teheraner Ölkonferenz war die Wende im Verhältnis zwischen Lieferländern und Konzernen, der Schlüssel für die arabische Ölpolitik bis heute.

»Der Anschein von Verhandlungen, der gewahrt wurde«, empfand der Londoner Öl-Fachmann Joe Roeber« »konnte nur dürftig verbergen., daß die Opec-Mitglieder im Grunde genommen in der Lage waren. Vertragsänderungen zu diktieren.«

Die eklatante Verhandlungsschwache der Erdölgiganten kam selbst für arabische Erdölfachleute überraschend. »Noch ein Jahr zuvor hatten wir nicht einmal im Traum daran gedacht«, gestand Ahmed Abd el-Kawi, ein Ölexperte der Arabischen Liga, »daß der posted price so stark angehoben würde.«

Die in Teheran vereinbarten Preiserhöhungen ließen die Öleinnahmen der wichtigsten Förderstaaten geradezu explodieren. Explosiv aber war dann auch die Reaktion der Ölmagnaten. Schlagartig dirigierten sie die gewaltige Finanzmasse der Konzerne in »sichere« Gebiete um. Statt weiter im Nahen Osten, statt weiter in ihre Tankstellen-Organisationen zu investieren, planten sie ein Tausend-Milliarden-Dollar-Programm, mit dem sie vor allem neue Förderungsgebiete aufreißen wollten.

Statt weiter billige arabische Quellen anzuzapfen, verlegten sich die Konzerne. auf teure Bohrversuche vor den Küsten der Kontinente, im Eis Alaskas und Nordkanadas und bei Indonesien. Aus dem Schelfgebiet der US-Küstenprovinz Louisiana holen die Amerikaner inzwischen über zehn Prozent ihres Ölbedarfs. Aus den Tundren Alaskas wollen sie in fünf Jahren. wenn die Alaska-Pipeline steht, etwa 20 Prozent ihrer Versorgung bestreiten.

Im Festlandsockel der Nordsee fanden die Briten erst vergangene Woche ein Ölfeld, das für zehn Millionen Tonnen Jahresförderung gut ist. Lange Zeit galt das nordeuropäische Schelfmeer eher als schwieriges Explorationsgebiet. Jetzt aber entdeckten die auf sturmfesten Bohrinseln operierenden Ölsucher so viel Reserven, daß daraus schon 1980 rund 250 Millionen Tonnen gefördert werden können, genau so viel Öl, wie die Bundesrepublik Deutschland und Frankreich zusammen in diesem Jahr verbrauchen werden.

Eilig auch kauften sich die multinationalen Konzerne der Ölindustrie in bislang verschmähte Zweige des Energie-Geschäftes ein. So sicherte sich der Welt größtes Mineralölunternehmen, die amerikanische Exxon, große Kohleflöze in den USA und Ölsandreservate in Kanada.

Seit drei Jahren sind die Repräsentanten der Öl-Unternehmen pausenlos unterwegs, um sich in Uran-Bergwerke und Kernenergie-Entwicklung einzukaufen. Gegenwärtig prüfen BP-Manager in Deutschland, ob sich der Einstieg in die Stromerzeugung lohnt.

Während aber die Öl-Industriellen mit gewaltigen Finanzplänen ihre Abhängigkeit von den Quellen des Nahen Ostens abstreifen wollen, haben die Opec-Araber die Konzernstrategie überholt. In Großbritannien, dem Heimatland der BP, stehen Autofahrer stundenlang vor Tankstellen und warten auf Benzin. In Holland, dem Lande der Shell, gibt es demnächst Marken für Benzin.

Zum ersten Male in ihrer Geschichte, die weit ins vergangene Jahrhundert hineinreicht, haben die Großmächte der kommerziellen Ölbranche die absolute Herrschaft über den Markt verloren -- zum ersten Male waren andere schneller als sie.

Zur Ausgabe
Artikel 34 / 69
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.