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Weltmacht UdSSR: Zu wenig zu essen

Weil der Kreml lieber Raketen statt Radieschen produzieren läßt, gibt es Ärger an der Heimatfront. Denn ein Kilo Kartoffeln kostet derzeit fast einen Tageslohn, ein Kilo Tomaten doppelt soviel. Fleisch wurde für einen Tag der Woche gestrichen, Brot ist knapp. Schon wehren sich die Konsumenten, die Armee-Magazine wurden geöffnet.
aus DER SPIEGEL 23/1976

In der ukrainischen Kapitale Kiew, dem Zentrum der sowjetischen Landwirtschaft, und in Rostow am Don zertrümmerten wütende Bürger die Schaufenster: In den Lebensmittelläden gab es keine Lebensmittel. An der Ostsee, so Reisende, traten die Hafenarbeiter von Riga für Stunden in einen wilden Streik. weil nirgends in der Stadt Obst oder Gemüse aufzutreiben war.

An manchen Orten ist das Brot rationiert; Leute vom Lande reisen nach Moskau und kaufen dort Eßbares auf. Kartoffeln sind auf den Kolchosmärkten der Sowjet-Hauptstadt so rar, daß -- bei freien Preisen -- für ein Kilo vier Rubel zu zahlen sind (nach offiziellem Kurs: 14 Mark). Das ist fast der Tageslohn eines Arbeiters.

Tomaten kosten das Doppelte: Ein Kilo dieses Luxusgutes stieg jetzt auf den Gegenwert von mehr als zwölf Arbeitsstunden. Am knappsten aber ist in jenem Reich, das Raketen den Radieschen vorzieht, das Nahrungsmittel Fleisch geworden. Gibt es welches -- jüngst wurden die Vorratslager der Armee geöffnet -, bilden sich sofort lange Schlangen.

* Vorigen Monat auf der Station Sima.

Jeder Kunde erhält nur ein Pfund, es sei denn, er legt eine Bescheinigung über seine bevorstehende Hochzeit oder ein Arbeitsjubiläum vor. Das Pfund vom Rind, in den Staatsläden meist tiefgefroren, kostet dort zu festen Preisen noch immer nur; einen Rubel (rund anderthalb Stundenlöhne), frisches Schweinefleisch jedoch auf dem freien Kolchosmarkt 50 Prozent mehr als im vorigen Jahr.

In der Industriestadt Dnjepropetrowsk allerdings, die vorletzte Woche zu ihrem 200. Geburtstag mit dem Lenin -Orden ausgezeichnet wurde -- Marschall Breschnew begann dort einst seine Karriere als Funktionär -, gibt es derzeit genügend Suppenfleisch und zehn Sorten Wurst. Die Einwohner verschicken die Delikatesse per Post an Freunde in anderen Städten.

Was die Leningrader seit Jahresanfang hinnehmen müssen, traf die Moskauer erst fünf Tage nach dem 1. Mai, dem Feiertag der offiziell regierenden Arbeiterklasse: Einmal in der Woche, am Donnerstag, gibt es in Geschäften, Restaurants, Werkkantinen und Hotels (außer den »Intourist«-Hotels für Ausländer) überhaupt kein Fleisch. Amtliche Begründung: »Für die Gesundheit der Werktätigen.«

Denn bei der Weltmacht UdSSR darf es nach außen hin keinen Mangel an Lebensnotwendigem geben, und die Regierenden sind davon wohl auch nicht betroffen: Spitzenfunktionär Sagladin erklärte, von einer Versorgungskrise nur im SPIEGEL gelesen zu haben (SPIEGEL 15/1976).

Die Moskauer »Wirtschaftszeitung« räumte jedoch im April ein, daß die Fleisch- und Milchproduktion der UdSSR im ersten Quartal 1976 gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen sei.

Grund: Aus Mangel an Futtermitteln schlachteten die Bauern im vorigen Sommer das Vieh ab. Der Bestand am 1. Januar 1976 war um 20 Prozent geringer als ein Jahr zuvor. Nach der letzten Ernte, so bestätigte jetzt das Sowjet-Fachblatt »Fleischindustrie«, gab es plötzlich einen so starken Auftrieb an Schlachtvieh, daß die Metzger nicht mehr nachkamen. Radio Moskau flehte: »Alle Lämmer müssen am Leben bleiben!«

Der Mangel an Futter lag an der Mißernte, an der wiederum -- so Planungschef Baibakow -- das Wetter schuld war: Statt verordneter 215 Millionen Tonnen Getreide wurden nur 140 Millionen Tonnen eingebracht. Viel davon vergammelte in den Scheunen und unter freiem Himmel, es war wegen seines Feuchtigkeitsgehalts unbrauchbar. Statt eingeplanter fünf Prozent entstanden etwa im Gebiet Krasnojarsk 29 Prozent Schwund: Womöglich waren insgesamt nur um die 100 Millionen Tonnen Korn verwendbar, die Hälfte des Plans.

Daß nicht nur das Wetter dem Plan zuwiderlief, bestätigte die Moskauer Zeitschrift »Unser Zeitgenosse": In der fruchtbaren Schwarzerde-Zone der Ukraine fand ein sachgerechter Fruchtwechsel nur auf neun Prozent der Felder statt, und nur bei vier Prozent wurde der Kunstdünger wie vorgesehen eingesetzt. Falsche Melioration führte zur Erosion des Bodens. So gehen denn jedes Jahr 27 Millionen Tonnen Schwarzerde den Don hinunter.

»Unser Zeitgenosse« empfahl eine Radikalkur: die sowjetische Landwirtschaft von der »Bürokraten-Herrschaft« zu befreien und Fachleuten anzuvertrauen, den Agronomen.

Die Regierung in Moskau jedoch kaufte erst einmal, damit es nicht noch mehr fleischlose Tage fürs Volk gibt, im Ausland ein. Zu den Mammutimporten an West-Getreide treten nun Fleisch-Einfuhren, sogar 100 000 Tonnen aus dem Bruderstaat Ungarn gegen West-Devisen. Zudem soll die Bevölkerung mehr Fisch (Volksmund: »Freude für den Hund") essen: Eilends soll die Wiesbadener Kühlfirma Linde 70 Fischgeschäfte im Sowjetland einrichten.

Und auch an den Erwerbssinn im Lande selbst wird nun appelliert: Tüchtige Treckerfahrer bekommen doppelten Lohn und eine Tonne Getreide als Deputat. Private Viehhalter in der Ukraine erhalten bereits bis zu 300 Rubel (über tausend Mark) Prämie sowie vom Kolchos Heu und Stroh.

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