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LANDWIRTSCHAFT Wen geniert's

Unrechtmäßig haben sich Westdeutschlands Bauern Zehntausende Hektar Agrarfläche angeeignet. Der gigantische Landraub geht vor allem zu Lasten des Naturschutzes.
aus DER SPIEGEL 23/1989

Der Sedlmair Schorsch ist beileibe kein dummer Bauer, sondern eher einer von den schlauen. Deshalb erntet der Landwirt auf seinen Äckern in Ismaning bei München auch mehr Kartoffeln, als er dürfte.

Wenn Sedlmair im Frühjahr beispielsweise sein Feld an der Ismaninger Remisstraße, Flurstücknummer 2456, bestellt, dann macht er gewöhnlich mit seinem Pflug nicht halt an den Grenzen seines Grundstücks. Im Laufe der Jahre hat sich der Bayer vielmehr ganz unverfroren immer näher an den öffentlichen Wirtschaftsweg herangearbeitet, der seinen Acker von dem des Nachbarn trennt. Der Nachbar wiederum ackert auch weiter als erlaubt, so daß der Feldweg samt spärlichem Rain auf dreieinhalb Meter geschrumpft ist. In den Flurkarten ist der Weg noch mit sechs Metern Breite ausgewiesen.

Bauer Sedlmair hat sich durch diesen gewohnheitsmäßigen Landraub zwei Kartoffelreihen zusätzlich erschlossen. Die Ernte im Herbst fällt deshalb um einige Doppelzentner besser aus. »Wen geniert's?« fragt Sedlmair. Daß er sich einen unrechtmäßigen Vorteil verschafft, kümmert ihn nicht. Schließlich, blafft er, »machen's doch alle so«.

Recht hat er. Kaum ein Bauer hält sich noch an die Grenzen seines Ackers. Das Landvolk pflügt fröhlich so weit an die Gemeindewege heran, wie es eben nur geht, verursacht dabei Schäden in Millionenhöhe am Unterbau von Straßen wie Wirtschaftswegen und vernichtet, ohne Gewissensbisse, großräumig ökologisch wertvolle Grünflächen.

In Niedersachsen etwa sind die Bauern dabei nicht weniger dreist als in Bayern. »Meterweise« nutzen sie Wegränder und Gräben an den Feldern für ihre Zwecke, klagte Umweltminister Werner Remmers, 58. Bei Lingen im Emsland war der Christdemokrat deshalb mit einem Vermessungstechniker aufs Land gezogen. Der hatte ihm versichert: »Hier muß noch eine Grünfläche liegen, die der Stadt gehört.«

»Wo denn, wo denn?« habe er erstaunt gefragt, berichtete der Minister von der Exkursion. Zwischen den Äckern und den Wegen sei nicht mal mehr Platz für einen einzigen Fasan gewesen.

Zusammengerechnet ist es eine erstaunlich große Fläche, die da von den Bauern umgepflügt wird. Klaus Georg Schulze vom Münchner Landesbund für Vogelschutz hat rings um die Landeshauptstadt zahlreiche Felder und Wege mit dem Metermaß abgeschritten. In Ismaning allein werden nach Schulzens Feststellungen etwa 30 Hektar Gemeindegrund unberechtigt privat genutzt, rund ein Prozent der gesamten Ismaninger Ackerfläche.

Rechnet man die illegale Nutzungsquote auf die landwirtschaftlich genutzte Fläche im Bundesgebiet hoch, dürften rund 75 000 Hektar öffentlichen Bodens widerrechtlich bebaut sein. Das entspricht etwa einem Fünftel der Fläche aller Naturschutzgebiete.

Naturfreund Schulze hat sich auf seinen Wanderungen immer schon darüber geärgert, »wie bedenkenlos die Bauern alles unterpflügen« und damit »brutal wertvolle Grünflächen kaputtmachen«. Die Feldlerche, ein selten gewordener Vogel, könnte im Ackerrain vielleicht überleben. Auch die Rebhühner brauchen Feldränder, wenn sie nicht aussterben sollen. Ihre Küken sind auf Insekten angewiesen. Die finden sie aber nur dort, wo auch die entsprechenden Ackerwildkräuter sprießen.

In der Landwirtschaft, stellt Vogelschützer Schulze fest, predige er vor tauben Ohren. Trotz absurder Überproduktion in der EG sind Bauern selten bereit, auch nur einen Quadratmeter erreichbaren Ackerlandes brachliegen zu lassen. Wenn irgendwo unkontrolliert das Grünzeug sprießt, plagt Landwirte gleich die Angst vor Unkraut und Schädlingen. Dann, sagt Umweltminister Remmers, griffen sie rasch zur »Chemischen Keule«, zum Schaden des im wilden Grün lebenden Kleingetiers.

Juristisch können die Vogelschützer wenig gegen den allgemeinen Landraub unternehmen. Wer öffentlichen Boden beackert, begeht zwar eine Ordnungswidrigkeit, wird aber kaum je bestraft.

Gewöhnlich liegt den Gemeinderäten auf dem Lande nicht allzuviel am Naturschutz. Dort stellt meistens die Bauernschaft den Bürgermeister - so kontrollieren sich die Sünder selber.

Gegen die schmähliche Behandlung des ökologisch wertvollen Feldrains ist bislang kein Kraut gewachsen. In Aschheim, einer Nachbargemeinde von Ismaning, hat es der Bürgermeister mal mit Bäumen versucht, die er zur Markierung der Ackerränder pflanzen ließ.

Die meisten Setzlinge wurden nicht alt. Die Bauern manövrierten mit schwerem Gerät zwischen den Bäumchen umher. Schnell kam da mal ein Stamm unter die Räder. Andere verloren nachts wie von Geisterhand ihre Kronen. Keiner der Baumfrevler wurde je erwischt.

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