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Rumänien Wende rückwärts

Die gefürchtete Geheimpolizei Securitate lebt wieder auf. Altstalinisten infiltrieren die Parteien und verklären den toten Diktator.
aus DER SPIEGEL 42/1994

In schwieriger Mission war Varian oft im Ausland unterwegs. Auch beim Malta-Gipfel der Supermächte zwischen Michail Gorbatschow und George Bush vor fünf Jahren. Da schlich sich der Spion bis ins Vorzimmer der Mächtigen - jedenfalls im Roman.

Autor Pavel Corut präsentiert seinen rumänischen James Bond zwar auch als Frauen- und Revolverhelden. Doch anders als beim britischen 007-Vorbild ist sein Agent zudem noch ein politischer Kopf.

In Malta, erzählt der Roman, habe der Geheimdienst-Mann bereits begriffen, daß die Tage des rumänischen Staats- und Parteichefs Nicolae Ceausescu gezählt waren: Auf der Mittelmeerinsel hätten sich die großen Zwei darauf verständigt, den selbstherrlichen KP-Patriarchen binnen Jahresfrist zu entmachten. Die heimische Spionageabwehr Securitate habe der Verschwörung hilflos zusehen müssen.

Zwischen den Buchdeckeln von Spionagegeschichten frönt Ex-Securitate-Offizier Corut weiterhin dem Personenkult, den bis zum Sturz Ceausescus am 22. Dezember 1989 Zehntausende Geheimdienst-Zuträger um den »Titan unter den Titanen« zelebrierten.

Während anderswo in Osteuropa die Völker längst mit Erfolg ihre Bürgerrechte einforderten, verschwanden unter dem Terrorregime des Conducators (Führer) im Karpatenstaat Kritiker weiterhin hinter Gittern, wurde selbst die Einfuhr reformsozialistischer Periodika aus den Bruderstaaten verboten, mußte jede Schreibmaschine samt Schrifttype bei der Polizei registriert werden.

Bizarres Rumänien: Die Horrorlegenden von einst sind die Bestseller von heute. Reißenden Absatz finden die Bücher des Altgardisten Corut, und so produziert er ein Bändchen nach dem anderen - an Stoff gibt es keinen Mangel.

Denn Ceausescus Securitate lebt, und die früheren Schergen sorgen für immer neue Überraschungen: Im November will eine Truppe Ewiggestriger den 15. Parteitag der Rumänischen Kommunistischen Partei einberufen, um »die Errungenschaften der Sozialistischen Revolution zu vertiefen und auszubauen«.

Koordinator Alexander Vatreanu träumt von einer neuen KP, die den Kampf gegen all jene aufnehmen soll, die Rumänien mit ihrem Liberalismus »ins Verderben stürzen«. Ermutigt fühlt sich der Securitate-Oberst durch die Freilassung der letzten von 87 ehemaligen Spitzenfunktionären des alten Regimes. Sie waren vor vier Jahren wegen »Völkermordes« zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden. Militärgerichte hatten sie für schuldig befunden, wahllos auf Demonstranten gefeuert zu haben.

Etwa tausend Rumänen kamen in den Tagen des Umsturzes ums Leben. Den Tyrannen und seine Frau Elena ließen die neuen Machthaber standrechtlich erschießen. Neu an die Spitze der Volkserhebung trat ein gewendeter Alter: Ion Iliescu, 64, Sohn eines Altkommunisten und bis 1971 ZK-Sekretär für Ideologie. Er war noch rechtzeitig auf Distanz zu Ziehvater Ceausescu gegangen, setzte auf sozialistischen Populismus.

Heute regiert Iliescus Partei der Sozialen Demokratie in Koalition mit den Rechtsradikalen der Nationalen Einheit - einem Tummelplatz alter Securisten. Ehemalige Hofschranzen des Conducators, wie Parteidichter Adrian Paunescu und KP-Ideologe Corneliu Vadim Tudor, führen bei den Rechten das große Wort.

Über das auflagenstärkste Wochenblatt Romania Mare (Großrumänien) fordern die national gesinnten Wendehälse den Anschluß der Nachbarrepublik Moldawien an Rumänien und verlangen von der Ukraine die Rückgabe der zu Stalins Zeiten verlorenen Nordbukowina und Südbessarabiens.

Neue Denkmäler gesetzt werden in diesem Rumänien sogar dem Diktator und Judenverfolger aus der Zeit des Bündnisses mit Hitler, Marschall Ion Antonescu. Die Regierung Iliescu verweigert den knapp zwei Millionen Ungarn kulturelle Autonomie und den Roma Minderheitenschutz. Der Verteidigungsminister droht den Minderheitenführern gar mit dem Einsatz der Armee, sollten sie mit separatistischen Aktionen liebäugeln.

Geheimdienstchef Virgil Magureanu präsentiert erst jetzt, nach viereinhalb Jahren, den Untersuchungsbericht über die blutigen Ereignisse von 1989. Die Securitate wird darin von jeglicher Schuld freigesprochen: Agenten aus Moskau, Budapest und Washington seien für die Schießereien verantwortlich gewesen.

Der Report suggeriert, ohne Einmischung von außen wäre auch in Rumänien die Wende friedlich verlaufen. Armee und Geheimdienst hätten sich längst gegen Ceausescu gestellt und damit erst seinen Sturz ermöglicht.

Eine Übung in Geschichtsklitterung: Die Securisten hatten sich nur schnell auf die neue Lage eingestellt und mitgeholfen, die Nachfolger zu installieren. Schon bei den ersten freien Wahlen im Mai 1990 sorgte der in »Informationsdienst« umgetaufte Sicherheitsdienst mit kräftigen Manipulationen für den Sieg Iliescus. Nach alter Art bedrohte er Regimekritiker und durchsetzte die bürgerlichen Parteien mit zwielichtigen Personen.

Jetzt sieht der Staatschef eine neue Aufgabe für seine Subversions-Kohorte: Seit dem vergangenen Jahr drängen im Osten Europas sozialdemokratisch eingefärbte Genossen zurück an die Macht, ein Linksruck erschütterte Polen, Ungarn und die Ukraine.

Um verirrte Rote im eigenen Lande zu sammeln, beauftragte Iliescu alte Securisten, auch am linken Polit-Rand ein Sammelbecken für gestandene Lenin-Jünger einzurichten. Sein Kalkül: Linke und Rechte werden ihm, dem Mann der Mitte, auf diese Weise das Volk in die Arme treiben.

»Was wir brauchen«, sagt Iliescu, »ist die richtige Mischung aus revolutionärem Geist und sanften Reformen.« Y

Die alten Schergen sollen verirrte Linke sammeln

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