Weltenbummler oder Wutbürger? Was aus meinen DDR-Kindergartenfreunden vom Sommer '89 wurde

Und was das noch heute über Ostdeutschland verrät.
Foto: Marc Röhlig

Dieser Beitrag wurde am 16.10.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Als Robert und ich uns zum ersten Mal seit den Neunzigern wiedersehen wollen, kotzt seine Tochter. Robert war mein bester Kindheitsfreund. Wir sind in Gera groß geworden, einer Stadt in Ostthüringen. Geboren in einem Land, das es heute nicht mehr gibt, der DDR

Im Sommer '89, wenige Monate vor dem Fall der Mauer, kamen wir in den gleichen Kindergarten, hinter dem Stadtwald in der Nähe eines prächtigen alten Baumes, der Kalten Eiche. Wir haben mit dem Kindergarten oft Ausflüge zu dieser Eiche gemacht, haben auf dem Weg Blumen bestimmt und Hasen beobachtet. Robert und ich haben nachmittagelang an diesem knorrigen Baum gespielt.

Heute sind wir beide 34 und Familienväter. Roberts Großer ist schon zwölf, die Kleine ist vier – und die muss er nun aus dem Kindergarten abholen. "Wahrscheinlich Magenverstimmung", entschuldigt sich Robert am Telefon. Unser Treffen müssten wir leider verschieben. Auf später am Abend.

Foto: Marc Röhlig

Mit uns im Kindergarten waren Vincent und Sascha, die sich immer gerauft haben, da waren die stille Maria und die aufmüpfige Sabrina, da waren Michelle, Peter und Marie-Luise.

Wir alle sind Wendekinder, denen ein neues Deutschland offen stand. Und die doch ein altes mit auf den Weg bekamen. 

Wir wurden groß im geeinten Deutschland, aber uns prägten Eltern, Kindergärtnerinnen, Lehrer mit einer anderen Sozialisation. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer – und 30 Jahre nach unserer Kindergartenzeit – frage ich mich: Wer sind wir heute? 

Deshalb habe ich mich entschieden, meine alten Kindergartenfreunde wieder zu treffen und herauszufinden, was aus ihnen geworden ist. Ich selbst blieb bis zum Abi in Gera, dann zog ich zum Studium nach Freiburg, weiter nach Damaskus. Arbeitete in Berlin und lebte in Kairo. Heute bin ich verheiratet, habe eine Tochter und lebe in Hamburg. 

Und die anderen? Wo leben sie? Was machen sie? Würden sie Gera noch als Heimat bezeichnen? Um sie wiederzufinden, rufe ich ihre Eltern an, stöbere im Netz, schreibe Briefe und fahre heim. Nach Gera. 

"Gera hat sich sehr verändert", sagt Robert, als wir uns schließlich treffen. Wir sitzen im "Jagdhof", einer Gaststätte im Geraer Stadtwald. Über uns hängt ein ausgestopfter Elchkopf an der Wand, Robert trägt ein besticktes Hemd, das mich entfernt an eine Jägertracht erinnert. Seine Familie führt das Gasthaus, er selbst kellnert hier. Im "Jagdhof" gibt es die besten Klöße Thüringens, der Wald rund um die Gaststätte war unser Abenteuerspielplatz. Wenn ich mich heute daran erinnere, habe ich wieder den Geruch torfiger Walderde in der Nase. 

Robert seufzt. Seit 2015 sei das alles nicht mehr so einfach in Gera, sagt er. "Dank unserer neuen Mitbürger, sag ich mal." Es gebe mittlerweile mehr Messerstechereien "und solchen Scheiß" in Gera. Robert selbst habe Angst um seine Freundin, wenn diese abends noch ausgehe. Das erste Gespräch nach vielen Jahren – schon nach wenigen Minuten reden wir über Geflüchtete

Ich gebe zu: Ein kleiner Teil in mir hatte gehofft, eine Geschichte erzählen zu können, die ohne Rechtsrucktheorien und die AfD auskommt.

Aber es scheint, als könne man den Osten nicht mehr erleben oder denken, ohne über Zuwanderung, Integration und überhaupt "die Flüchtlinge" zu sprechen.

Dabei betrifft das Thema Robert kaum, Ende vergangenen Jahres lag der Ausländeranteil in Gera bei 6,6 Prozent – von allen Thüringer Großstädten ist das die geringste Quote (Thüringer Landesamt für Statistik ). Und nur halb so viel wie im Bundesschnitt. In den Archiven der Lokalzeitung finde ich fünf Messerstechereien in den vergangenen vier Jahren. Einmal stach ein Iraker zu, sonst waren es Deutsche. "Familiendrama" heißt es dann

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen

Sind Einwanderer krimineller als Deutsche?

Aber wenn ich im Gespräch meine Zweifel anbringen will, dringe ich nicht durch. Immer wieder springt Robert auf, wenn das Telefon klingelt und jemand einen Tisch reservieren möchte. Meistens dann, wenn wir über Politik reden wollen. Und ich, ich bestehe nicht darauf. Ich komme nicht immer wieder zu der Tatsache zurück, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Obwohl wir uns so lange nicht gesehen haben, obwohl wir einander eigentlich egal sein könnten, will ich meine Erinnerung an einen sehr guten Kindheitsfreund nicht zerbrechen sehen. 

Und ich bin damit nicht allein: Später, im Gespräch mit anderen Freundinnen und Freunden von damals, merke ich, dass fast alle aus dem Osten über manche Dinge einfach nicht mehr reden, um Beziehungen nicht zu gefährden. Macht uns das zu feigen Egoisten? Oder halten wir eine Gesellschaft zusammen, die sonst noch weiter auseinander bräche? Ich kann das nicht sagen. Ich weiß nur: Diese Widersprüche sind längst Teil von mir. 

Ich muss mit der Tatsache leben, dass die AfD hier Volkspartei ist. Ende Oktober sind Landtagswahlen in Thüringen, die AfD wirbt auf ihren Plakaten mit einer "Wende 2.0", in Anlehnung an die Wende von 1989. Angeblich sollen die Menschen wieder eine Diktatur überwinden. Dabei helfen will ihnen ausgerechnet Björn Höcke, ein zugezogener Lehrer aus Hessen und Vertreter des völkischen Flügels.

Wie die AfD in Thüringen die Wende ausnutzt

Hey AfD, verklär mir nicht die DDR meiner Eltern!

Der Verfassungsschutz beobachtet den "Flügel" als Verdachtsfall für rechtsextremistische Bestrebungen. Wenn ich mit meinen Kindergartenfreunden daheim darüber reden will, winken sie ab – oder sagen, dass man der AfD zugute halten müsse, dass "die auch mal quer denken". 

Wenn ich mit denen rede, die weggegangen sind, schämen sie sich für genau solche Sätze. Oder werden wie Maria direkt wütend.

In meiner Erinnerung ist Maria ein stilles, beinahe schüchternes Mädchen. Davon hat sie heute nicht mehr viel. Sie sehe, wie daheim "Angst die Köpfe vergiftet", erzählt sie mir. Und wie die Familie große Scheinwerfer am Garagentor installiert, falls nachts "die Ausländer" kommen.  

Als ich nach der Europawahl die AfD-Ergebnisse gesehen habe, war ich so richtig beschämt, aus Gera zu kommen.

Maria

Das sagt sie nicht nur so daher, ihre Stimme klingt wütend. Bei der Wahl im Mai kamen die Rechtspopulisten auf knapp 30 Prozent der Stimmen, mit Abstand das beste Ergebnis (Bundeswahlleiter ). "Nichts in mir möchte nach Gera zurückziehen", sagt Maria.

Ich sehe sie daher auch nicht in Gera, obwohl wir über mehrere Wochen versucht haben, ein Treffen zu organisieren. Wir telefonieren, während sie auf der Autobahn von Berlin nach Pforzheim fährt. Während wir reden, bricht immer mal wieder der Empfang ab. Dass sie unterwegs ist, dass wir keinen gemeinsamen Ort finden konnten, das passt zu ihr, zu ihrem Leben. 

Maria ging nach dem Abi zum Architekturstudium nach Karlsruhe, lebte zwischendurch für knapp drei Jahre in Australien. Heute ist sie 33 und wohnt mit ihrem Mann bei Pforzheim, beide haben aber gerade eine Wohnung in Berlin gekauft. In den Wintermonaten lebt sie weiterhin in Australien. Sie hat sich als Fotografin selbstständig gemacht. "Heimat ist kein Ort", sagt mir Maria am Telefon, "für mich ist es ein Gefühl". Und das könne sich überall einstellen, in einem Camper an einem Bergsee, an einem Sonntagnachmittag mit ihren Hunden und ihrem Mann oder auch überall anders auf der Welt, solange man zufrieden ist. 

Dass Maria weggegangen ist, dass auch ich weggegangen bin, das ist keine Ausnahme. Für den Osten ist es die Regel.

Nach der Wiedervereinigung zog fast ein Viertel der Bevölkerung in den Westen (Zeit ). Gera hat es dabei besonders hart getroffen: Unmittelbar nach der Wende lebten hier noch 130.000 Menschen, heute sind es noch 95.000 Einwohnerinnen und Einwohner (Stadt Gera ).

Einige gingen direkt nach der Wende, andere erst um die Jahrtausendwende. Das waren dann vor allem wir Millennials, und vor allem viele junge Frauen (bento). 

Meine eigene Kindergartengruppe beweist es fast perfekt. Von allen Jungs, die ich auftreiben konnte, lebt nur Peter im Westen. Robert, Vincent und Sascha – sie sind daheim geblieben. Von den Mädchen hingegen hat es fast alle weggezogen. Da sind neben Maria auch Eileen und Elisabeth, die heute in Bayern und Hessen leben. Da ist Michelle, die erst in Indien war, dann in Südafrika und heute als Lehrerin in Baden-Württemberg lebt. Da ist auch Sabrina, die erst nach Leipzig, dann nach Berlin und schließlich nach Frankfurt am Main ging. Sie sagt:

Gera zu verlassen, ist keinem schwergefallen – zumindest keinem, den ich kenne.

Sabrina

Das hinterlässt seine Spuren. Der Altersdurchschnitt in Gera liegt mittlerweile bei 48 Jahren (Stadt Gera ). Gera ist damit deutlich älter als viele andere deutsche Städte mit im Schnitt etwa 42 Jahren (Morgenpost ).

"Gefühlt liegt er hier bei 60 plus", sagt Robert. Wir sitzen immer noch im "Jagdhof", über uns der Elchkopf. "Wenn man sich politisch uneins ist, muss man einen Schnaps trinken", sagt er. Doch vor uns stehen Wassergläser. Robert erzählt jetzt davon, wie sich Gera auch zum Guten verändert habe. Wie es landschaftlich schön sei, die vielen Parks, das Grün.

Robert war vor seinem Kellnerjob vier Jahre bei der Bundeswehr und eine Zeit lang auch in Afghanistan stationiert. Was er dort gesehen hat, habe ihn verändert. Man müsse dankbar sein über den Luxus, den wir in Deutschland haben. Besonnener auch:

Ich bin auf jeden Fall, als ich wiederkam, um einiges gealtert – nicht was den Körper angeht, sondern was meinen Geist angeht.

Robert

Wie das gehen kann, ein Kriegsland in all seinem Elend zu erleben, daran als Mensch zu reifen und dann wieder daheim Geflüchtete doch pauschal abzuurteilen, das verstehe ich nicht. Robert sagt, er habe im Grunde nix gegen Flüchtlinge oder Menschen die Hilfe brauchen: "Das Problem, wie ich finde, ist, das hier größtenteils junge Männer zwischen 18 und 30 ankommen und zwar ohne Familie." Die hätten lieber daheim bleiben und kämpfen sollen, meint Robert. So hätten sie nur ihre Familien im Stich gelassen. Wieder so ein Widerspruchsmoment. 

Wirklich nah sind wir uns nur, wenn es ums Private geht. Wenn Robert voller Liebe von seiner Familie erzählt, erkenne ich mich darin wieder. Dann bin ich meinem Freund von damals im Vatersein wieder verbunden. Und dann wird auch unser Kindergarten in der Erinnerung wieder lebendig.

Foto: Marc Röhlig

Es gab ein Wiesengrundstück direkt neben dem Gebäude, mit einem Klettergerüst und einem kleinen Schuppen für Gartenspielzeug. Heute gibt es den Kindergarten nicht mehr, das Klettergerüst auch nicht. An seine Stelle hat der neue Eigentümer einen Wintergarten gebaut. Auf den Bänken liegen Deutschlandkissen, an der Scheibe kleben Sticker. "Tu was für dein Land", steht auf einem. "Onkel Gauland braucht dich für deine Heimat", auf einem anderen.

Unweit des Kindergartens steht noch immer die Kalte Eiche, dieser prächtige, knorrige Baum oben am Feldrand, an dem Robert und ich so oft waren. 

Auch alle anderen erinnern sich an Ausflüge zur Kalten Eiche. Sie stand schon, als wir noch klein waren. Und sie steht noch heute da, unberührt vom Geschehen. Als Kinder haben wir uns alle an den Händen gefasst und versucht, den Baum zu umfassen. Ganz geklappt hat es nie – der Stamm ist einfach zu massiv. Und wir hatten Kinderärmchen. 

Heute sind wir erwachsen, wir könnten den Baum wohl umfassen. Wir müssten nur alle wieder da sein. Maria und Robert und Sabrina und ich.

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Video: Inken Dworak

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