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WAHLEN Wenig Brot, viel Spiel

An der Misere ihrer Länder konnten die Sozialdemokraten Harald Ringstorff und Klaus Wowereit wenig ändern. Dennoch sind die Regierungschefs populär und in ihren Parteien unangefochten.
aus DER SPIEGEL 37/2006

Der vergangene Dienstag war einer jener Tage, die wie gemacht scheinen für Klaus Wowereit. Spatenstich für den Großflughafen Berlin-Schönefeld: Flankiert von Bahnchef Hartmut Mehdorn und Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) greift Berlins Regierender Bürgermeister schwungvoll zur Schaufel. Von der größten Zukunftsinvestition der Hauptstadt ist die Rede und natürlich von ihm, dem Wahlkämpfer und dessen Perspektive.

Stunden später wird aus dem Malocher der Prinz. Wowereit hält Hof im Roten Rathaus. Neben ihm, lächelnd, Moderatorin Sabine Christiansen und Bertrand Delanoë, Bürgermeister der Partnerstadt Paris, bekennend schwul wie das Berliner Stadtoberhaupt. »Liebe Freunde, lieber Wowi«, beginnt der Gast aus Frankreich seine Rede. Das klingt charmant, und das ist auch gut so. Tagsüber Arbeit, abends Glamour. Berlin auf Augenhöhe mit Paris - da macht das Regieren Spaß.

Metropolenglanz und weltläufige Freunde kann Harald Ringstorff - Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, wo am kommenden Sonntag ebenfalls gewählt wird - nicht bieten.

Wann immer er dieser Tage aus dem roten Wahlkampfbus steigt, wirkt er hölzern, fast schüchtern - wie ein DDR-Bürger kurz nach der Wende, der auf dem Weg zu einer Familienfeier ist und die Hälfte der Westverwandtschaft nicht kennt. Wenn er für die Fotografen posiert, wenn er den Daumen in die Luft reckt und ein Lächeln aufsetzt, das Siegesgewissheit ausstrahlen soll, ist spürbar, wie unangenehm ihm derlei Mätzchen sind. Show ist seine Sache nicht.

So unterschiedlich die Sozialdemokraten Ringstorff, 66, und Wowereit, 52, auf den ersten Blick scheinen, so ähnlich ist doch ihr politisches Schicksal.

Beide regieren - mit der Linkspartei als Koalitionspartner - hochverschuldete Bundesländer, von Arbeitslosigkeit geplagt und bislang ohne Aussicht auf Besserung. Und beide haben ein erstaunliches politisches Kunststück vollbracht: Von der harten Wirklichkeit in ihren Ländern haben sie sich präsidial abgesetzt. Die Misere kann ihnen nichts anhaben - von ihren Popularitätswerten können ihre Kontrahenten nur träumen.

Den letzten Umfragen zufolge würde Wowereit bei einer Direktwahl des Regierungschefs 64 Prozent der Stimmen erhalten, Ringstorff 49 Prozent. Die CDU-Kandidaten Friedbert Pflüger (Berlin) und Jürgen Seidel (Mecklenburg-Vorpommern) liegen bei 18 und 34 Prozent.

Was die ungleichen Kollegen zu unangefochtenen Platzhirschen mit guten Chancen auf eine neue Amtszeit macht, ist die Tatsache, dass sie geradezu prototypisch die Mentalität und das Lebensgefühl ihrer Landeskinder verkörpern: Ringstorff als eine Art gütiger Übervater, Wowereit, nur noch »Wowi« genannt, als ranghöchster Gute-Laune-Bär der Stadt. Längst gehören sie zum Inventar ihrer Länder. Wenn sowieso alles unsicher und unabänderlich scheint, verkörpert das vertraute Gesicht eines Politikers offenbar eine Art Gewissheit, dass die Welt noch nicht vollends aus den Fugen ist.

»Berlin ist arm, aber sexy« lautet die Devise, mit der Wowereit den Verhältnissen trotzt. Niemandem würde es helfen, argumentiert er, stets als Griesgram durch die Gegend zu laufen. Und so gibt er den politischen Unterhaltungskünstler, der übergangslos von Klamauk zu Haushaltsthemen wechseln kann - im selben glucksenden Tonfall, berlinernd mit »ick« und »wa«, auf Du mit Show-Stars und Curry-Wurst-Buden-Betreibern.

Auf Kumpeltour ist er derzeit unterwegs in der Stadt - als einer, der sich den Nöten der Menschen stellt. So lauscht er einem halben Dutzend Hebammen, die bei einer Wahlkampfveranstaltung am Kollwitzplatz gegen die drohende Schließung ihres Geburtshauses protestieren. »Wir werden das noch einmal genau prüfen«, erklärt er dann. Er habe verstanden, dass das Geburtshaus »eine wichtige Arbeit« leiste. Die Hebammen sind zufrieden: »Vielen Dank, dass sie uns angehört haben«, verabschieden sie sich, »vielen Dank.«

Eigentlich müssten die stets präsenten Bittsteller wissen, dass Wowi ihnen wenig zu bieten hat. Denn wie ein Damoklesschwert hängt eine noch im Herbst erwartete Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über der Spreemetropole.

Die mit über 60 Milliarden Euro in der Kreide stehende Stadt hat auf die Gewährung

von Sanierungshilfen des Bundes geklagt. Wenn die Karlsruher Richter dies ablehnen, »dann machen wir hier die Lichter aus«, so der Präsident des Landesrechnungshofs, Jens Harms. Für diesen Fall hat auch Stimmungskanone Wowereit keinen Plan B. Doch das scheinen Wahlvolk wie zu Wählende in trauter Eintracht zum Tabu erklärt zu haben.

In Meck-Pomm droht ähnliches Ungemach ab 2008, wenn der Geldhahn des Solidarpakts II, von dem das Land derzeit noch profitiert, weiter zugedreht wird. Dass die SPD dennoch mit Wahlplakaten wirbt, die den Landesvater mit dem Slogan »Den Erfolg fortsetzen« zeigen, wirkt - angesichts der bundesweit höchsten Arbeitslosenquote von 18,2 Prozent - wie Satire und hat dennoch Methode.

Denn ähnlich wie Wowereit, der wenig Brot, aber viel Spiel bietet, tröstet Ringstorff das Wahlvolk im Nordosten mit dem spröden Charme eines LPG-Vorsitzenden, der die Planvorgaben auch nicht ändern kann, mit dem man aber die Hoffnung auf besseres Wetter und gute Ernten teilt.

Was die Popularität des Ministerpräsidenten stützt: 54 Prozent der Wahlberechtigten glauben nicht, dass eine CDU-geführte Regierung die Probleme des Landes besser lösen könnte. Schließlich war seit der Wende im Nordosten alles schon mal da: Schwarz-Gelb, Schwarz-Rot und Rot-Rot - geholfen hat es wenig.

Und so ist der seit acht Jahren regierende Ringstorff in den Augen vieler ein Garant dafür, dass es nicht noch schlimmer kommt. Ein Landesvater, der gern Plattdeutsch spricht, bedächtig, bodenständig und bescheiden. »Einer von hier, von uns«, sagt Günther Cech, Bürgermeister der Gemeinde Kummerow, der den Landesvater bei einem Besuch des Lichterfestes rund um den Kummerower See begleitet.

Die Visite des Ministerpräsidenten ist für die Besucher der Festwiese ein Zeichen, dass Ringstorff sich kümmert. »Von denen da oben lässt sich doch kaum einer hier sehen«, sagt eine Frau, »aber der Ringstorff weiß, was sich gehört.«

Ein Satz, der beinahe untergeht im Gekreische zweier Kinder, die neben einer Wurstbude miteinander ringen. Mit wenigen Schritten ist Ringstorff bei ihnen. »Auseinander, hört auf«, sagt er großväterlich, aber bestimmt.

»Die beißt aber«, sagt der Junge. »Wenn du sie an den Haaren ziehst, musst du damit rechnen, dass sie beißt«, antwortet der Regierungschef, »nun umarmt euch und gut ist.« Die Kinder gehorchen, die Umstehenden lachen. »Der kann's«, sagt ein Mann, »klare Ansage und Schluss.« Es sind Besuche wie dieser, mit denen er sich eine Popularität erarbeitet hat, die ihn auf einen letzten Schwung für seine Partei am Wahlkampfende hoffen lässt. Er verstecke sich nicht, sagen die Leute über ihn, wenn er schon die Lage nicht ändern kann.

Doch während sich Wowereit und Ringstorff auf den Straßen und Plätzen als Kumpel und Landesvater präsentieren, haben sie intern wie Zuchtmeister ihre Macht ausgebaut. »Wer nicht williger Gefolgsmann ist, wird abgesägt oder runtergemacht«, meint Claus Gerloff, ehemals Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Schweriner Landtag, »nur die Vasallen bleiben übrig.«

Ein Problem nicht nur für die innerparteiliche Demokratie, sondern auch für die Suche nach einem Ringstorff-Nachfolger. »Der hat alle weggebissen oder beschädigt, die von der Statur her dafür in Frage kamen«, sagt ein SPD-Abgeordneter, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will, weil er »gern noch im Landtag bleiben möchte«.

Der Sonnyboy von der Spree kämpft mit ähnlich harten Bandagen. »Nach außen hin war er der liebe Wowi, den man knuddeln muss - nach innen kannte er keine Verwandten«, erinnert sich der Grüne Wolfgang Wieland, kurzzeitig Justizsenator im rot-grünen Übergangssenat 2001 unter Wowereit. Glaubt man Wieland, hat der mitunter als Leichtfuß und Party-Bürgermeister verspottete Chef auch »dunkle Seiten«. Zielsicher erkennt Wowereit in Senatsvorlagen die Schwachstellen und liebt es, deren Autoren vor versammelter Mannschaft zu demütigen.

Mit solch traditionellen Machttechniken hat Wowereit bislang potentielle Rivalen kleinhalten können. Ähnlich wie in Mecklenburg-Vorpommern ist eine Nummer zwei in Berlins SPD nicht in Sicht.

Eine Nachfolgersuche sei auch gar nicht nötig, suggerieren Wowereits Getreue. Noch einmal wolle er fünf Jahre die Stadt führen, erklärt der Rathauschef selbst. Doch der Aufsteiger, der es vom Bezirksstadtrat in Berlin-Tempelhof zu einem der beliebtesten deutschen Politiker gebracht hat, wirkt in den letzten Wochen wie einer, der zum nächsten Sprung ansetzt. Zu sehr begeistert er sich an seiner Popularität, zu oft schwärmt er davon, wie er selbst weit weg im Westen der Republik von Leuten auf der Straße angesprochen und um ein gemeinsames Foto gebeten werde, als dass man ihm seine Treueschwüre für die Berliner Landespolitik abnehmen möchte.

Ringstorff hat solch Glaubwürdigkeitsproblem nicht. Meck-Pomm bleibt seine Mission: »Ich esse lieber Obst als Kekse, lieber Vollkornbrot als Brötchen und gehe regelmäßig schwimmen. Da fühle ich mich gesund genug, um noch ein Weilchen zu regieren.« STEFAN BERG, GUNTHER LATSCH,

MICHAEL SONTHEIMER

* Beim Berliner Presseball am 11. Januar 2003.

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