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Treuhand Wenig Interesse

Der Kanzler selbst sucht den Nachfolger für den ermordeten Treuhand-Chef. Doch Kandidaten sind rar.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Am Morgen nach dem Attentat auf ihren Chef war den Treuhand-Mitarbeitern ihre Bestürzung anzusehen. Mit bleichen Gesichtern und verhärteten Zügen liefen sie durch die langen Gänge der Berliner Zentrale. An normale Arbeit war nicht zu denken.

Kaum ließ der Schock über den hinterhältigen Mord nach, begannen viele um die eigene berufliche Zukunft zu fürchten. »Die meisten von uns«, erklärte Vorstandsmitglied Klaus-Peter Wild, »hat Herr Rohwedder ja persönlich angeheuert und nach Berlin geholt.«

Rohwedders demonstrative Gelassenheit hat viele Ostdeutsche geärgert und provoziert, sie sahen darin Wessi-Arroganz und Desinteresse an der Not der Arbeitslosen. Doch Rohwedders stoische Ruhe gab umgekehrt der Treuhand-Belegschaft Sicherheit.

Neben Trauer herrscht am Alexanderplatz 6 jetzt die Angst, der riesige, noch längst nicht richtig eingespielte Treuhand-Apparat könne ohne die Leitfigur Rohwedder schnell auseinanderbrechen. Seine Stellvertreterin Birgit Breuel kennt die Stimmung im Hause, sie versprach deshalb am Dienstag vergangener Woche sofort, die »Kontinuität der Arbeit« zu garantieren.

Die Kontinuität, die Botschaft schien klar, kann am besten durch eine interne Lösung des Nachfolge-Problems gelöst werden. Und intern drängt sich vor allem ein Name auf: Birgit Breuel.

Die Nachfolge Rohwedders gilt in Bonn als oberste Chefsache; sie wird von Helmut Kohl und dessen Finanzminister Theo Waigel entschieden.

In aller Eile stellten Mitarbeiter des Finanzministers eine Liste möglicher Kandidaten zusammen. Auf ihr standen der Sozialdemokrat Manfred Lahnstein, Vorstandsmitglied des Bertelsmann-Konzerns, Heinrich Weiss, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, und, von Waigel selbst ins Spiel gebracht, der Bayer Jochen Holzer, Chef des Bayernwerks.

Gesucht waren Kandidaten aus der Wirtschaft mit politischer Erfahrung. Selbst der Alt-Finanzminister Hans Matthöfer kam wieder ins Gespräch, ebenso Klaus von Dohnanyi, der frühere Hamburger Bürgermeister. Und FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff ließ bei Parteifreund Hans Friderichs anfragen, doch der frühere Wirtschaftsminister und Dresdner-Bank-Chef zeigte wenig Interesse.

So ging es mit allen Namen, die in der vergangenen Woche in Bonn gehandelt wurden: Die einen wurden verworfen, die anderen winkten ab.

Kohl selbst denkt offenbar an einen der ganz Großen der deutschen Wirtschaft, um das Jahrhundertwerk der deutschen Einheit zu vollenden. Auf Waigels Liste finden sich auch Siemens-Chef Karlheinz Kaske und Edzard Reuter von Daimler-Benz.

Kaum vorstellbar, daß solche Manager aus der obersten Konzern-Klasse wirklich zur Treuhand gingen - wenn sie denn tatsächlich gefragt werden.

Das Interesse deutscher Spitzenmanager an dem Chefsessel in Berlin ist, nicht erst seit dem Mordanschlag der RAF, denkbar gering. Die Chance zu scheitern ist übergroß, selbst bei Erfolgen ist reichlich Ärger und Kritik sicher.

Die Zeit drängt - und die arbeitet für Birgit Breuel. Bereits am kommenden Samstag soll der Verwaltungsrat den Rohwedder-Nachfolger benennen.

Der Präsident dieses Gremiums, Kaufhof-Chef Jens Odewald, galt selbst als Kohls Favorit. Doch der Kanzlervertraute lehnte aus persönlichen Gründen ab. Er will weiter dem Verwaltungsrat vorstehen, mehr nicht.

Es gibt, neben dem Mangel an Alternativen, noch etwas, was für die forsche Frau aus dem Vorstand spricht: Die ehemalige Wirtschafts- und Finanzministerin aus Niedersachsen kennt den Apparat. Es gäbe, anders als bei jedem Neuling, keine mühsame Einarbeitungs- und Umstellungszeit.

Die Dame mit Durchsetzungsvermögen hat allerdings eine entscheidende Schwäche: Ihr fehlen Erfahrungen im Management eines Unternehmens. Die Breuel-Befürworter im Verwaltungsrat und in Bonn wollen deshalb den Treuhand-Vorstand durch Leute aus der Wirtschaft ergänzen.

Gesucht wird vor allem ein Stellvertreter mit Industrieerfahrung. Im Gespräch ist Herbert Gienow, 65. Er wird in Kürze aus Altersgründen den Chefposten bei den Klöckner-Werken räumen und gilt als erfolgreicher Sanierer. Als Mann an Breuels Seite wird auch der Schwartauer Marmeladenunternehmer und frühere Chef des Otto-Wolff-Konzerns Arend Oetker gehandelt.

Eine Lösung mit Birgit Breuel an der Spitze findet allerdings nicht nur Freunde. Im Vorstand der Anstalt profilierte sich die Bankierstochter als dogmatische Vertreterin einer radikalen Privatisierung. Das hat sie bei den Gewerkschaftsvertretern im Verwaltungsrat und den Firmenbelegschaften im Osten gleichermaßen unbeliebt gemacht.

Die Dame selbst würde schon gern wollen. »Sie entfaltet eine bemerkenswerte Dynamik«, registrierte ein Treuhand-Mitarbeiter vergangene Woche nicht ohne Erstaunen. Ein anderer faßte es kürzer: »Die übt schon mal.«

Wer auch immer Rohwedders Erbe antritt - er beginnt die ohnehin schwere Aufgabe zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt; denn die Treuhand steht vor einer besonders schwierigen Phase. Sie kann nicht mehr länger alle maroden Unternehmen mit Liquiditätskrediten versorgen. Sie muß entscheiden, wer künftig Geld bekommt, um die Produktion zu modernisieren.

»Wir geben Geld an Geschäftsleitungen, damit die sich die Umstrukturierung ihrer Unternehmen vornehmen«, hatte Rohwedder in seiner letzten Pressekonferenz am Mittwoch vor Ostern erklärt. »Aber wie wir sicherstellen können, daß dieses Geld nicht verpulvert wird - darauf habe ich auch keine Antwort.«

Nun muß sein Nachfolger die Antwort finden.

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