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Briefe

Weniger Scheuklappen
aus DER SPIEGEL 50/1998

Weniger Scheuklappen

Nr. 48/1998, Titel: Zu viele Ausländer? Sprengsatz für Rot-Grün

Wer ist überhaupt gemeint mit ,,Zu viele Ausländer?« Ausländer sind eine inhomogene Gruppe von Menschen, die sich unter anderem - aber längst nicht ausschließlich - aus Gastarbeitern, Flüchtlingen und Asylbewerbern zusammensetzt. Eine differenzierte Betrachtungsweise ist - gerade auf dem Titelblatt - Voraussetzung für eine vernünftige Auseinandersetzung. Der Grundgedanke des Rechts auf Asyl in der Bundesrepublik - und dieser muß deutlich von andersartiger Einwanderungspolitik unterschieden werden - basiert nicht, wie behauptet, auf »Schuld und Sühne«, sondern auf dem Prinzip, daß wir Menschen Zuflucht gewähren wollen, deren Menschenrechte anderswo nicht ausreichend geschützt werden.

OLDENBURG (SCHLESW.-HOLST.) ISKANDAR JAHJA CHRISTOPH BEHREND

Mir gefällt das Titelbild überhaupt nicht, denn es spiegelt ein total falsches Bild von den in Deutschland lebenden Ausländern wider. So sehen meiner Meinung nach integrierte Ausländer nicht aus.

BERLIN MONA FAROKHZAD

In der Ausländerdiskussion wird auch von Ihnen so getan, als ob die 7,3 Millionen Ausländer in Deutschland alle Türken, Kosovo-Albaner oder Asylbewerber wären. Aber ungefähr die Hälfte von ihnen sind EU-Ausländer, die ganz andere Probleme haben, wie auch die über eine Million deutschen Bürger, die in Italien, Spanien und so weiter wohnen. Die Biographie der Angestellten und Selbständigen in der europäischen Privatwirtschaft wird immer internationaler. Heute ist es normal, daß man berufsbedingt einige Jahre mal in einem Land, mal in einem anderen verbringt und im Alter in den sonnigen Süden zieht. Häufig werden diese Menschen dadurch zu Entrechteten, die nirgends mehr mitbestimmen dürfen: Ausländische Bürger vieler EU-Länder dürfen nicht mehr in ihrem ursprünglichen Land wählen (so in Deutschland) oder haben das Wahlrecht für ein Land (zum Beispiel Italien), an welchem sie kaum mehr Interesse haben.

STUTTGART SANDRO A. BOSSI

Kein normaler Deutscher wird sich mit kriminellen oder asozialen Deutschen in einen Topf werfen lassen. Konsequenterweise dürfen wir auch nicht von »den Ausländern« sprechen. Andernfalls demontieren wir einen Rechtsgrundsatz, nämlich die Bewertung des einzelnen ohne Sippenhaft. Fanatiker und Kriminelle sind eine Gefahr für unsere freiheitliche Gesellschaft, egal welche Nationalität sie haben. Aber sie sind eine Minderheit.

MAINZ BERTRAM BAUER

Das nennt man Zivilcourage. Respekt, Herr Schily! Menschenhandel ist inzwischen weit lukrativer als Drogenhandel. Manche Grüne sind in ihrer Ausländerpolitik so fanatisch borniert, daß sie die Wirklichkeit als störend empfinden.

BAD REICHENHALL UWE VON FALTIN

Gerade im Anblick der USA drängt sich vielen Deutschen die Frage auf, ob nicht Homogenität ein höheres Gut ist als Heterogenität, da Homogenität Solidarität vielleicht erst ermöglicht. Als billige Arbeitskräfte sind Ausländer dort sicher gewünscht, das sagt aber noch nichts darüber aus, ob sie auch integriert werden.

MÜNCHEN DOMINIK FINKELDE

Ein in seiner Sachschärfe und journalistischen Darstellung und Ausgewogenheit glänzender Artikel, der die Notwendigkeit des Handelns deutlich herausstellt und die Qual der Wahl des Weges aufarbeitet. Gut, daß Otto Schily nun endlich den Hirtenstab in die Hand nimmt und sich der Aufgabe stellt. Wir schulden ihm für diesen Mut eher Respekt als Kritik!

MERCHWEILER (SAARL.) JOSEF HORNIG

Die Moralkeule »Ausländerfeind » schwingen die, für die Ausländer nur als hochmotivierte Billigstarbeitskräfte (FDP) und multikultivierbare Vorzeigeausländer (Grüne) interessant sind. Millionen Ausländer aber, die in ihrer Heimat bleiben, vegetieren elendig dahin, weil »grüne« Politiker in ihrem Inländerhaß die letzte Mark für Armutsflucht (Ausländersozialhilfe, Kriminalitätsbekämpfung und Integrationsmaßnahmen) anstatt für Armutsbekämpfung ausgeben.

SAARBRÜCKEN DIETER CHRISTMANN Nur weil die Last der Vergangenheit manchen Politikern auf den Magen schlägt, muß der nachfolgenden Generation doch kein schlechtes Gewissen eingetrichtert werden. Schily hat die Wahrheit gesagt, sonst nichts.

KARLSRUHE JÖRG BAUER

Deutschland ist bereits viel zu dicht besiedelt. Ein geringer Anteil fremder Kulturen im eigenen Land wird sehr wohl als Bereicherung empfunden. Wird das Straßenbild schon davon beherrscht, fühlt sich jeder normale Mensch als Fremder im eigenen Land.

OBERNBURG (BAYERN) STEFAN MEHLING

Klar muß es für Armutsflüchtlinge Grenzen geben. Aber für die ausländische Intelligenz oder solche, die es noch werden will, müssen die Grenzen weit offen sein. Die Volkswirtschaft profitiert ungemein davon. Weniger Scheuklappen, mehr Offenheit hat einem Volk noch nie geschadet.

FRANKFURT AM MAIN GÜNTER BIHN

Es wäre zutreffender, von Männerkriminalität zu reden als von Ausländerkriminalität. Die nichtdeutsche Wohnbevölkerung, die hier seit langem heimisch ist, ist gesetzestreuer als vergleichbare deutsche Gruppen. Nur nicht auffallen, lautet das Motto. Asylbewerber hingegen begehen - neben Verstößen gegen Ausländergesetze, die Deutsche gar nicht erst begehen können - vor allem Diebstahlsdelikte aus nackter Not. Gewaltverbrechen gehen meist auf das Konto junger Männer mit sozialen Problemen, einer Gruppe, die bei Nichtdeutschen prozentual einen höheren Anteil stellt als bei Deutschen. Vergleicht man Vergleichbares, ergibt sich: In ähnlich strukturierten Gruppen sind Ausländer nicht krimineller als Deutsche. Und die - übrigens rückläufige - Organisierte Kriminalität wird meist von Durchreisenden gesteuert, die als Touristen im Land sind.

BORNHEIM (NRDRH.-WESTF.) DOROTHEA REDER

Es wäre mehr als wünschenswert, daß die neue SPD-geführte Regierung die Sorgen von rund 90 Prozent der deutschen Bevölkerung ernst nimmt und in Zukunft eine Ausländerpolitik jenseits von Schuld und Sühne betreibt, die den Zuzug nach Deutschland weitgehend begrenzt und eine europäische Quotenregulierung einführt.

BAD ZWISCHENAHN (NIEDERS.) J.-M. WEISS

Die Frage hätte wohl eher »Zuwenig Einheimische?« lauten müssen. Denn was können wir Ausländer dafür, wenn ihr euch kaum noch vermehrt? Wir sorgen doch nur dafür, daß aus eurem schönen Land nicht irgendwann mal ein Raum ohne Volk wird.

MÜNSTER METE NEPTUN

Es soll nicht an Albanern, Türken oder Nigerianern gutgemacht werden, was Juden damals angetan wurde. Dies ist nicht gutzumachen. Wir können uns nur darum bemühen, daß sich ähnliches nicht an Albanern, Kurden oder irgendeinem anderen Volk wiederholt. Aus dieser Verantwortung entstand der Grundgesetzartikel 16 in seiner bis 1993 gültigen Fassung. Nicht nur Schuld spielt hier eine Rolle, sondern Erkenntnisse und Lehren, die wir aus unserem Verhalten gezogen haben sollten. Sich diesen Erkenntnissen zu entziehen, jenseits jeden Schuldbewußtseins und ohne je gesühnt zu haben, ist noch immer den extrem Rechten vorbehalten - man muß nur merken, wenn man sich zu einem solchen entwickelt hat.

HAMBURG ANNE HARMS

FLUCHTPUNKT, HILFSSTELLE FÜR FLÜCHTLINGE

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