Zur Ausgabe
Artikel 100 / 115

Briefe

Wenn Bildung zur Ware wird
aus DER SPIEGEL 4/2004

Wenn Bildung zur Ware wird

Nr. 3/2004, Titel: Die teure Billig-Uni - Sanierung durch Studiengebühren?

Selbst wenn die erhobenen Studiengebühren wirklich bei den Universitäten landen und nicht wie in Österreich irgendwo in der Staatskasse verschwinden, wird die Studentengeneration, die diese als erste zu entrichten hat, dank deutscher Gemütlichkeit wohl kaum noch vor Ende ihres Studiums in den Genuss verbesserter Studienbedingungen kommen - außer Spesen nix gewesen!

FREIBURG IM BREISGAU

CHRISTIAN DENZEL

Die Bildung von Elite-Universitäten ist - ebenso wie schon die Einführung der leistungsbezogenen Besoldung für Hochschullehrer - eine neue Mogelpackung zur Deckelung der Gesamtausgaben für die Hochschulen: Schließlich kommt es in der Summe billiger, 10 Unis spitzenmäßig aufzurüsten und die übrigen klein zu halten, als 250 Unis auf ein angemessenes Ausstattungsniveau zu bringen.

HILDESHEIM PROF. HEDE HELFRICH-HÖLTER

Auch wenn Studiengebühren für die Gewährleistung von optimalen Studienbedingungen überfällig sind: Studenten sind keine Kunden, und Lehrende sind keine Verkäufer. Bildung ist kein Fertigprodukt im Supermarkt oder Feinkostgeschäft des Wissens, sondern das lebenslange Ringen um Erkenntnisse.

DÜSSELDORF PROF. DR. KARIN BÖHME-DÜRR

Ein wichtiger Punkt blieb fast unerwähnt: die beträchtlichen Kosten durch den akademischen Leerlauf des hohen Anteils von Studenten, die ihr Studium abbrechen. Warum sollten Studenten an deutschen Hochschulen nicht auch von Anfang an Leistungsnachweise erbringen müssen wie allgemein in den USA üblich? Dort beginnt mit dem ersten Semester die eigentliche Auslese derjenigen mit Begabung und Motivation - Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Studium. In jeder Vorlesung werden mehrere Zwischenklausuren und eine Endklausur (final exam) verlangt. Wer dann nach zwei Semestern nicht einen Mindestdurchschnitt von »befriedigend« erreicht, darf nur »auf Bewährung« weiterstudieren. Wer sich nicht schnell bessert, wird exmatrikuliert.

MÜLLHEIM (BAD.-WÜRTT.) PROF. DR. FRITZ-EGBERT DOHSE

Gebühren könnten sinnvoll sein - allerdings nur, wenn sich Bund und Länder zu einem Kürzungsstopp der Bildungsausgaben verpflichten und die Gebühren nicht als Vorspeise der gefräßigen Haushaltslöcher enden. Längst überfällig ist aber auch eine Entmachtung der Professoren, die nur noch befristete Verträge erhalten sollten und zudem von der Beurteilung der Studenten abhängen müssen. Mir ist nicht bekannt, dass Studenten jemals für monatelange »Semesterferien« auf die Straße gegangen sind - die Profiteure dieser Regelungen sind wohl eher die Professoren.

HEIDELBERG NORBERT SANFTMANN

So bitter es klingt, aber es muss wohl jede gesellschaftliche Gruppe auf etwas verzichten. Der Entschluss zum Studium fällt freiwillig, und ich glaube nicht, dass sich jemand, der ernsthaft studieren will, von diesem Plan abbringen lässt, nur weil er im Berufsleben nachträglich dafür zahlen muss. Außerdem wird es Zeit, dass in Deutschland endlich ein durch die Wirtschaft mitfinanziertes Stipendienwesen aufgebaut wird. Durch Gebühren werden vielleicht jene potenziellen Studenten abgeschreckt, die nur an die Uni gehen, weil sie noch nicht wissen, was sie wollen. Einen solchen Effekt würde ich als Student, der es ernst meint, sogar begrüßen.

GROß KREUTZ (BRANDENB.)

MARTIN HENNIGER

Die Universität als »Vergeudungsstätte von Lebenszeit und Steuergeld« zu bezeichnen unterstützt den Trend, Studierende als faule Nichtsnutze zu verunglimpfen. Man sollte wissen, dass laut Studie des Studentenwerks 65 Prozent aller Studierenden arbeiten und durchschnittlich 45 Stunden in der Woche für Erwerbstätigkeit und Studium aufwenden. Haben die Alt-68er so sehr vom Kuchen namens Macht gefressen, dass sie hinsichtlich des Nachwuchses genauso erblindet sind wie einst ihre Altvorderen? Als Ironie des Schicksals erscheint die Elite-Universität am Horizont der Genossen, die schon lange das erste Wort ihres Parteinamens nicht mal mehr buchstabieren können. Die freie Bildung prostituiert sich zur Ware und ist in absehbarer Zeit mehr Schein als Sein.

BREMEN MICHAEL LEDDIN

Ihre Redakteurinnen stellen Studiengebühren als das Allheilmittel dar, mit dem es aufwärts ginge. Aber als Student der sich im konstruktiven Streik befindlichen Universität Leipzig kann ich Ihnen da nur sagen, dass solche Hoffnungen illusorisch sind. Kein Euro würde durch Gebühren zusätzlich an die Unis fließen, im Gegenteil würden wohl wie bisher noch weitere Mittel gestrichen, um den Landeshaushalt zu entlasten. Schließlich sind Sachsens Ministerpräsident Milbradt und Wissenschaftsminister Rößler weiterhin der Meinung, auch mit weniger lässt sich bei uns mehr erreichen. Viele Studenten, wie auch ich, wären wohl durchaus bereit, Geld in unsere Ausbildung zu investieren. Aber nur, wenn diese auch qualitativ hochwertig ist!

LEIPZIG STEPHAN LOHSE

So eigennützig und realitätsfremd, wie viele glauben, sind die meisten Studierenden tatsächlich nicht mehr. Es gibt inzwischen sogar Studentengruppen, wie etwa die »Libertäre Liste« in Bonn, die sich explizit für eine Privatisierung der Unis und der Studentenwerke einsetzen. Die Bonner rechnen vor, dass Studierende vor allem auf Kosten der einfachen Arbeiter leben, die direkt nach der Schule malochen, die viel mehr Renten- und Krankenkassenbeiträge bezahlen als Akademiker und deren Kinder nur zu zwölf Prozent an die Unis gehen. Studierende profitieren also von einer ausbeuterischen Umverteilung, die mit dem Nebelkerzenargument verschleiert wird, dass Bildung ein öffentliches Gut sei. Eine Privatisierung des Bildungswesens wäre also »sozialer«, als viele denken.

BONN LINDA SCHACHT

600 Euro pro Semester; klar, das kann doch wirklich jeder Studi aufbringen, vielleicht hat er ja was gespart ... ach nein, geht nicht, sonst gibt's kein Bafög. Aber vielleicht hat man ganz viel Glück, und die Eltern haben das nötige Kleingeld, um einen auf eine neue Elite-Uni zu schicken. Nur dumm, wenn das nicht der Fall ist, man auf einer 08/15-Uni rumstudiert und dann zusehen muss, wie die Elite-Absolventen alle Jobs bekommen. Schicksal vielleicht!? Aber was will man machen. Wenn Bildung zur Ware wird, kann man wohl nicht mithalten, wenn Papi kein dickes Konto hat.

GIEßEN ANNA-MARISA PIONTEK

Zur Ausgabe
Artikel 100 / 115
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.