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Wenn die Halsabschneider kommen

Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 31/1992

Welch eine heldenhafte Brücke«, sagt der bosnische Offizier auf dem rostigen Weltkriegspanzer, der die Brückenauffahrt in Slavonski Brod am kroatischen Ufer der Save blockiert. Die Stimme des Offiziers bebt ein bißchen vor pathetischer Erregung. »Sie hat viele Tausende unserer Landsleute gerettet, sie wird in die Geschichte eingehen als Schicksalsbrücke.«

Diese Brücke ist eine Festung. Seit vier Monaten hämmern die Serben mit Granatwerfern und schwerer Artillerie auf ihr herum. Aber sie kriegen sie nicht kaputt.

Die Fundamente sind rissig und zernarbt. Das eiserne Geländer hängt zum Teil in Fetzen. In der Fahrbahn klaffen große Löcher. Trotz der schweren Eisenplatten, mit denen die Löcher abgedeckt sind, muß man aufpassen, daß man nicht einbricht, wenn man mit dem Auto drüber wegfährt. Die Brücke bebt, aber sie hält.

Hier hat am 3. April der Bosnien-Krieg begonnen. Serbische Freischärler stürmten kurz nach 15.30 Uhr über die Brücke, um Slavonski Brod zu erobern. Doch die kroatische Polizei trieb sie auf die andere Seite zurück. Seitdem hat der Krieg in Bosnien 40 000 Menschenleben gekostet.

Die Brücke von Slavonski Brod nach Bosanski Brod ist im Nordabschnitt die letzte Verbindung zwischen Kroatien und Bosnien. Allein in der zweiten Juliwoche sind hier fast 100 000 Flüchtlinge durchgetreckt. Es gab Tage, da war die Menschenschlange vor der Brücke vier Kilometer lang. Alle anderen Save-Brücken sind zerstört. Wenn diese hier auch noch fällt, dann gibt es für eine Million Bosnier, die auf der Flucht vor der serbischen Soldateska sind, keinen Ausweg mehr.

Die Save führt wegen der sommerlichen Hochtemperaturen zur Zeit weniger Wasser als sonst um diese Jahreszeit. Das hat der Strömung nichts von ihrer Wucht genommen. Anfang des Monats ist flußabwärts ein Floß gekentert, mit dem mehrere Dutzend Menschen den Fluß überqueren wollten. Dabei kamen die meisten von ihnen ums Leben.

Zwischen Bosanski und Slavonski Brod sind in den vergangenen Wochen auch junge Männer bei dem Versuch ertrunken, sich schwimmend dem Wehrdienst zu entziehen. Die Wachen an der Brücke lassen nur Frauen, Kinder und Greise passieren. Alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren sind wehrpflichtig. Dabei nehmen es die Kroaten mit der Blockade wesentlich genauer als die Bosnier.

Die Aussichtslosigkeit der Lage drückt sehr auf die Wehrbereitschaft. Die gegnerische Artillerie steht tief gestaffelt drei bis zehn Kilometer östlich von Bosanski Brod auf höhergelegenem Terrain. Die Serben haben wirklich ideales Schußfeld. Und nahezu unbegrenzte Mengen Munition. Manchmal ist den ganzen Tag über Ruhe. Dann prasselt wieder stundenlang Feuer aus allen Rohren auf die Zwillingsstadt an der Save. Meist ziemlich ungezielt, dafür aber enorm flächendeckend. Keiner weiß, was sie - mal abgesehen von der Brücke - hier überhaupt noch kaputtmachen wollen.

Am rechten Flußufer ist kein einziges Haus mehr unbeschädigt. Die Läden sind geschlossen. Nur eine Bäckerei arbeitet noch. Überall kokelnde Müllberge, ausgebrannte Autos, aufgerissene Dächer, alles eingehüllt in ekelhaften feuchten Brandgeruch. Das Postamt ist besonders schwer mitgenommen. Vor zwei Wochen hat ein Munitionslager in einem Schuppen gleich nebenan einen Volltreffer abgekriegt. Dabei flog eine Wagenladung Gewehrpatronen in die Luft.

Am Mittwoch vorletzter Woche schlug eine Granate drüben im Sportstadion von Slavonski Brod ein, in dem 3000 Frauen, Kinder und alte Männer Quartier bezogen hatten. Die Wirkung war verheerend: Es gab 12 Tote und mindestens 60 Verletzte. Das Stadion wurde eilig geräumt, die Flüchtlinge wurden nach Nasice, 30 Kilometer vor der Stadt, gebracht.

Die serbische Konquista hat diese letzte Enklave bislang verschont, weil sie als Austrittsventil für die Flüchtlingsströme dient. Doch das Ende ist abzusehen. »Wir rechnen täglich mit dem entscheidenden Großangriff«, sagt Joze Metar, ein bosnischer Elektroingenieur aus Paris, der unbefristeten Urlaub genommen hat, um bei der Verteidigung Bosniens zu helfen.

Joze macht sich nichts vor. »Unsere Lage ist sehr, sehr schlecht.« Um nicht zu sagen aussichtslos. Joze gehört zu den Privilegierten, die wenigstens zurückschießen können, wenn es richtig losgeht.

Die Mehrzahl der Verteidiger von Slavonski Brod sind waffenlos. Sie sollten sich Gewehre beim Feind holen, hieß es in einem Tagesbefehl der Armeeführung. »Aber selbst wenn wir zehnmal mehr Leute hätten als die anderen, wären wir immer noch unterlegen«, sagt Tadj Stanic aus Odzak, der hier als Stadtkommandant amtiert. »Die Serben haben Panzer, Kanonen und Flugzeuge.«

Tadj Stanic hat etwa 4000 Soldaten unter seinem Kommando. Vorwiegend Soldaten ohne Waffen. Die meisten haben zur Selbstverteidigung nicht viel mehr als Fäuste, Dachlatten und Brechstangen, dazu selbstgemachte Schutzschilde aus plattgehämmerten Kotflügeln, von denen sie hoffen, daß sie die feindlichen Kugeln abhalten werden.

Die Banditen, wie sie sich in derber Selbstironie nennen, kampieren seit Wochen in einer festgefahrenen Karawane aus Hunderten von Autos und Traktoren an der Ausfallstraße nach Modrica. Sie spielen Karten, kochen Tee in Konservenbüchsen, basteln primitive Hieb- und Stichwaffen und hoffen, daß der Krieg bald vorbei ist. Ein paar Frauen aus Slavonski Brod sind auch dabei. Sie dürfen einmal täglich ihre Männer besuchen.

Mit im Treck stecken auch fünf Löschzüge aus Odzak. Die Feuerwehrleute haben sie im letzten Moment aus der Stadt geholt, bevor die serbischen Tschetniks einrückten. Ein Fahrer von der Müllabfuhr hat seine Familie in einem geklauten Müllwagen aus der Stadt geschafft.

Vor der Post unten an der Brückenauffahrt machen junge Männer in Zivil Molotow-Cocktails aus Cola-Flaschen und Benzin. Flaschen gibt es genug. Aber es fehlt an passendem Sprit. Die Laster und Trecker haben fast alle Dieselmotoren. Und Diesel brennt nicht so gut wie Benzin.

»Warum greift der Westen nicht endlich ein wie in Kuweit?« fragt Zoran Baric, ein Lehrer aus Tuzla, den der Zufall hierher gespült hat. »Ist die Sache der Bosnier weniger gerecht als die der Kuweiter?«

Die Europäer führten sich auf wie ein Passant, der zu einem Raubüberfall dazukommt. »Jedesmal bevor er dem Opfer ein Pflaster auf eine Wunde klebt, bittet er den Räuber um Erlaubnis. Und nach jedem neuen Pflaster schlägt der Räuber wieder zu.«

Zoran Baric macht im Gegensatz zu den meisten anderen kein Hehl daraus, daß er kein Interesse an der Vaterlandsverteidigung hat. Beim Kampf um Tuzla hat er seinen einzigen Sohn verloren. Er will leben, und er haßt den Krieg, ganz egal, wer recht oder unrecht hat.

Die Tschetniks wüten wie die Hunnen. Beim Sturm auf Odzak brachten sie über 500 Menschen um, obwohl die Stadt sich kaum verteidigt hatte.

Vielen Gefangenen schnitten sie einfach die Hälse durch. Gottlob konnten wenigstens die knapp 1000 Schwerverletzten aus dem Lazarett rechtzeitig aus der Stadt geschafft werden. Zoran hofft nur, daß die Kroaten die Brücke aufmachen, wenn die Halsabschneider kommen.

Der Krieg hat überall Familien auseinandergerissen. Die kroatische Regierung ist bemüht, Frauen und Kinder aus der Kriegszone fortzuschaffen. Von den Bereitschaftssoldaten in Bosanski Brod wissen die wenigsten, wo ihre Angehörigen geblieben sind. Hauptsache, sie sind erst mal in Sicherheit. Irgendwann wird man sich wiederfinden. Vielleicht in Kroatien oder in Österreich oder in Deutschland - nur in Bosnien ganz sicher nicht.

Sein 75 Jahre alter Vater, den Zoran im Beiwagen seines Motorrades mitgeschleppt hat, lebt vermutlich jetzt in einem Flüchtlingslager drüben auf der anderen Seite. »Wenn er überhaupt noch lebt«, sagt Zoran. Sein Vater sei hilflos und senil. Er könne nicht einmal allein essen.

Der alte Mann hatte nicht begriffen, was um ihn herum geschah. Er sprach zum Schluß immer nur von seiner Katze, die in Tuzla hatte zurückbleiben müssen. Er hatte ihr für zwei Tage Milch und Brot dagelassen. Er würde ja sicher bald zurück sein.

Der alte Mann weiß nicht, daß Zoran die Katze mit einer Kohlenschüppe erschlagen hat, um sie vorm Verhungern zu bewahren.

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