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JUGEND-SCHULUNG Wenn du eingezogen wirst

aus DER SPIEGEL 36/1954

An der Hindernisbahn zeigte Gustav sich gewandt. Auch die Dauerübungen bereiteten ihm keine Schwierigkeiten ... Im seemännischen und im Seenotrettungsdienst befriedigten seine Leistungen nicht immer ... Das Kollegium konnte Gustav einstimmig die Stranddistel verleihen ... Er erweiterte seine Brustspannweite um volle 5 Zentimeter.«

Sätze dieser Art finden sich in Personal-Beurteilungen, die von der »Kurzschule Weißenhaus« der »Deutschen Gesellschaft für Europäische Erziehung e. V.« abgegeben werden. Diese Beurteilungen gehen - ohne daß der Beurteilte sie kennt - an die Personalabteilungen jener Großfirmen*), die junge Angestellte, Lehrlinge und Boten für vier Wochen von der Arbeit befreien und zu Kursen nach Weißenhaus, Post Lütjenburg/Holstein, schicken.

Den Lehrlingen wird in den Betrieben meistens die Frage gestellt: »Wollen Sie vier Wochen in Urlaub gehen?« Das Angebot ist recht verlockend, denn die Kosten von 275 Mark für einen Kursus und das Reisegeld tragen die Firmen. Außerdem werden die vier Wochen Weißenhaus nicht auf den regulären Urlaub angerechnet. Schließlich bekommen die Jugendlichen von ihren Lehrstellen meist noch ein kleines Taschengeld mit auf den Weg.

Wer sich für Weißenhaus entschließt, bekommt vom Schulleiter Dr. Klose ein Schreiben ins Haus geschickt:

»Wir freuen uns, daß Sie zu uns kommen«, heißt es da, und im zweiten Absatz ist von »dem schönen alten Park« die Rede, der direkt an die Ostsee stößt. »Die Kurzschule ist eingerichtet in Schloß Weißenhaus. Am Strand steht der hohe Mast, dort haben wir das Wachhaus, den Bootsschuppen und unsere Boote. Wir wollen die nächsten vier Wochen ernsthaft zusammen arbeiten. Wir treiben Sport,

*) Darunter Esso und BP. um die körperliche Leistungsfähigkeit zu erproben und nach Möglichkeit zu steigern.« Mancher Muskel werde sich am Anfang deutlich bemerkbar machen.

»Wir stellen Ihnen zur Verfügung: Bettwäsche, Wolldecken, Handtücher und im Bedarfsfalle Ölzeug und Gummistiefel. Dazu kommen zwei Schutzanzüge und ein Pudel. Sie brauchen also eigentlich als Anzug nur einen Reiseanzug.« Ein Paßphoto sei einzuschicken, und am Schluß des Briefes steht: »Wir bitten, in den vier Wochen in Weißenhaus nicht zu rauchen und keinen Alkohol zu trinken. Das ist aus Trainingsgründen wichtig, damit Sie sich nicht körperlich überfordern.«

Wenn die jungen Menschen nach mehrstündiger Bahnreise in der »Kurzschule« eintreffen, stellt sich Dr. Klose vor, und aus dem »Sie«, mit dem die Lehrgangsteilnehmer im Brief angeredet wurden, wird nun das vertrauliche »Du«. Dr. Klose: »In einer Gemeinschaft von 84 jungen Menschen schafft das Du eine wärmere Atmosphäre.«

Als erstes kommt der Weg zur Kleiderkammer. Für die nächsten vier Wochen tragen die 16- bis 23jährigen Uniform, blaue Drillichhosen und -blusen und Pudelmützen. Dann kommt die Begrüßungsansprache durch den Besitzer des Schlosses Weißenhaus, den Grafen von Platen, die unter dem Motto steht: »Dienst am Nächsten ist Dienst am Frieden.«

Wenn Graf von Platen verhindert ist, übernimmt Graf Eulenburg als Geschäftsführer die Begrüßungspflichten. »Wir wollen eine Lücke schließen, die bei den jungen Menschen erzieherisch zwischen der Schule, dem Betrieb und der Lehrwerkstatt klafft.«

Nachdem die Kurzschüler noch damit vertraut gemacht werden, welch prominente Persönlichkeiten im Kuratorium sitzen - Ex-Kultusminister Bäuerle, Landesbischof Dr. Lilje, die Journalistin Gräfin Dönhoff, der Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes, Hartmann, Professor Merck vom Unesco-Institut für

Pädagogik und andere - zückt Schulleiter Dr. Klose den Dienstplan für die nächsten vier Wochen, der sich in fünf »Disziplinen« aufgliedert.

Jeden Morgen Punkt 6 Uhr werden die Urlauber durch Töne aus einem gräflichen Blasinstrument geweckt. Ist kein Bläser unter den Lehrgangsteilnehmern, die aus allen Teilen der Bundesrepublik nach Weißenhaus kommen, tritt an die Stelle des Blasinstruments eine schrille Bootsmanns-Pfeife. Dann geht es mit einem Dauerlauf, Waschen, Rasieren und kaltem Duschen weiter. Geschlossen wird angetreten, abgezählt und Frühstück gefaßt. Um acht Uhr beginnt für die sieben »Wachmannschaften« mit je zwölf Kurzschülern der Dienst. Der Wachälteste meldet dem Schulleiter: »Vollständig angetreten.«

Die sieben »Wachführer«, von denen sechs militärische Dienstgrade vom Unteroffizier an aufwärts aufweisen, arbeiten dann mit den Gruppen das tägliche Pensum der Disziplinen durch. Dazu gehört auch der Feuerwehrdienst mit einer von der dörflichen Feuerwehr ausgeliehenen Spritze und in zünftiger Montur mit Brandhelm, Rettungsgürtel und Beil.

Kapitän Schwabbauer, einer der sieben Wachführer, sticht unterdessen mit einer anderen Gruppe unter markigem Kommando »eins - uuuund reißt!« rudernd in See.

Wachführer IV, Sanitätsunteroffizier Dr. Lübben, unterweist eine andere Mannschaft währenddessen in Erster Hilfe.

Wachführer II, Herbert Konkel, treibt mit einer Gruppe einen Sport, von dem Graf Eulenburg zu berichten weiß, »daß er den jungen Menschen die obere Grenze ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit aufzeigen soll«. Zur Erprobung der oberen Leistungsgrenze gehört es, daß sich die Kurzschüler an einem dicken Tampen - einem Seil - hochhangeln, der zwischen vier alten Buchen in sechs Meter Höhe gespannt ist. In der Mitte des Seiles hat jeder Urlauber eine Rolle zu drehen. Am

anderen Ende des Tampens soll er sich dann in die Tiefe fallen lassen. Auch Kniebeugen und Robben wird gelehrt.

Die fünfte Disziplin schließlich befaßt sich mit der Flora und Fauna rund um Weißenhaus und der Lebenskunde.

Als Sonderdisziplin hat Weißenhaus noch einen Zehn-Kilometer-Marsch eingeführt, für den eine Marschzeit von 85 bis 105 Minuten vorgeschrieben ist.

Jede Wachmannschaft erhält einen Tagessatz von 20 Pluspunkten, und es soll das Bestreben der Kurzschüler sein, diese Punktzahl auch zu halten. Der Korpsgeist in den Wachgemeinschaften wird dadurch erhalten, daß es Minuspunkte zum Beispiel für die ganze Gruppe gibt, wenn den Wachführern beim morgendlichen Rundgang der schlechte Bettenbau eines Urlaubers ins Auge sticht. Auch für nicht entleerte Papierkörbe gibt es Minuspunkte.

Dienstschluß ist 17 Uhr und Abendessen 19 Uhr. Um 22 Uhr hallt es durch Weißenhaus: »Liiicht aus!«

Die einzigen, denen der Schlaf ab 22 Uhr nicht gegönnt ist, sind die zur Wache eingeteilten Urlauber. Deren Aufgaben sind in einer dreiseitigen Wachvorschrift am Schwarzen Brett bis in alle Einzelheiten niedergelegt. Es heißt:

Die Wache vom Dienst übernimmt:

1. die Aufgabe einer Seenotrettungswache,

2. die Verantwortung für die Sicherheit der vor Anker beziehungsweise am Strand liegenden Schulboote sowie die Uberwachung des Schulgeländes am Strand und

3. die Verantwortung für den Ablauf des Tagesplanes im Schulbetrieb vom »Wecken« bis »Ruhe im Haus«.

Die Wache ist wieder eingeteilt in die Strand- und in die Schloßwache. Die Ziffer II/A/2 bestimmt den Wachanzug: »Blaues Päckchen mit Pudel, eventuell Leder- oder Ölmantel mit weißer Armbinde mit schwarzem W.«

Unter Punkt 3: »Die Strandwache hat sich immer außerhalb des Wachhauses aufzuhalten und soll während der Wache weder lesen noch schreiben.«

Die Schloßwache ist für pünktliches Auspfeifen zum Dienst und zu den Mahlzeiten verantwortlich. Heißt es in der Wachvorschrift: »Es wird jeweils zehn Minuten vor der angesetzten Zeit ''Klarmachen zum ...'' (ein Pfiff) und zwei Minuten vorher ''Raustreten zum ...'' (zwei Pfiffe) gepfiffen.

»Der Wachdienst einer Wache beginnt jeweils um 13 Uhr und endet um 13 Uhr des nächsten Tages.«

Zum Weißenhaus - Programm gehört auch für jeden Lehrgang die Besichtigung des Bundesseegrenzschutzes in Kiel und eine sonntägliche Flaggenhissung mit Bundesflagge und Seenotrettungsflagge unter Absingen des Liedes: »Flamme empor.«

Schulleiter Dr. Klose, ehemaliger Oberleutnant, am Unterarm amputiert, hat eine Mappe mit Dankesbriefen, in denen Mütter ihre Freude darüber zum Ausdruck bringen, daß sie ihren Jungen nach vier Wochen Weißenhaus nicht wiedererkannt hätten. »Der Junge ist jetzt so rücksichtsvoll, wie er es noch nie war.«

Auch die Arbeitgeber scheinen mit ihren Lehrlingen und jungen Angestellten nach den Lehrgängen gute Erfahrungen gemacht zu haben; denn immer wieder schicken sie neue Lehrlinge nach Weißenhaus, die Kurse laufen jetzt schon im dritten Jahr. Die Hamburger Schulbehörde finanzierte sogar einer ganzen Klasse der Schleeschule in Hamburg den vierwöchigen Kursus.

Für jeden Kurzschüler wird ein Leistungsbuch geführt, dessen Eintragungen

maßgebend sind für die abschließende Beurteilung auf Briefbogen der »Deutschen Gesellschaft für europäische Erziehung e. V.« und die unterschrieben sind vom Schulleiter und dem jeweiligen Wachführer.

»Wir müssen zum Gemeinschaftsleben erzogen werden, weil wir auf dicht gedrängtem Raume leben ... Dienst am Nächsten kann nur der leisten, der die Gemeinschaft kennt ... Gemeinschaftsleben heißt, sein persönliches Ich vor der Gemeinschaft zurückzustellen«, motiviert der Graf Eulenburg die Notwendigkeit dieser Kurzschule Weißenhaus.

Zwischenfrage: »Warum?«

Antwort: »Es ist besser, du kommst vorbereitet in eine Gemeinschaft, wenn du eingezogen wirst.«

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