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VIETNAM / KRIEGSVERBRECHEN Wenn du sie killst

aus DER SPIEGEL 49/1969

Ich glaube, dies könnte als eine der größten Stunden in Amerikas Geschichte eingehen. US-Präsident Richard Nixon am 30. Juli 1969 in Saigon über den Vietnamkrieg.

Eine dieser größten Stunden in Amerikas Geschichte war vermeintlich eine Stunde des Ruhms.

In der Gefechtsmeldung der amerikanischen Armee vom 18. März 1968 heißt es: »Operation Muscatine. Teile der 11. Leichten Infanterie-Brigade der Americal-Division stießen neun Kilometer nordöstlich von Quang Ngai auf Feindkräfte unbekannter Stärke. Kampfhubschrauber und Artillerie griffen in das Gefecht ein. Gelegentliche Kampftätigkeit bis 15 Uhr, danach keine Feindberührung mehr. 128 Feindtote ...*

Hinter dem Ruhm verbarg sich Schande, hinter dem Sieg im Heeresbericht eine in ihren Folgen noch unabsehbare moralische Niederlage der USA. Denn in Wahrheit war an jenem Sonnabend im Reisbauern-Dorf Song My an der Küste im Norden Südvietnams dies geschehen:

Hubschrauber brachten die C-Kompanie des 1. Bataillons des 20. Infanterieregiments nach »Pinkville"' wie die GIs das Vietcong-verdächtige Gebiet nach seiner Rosa-Färbung auf den Generalstabskarten nannten.

Gegen sieben Uhr morgens drang der erste Zug der C-Kompanie nach kurzem Artillerie-Feuer in die Weiler des Dorfes Song My ein. Die Soldaten hatten Befehl, das Dorf zu vernichten.

Die Amerikaner, zumeist um 20 Jahre alte Wehrpflichtige, trieben die Dorfbewohner aus ihren Hütten. Sie zündeten Bambus-Katen an, in Ziegelgebäude warfen sie Handgranaten oder Dynamit-Ladungen.

»Dann führten sie uns«, erzählt der Bauer Do Chuc, »uns alle, Männer, Kinder, Frauen mit Babys, ein paar hundert Meter weit und befahlen uns, niederzuhocken. Wir hatten keine Angst.

»Die Amerikaner stellten ein Gewehr mit Beinen vor uns auf, wie ich noch nie eines gesehen hatte. Jetzt begannen die Leute zu weinen und zu schreien. Ein Mönch zeigte einem Soldaten seinen Ausweis. Der Amerikaner sagte »sorry'.

»Dann schossen sie. Ich wurde am Bein getroffen, über mich fielen Erschossene. Ich wagte mich erst zu rühren, als die Amerikaner weg waren, nach einer Stunde.«

Überlebende wie den Bauern Do Chuc gab es in dem 700-Seelen-Dorf Song My nur wenige. Die Amerikaner schossen auf alles, was sich bewegte Sie mähten die Dorfbewohner mit Maschinen- und Schnellfeuergewehren nieder. In die Knäuel Toter oder Sterbender feuerten sie Gewehrgranaten, um sie unkenntlich zu machen.

»Es war nackter Mord«, erinnert sich der Feldwebel Michael Bernhardt, heute 23, an das Massaker. »Ich sah im Dorf keinen einzigen Mann im kampffähigen Alter.«

Mehrere Soldaten reihten etwa 30 Dörfler am Rand eines Wassergrabens auf Aus wenigen Metern Entfernung schossen sie die Magazine ihrer automatischen M-16-Gewehre auf Mütter leer, die sich über ihre Kinder warfen, auf alte Männer und junge Mädchen.

»Später wurde befohlen, wir sollten auf Einzelfeuer umstellen, um Munition zu sparen«, erinnert sich Infanterist Paul Meadlo, damals 20.

»Wir setzten uns an den Graben, um zu frühstücken«, berichtet der Gefreite Michael Terry, damals 20. Der Mormone Terry hörte »noch Stöhnen aus dem Graben, wir bemerkten, daß einige da unten noch atmeten. Sie waren ganz schön zusammengeschossen. Auf ärztliche Hilfe konnten sie nicht hoffen, und so erschossen wir sie. Ich denke, es war das Beste, was ich tun konnte.«

»Ein Junge von vielleicht drei oder vier«, erinnerte sich ein anderer Augenzeuge, »stand am Rand der Dorfstraße. Er preßte eine Hand auf eine Schußwunde am anderen Oberarm. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor, und er starrte mit weitaufgerissenen Augen auf das, was um ihn herum geschah. Der Funker des Hauptmanns legte sein M-16 auf den Kleinen an und schoß ihm eine Salve in den Leib.«

Armee-Photograph Ronald Haeberle, der beim Massaker knipste, erzählt: »Da waren zwei kleine Jungen, einer vielleicht vier. Als die Knallerei begann, fiel der ältere Junge nach vorn, um den kleinen zu schützen, Ein Soldat ging auf die beiden zu' feuerte sechs Schüsse in die Kinder und ließ sie einfach liegen.«

»Wenn du sie heute killst, können sie dich morgen nicht kriegen«, kommentierte er.

Eine halbe Stunde wütete die C-Kompanie in Song My, dann hielt Oberleutnant William L. Calley jr., damals 25, seinen Befehl zur Vernichtung des Dorfes für ausgeführt.

Warum dieser Befehl gegeben wurde, ist bislang ungeklärt. Wie viele Menschen starben, weiß niemand. Die Überlebenden vermissen 567 Mitbürger. Beteiligte Amerikaner schätzen die Zahl der Opfer auf 100 bis 370. Die südvietnamesischen Behörden kamen zu dem Ergebnis, im Lauf von »Kampfhandlungen« seien neben 125 Vietcong etwa 20 Zivilisten ums Leben gekommen. Im übrigen befand Saigon, was ähnlich auch der Überlebende Bauer Do Chuc nach vergeblichen Beschwerden annahm: »Im Krieg passiert so etwas schon.«

Wahrscheinlich wäre das Pinkville-Massaker bis heute unbemerkt geblieben, wenn nicht ein Außenstehender gehandelt hätte. Denn die Führung der 11. Brigade, unter anderem vom Feldwebel Bernhardt alarmiert, fand nach kurzer Prüfung »keinen Grund für Disziplinarmaßnahmen oder weitergehende Schritte«.

»Unter den Soldaten in Vietnam ging Pinkville schon seit einem Jahr »rum'«, sagte jetzt ein GI. Aber es kam erst heraus, als der Soldat Ronald Ridenhour nicht länger schweigen wollte. Er war nicht Augenzeuge gewesen, hatte aber von Kameraden Einzelheiten über das Massaker gehört.

Nach der Rückkehr aus Vietnam schrieb er das Gehörte In einem langen Brief nieder. Er schickte den Bericht in 30 Kopien an Präsident Nixon, an das Pentagon, an Senatoren und Abgeordnete.

Ridenhour erhielt eine einzige ernstzunehmende Antwort: vom Kongreß-Abgeordneten Morris Udall. Der Volksvertreter forderte den amerikanischen Verteidigungsminister Laird auf, eine strenge Untersuchung einzuleiten.

Ridenhour hatte seinen Brief Anfang April dieses Jahres verschickt. Ende des Monats besuchte ihn ein Oberst der Armee. Als Ridenhour nach einem Vierteljahr noch immer nichts von einer Untersuchung hörte, schickte er die Story an Zeitschriften und Fernsehstationen. Sie waren nicht interessiert.

Erst als der Journalist Seymour M. Hersh von der später doch einsetzenden Armee-Untersuchung erfuhr, kam die Sache an die Öffentlichkeit.

Zunächst versuchten Amerikas Zeitungen, Song My zu verdrängen. Obwohl kompromißloses Sprachrohr gegen den Vietnamkrieg, veröffentlichte die »New York Times« die Horror-Photos aus »politischen Gründen« nicht. Das Nachrichtenmagazin »Newsweck«, sonst für unverblümte Vietnam-Berichterstattung bekannt, brachte die Massaker-Geschichte zunächst nur an der Heimatfront, nicht aber in der Internationalen Ausgabe. Das Nachrichtenmagazin »Time« berichtete auch seinen ausländischen Lesern -- aber das Titelbild zeigte ein Bikini-Porträt des Sex-Stars Raquel Welch.

Vom SPIEGEL zum Thema Kriegsverbrechen befragt, wich der Pentagon-Oberst Ladd auf die Wohltaten aus, die amerikanische Ingenieure in Vietnam verrichten. »Unsere Ärzte versorgen die Vietnamesen, behandeln Erkältungen, Halsentzündungen. Wenn dieser Krieg zu Ende ist, wird Vietnam Straßen haben, Häfen, Flugplätze, Fernsehgesellschaften, sie werden alles haben, was sie im modernen Zeitalter benötigen. In 4000 Jahren ihrer Geschichte haben sie das nicht erlebt.«

Mondflug II und schlagzeilenträchtige Arabesken des redegewaltigen Nixon-Vize Agnew erleichterten Zeitungen und Lesern zunächst das Ausweichen auf andere Themen.

Aber dann kamen immer mehr Augenzeugen. Dann berichteten vor Millionen Fernsehern Zeugen, die nicht nur zugeschaut, sondern mitgeschossen hatten, wie der Soldat Paul Meadlo, 22, dem eine Mine einen Tag nach Pinkville einen Fuß weggerissen hatte.

Meadlo, Vater von zwei kleinen Kindern, in einem TV-Interview: »Ich verschoß ungefähr vier Magazine aus meinem M-16 aus einer Entfernung von drei bis vier Metern in die Gruppe.«

Frage: »Wie viele haben Sie getötet?«

Meadlo: »Nun, ich weiß nicht, da das sehr schnell ging. Ich könnte zehn oder 15 getötet haben.«

Frage: »Männer, Frauen und Kinder?«

Meadlo: »Männer, Frauen und Kinder.«

Frage: »Und auch Babys?« Meadlo: »Auch Babys.«

Als eine Provinzzeitung, der Cleveland »Plain Dealer«, die ersten Massaker-Photos veröffentlichte -- aufgenommen vom Armee-Photographen Haeberle -- war der »Aufschrei« (so die »International Heraid Tribune") nicht mehr zu überhören. Nun forderten Abgeordnete und Senatoren eine lückenlose Untersuchung, nun war selbst Verteidigungsminister Laird (nach einem Telephonat mit Präsident Nixon) »erschüttert und angewidert«. Schließlich ließ letzten Mittwoch auch der Präsident selbst mitteilen, er und das Volk seien über die Tat »entsetzt«.

Ein »amerikanischer Alptraum« ("The New York Times") überfiel die Nation. Alle Skrupel, die der unerklärte Krieg in acht Jahren geweckt hatte -- Song My potenzierte sie. Alle Ahnungen, daß Amerika einen ungerechten, unmoralischen Krieg führen

»Diese Berichte ... sind so schockierend, widersprechen so sehr allen Prinzipien, für die dieses Land Je eingetreten ist, daß man sie nicht glauben möchte«, schrieb die »New York Times« über das »absichtliche methodische Töten«. »Aber die Beweise häufen sich täglich, Beweise dafür, daß etwas Furchtbares geschehen ist.«

Bei Amerikas Freunden weckte das Massaker neue Zweifel an ihrer -- meist widerwillig gegebenen -- politischen Unterstützung der Vietnam-Intervention. In London verbrannten junge Demonstranten die amerikanische Flagge. Labour-Abgeordnete forderten von Premier Wilson, er müsse eindeutig von Amerika abrücken.

Die Londoner »Times« widmete dem Morden von Song My tagelang den größten Teil ihrer ersten Seite. Das Fünf -Millionen-.Blatt »Daily Mirror« sprach in seinen Schlagzeilen von dem Massaker, das »die Welt erstarren ließ«, die »Sunday Times« vom »amerikanischen Lidice«.

In dem Land, das mit Lidice und Oradour und Filetto belastet ist, in Deutschland, blieb der Aufschrei über das ferne Song My vergleichsweise gemäßigt -- sei es aus Irritation über die Taten des bislang als licht angesehenen amerikanischen Baldur (wie in der Springer-Presse), sei es aus Zweifel am Recht zu deutscher Empörung (wie in der »Süddeutschen Zeitung") und Sorge vor der moralischen Selbstgerechtigkeit, vor einer gewissenserleichternden, unzulässigen Aufrechnung Lidice -- oder gar Auschwitz -- gegen Song My. Am letzten Wochenende forderte allerdings Pastor Niemöller mit Namen der »Deutschen Friedensgesellschaft« eine Stellungnahme Bundeskanzler Brandts zu der Affäre.

Für die Amerikaner schien es eine Rettung aus der Bedrängnis, ein Mittel gegen das Stigma Kriegsverbrechen zu geben, das den Deutschen nicht helfen konnte: Song My mußte ein Einzelfall sein. So beteuerte Pentagon-Oberst Ladd gegenüber dem SPIEGEL, weitere Fälle von Kriegsverbrechen wie in Pinkville seien ihm »nicht bekannt«. Senator Goodell jedoch teilte mit, ihm seien Berichte über »weitere Massaker« zugegangen. Der Abgeordnete van Deerlin berichtete, ein ehemaliger Sanitätshauptmann habe ihm geschrieben, daß Amerikaner im Mekong-Delta im Juni dieses Jahres Scheibenschießen auf vietnamesische Zivilisten veranstaltet hätten. »Newsweck« stellte fest, Song My sei zweifellos der größte US-Greuel in Vietnam, nicht aber der erste.

Und in der Tat: Ein Einzelexzeß ist Song My keineswegs. Es gibt ähnliche Fälle -- und publiziert sind sie auch.

Eine Fünf-Mann-Patrouille der 1. Luftkavallerie-Division sollte im zentralvietnamesischen Hochland nach Partisanen spähen. Der Patrouillenführer hatte die Idee, ein Mädchen mitzunehmen, für »Spaß« unterwegs.

Als der Stoßtrupp abmarschierte, suchten die fünf im nächsten Dorf nach einer geeigneten Begleiterin. In einer Hütte fanden sie eine hübsche, etwa 18jährige Vietnamesin, schlafend neben ihrer Mutter und der jüngeren Schwester.

Die Soldaten schleppten das Mädchen mit sich. Einer hieß sie seinen Tornister tragen.

Nachmittags, in einer halbverfallenen Hütte im Busch, vergewaltigten vier der fünf das Mädchen anderthalb Stunden lang. Der fünfte machte nicht mit. Ihm drohten die Kameraden, sein Name werde demnächst auf der Gefallenen-Liste stehen.

Am nächsten Tag beschloß derselbe Trupp, sich des Mädchens zu entledigen. Einer, er war 22, versuchte, sie mit seinem Jagdmesser zu erdolchen; halbtot kroch das Opfer in die Büsche. Darauf schoß ihr der Messermann eine Salve aus seinem M-16 in den Kopf. Grinsend fragte er die Kameraden, ob einer den Goldzahn aus dem Unterkiefer des Mädchens haben wolle.

Den Fall schilderte der »New Yorker«. Englands »Observer« druckte ihn über vier Seiten nach.

In der Provinz Quang Ngai -- dort liegt auch Pinkville -- sollten neun Marine-Infanteristen nach Vietcong-Spuren forschen. Sie fielen nachts über ein Dorf her, verwüsteten Hütten und schickten sich an, ein 16jähriges Mädchen zu vergewaltigen.

Sie ließen von ihr ab, als der Sanitäter der Gruppe nach einer Inspektion mittels Taschenlampe diagnostizierte, das Mädchen habe einen Tripper.

Die 18jährige Bui Thi Huong in der zehnten Hütte hatte keinen. Fünf der neun vergewaltigten sie und schlugen sie dann nieder. Sie erschossen ihren schreienden Mann, ihre Schwiegermutter, ihre Schwägerin und ihren dreijährigen Sohn. Die fünfjährige Tochter der Schwägerin gab nach der Schießerei noch Lebenszeichen von sich. Ein Gefreiter erschlug das verwundete Kind mit dem Gewehrkolben.

Die Zeitschrift »Esquire« berichtete über das Verbrechen in allen Einzelheiten.

Nahe Hue griff sich eine Patrouille von Ledernacken unter Führung eines 21jährigen zwei Bauern auf dem Feld: Die Vietnamesen besaßen Identitätskarten der Regierung. Die Mannes entschieden, die Ausweise seien gefälscht, und zerrissen sie. Als die Soldaten an den Oberarmen der Vietnamesen Impfnarben entdeckten, ernannten sie die Bauern zu Feinden. Denn auch nordvietnamesische Soldaten, so hatten sie gehört, seien gegen Pocken geimpft. Die beiden wurden auf der Stelle exekutiert.

Am nächsten Tag stoppte derselbe Trupp einige Bauern, die zu ihren Reisfeldern gingen. Sie nahmen drei Männer mit sich, obwohl deren Ausweise in Ordnung waren. Auf einer Flußbrücke erschossen die Soldaten zwei der Gefangenen. Mit dem dritten wollten sie mehr Spaß haben. Sie knüpften ihn am Dachbalken einer verfallenen Hütte auf. Er fiel -- noch lebend -- herunter. Auch den Versuch eines Marines, ihm die Kehle durchzuschneiden, überlebte der Bauer. Daraufhin warfen die Ledernacken den Mann in den Fluß und schossen ihre Magazine auf Ihn leer.

Diese Taten schilderte die Sieben-Millionen-Illustrierte »Look«.

Die meisten Amerikaner ignorierten solche Greuel-Berichte, schrieben sie einer landesverräterischen Propaganda zu oder hielten sie, wenn sie den Berichten glaubten, für Untaten einzelner Individuen, keineswegs vergleichbar mit den Greueln des Feindes. Denn die Vietcong und Nordvietnamesen, so war ihnen immer wieder dokumentiert worden, benutzten Terror als gezielte Waffe In ihrem Krieg.

Allein während der vierwöchigen Besetzung der alten Kaiserstadt Hue im Februar 1968 erschossen die Kommunisten fast 3000 Menschen, deren Überreste während der letzten Wochen in Massengräbern gefunden wurden.

Das amerikanische Massaker von Song My beweist, daß auch die Zuversicht der fortschrittsgläubigen Amerikaner, Krieg sei per Rechtsnorm zu bändigen, Totschießen humanisierbar, eine Illusion war. Das Gelöbnis der US-Regierung, sie dulde »keine Grausamkeit, unter welchen Umständen, wo und wann auch immer« war jedenfalls in einem totalen Guerillakrieg mit derart verwischten Fronten nicht einzuhalten.

US-Präsident Lincoln hatte 1863 seinen Soldaten die »Vorschriften der Regierung für die Streitkräfte der Vereinigten Staaten im Felde« mit auf den Weg gegeben. Sie verbieten strikt alle Greueltaten. Und Kapitel acht des amerikanischen Landkriegs-Gesetzes erkennt: »Jede Verletzung des Kriegsrechts ist ein Kriegsverbrechen.«

Aber Lincolns Truppen hielten sich im Bürgerkrieg gegen die abtrünnigen Südstaaten mitnichten an die edlen Anweisungen des Präsidenten.,, Den Leuten darf nichts gelassen werden als ihre Augen, um damit über den Krieg zu weinen«, äußerte Lincoln-General Sherman.

Die Vertreter von 41 Staaten -- darunter das Deutsche Reich und die Vereinigten Staaten -- einigten sich im Herbst 1907 auf die Haager Landkriegsordnung, die unter anderem die Verwendung von Gift-Waffen sowie Angriffe auf »unverteidigte Städte, Dörfer, Wohnstätten oder Gebäude« verbietet. Aber im Ersten Weltkrieg feuerten beide Seiten Gasgranaten, zerstörte Artillerie ganze Wohnstädte. Zehn Millionen Menschen starben -- meist als Soldaten, da die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten noch vergleichsweise klar getroffen wurde.

Im Zweiten Weltkrieg kamen durch gezielte Ausrottung, Partisanenkrieg, Bombenterror und Strafaktionen mehr Zivilisten als Soldaten um -- 36 Millionen der 60 Millionen Kriegsopfer waren Nichtkombattanten. Aber selbst der Zweite Weltkrieg war noch vorwiegend ein Soldatenkrieg -- insonderheit für die Westmächte. Hitlers desperate Werwölfe konnten den Armeen Amerikas nichts anhaben. Die Sieger versuchten, Kriegsverbrechen juristisch zu erfassen. Deutsche und Japaner mußten sich vor Militärgerichten verantworten. Aber die Rechtsprechung von Nürnberg und Tokio blieb »Episode«, wie der Völkerrechtslehrer Georg Dahm bemerkt.

1949 einigten sich 59 Staaten in Genf auf ein »Abkommen zum Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten«. Kernsatz; »Personen, die nicht unmittelbar an den Feindseligkeiten teilnehmen werden unter allen Umständen mit Menschlichkeit behandelt Aber in Indochina und Algerien, in Indonesien, Korea und im Kongo, im Jemen und in Biafra wurden Kriegsverbrechen begangen -- offenbar nicht nur, weil das Kriegsrecht nur selten durchsetzbar und der Partisanenkrieg rechtlich kaum noch domestizierbar ist.

Alle Versuche der Menschen, den Krieg zu vermenschlichen, scheiterten vielmehr an der Unmöglichkeit, eine Grenze zwischen erlaubter und unerlaubter Gewaltanwendung, zwischen legalem und illegalem Töten zu ziehen.

Nigerias Staatschef Gowon ließ seinen Soldaten einen vorbildlichen Zehn-Punkte-Kodex zum Verhalten gegenüber den Biafranern einschärfen. Dennoch metzelten seine Krieger Frauen, Kinder und Gefangene.

Jeder US-Soldat in Vietnam erhält eine Schrift mit dem Titel »Der Feind in Deiner Hand«. Danach sind Mißhandlungen von Gefangenen strafbar. Dennoch gehören Mißhandlungen zum Vietnam-Alltag des GIs.

Auch lückenloses, hart angewandtes Kriegsrecht kann einen grundsätzlichen Widerspruch nicht heilen: Im Krieg wird zur Pflicht, was die Gesellschaft sonst mit schweren Strafen belegt. »Es ist unmöglich für die Amerikaner, gleichzeitig den Krieg fortzusetzen und »Pinkville'-Vorfälle zu verhindern«, befand die »Sunday Times«.

Denn jeder Krieg ist, wie der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich erkannte, »mit einem partiellen Außerkraftsetzen des Gewissens verknüpft, insofern er die Tötung von Artgenossen erlaubt und herbeizuführen trachtet«.

Sigmund Freud hatte schon im Ersten Weltkrieg versucht zu analysieren, warum der Krieg zu einer »Brutalität im Benehmen des einzelnen« führt. Freuds Erklärung: Die moderne Kulturgesellschaft zwingt den Menschen, seine natürliche -- aggressive -- Triebveranlagung zu unterdrücken, sie verbietet ihm, seine Triebregungen abzureagieren.

Wenn diese Verbote im Krieg aufgehoben werden, »hört auch die Unterdrückung der bösen Gelüste auf, und die Menschen begehen Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat und Roheit, deren Möglichkeit man mit ihrem kulturellen Niveau für unvereinbar gehalten hätte«.

So erscheinen auch jene »Erosion moralischer Urteilsfähigkeit« und der »graduelle Zusammenbruch moralischer Schranken« erklärlich, die 29 prominente amerikanische Theologen schon vor zwei Jahren in einer Dokumentation zum Vietnamkrieg beklagten.

Denn: »Das Wegfallen der Tötungshemmung«, so Mitscherlich, beraubt »das alte Gewissen seiner Einsprachekraft: Es wird geplündert, geschändet, gefoltert, exekutiert.«

Wenn der Soldat sich wieder in die zivile Gesellschaft eingegliedert hat, meldet sich auch das alte Gewissen. So bekannte der »Pinkville«-Mittäter Paul Meadlo: »Weil, die ganze Sache drückt auf mein Gewissen, und sie wird den -- Rest meines Lebens aufs Gewissen drücken.« Nach dem Massaker aber habe er sich »zunächst ganz gut gefühlt«.

Die Soldaten, die in Pinkville mordeten, hatten zuvor einen Monat lang Tag für Tag ihre Kameraden sterben sehen: an Minen' die in Bauernkörben versteckt waren, an Mörsergranaten, deren Ziel vielleicht ein Dorfjunge genannt, an vergifteten Bambuspfählen, die vielleicht eine Bäuerin zugespitzt hatte. »Ich glaube, es war eine Art Rache« sagte deshalb auch Meadlo, im Fernsehen nach dem Motiv des Massakers befragt.

Die Soldaten, die in Pinkville mordeten, kämpften in einer sogenannten »Freien Feuerzone«, einem Gebiet, das vom US-Oberkommando für Artilleriebeschuß und Bombardement unbeschränkt freigegeben ist. »B-52 bomben Dörfer wie Song My die ganze Zeit, ihre Bomben dürfen jedermann in dem Gebiet umbringen«, schrieb »New York Times«-Chef Reston letzte Woche. »Was ist denn der Unterschied zwischen dem B-52-Bombenwerfer oder dem Artillerieoffizier und dem Soldaten, der sein Gewehr befehlsgemäß auf Frauen und Kinder leerschießt? ... Für die Opfer kommt es auf dasselbe raus.«

In der Tat sind in Vietnam tausendmal mehr Zivilisten den vom Oberkommando befohlenen Bombardements, Beschießungen, Hubschrauber-Jagden und Raketen zum Opfer gefallen als den Gewehrkugeln schießwütiger oder rachedurstiger GIs.

In der Tat sind die durch Amerikas offizielle Kriegführung verursachten Leiden -- die vor kein Kriegsgericht kommen -- schwerer wiegend als das Massaker von Song My, dessen Beteiligte nun zumindest der Kerker erwartet.

Nicht die Brutalität einzelner hat den Vietnamkrieg zu »einem der barbarischsten Kriege der Geschichte« gemacht, wie Uno-Generalsekretär U Thant befand. Bisher kamen schätzungsweise anderthalb Millionen Vietnamesen ums Leben. Weite Teile des Landes wurden für viele Jahre unbewohnbar gemacht, ein Viertel der Bevölkerung entwurzelt.

Dieser bislang gewaltigste Partisanenkrieg der Geschichte, dieser Krieg ohne Fronten unter Zuhilfenahme und Terrorisierung der Bevölkerung, bedingte ein Töten neuer Art. Denn Amerika begegnete der Herausforderung mit dem Terror von Technik und überlegener Feuerkraft -- der sich wiederum vor allem gegen die Bevölkerung richtet.

Nordvietnam ist stärker bombardiert worden als Deutschland oder Japan im Zweiten Weltkrieg. Aber auf Nordvietnam (und Laos) fielen nur 20 Prozent der Bomben, die bisher im Vietnamkrieg abgeworfen wurden. Auf Südvietnam, jenes Land, das die USA schützen und verteidigen wollen, warfen amerikanische Bomber vier Fünftel aller Bomben -- mehr als im Zweiten Weltkrieg insgesamt geworfen wurden.

In den »Freien Feuerzonen«, die weite Teile des Landes einnehmen, grenzt heute ein Krater an den anderen, fallen neue Bomben in alte Sprenglöcher. »Sechs tote Zivilisten kommen bei manchen Aktionen auf einen toten Vietcong«, bemerkte der Kongreßabgeordnete Zablocki 1966 nach einem Besuch in Vietnam. Dem SPIEGEL gegenüber bezifferte ein US-Oberst 1967 das Verhältnis zwischen getöteten Zivilisten und Vietcong auf zehn zu eins. Nach einem Bombardement bei Quang Ngai wurden 500 tote Feinde gemeldet. Aber drei von vier Patienten, die danach mit Napalmwunden in ein vietnamesisches Spital eingeliefert wurden, waren Frauen.

Aus den Bomben-Zonen wurden bisher im Rahmen eines »Flüchtlings-Produktions-Programms« etwa zwei Millionen Menschen umgesiedelt, zwei weitere Millionen verließen freiwillig ihre Hütten aus Angst vor den Vietcong oder amerikanischen Bomben. Als 200 Familien ihre Häuser im Ben-Cat-Distrikt verlassen mußten, gaben ihnen die Amerikaner gratis ihr Flüchtlings-Informationsblatt »Für ein glückliches Leben« mit auf den Weg -- und 1500 Piaster (80 Mark) als Entschädigung für die zerstörten Heime. Die Operation hieß »Sonnenaufgang«.

Die »Such- und Vernichtungsaktionen« der US-Streitkräfte, unter dem früheren Vietnam-Oberbefehlshaber General Westmoreland Grundprinzip der US-Strategie, hinterließen nur verbrannte Erde.

Im Rahmen einer Operation »Phoenix« -- Ziel: Liquidierung von Vietcong-Verwaltungskadern -- wurden laut US-Erfolgsmeldung in Saigon im Jahre 1968 über 14 000 kommunistische Funktionäre »neutralisiert«, das heißt: getötet oder gefangen.

Für 1969 hat ein Computer im US-Hauptquartier von Bien Hoa 33 000 Vietcong-Kaderleute eruiert, die auszuschalten seien.

Der Krieg, das bewies diese Art zu kämpfen, läßt sich nicht humanisieren, wohl aber fast grenzenlos zur Barbarei steigern. Naturrechtsgetränktes Staatsgefühl und Missionsbewußtsein immunisieren nicht etwa gegen Grausamkeit, sondern gegen die Proteste der zweifelnden Minderheit, die sich gegen die Grausamkeit empört.

In Amerika blieb nicht nur das parteiisch und sektiererisch wirkende Kriegsverbrechertribunal unbeachtet, das Friedensphilosoph Bertrand Russell mit Gefolge in Stockholm und Roskilde über die USA abhielt. Fast unbemerkt von der amerikanischen Öffentlichkeit publizierten 29 prominente amerikanische Theologen jüdischen, protestantischen und katholischen Glaubens vor zwei Jahren eine 422-Seiten-Dokumentation mit dem Titel »Im Namen Amerikas«. Sie stützt sich allein auf westliche Quellen.

Im Widerspruch zur Genfer Konvention erschossen danach amerikanische Soldaten im Gefecht um das Ia-Drang-Tal im Herbst 1965 mehrere verwundete Nordvietnamesen.

Im Widerspruch zu allen Gefangenen-Konventionen, auf die Washington immer wieder hinweist, wenn es um die in Nordvietnam gefangenen US-Piloten geht, lieferten die Amerikaner ihre Gefangenen stets an die Südvietnamesen aus. Über das Schicksal der Abgelieferten vermuteten US-Offiziere: »Die erwartet eine Grube« oder: »Wenn sie Glück haben, werden sie nur erschossen.«

Im März 1966 meldeten Ledernacken nach einer Such- und Vernichtungsaktion 314 tote Feinde. Sie hatten 18 erbeutete Waffen vorzuweisen, fast 300 der Toten waren demnach unbewaffnet gewesen.

Wie es bei solchen Operationen zugeht, schilderte ein junger Soldat im März 1967 in einem Brief an seine Eltern. Die gaben das Schreiben dem »Akron Beacon Journal« zur Veröffentlichung:

liebe Mom, lieber Dad:

Heute hatten wir einen Auftrag, auf den wir und unser Land kaum stolz sein können. Es war ein weilverstreutes Darf, und die Leute waren unglaublich arm. Ihre Hutten bestehen aus Bambus und Palmenblättern. Jede hat innen eine Höhlung aus getrockneten Schlamm -- um die Familie vor Geschossen oder Splittern zu schützen. Unsere Offiziere meinten allerdings, die Bunker dienten militärischen Zwecken. Sie befahlen uns, die Hütten zu zerstören ... Ja, wir verbrennen jedes Reiskorn, erschießen jedes Tier.

Heute rief einer meiner Kameraden in eine Hülle »La Dai!' -- komm heraus! Ein alter Mann krach aus seinem Erdbunker. Mein Kamerad schubste ihn weg und zog eine Handgranate ab, um sie In die Hütte zu werfen. Der Alle wollte in sein Haus stürzen, doch ein anderer Soldat schleuderte Ihn zur Seite. Mein Kamerad warf seine Handgranate und ging in Deckung. In diesem Moment hörten wir das Wimmern eines Babys aus dem Bunker. Nach der Explosion fanden wir die Leichen der Mutter, zweier Kinder (etwa sechs und zwölf Jahre alt) und die eines neugeborenen Babys.

Der Mann hatte seine Familie retten wollen. Nun kniete er, ein alter, uralt aussehender Mann, in seinem zerfetzten, schmutzigen Pyjama vor seiner brennenden Hütte. Der Wind zauste in seinem weißen Haar, die Tränen rannen ihm über die Wangen, während er zu Buddha betete.

Wie viele Menschen durch kriegsbedingten Irrtum, aus Versehen, starben, läßt auch die Dokumentation »Im Namen Amerikas« nur ahnen. Eine Auswahl:

> Bei vier Artillerie-Zwischenfällen wurden am 5. März 1967 insgesamt 18 Zivilpersonen getötet und 45 verwundet,

> Am 31. Oktober 1965 bombardierten US-Bomber irrtümlich ein »befreundetes« Dorf. Es gab 48 Tote und 55 Verwundete.

> Am 2. Juli 1966 warf eine F-100"Super Sabre« auf dem Heimflug von einem Einsatz ungenutzte Sprengbomben ab. Sie fielen auf ein Dorf in »pazifiziertem« Gebiet: acht Tote, davon sieben Kinder in einer Schule, 52 Verletzte.

> Am 28. September 1966 fielen irrtümlich Bomben auf das Montagnard-Dorf Hong Ba. 35 Menschen wurden getötet, 16 verwundet.

> Am 3. März 1967 starben unter einem Irrtums-Bombenhagel auf Lang Vei hundert Vietnamesen, mehr als 200 wurden verwundet.

> Am 10. August 1967 nahmen Kampfhubschrauber eine »Menschenansammlung« unter Feuer: 40 Tote, 36 Verwundete. Es waren vom Feld heimkehrende Bauern. Die Amerikaner zahlten pro Opfer eine Abfindung von 4000 Piastern (136 Mark).

Wie viele Zivilisten ums Leben kommen, wenn B-52-Bomber -- wie etwa im Oktober 1965 -- aus über 6000 Meter Höhe Teile der Provinz Binh Duong mit Flächenbombardements überziehen, weiß niemand. Dort wohnen 154 Menschen auf einem Quadratkilometer. Die Kien-Hoa.-Provinz, die immer wieder von B-52-Geschwadern heimgesucht wurde, hat 242 Einwohner pro Quadratkilometer -- genauso viele wie die Bundesrepublik.

Nach einem Interview mit dem aus Vietnam zurückgekehrten Arzt Dr. Casselman aus Los Angeles schrieb der US-Journalist William Pepper: »Er ist mit mir einig, daß zwischen 1961 und 1966 in Vietnam etwa eine Million Kinder getötet oder verwundet wurden.« Die Zahl allein der verwundeten Zivilisten schätzt Pepper nach zahlreichen Interviews mit Ärzten auf 1,6 Millionen (knapp zehn Prozent der südvietnamesischen Bevölkerung).

Die Amerikaner setzten und setzen in Vietnam »nichtgiftige« und »nichttödliche« Gase ein -- aber: Der kanadische Arzt Dr. Alje Vennema berichtete nach seiner Tätigkeit im vietnamesischen Hospital von Quang Ngai, daß zehn Prozent der Erwachsenen und 90 Prozent der Kinder, die mit Gas-Symptomen eingeliefert wurden, verstarben. Ein australischer Soldat, der irrtümlich in eine den Vietcong zugedachte Gasschwade geriet, starb trotz seiner Gasmaske.

Die Amerikaner besprühten im Rahmen ihres Programms zur Dschungel-Entlaubung und Erntevernichtung im Feindgebiet (Code-Name: »Operation Ranch Hand") bis Anfang 1967 insgesamt über 400 000 Hektar mit Chemikalien (Gesamtkulturfläche in Südvietnam: 3,2 Millionen Hektar).

Die Entlaubung und Erntevernichtung -- die den Boden zum Teil bis zu zehn Jahren unfruchtbar macht -- erfordert, so errechneten die Pentagon-Strategen, 28,5 Liter Chemikalien pro Hektar. Der Liter kostet etwas über einen Dollar. Erfolg: 1983 hatte Südvietnam 300 000 Tonnen Reis exportiert; bereits 1966 mußte das Land 400 000 Tonnen importieren.

Gegen dieses Vernichtungswerk nehmen sich alle Anweisungen für gutes Betragen des einzelnen Soldaten wie Hohn aus, etwa die Frage des Oberkommandos in Saigon: »Wurden die Soldaten ausreichend darauf aufmerksam gemacht, das zivile Eigentum zu respektieren?« Oder die Worte des früheren Oberkommandierenden General Westmoreland: »Ein einziger getöteter Zivilist, ein einziger verwundeter Zivilist, eine einzige zivile Behausung zerstört ist bereits zuviel.«

Den Soldaten, die in der Kriegsmaschinerie tätig sind oder sie nur am Werk sehen, muß sich die Überzeugung aufzwingen, daß Vietnamesen Menschen minderen Werts sind. Selbst zuvörderst daran interessiert zu überleben und darauf gedrillt, daß kein anderes Leben es wert sei, das Leben eines amerikanischen Boys zu riskieren, nennen die GIs die Vietnamesen »Gooks« -- ein unübersetzbares Slangwort für Asiaten aus dem Koreakrieg -- oder neuerdings »Dinks«, gleichgültig, ob Freund oder Feind.

»Psychologisch und moralisch«, zitiert denn auch »Newsweck« einen amerikanischen Beamten, »ist es viel leichter, einen »Dink' zu töten, als einen Vietnamesen zu erschießen.«

»Viele Jungs meinten ohnedies, die Vietnamesen seien keine Menschen«, bekundete nach dem Pinkville-Massaker der Gefreite Terry. »So behandelten wir sie auch wie Tiere.«

Ein Brigadekommandeur veranstaltete einmal ein Preisausschreiben. um die Tötungsquote seiner Einheit auf 10 000 zu bringen. Für den Gewinner des Wettbewerbs setzte der Oberst eine Woche Luxus-Aufenthalt in seinem eigenen Quartier aus. Der glückliche Preisschütze wurde sogar einem Presse-Besucher vorgeführt.

Eine Zeitlang -- etwa 1966 und 1967 -- galt es bei manchen amerikanischen Einheiten als schick, sich mit den abgeschnittenen Ohren toter »Gooks« zu schmücken. Die GIs hatten den Brauch von Hilfstruppen der »Green Berets«, den chinesisch-stämmigen Nungs, übernommen, die mit den Ohren die Zahl der erlegten Gegner belegten. Etappenkrieger, die keine Chance auf eine Trophäe aus erster Hand hatten, bezahlten für getrocknete Vietcong-Ohren bis zu 30 Dollar.

Manche Einheiten ließen bei gefallenen Gegnern ihre Visitenkarten zurück. Die Erste Luftkavalleriedivision druckte für diese Abart psychologischer Kriegführung Karten, die auf der einen Seite einen schwarzen Totenkopf mit Fallschirmjäger-Schwingen zeigten, auf der anderen die Aufschrift: »Der Tod von oben«. Die Karten steckten sie in die Münder der Leichen.

Viele GIs markierten ihre Feindstrecke für alle sichtbar. Der Bordschütze eines Kampfhubschraubers in Da Nang malte für jeden »Gook«, den er aus der Luft erledigt hatte, einen stilisierten konischen Strohhut, wie ihn die Bauern in Südostasien tragen, auf den Rumpf des Helikopters.

Ein Marinesoldat in Da Nang hatte noch mehr zu bieten. Sein Helm zeigte hinter der Markierung KIA ("Killed in Action« -- im Kampf Getötete) etliche Striche, hinter den Buchstaben WIA ("Wounded in Action« Verwundete) ebenso.

Die meisten Striche aber standen hinter FIA. Gefragt, was das bedeute, antwortete der Krieger: »Fucked in Action.« Was zum Lachen reizen sollte, enthüllt den kriegsbedingten Verlust an Hemmung: »Killed« und »fucked« als gleichwertiger Erfolgsmaßstab.

In diesem Krieg werden jene Soldaten, die Meister im Killen sind, die »Green Berets«, auch am meisten gerühmt. US-Präsident Nixon selbst ließ ein Militärgerichtsverfahren gegen acht Green Berets, die angeklagt waren, einen angeblichen vietnamesischen Doppelagenten bestialisch ermordet zu haben, einstellen -- weil laut Geheimdienst CIA Sicherheitsinteressen der USA auf dem Spiel standen (SPIEGEL 42/1969).

Die Verhaftung der acht Offiziere und Unteroffiziere, die in den Mordfall verwickelt waren, hatte im Sommer in den USA eine leidenschaftliche Debatte über Krieg und Greuel ausgelöst. Das Trauma Vietnamkrieg, das die an ihre Wohltäterrolle gewöhnte Nation seit Jahren verunsichert und ihren Führungsanspruch in der westlichen Welt beeinträchtigt, brach quälender auf denn je zuvor.

In zwei Vietnam-Moratorien im Oktober und November demonstrierten Millionen Amerikaner gegen Krieg und Tod in Vietnam. 40 000 Protestierer zogen vom Nationalfriedhof Arlington zum Capitol -- mit den Namenstafeln jener 40 000 Amerikaner, die bisher in Vietnam gefallen sind.

Ihnen stellten sich patriotische Amerikaner entgegen, die Plaketten »Ehrt Amerika« trugen. Gegen die »Frieden jetzt«-Rufe der Demonstranten setzten Veteranen die Forderung »Bombardiert Hanoi«.

So zwiespältig reagiert die Nation auch auf Song My. Senatoren und Abgeordnete stürzten aus dem Saal, als Heeresminister Resor ihnen Farbdias von dem Blutbad zeigte. »Diese Bilder waren wirklich entsetzlich«, sagte der Abgeordnete Arends. »Ich mußte raus, ich habe einen ziemlich empfindlichen Magen.«

Die Armee prüfte, als Ex-Soldat Ridenhour ihr das Verbrechen brieflich anzeigte, zunächst nicht die Tat, sondern den Background Ridenhours: Ob er links stehe oder an Vietnam-Demonstrationen teilgenommen hätte. Er hatte nicht.

Als Ex-Soldat Paul David Meadlo im Fernsehen bekannte, er habe mitgeschossen, meinten die Leute in seinem Geburtsort New Goshen, Indiana, das sei halt so im Krieg. »Er mußte das ausführen, was seine Offiziere ihm befohlen haben«, sagte ein Robert Hale. »Das einzige, was ich ihm vorwerfe, ist, daß er darüber in aller öffentlichkeit geplaudert hat. Solche Dinge sollten geheimgehalten werden«, erklärte der Weltkriegsveteran Dee Henry. Gegen sogenannte Nestbeschmutzer wehren sich die Nestinhaber auch in Amerika.

Selbst Oberleutnant Calley. Karriere-Offizier aus Miami. der bei seinen Männern als »hartier Hund« galt, wird bedauert. »Calley ist doch nur ein kleiner Fisch«, sagte der Photograph Haeberle. »Der Befehl kam von weiter oben.«

Den Befehl gab in der Tat der Kompaniechef Hauptmann Ernest Medina. Calley -- der von ehemaligen Schulkameraden als mäßiger Schüler, aber harter Sportler geschildert wird -- befolgte ihn bereitwillig und soll allein Dutzende Dörfler, darunter ein zweijähriges Mädchen, erschossen haben. Auf ein Kind sah der Gefreite Simpson aber auch Medina schießen.

Medine, in der Kompanie als schießwütig bekannt, gehört zu jenen fast 50 Männern, gegen die in diesem Fall ermittelt wird. Er und Calley verkörpern keineswegs den Typ des braven Wehrpflichtigen -- wie die meisten Ihrer Schützen. Diese Offiziere waren abgebrühte, dem Metier Krieg verhaftete Berufsmilitärs.

Daß erst 19 Monate nach der Tat ermittelt wird, zeigt, wie beschränkt Kriminaljustiz im Krieg ist, auf die sich die gesetzesgläubigen Amerikaner zwecks Gewissensberuhigung berufen.

Nur wenige Fälle werden den Militärrichtern bekannt. Denn die Vorgesetzten der Täter müssen bei Aufdeckung kapitaler Verbrechen um ihre eigene Karriere, den Ruf der Einheit oder die Laune der Kommandierenden bangen.

So war es zunächst auch beim Blutbad von Song My. Die erste Ermittlung der eigenen Einheit wurde eingestellt. So war es zuerst bei der Ermordung jener 18jährigen Vietnamesin, die fünf Soldaten mit auf Patrouille genommen hatten, und ähnlich begann es im Fall der Vergewaltigung der 18jährigen Bui Thi Huong und Ausrottung ihrer Familie durch Mannes.

Im ersten Fall bemühte sich der fünfte Mann der Patrouille, der sich an dem Verbrechen beteiligt hatte, drei Wochen lang vergebens, die Tat zu melden.

Zwar mißbilligten sein Leutnant und sein Hauptmann das Geschehene, unternehmen wollten sie mit Rücksicht auf die Einheit und die ausgezeichneten Soldaten-Qualitäten der Täter jedoch nichts. Erst als sich der fünfte Mann einem Militärkaplan anvertraute, wurde der Fall aufgerollt.

Den dritten Fall -- Vergewaltigung und Familienmord -- suchte der vorgesetzte Leutnant als Gefecht zu kaschieren. Hätte die Vergewaltigte, für tot liegengelassen, nicht überlebt, wäre es zu keiner Untersuchung, keiner Verhandlung bekommen.

Die Urteile in allen Fällen waren -- zunächst -- hart. Die vier an Vergewaltigung und Mord der 18jährigen Vietnamesin Beteiligten erhielten vom Militärgericht in Vietnam Strafen zwischen acht Jahren und lebenslänglich. Zu Hause in Amerika freilich setzten Berufungsinstanzen die Strafen dreimal herab. Einer der Täter ist bereits frei, die übrigen sollen demnächst freigelassen werden.

Die Stoßtruppler, die Bui Thi Huong und ihre Familie auf dem Gewissen haben, erhielten zwischen sechs Monaten und lebenslang. Die meisten Verdikte wurden später gemildert -- zwei der neun sind bereits frei.

Die Mutter eines Verurteilten schickte nach der Verhandlung einen Brief an das Marinekorps:

»Er hat das Töten nicht bei uns zu Hause gelernt«, schrieb sie. »Es war unsere Armee, die es ihn gelehrt hat.«

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* Der Gefechtsbericht im amerikanischen Original: »MUSCATINE. ELMS AMERICAL DIV 11ITH LT INF BDE MADE CONTACT W/EN FORCE UNK SIZE 9KMS NNEE QUANG NGAI CITY. INF SPTD BY LISA REL GUNSHIPS AND ARTY. SPORADIC CONTACT UNTIL 1500 HES WHEN CON-TACT LOST. 128/EK 2US KIA ...«

* Ausgabe vom 20. November 1969.

* Am Kopf hinterließen US-Soldaten eine Visitenkarte mit der Aufschrift: »Freundliche Grüße von den Donnerkeilen«.

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