Zur Ausgabe
Artikel 9 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BERGBAU Wenn es brennt

aus DER SPIEGEL 24/1966

Westdeutschlands Arbeitnehmer waren im vergangenen Jahr die friedfertigsten Westeuropas: Auf je 1000 beschäftigte Deutsche entfielen nur zwei Streiktage, auf dieselbe Zahl Franzosen dagegen 69, auf die Engländer 114 und auf die Italiener sogar 579. Die Abstimmung der Ruhrbergleute vergangene Woche könnte die deutsche Streikbilanz für 1966 radikal verändern; 88 Prozent von ihnen erklärten sich zum Arbeitskampf bereit.

Weil seit der letzten Lohnerhöhung im Januar 1965 die Preise um 4,5 Prozent gestiegen sind, verlangt Bergarbeiterchef Walter Arendt einen Ausgleich für den Kaufkraftverlust sowie eine Prämie von 312 Mark für Kumpel, die ihrer Zeche ein Jahr lang treu geblieben sind: Insgesamt fordert die IG Bergbau und Energie, für ihre 182 000 Organisierten (monatliches Durchschnittseinkommen: 870 Mark) acht Prozent Zulage.

Dr.-Ing. Helmuth Burckhardt, Chef der Zechenverbände des Ruhr- und des Aachener Reviers, war jedoch nicht bereit, auch nur ein einziges Prozent mehr zu geben. Die Zechenherren, denen das billige ausländische Öl bis zum Assessorkragen reicht, nahmen Arendts Streikdrohung trutzig auf. In ihren Zechenhöfen lagern fast 20 Millionen Tonnen Kohle und Koks, für die ein Streik zur Sommerzeit gerade recht käme.

Beunruhigt sind hingegen die Politiker der nordrhein-westfälischen Regierungskoalition, denen am 10. Juli 1966 Landtagswählen bevorstehen. Die knappe Mehrheit der CDU-FDP-Regierung (110 Landtagssitze) wird von den Sozialdemokraten (90 Mandate) bedroht. Selbst der revierfremde Ostpreuße Rainer Barzel weiß: »Wenn es an der Ruhr brennt, hat der Rhein nicht genügend Wasser, das Feuer zu löschen.« Und

Bundeskanzler Erhard wurde während einer CDU-Kundgebung in Werne, Westfalen, von den Kumpels ausgepfiffen.

Der Steinkohlenbergbau kostet Westdeutschlands Steuerzahler schon jetzt jährlich eine Milliarde Mark. Um die Förderung auf die rentabelsten Zechen konzentrieren zu können, zahlt ein Rationalisierungsverband aus Bundesmitteln außerdem pro Tonne stillgelegter Kohle-Kapazität 23 Mark an die Zechen Bonns Rationalisierer verboten bisher jedoch nicht, daß andere Zechen die eingesparte Menge Kohle zusätzlich fördern: Weniger Zechen können die gleiche Menge Kohle wie bisher (rund 135 Millionen Tonnen jährlich) fördern, obwohl der Markt auf die Dauer nicht mehr als 100 Millionen Tonnen im Jahr aufnehmen kann und Stillegungsprämien in Höhe von vielen Millionen Mark gezahlt werden.

Die IG Bergbau und Energie spekuliert in dieser Situation weniger auf ein Entgegenkommen der Unternehmer als auf die große Politik. Landes- und Bundesregierung, so hofft Arendt, werden die Zechen schon zum Zahlen bringen, indem sie aus Rücksicht auf die Wahlen neue staatliche Finanzhilfen in Aussicht stellten.

Tatsächlich weiß Arendt, daß seine Lohn-Subventionsschraube nur während des Wahlkampfes richtig faßt. Auf 350 000 Flugblättern erklärte er seinen Beitragszahlern: »Nach dem 10. Juli kommt es knüppeldick: Feierschichten am laufenden Band. Dann sind nämlich die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen vorbei.«

Die Organisierten unter den 240 000 Bergleuten, die am Mittwoch vergangener Woche in Gasthöfen, Büros und Taubenvereins-Häusern ihre Stimmzettel ankreuzten, gebärden sich aus Sorge um ihre schwarze Existenz streiklustiger denn je.

Für Gewerkschaftsführer Walter Arendt, 41, der vor zwei Jahren den alten Grubenboß Heinrich Gutermuth ablöste, wäre ein Streik 1966 der erste seines Lebens: »Der letzte Streik im Revier, glaube ich, war 1926.«

Urabstimmung auf der Zeche Rheinpreußen: Kanzler ausgepfiffen

Zur Ausgabe
Artikel 9 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.