Zur Ausgabe
Artikel 14 / 127

Wenn es brenzlig wird

aus DER SPIEGEL 37/1993

Die Schlacht werden wir schlagen«, sprach Helmut Kohl in aller Selbstverständlichkeit. »Ich will's noch einmal wirklich rundum wissen.«

Rechtzeitig vor dem CDU-Parteitag in Berlin verkündete der Kanzler, am Dienstag voriger Woche vor der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion, seine neue Kandidatur für das Wahljahr 1994. Und kaum jemand nahm Notiz davon.

Was bei der SPD einen Dreikampf der Bewerber, eine Urwahl der Mitglieder und anhaltende Zweifel am zundertrockenen Vorsitzenden Rudolf Scharping ausgelöst hatte, der sich vergangene Woche bei seiner Jungfernrede im Bundestag kaum kämpferisch gab - in der Union sind derlei Führungsfragen kein Thema.

Die CDU-Hierarchie, erläuterte jüngst Kohl-Kritiker Heiner Geißler ebenso unverdrossen wie resigniert, sei »monolithisch auf eine einzige Persönlichkeit konzentriert«.

Ein Kanzler, der sich herausnehmen kann, den neuen Bundespräsidenten in einer Art privatem Zahlenlotto zu bestimmen, entscheidet auch über seine eigene Kandidatur allein, so ist die Logik. Und so sehen es alle, Abgeordnete, Parteimitglieder, die Öffentlichkeit.

Allein der Dresdner Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) hatte in kleinem Kreis gefrevelt, woher seine Gesprächspartner eigentlich wüßten, »ob Helmut Kohl der Spitzenkandidat der Union sein wird«.

Nun weiß es auch Biedenkopf. »Bevor der ,Wurst' gesagt hat, hab' ich sie schon gegessen«, höhnte Kohl einst über den abgefallenen Vasallen.

Der Christdemokrat, seit 20 Jahren Parteichef und seit fast 11 Jahren Kanzler, triumphiert allemal dank ungebrochener Durchsetzungsfähigkeit. »In Personalfragen« fehle ihm nichts, urteilte Historiker Eberhard Jäckel, »auch nicht an taktischer Raffinesse«.

All seine rhetorischen, analytischen, konzeptionellen Schwächen überspielt Kohl seit je mit seinem Gespür für die Brauchbarkeit von Menschen. Geben und Nehmen, Anweisen und Gehorchen, Treue und Verrat - es sind Umgangsformen eines Feudalsystems, mit denen Kohl seine Lebenswelten und Einflußgebiete beherrscht. Nicht alle Widerstände in der Politik, aber alle Widersacher in der Partei sind aus dem Weg geräumt.

Wuchtig und gefestigt, manchmal in sich gekehrt, thront der Kanzler über dem politischen Tagewerk von Freunden und Gegnern. Nachsichtig lächelnd hörte er am Mittwoch voriger Woche Scharpings hölzernem Vortrag in der Haushaltsdebatte im Bundestag zu. Er äußerte sogar väterliches Verständnis für den neuen Gegner aus dem heimischen Mainz, den er keineswegs »total abzumachen« gedenke.

Der Fall Scharping ist ja auch nicht so hoffnungslos, wie Kohl aus eigener Erfahrung weiß.

Er selbst war einst mit einer Haushaltsrede, seinem ersten großen Auftritt vor 33 Jahren im Mainzer Landtag, erbärmlich eingebrochen. Schweißgebadet und konfus blätterte er in seinem Manuskript und brachte alles durcheinander. Die CDU-Größen im Lande prophezeiten ihm höhnisch ein baldiges Ende seiner Laufbahn. Was für ein Irrtum.

In jüngerer Zeit zieht der Kanzler, 63 Jahre inzwischen alt, neue Register. Er spielt die Gelassenheit des Alters tückisch aus. Die SPD lädt er zu »ruhigen Gesprächen« über nationale Fragen ein: Einsatz der Bundeswehr weltweit, innere Sicherheit, Standortprobleme. Als ließe er über alles mit sich reden.

Das kommt der Mentalität seines südwestdeutschen Landsmanns entgegen. Auch Scharping bot der Regierung Zusammenarbeit an, etwa bei einer Lösung für die Pflegeversicherung. SPD-Fraktionschef Hans-Ulrich Klose jedoch, mit Kohls Raffinesse vertraut, witterte die Falle. Mißtrauen sei angebracht, warnte Klose vor den Kanzler-Offerten: »Immer wenn es für ihn brenzlig wird, redet er von Gemeinsamkeiten.«

Große Koalition? Das Gerede beweise nur »die Schwäche und das mangelnde Selbstvertrauen der Sozialdemokraten«, polterte Kohl schon vor Wochen im Urlaub am Wolfgangsee, die »über den Hintereingang in die Arena kommen« wollten.

Auch Scharping schont er nicht prinzipiell - der ist schließlich nur »ein Soz«, wie er die Sozialdemokraten gern abfällig nennt. Und er freute sich, daß sein Kronprinz Wolfgang Schäuble im Bundestag ungeniert Indiskretes aus dem Vier-Augen-Gespräch zwischen Kohl und Scharping verbreitete (siehe Seite 22).

Einen anderen Helfer, Kanzleramtsminister Bernd Schmidbauer, ließ der Kanzler über Wochen von angeblich brisanten Spionagefällen faseln, die - was Wunder - vornehmlich der SPD schaden sollten. Erst als klar war, daß die Akten nichts hergeben, spielte Kohl den Biedermann und entrüstete sich über Versuche, »nach Art der Mistkäfer« in DDR-Akten zu graben.

Aber nun gleich partnerschaftliche Gespräche?

Das Konzept ist das gleiche wie so oft, wenn es für Konservative brenzlig wird: Helmut Kohl kennt keine Parteien mehr - nicht »CDU oder SPD oder FDP und CSU und DGB und BDI« -, sondern nur noch Deutsche, die sich wie »normale Leute um den Tisch setzen und sagen, was haben wir falsch gemacht«.

»Umdenken trotz Wahlkämpfen«, Gemeinnutz vor Eigennutz - gerade das ist sein eigennütziger Wahlkampfbeitrag. Und die Abgeklärtheit des Alters, die Erfahrung, daß man zwar nicht »automatisch weiser wird, aber ruhiger« - es ist für den sonst so ungeduldigen Alten nur ein neuer Kampfstil mit vertauschten Rollen. Yin gegen Yang.

Er habe, sprach Kohl im Bundestag, von Scharping zuwenig über Außenpolitik gehört: »Das Schicksal Deutschlands wird in der Außen- und Sicherheitspolitik entschieden.« Den gleichen Satz hatte der Staatsmann tags zuvor schon seiner Fraktion vorgetragen; er stammt von Bismarck.

Der CDU-Chef will den nationalen Aufbruch proklamieren, das ist seine Wahlkampfbotschaft an die »große Mehrheit der Deutschen«.

Wehe dem, der nicht mitzieht. Kohl: »Laßt uns jetzt darüber reden oder von mir aus bei der Bundestagswahl abstimmen.«

[Grafiktext]

__20_ Meinungsforschung: Politik von Bundeskanzler Kohl

[GrafiktextEnde]

Zur Ausgabe
Artikel 14 / 127
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.