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FRANKREICH / PARIS Wenn es taut

aus DER SPIEGEL 4/1966

Pierre Edmond Gay, Medizinstudent aus dem französischen Wintersportparadies Val d'Isère, glitt auf Skiern die Champs-Elysées hinab - vom Arc de Triomphe bis zum Rond Point.

Im Pariser Vorort Suresnes stiegen ein paar Dutzend Fahrgäste aus einem Bus und griffen zur Selbsthilfe: Mit vereinten Kräften schoben sie das Gefährt bergan auf den winzigen Hügel namens Mont Valérien.

Und am Pariser Bahnhof Saint-Lazare stürmten Hunderte erboster Vorort-Fahrgäste den Dienstraum 24 und schwangen Fäuste gegen den Beamten, der sich weigerte, ihnen eine halbstündige Zugverspätung zu bescheinigen.

Die Pariser waren wütend, und - so das Massenblatt »France-soir« - »sie hatten allen Grund dazu«. 20 Zentimeter Schnee waren gefallen, Paris erstickte unter der weißen Mini-Last.

Denn anstatt noch in der Nacht die Straßen und Gehwege räumen zu lassen, kapitulierte die Stadtverwaltung vor den weißen Flocken. Ihr einziges, Rezept: Salz streuen und warten.

Selbst das Salzstreuen begann mit neunstündiger Verspätung: Der Wetterdienst hatte nicht rechtzeitig gewarnt, so daß es unmöglich gewesen war, die 3000 Streuhelfer - meist Hilfsarbeiter ohne Telephon - vor Beginn des Berufsverkehrs zu benachrichtigen. Per Fahrrad oder zu Fuß setzten sie sich in Marsch.

60 altersschwache Lastwagen rollten schließlich mit 5000 Tonnen Salz aus, fast 40 Prozent der Streureserve für den gesamten Winter. Die schneeuntüchtigen Salzer kamen jedoch nicht voran. Kiesfahrzeuge mußten ihnen den Weg ebnen, waren aber nicht sogleich zur Stelle.

Der Einsatz blieb zunächst wirkungslos. Die Pariser - längst aus dem eigenen Auto auf überfüllte Metro-Züge und in ausgebuchte Taxis umgestiegen

- riefen nach einem Großangriff gegen

den weißen Feind. »Die wirtschaftliche Aktivität einer Region von neun Millionen Einwohnern«, so wetterte »France-soir«, »der Hauptstadt Frankreichs, darf nicht schlagartig um die Hälfte vermindert werden, wenn es im Januar einmal schneit - was schließlich jedes zweite Jahr vorkommt!«

In der kaum zwei Millionen Einwohner zählenden Stadt Hamburg dauert es 90 Minuten, um 2850 Schneeräumer und 300 Fahrzeuge zu mobilisieren. Hamburg verfügt über 75 Schneepflüge. Paris hat keinen einzigen.

Kleine Stiefelchen, eigentlich schon als Mode des Vorjahrs abgetan, stiegen plötzlich wieder im Ansehen. Und unsicheren Fußgängern bot ein Kaufhaus für nur 4,50 Mark ein Dutzend kleiner Stollen an - leicht unter den Schuhsohlen zu befestigen und garantiert rutschfest.

Theater und Kinos meldeten Umsatztiefpunkte. Der Schnee bezwang sogar James Bond. Erstmals wartete vor den Kino-Palästen »Rex« und »Normandie« keine Menschenschlange auf Eintrittskarten für »Feuerball«.

Auf den Flugplätzen sollten Wagen der städtischen Müllabfuhr den Schnee abfahren. Aber sie kamen nicht durch

- weil in der Stadt noch nicht geräumt

war. So dauerte ein Flug nach London sieben Stunden - sechs Stunden Wartezeit, eine Stunde Flug.

Als die Proteste der Pariser immer lauter wurden, erklärte die Stadtverwaltung, nicht sie sei schuld, sondern der moslemische Fastenmonat Ramadan: Die nordafrikanischen Arbeiter dürften tagsüber nichts tun, sie seien aber die Haupt-Schneestreitmacht. Schließlich holten sich die Männer vom Streudienst 840 Soldaten zu Hilfe. Vergebens.

Streudienstchef Herzog auf die Frage von Journalisten, wann Schnee und Eis endlich von den Straßen geräumt seien: »Wenn es taut.«

Als am Wochenende die Mittagssonne den Schnee wirklich räumte, drohte de Gaulles Hauptstadt im schmutzigen salzigen Schmelzwasser zu ertrinken. Die Siele liefen über.

Verschneiter Boulevard in Paris: Stärker als James Bond

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