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»Wenn ich eine Großmacht werden will ...«

Rudolf Augstein über Peter Kochs Adenauer-Biographie *
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 41/1985

Nein, die Geschichte der Ära Adenauer muß nicht umgeschrieben werden. Peter Koch, 47, ehedem Chefredakteur des »Stern« und Leidtragender eines (nur) zum Teil selbstverschuldeten Mißgeschicks, hat die erzwungene Zeit der Muße genutzt, um mit den noch lebenden Zeitzeugen zu sprechen. Er hat eine Adenauer-Biographie geschrieben, die der Rowohlt Verlag sonderbarerweise eine »politische« nennt, so als hätte Adenauer auch als Henry-Moore-Gönner oder als Klavierspieler brilliert. _(Peter Koch: »Konrad Adenauer. Eine ) _(politische Biographie«. Rowohlt Verlag, ) _(Reinbek; 540 Seiten; 38 Mark. )

Um es vorwegzunehmen: Wer sich mit Adenauer intensiv befassen will - allzu viele werden das nicht sein -, tut gut daran, sich an die Primärzeugnisse des ersten Kanzlers der Bundesrepublik zu halten, an seine Reden, Briefe, seine vierbändige Autobiographie - seine ipsissima verba. Sie sind durch nichts zu ersetzen. Man müßte ein historischer wie ein Sprachkünstler zugleich sein, um sie zu durchleuchten. Es mag daran liegen, und nicht so sehr an der relativ kurzen Zeit seit Adenauers Tod, daß die klassische Biographie, auf die er Anspruch hat, noch nicht vorliegt; auch Peter Koch hat sie nicht leisten können. Sehr wohl aber dürfte es so kommen, daß junge Leute wissen wollen, was es denn mit dem Beginn der Bundesrepublik und mit deren Gründungskanzler auf sich habe, oder daß alte Leute ihre Erinnerungen bestätigt sehen wollen. Beide Gruppen werden bei Koch bedient.

Der albernste Einwand gegen Kochs Werk scheint mir der, er habe als Journalist, als junger Mann, über Adenauer anders geschrieben als heute in seinem biographischen Buch. Noch nie etwas von Treitschke gehört oder von Fontane? Geschichte fließt, Menschen ändern sich, auch mit ihren Zwecken. Es muß der Koch von heute doch nicht »recht« haben gegen den Koch von damals.

Hier liegt allerdings eine Schwäche des Buches. Wenn Leute ihre Meinung ändern, wollen wir doch wenigstens wissen, von wo nach wo. Freilich auch: Die Reihe der gelernten Historiker, die von dieser Pflicht nichts wissen wollen, ist Legion.

Koch sagt es uns ja, Adenauer ist ihm eben kein Lebensbedürfnis, sondern, um es salopp auszudrücken, ein Pausenfüller. Das nimmt dem Buch jede unnötige Schärfe, aber auch die nötige Kantigkeit. Man kann sich gut belernen, das ist es, und das ist genug.

Adenauer wird bei Koch am ehesten da plastisch, wo er am entbehrlichsten ist: bis zu seinem 73. Lebensjahr, als er zum Bundeskanzler gewählt wird - fast die Hälfte des Kochschen Buches.

Eine Durchsicht des Weimarer Personals - und andere Gründer standen ja nicht zur Verfügung - ergibt, daß Konrad Adenauer einige Eigenschaften hatte, die 1945 sonst kein führender Politiker aufweisen konnte. Er war *___kein Mann der Reichseinheit, anders etwa als der ____Zentrums-Kanzler Wilhelm Marx, dessen Namen keiner mehr ____kennt, obwohl er 1925 anstelle Hindenburgs ____Reichspräsident geworden wäre, wenn die katholische ____Bayerische Volkspartei für ihn, anstatt für den ____Feldmarschall, zur Urne gerufen hätte. Ihm habe »das ____Rheinland in schwerster Zeit alles verdankt«,

schrieb ihm Adenauer 1924, vielleicht, vielleicht aber auch nicht nur, ein Tritt gegen Stresemann; *___kein Monarchist, wie Gustav Stresemann von der ____Deutschen Volkspartei und der Zentrums-Kanzler Brüning, ____der die parlamentarische Demokratie ohnehin abschaffen ____wollte; *___kein Hasardeur, wie die Kanzler Papen und Schleicher, ____obwohl auch er die Dämonie Hitlers so wenig erkannt hat ____wie das gesamte Weimarer Führungspersonal, da macht er ____keine Ausnahme; *___kein Revisionist, wie der Reichskanzler Stresemann und ____nahezu alle anderen, die sich die Dauer der deutschen ____Ostgrenzen nicht vorstellen konnten. Adenauer scheint ____keinen Gedanken auf die Revision der deutschen ____Ostgrenzen verschwendet zu haben; *___kein »Vernunftrepublikaner«, wie der parteilose Kanzler ____Hans Luther, der die Sanierung von Währung und Haushalt ____mittels seiner »Wirtschaftsdiktatur« 1923/24 ____durchgebracht hat. Adenauer war Antimonarchist und ____Antipreuße, das genügte; *___kein »Reichspolitiker«, den es aus seinem ____selbstherrlichen Oberbürgermeisterdasein in ein nur zu ____gewisses Schicksal nach Berlin gezogen hätte, anders ____als Essens Oberbürgermeister Hans Luther, der aber noch ____als Reichsminister das Oberbürgermeisteramt formal ____beibehielt, »beurlaubt«.

Adenauer als Feind Preußens und Berlins, als Freund eines Rhein-Staates »im Rahmen des Reiches«, war in Berlin neben Hindenburg und Stresemann sowieso als Kanzler schwer vorstellbar. Er personifizierte, wenn sein Name genannt wurde, nur die Verlegenheit der Republik. Auch große Teile der SPD waren ja »Vernunftrepublikaner« und, wer weiß, Revisionisten auch noch. Die Republik hatte keine Mehrheit.

Peter Koch schildert die Rheinland-Episoden Adenauers von 1918/19 wie 1923 recht akribisch, stößt aber zum entscheidenden Urteil nicht durch: Adenauer wollte etwas von der damaligen Realität her Unvernünftiges, wollte aber trotzdem die vernünftige Position des Oberbürgermeisters der preußischen Stadt Köln behaupten. Hier wurde solide Absicherung, aber keine solide Politik betrieben. Das Rheinland nicht und unter gar keinen Umständen von Preußen abzutrennen, keinen Rhein-Staat mit föderativen Sonderrechten zu schaffen, lag damals im Interesse aller Patrioten des Reiches. Auschwitz und Hitler konnte ja niemand voraussehen.

Wilhelm Marx, der vierfache Kanzler und Zentrums-Genosse Konrad Adenauers, beschwor am 23. Juni 1919 seine Parteifreunde, den Versailler Vertrag anzunehmen, weil sonst »das Rheinland für immer verloren« wäre (jener Marx, dem Adenauer 1924, für seine Begriffe überschwenglich, gedankt hat).

Im nachhinein hat Adenauer recht bekommen, der 1919 als einziger vorzeigbarer deutscher Politiker die Sicherheitsinteressen Frankreichs - sie erschienen paranoid - allem anderen vorangestellt wissen wollte. Nur brachte ihn seine gute Witterung nicht dazu, in Opposition zu machen und seinen wunderbaren Posten aufzugeben. Im Gegenteil, er nahm überwiegend Ehrenpfründe eines »Präsidenten des Staatsrats« in Berlin an, stets auf dem Boden der realen, der materiellen Interessen.

Man darf nicht vergessen, daß die Zentrums-Politiker Wilhelm Marx und Konrad Adenauer in einem Staat lebten, der, wie Marx richtig sah, den Katholiken erstmals die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung brachte. Die katholische Weltanschauung, nun ja, sie gab keiner bestimmten Staatsform den Vorzug, in Adenauers Augen gewiß nicht der Hohenzollern-Monarchie in Berlin.

Koch arbeitet vorzüglich heraus, wie frühzeitig Adenauer die Erweiterung des

engen Zentrums-Turms als nötig erkannt hat. Aber andere haben nach 1945 eher gehandelt als er, auch dies liest sich spannend.

Die Stetigkeit der Adenauerschen Energie, sein vielseitiges Interesse während seiner letzten 20 Lebensjahre kann man nur bestaunen. Seit Bismarck, sagt Haffner, habe ihm das in Deutschland keiner vor- oder nachgemacht. Falsch. Bismarcks fruchtbare Jahre lagen vor dem Jahr, in dem Adenauer seine fruchtbare Epoche begonnen hat.

Koch, und sonst müßte man ihn ja auch prügeln, schildert, wie der Rheinstaat-Politiker von 1919, der sich entscheiden oder bescheiden mußte, nach 1945, mit und ohne Zutun, der Mann der Stunde wurde, nach Jacob Burckhardts gar nicht zu hoch gehängtem Satz: »Zeit und Mensch treten in eine große, geheimnisvolle Verrechnung.«

Hier beginnt nun die Diskussion, aus der Peter Koch sich möglichst herauszuhalten sucht. Wie denn, wäre die Bundesrepublik nicht der Eckpfeiler der Nato, nicht Festlandsglacis der USA wie auch Frankreichs, nicht der Zahlmeister Europas und Israels, wenn Konrad Adenauer nie gelebt hätte? Ich kann das nicht glauben. Adenauer war ja nicht nur der Bundeskanzler der Alliierten, sondern auch der Bundeskanzler einer soliden Wählermehrheit in der Bundesrepublik und in West-Berlin.

Hätte er die Wiedervereinigung Deutschlands verhindert, er wäre, in dem altmodischen Vokabular des Jacob Burckhardt, ein »großer Mann«, hätte den »Willen eines Zeitalters« vollstreckt.

Wir wissen doch aber heute, daß wenig Kraft dazu gehört, passieren zu lassen, was ohnehin passiert. Es hätte eines gesunden, tatkräftigen, vor allem lebendigen Stalin bedurft, um den Westalliierten den Siegespreis des gewichtigeren Klumpens von Bismarcks Reich unter dem Signum »Neutralität« zu entreißen. Es war nicht Adenauer, der die Westbindung von sich aus durchsetzte. Es war Stalin, der durch seinen Tod im März 1953 allen Spekulationen ein Ende setzte.

Koch ist zu jung, hat es nicht erlebt, auch wohl aus den Akten nicht erfahren, daß Adenauer deshalb so angefeindet und deshalb so siegreich war, weil er die bewaffnete Neutralität Gesamtdeutschlands, die ein Axel Springer noch 1958 in Moskau befürwortete, gar niemals wollte. Aus zwei Gründen nicht wollte: erstens, weil er Stalins Interesse für möglicherweise ernst hielt, und zweitens, weil er unernste, hinauszögernde Verhandlungen für möglich hielt, die seine Position gegenüber den Westmächten notwendig schwächen müßten.

Zu einer Diskussion über ein neutrales Deutschland, wie es einige Patrioten und die Minderheit der Westdeutschen wollten, durfte es aus seiner Sicht gar nicht erst kommen. Er fürchtete beides gleichermaßen, die Ernsthaftigkeit des Angebots wie seine Unernsthaftigkeit.

Wer »recht« gehabt haben könnte, blieb durch Stalins Tod unerfindlich. Jedenfalls hatte Adenauer mit Wucht und Konsequenz den richtigen Stich getan, und keiner seiner Nachfolger hat es gewagt, die Weisheit dieses - im Ergebnis wohl richtigen - Stichs anzuzweifeln, weil das Opportune nun einmal ein Kind des Erfolgs ist, und umgekehrt.

Daß die Adenauer-Politik unzulässig gewesen sein könnte, vielleicht nicht nur aus der Sicht der Patrioten, spielt nun keine Rolle mehr. Sie war nicht nur erfolgreich, sondern eine Alternative hatte es gar nicht gegeben.

Warum dann aber die hilflose Wut, die wir doch erlebt und erlitten haben und die sich aus Kochs Buch nicht erschließt?

Koch hat hier kapituliert. Er hat die Wut auch nicht erlebt, mit der wir, Adenauers Gegner, ihm 1952 und lange danach begegneten. Kurt Schumacher hielt es für unzumutbar, sich mit ihm zu unterhalten, Adenauer sei einfach zu »dumm«. Was war daran? Blenden wir uns aus der prekären, für Adenauer entscheidenden Außenpolitik einmal aus. Gehen wir voran ins Jahr 1959, als der alte Mann, von außen gesehen, rühmlich hätte abschnüren können, in das Amt des Bundespräsidenten. Nicht nur sein Sohn, der Kaplan Paul Adenauer, mit dem der Einsame nun zusammenlebte, riet ihm dazu. Adenauer hatte aus nicht mehr ganz rekonstruierbaren Gründen zugestimmt. Nun aber schrieb er in einem Brief unter dem 20. Mai 1959 an seinen Vertrauten Heinrich Krone: _____« Herr Erhard genießt nicht das Vertrauen unserer » _____« Bündnispartner. Ohne das Vertrauen unserer Bündnispartner » _____« können wir die Bundesrepublik gegenüber dem östlichen » _____« Ansturm nicht halten. Sie wird ein Opfer der östlichen » _____« Bedrohung. »

So kann doch nur ein Dummkopf schreiben? Wie sollte man darauf antworten? Der Brief verbirgt etwas. Er verlangte nach gar keiner Antwort.

Was stimmte an diesem Brief? Daß Erhard kein guter Kanzler werden würde. Nur, konnte Adenauer das wissen, und war sein Nachfolgekandidat Franz Etzel »besser?« Es ging darum nicht. Er wollte seinen »richtigen« Entschluß, Bundespräsident zu werden, wieder umstoßen, weil er über die eher repräsentativen Möglichkeiten seines neuen Amtes nicht ordentlich nachgedacht hatte.

Aber war der Entschluß denn richtig, wenn er nicht richtig nachgedacht hatte? Wen wollte der Herr Erhard - er schrieb ihm immer mit dt, absichtlich - denn zu seinem Nachfolger im Amt des Bundeswirtschaftsministers machen? Nun, sagte Erhard, seinen Staatssekretär Westrick (den Adenauer als eine Art von Aufpasser in das Wirtschaftsministerium geschickt hatte, der aber dieser Rolle nicht entsprechen wollte). Was, den? Der ist doch bald 65, so der 83jährige. Da konnte man schon verzweifeln. Der Mann war halt zu »dumm«. Daß seine Westpolitik die Wiedervereinigung auf irgend absehbare Zeit unmöglich machen werde (so sie denn überhaupt je möglich war), lag klar zutage. Er behauptete schlicht das Gegenteil, beschwor mit erhobener Hand im Wahlkampf 1953 diese intellektuelle Unmöglichkeit. Dummheit?

Brauchte er diese »Lebenslüge« der Bundesrepublik selbst? Glaubte er, seine

Landsleute würden sie brauchen? Oder glaubte er gar selbst?

Das Wort »dumm« trifft hier offensichtlich nicht, eher das Wort »dummschlau«, die Lüge war ja genial, etwa wie Hitlers Wunderwaffe. Und am Ende war''s vielleicht gar keine Lüge. Denn immerhin hat er gesagt: »Wenn ich eine Großmacht werden will - und das müssen wir Deutsche werden ...«

Er war nicht zu dumm, er hatte einen unbedingt zweckgerichteten, direkten Verstand. Aber es gebrach ihm am analytischen Denken, und darum konnte man mit ihm nicht diskutieren. Atomwaffen, nun ja, sie waren eine Art verlängerte Artillerie. Hätten die Herren Göttinger Atomphysiker ihn aufgesucht, er hätte ihnen das erklärt. Oder, noch banaler: Wollte er den Willi Weyer gefügig machen, so kam er ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und sagte, was haben Se da für ''ne schöne rote Schlips an, Herr Weyer.

Die Macht, die er persönlich ausübt, wird er, wie seinerzeit Bismarck, mit dem Wohl der künftigen Großmacht Bundesrepublik gleichsetzen, da ist er keine Ausnahme, auch Richelieu dachte so. Opposition ist nicht vorgesehen, allenfalls als Dekor, oder, wie 1961 und 1962 als Joker im Kartenspiel, um die Koalitionspartei FDP kleinzukriegen.

Er hatte Blick für Menschen, aber nur für das Menschliche an ihnen, das Schäbige, das Schnöde. Als er, nicht ganz freiwillig, den Franz Josef Strauß zum Verteidigungsminister machte, sagte er: _____« Strauß ist ein vorwärtsdrängender dynamischer Mann. » _____« Es kann sein, daß es jetzt viele Tote und Verwundete » _____« gibt, und vielleicht bin ich eines Tages sogar unter den » _____« Leichen. »

Strauß hätte schon wollen, aber er war es dann doch nicht, der den Alten umbrachte. Strauß selbst war zu der Zeit scheintot.

In dem letzten politischen Gespräch, das Adenauer wohl überhaupt noch geführt hat, sagte er mir über Jean Monnet, dem seine ganze europäische Grundkonstruktion so viel verdankte: »Der ist ja von Herrn de Gaulle abgefallen, weil er bei dem nichts geworden ist.«

Für den Gedanken, daß der Herr Monnet bei Herrn de Gaulle gar nichts werden wollte, weil der Herr de Gaulle die Politik der Herren Monnet, Schuman und Adenauer vom Tisch gewischt hatte, war in solchem zu einfachen Denken kein Platz.

Sowenig der Erfüllungspolitiker Adenauer dem Reichsgründer Bismarck glich, dessen Nutznießer er wurde und dessen Scherben er zusammenkehren durfte, in einem waren sie einander recht ähnlich: Beide bestritten den jeweiligen politischen Gesprächspartnern die legitimen Interessen. Beide sahen hinter jedem sachlichen Argument ein privates Interesse, eine Bestechung, irgendeine Schlaubergerei hervorlugen, deren sie sich selbst so oft bedienten.

Ein Unterschied ist da allerdings. Bismarck wollte alle Welt übertölpeln, und sei es mit den Mitteln brutaler Offenheit und Ehrlichkeit, und sei es grundlos. Adenauer hingegen hatte ein überpersönliches Ziel, sein vereintes Europa, und sah in jedem, der da Hand anlegte oder auch nur Hand anzulegen schien, einen Bundesgenossen, fast bis zur Arglosigkeit. Es ist nicht zweifelhaft, daß er die Doppelbödigkeit seiner beiden Freunde Dulles und de Gaulle je begriffen hätte.

Instinktiv spürte er in dem jungen Präsidenten Kennedy einen Feind. Denn es kann ihm nicht entgangen sein, daß er sich aufgrund seines hohen Alters gewisse Mängel leisten konnte, die einen Jüngeren zu Fall gebracht hätten. Schon zu Beginn der Bundesrepublik betonte er, daß ihn die Hohen Kommissare nicht nur wegen seiner politischen Vergangenheit, sondern auch wegen seiner hohen Jahre höflich behandelten.

Welcher Kanzler hätte sich leisten können, den damals 73jährigen Bundespräsidenten Theodor Heuss dermaßen abzukanzeln: _____« Herr Kennan ist zur Zeit derjenige Mann, der infolge » _____« seiner unrealen Betrachtungsweise zu der Aufweichung in » _____« Deutschland in peinlichster Weise beiträgt. Bei den » _____« großen außenpolitischen Debatten, die wir demnächst haben » _____« werden, wird Herr Kennan Kronzeuge der SPD sein. Es ist » _____« daher schmerzlich, daß er von Ihnen so ausgezeichnet ist. »

Kennan war, der er heute ist, der Erfinder der Eindämmung gegen Rußland. Er hat einen brillanten Verstand. Heuss hatte sich erlaubt, ihn in seiner Neujahrsansprache 1958 »behutsam geistvoll« zu nennen. Den Rüffel steckte er ein, nicht aus Klugheit. Nur einmal wurde der sonst gefügige Heuss grob: als Adenauer, der Präsidentschaftskandidat, im Fernsehen bekanntgab, der Bundespräsident habe viel mehr Befugnisse, als man gemeinhin glaube. Das war selbst Heuss zuviel.

Seinen Masochisten vom Dienst, den Außenminister Heinrich von Brentano, quälte er 1955 mit dem Vorwurf, er habe zwecks Vorbereitung der Moskau-Reise auch den Vorsitzenden des Gesamtdeutschen Ausschusses des Deutschen Bundestages, Herbert Wehner, empfangen. Brentano wand sich, er habe den Wehner ja gar nicht eingeladen, der sei einfach mit dem angesagten Ollenhauer erschienen. Hilft nichts: Schwerer Schaden für die Bundesrepublik.

Eugen Gerstenmaier, »ein Astronom« (Hermann Höcherl), der die Sterne sehr wohl begehren und sich nicht nur an ihrer Pracht freuen mochte, urteilt an die Adresse Kochs über Adenauer: _____« Sein persönliches Verhältnis zur Demokratie stand im » _____« Grunde mehr auf der Hinnahme der Organisationsgrundsätze » _____« der Demokratie als auf einer festgegründeten persönlichen » _____« Überzeugung. Den liberalen Prämissen der Demokratie und » _____« der Entscheidungsfähigkeit, der politischen Mündigkeit » _____« des Stimmbürgers stand er ebenso skeptisch gegenüber wie » _____« dem Glauben an den Wert der Diskussion. »

Und wie urteilte Adenauer über den Bundestagspräsidenten? Gar nicht. Es war Gerstenmaier, der ihn zur Präsidentschaft überredet hatte und der sich besonders getroffen fühlen mußte, als der Alte von dem Projekt wieder Abstand nahm. Adenauer sagte ihm ins Gesicht: »Es ist sonderbar, daß man in den Augen eines Menschen den Haß in seinem Herzen ablesen kann.« Gerstenmaier lief aus dem Fraktionssaal.

Über Adenauers Ostpolitik sagt Peter Koch zu Recht: »Adenauers Ostpolitik blieb bis zuletzt unkonzeptionell und teilweise abstrus.« Er brauchte die Sowjet-Union nicht, und er wollte die DDR nicht.

Daß er 1955 bei seinem Besuch in Moskau die Kriegsgefangenen (10 000, an die 20 000 Zivilinternierte) heimgeholt habe, ist eine liebe Legende. Wohl aber stimmt: Unter dem physischen Eindruck Moskaus und der Moskowiter ging er auf das von den Kremlherren arrangierte Spiel ein und nahm, gegen den Rat seiner Alliierten und seiner engsten Berater, diplomatische Beziehungen zur Sowjet-Union auf. Er »fiel um«, aber zweckgerecht und vernünftig.

Als die Sowjets am 13. August 1961 die Mauer bauten, »fand sich der Bundeskanzler bereit, ein von Smirnow schon mitgebrachtes vorformuliertes gemeinsames Kommunique zu billigen«. Darin wurde versichert, »daß die Bundesregierung keine Schritte unternimmt, welche die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR erschweren und die internationale Lage verschlechtern«. Dies war des Guten zuviel. Zu spät besucht Adenauer West-Berlin. Aus dem Osten plärrt es ihm entgegen: »Da sprach der alte Häuptling der Indianer.«

Ja keinen Krieg, aber äußerste Härte, so läßt sich Adenauers Position, wenn es denn eine war, umschreiben. Sein Globke ließ Ostpläne entwerfen, die nicht einmal das Papier wert waren, auf das man sie tippte. Adenauer stand dem Kommunismus auch geistig hilflos gegenüber. So war ihm der Nationaldemokrat Paul Sethe ein »Bolschewistenfreund«.

Als Adenauer 1960 den Papst Johannes XXIII., den laut Böll »guten Papst Johannes«, besuchte, extemporierte er entgegen dem vatikanischen Protokoll: _____« Der Herrgott hat dem deutschen Volk den Auftrag » _____« erteilt, einen Damm gegen den gottlosen Kommunismus zu » _____« bilden. »

Der Papst entgegnete als guter Hirte: _____« Herr Bundeskanzler, was den Auftrag des Allmächtigen » _____« an das deutsche Volk angeht, so können wir als Christen » _____« nur beten und gute Werke vollbringen. »

Adenauer hat diesen Papst nicht sehr geschätzt, wie man wohl ahnen kann.

Und noch kurz vor seinem Tod hat er sich in Francos Spanien am 16. Februar 1967 in öffentlicher Rede über den Kommunismus ausgelassen: _____« Sowjetrußland will über das gesamte atomare Gebiet in » _____« Deutschland die Kontrolle erhalten, weil es damit die » _____« Kontrolle jeder Herstellung von atomarer Kraft in der » _____« Bundesrepublik erhält und damit bei der rapiden » _____« Steigerung von Atomkraft im wirtschaftlichen Leben auch » _____« die Kontrolle im größten Umfang über die deutsche » _____« Wirtschaft. Die Deutschen würden dadurch in » _____« wirtschaftliche Abhängigkeit von der Sowjet-Union » _____« geraten, und nicht nur die Deutschen, sondern große Teile » _____« von Westeuropa. Das wird das Ende eines freien Europas » _____« sein. » _(Adenauer war so auf den Hund gekommen, ) _(daß er sogar dem SPIEGEL einen Brief ) _(schickte: »Ich bitte Sie dringend, dafür ) _(zu sorgen, daß Sie entweder überhaupt ) _(nichts mehr über mich schreiben oder ) _(aber in einer der Sache angemessenen ) _(Weise, wobei ich das Recht der ) _(sachlichen Kritik Ihnen durchaus ) _(zubillige.« Weil Rudolf Augstein die ) _(Memoiren Adenauers besprochen hatte, ) _(bedankte sich der Alte. Es gab, wie ) _(immer in solchen Situationen, eine ) _(letzte Umarmung, aber auch ein letztes ) _(authentisches Gespräch: »Sagen Sie, wie ) _(sich die Welt dreht!« (SPIEGEL 17/1967). )

So war sein Denken eben beschaffen. Es ging um nichts anderes als um den Atomwaffensperrvertrag, der natürlich im Interesse der beiden Supermächte lag, aber ebenso natürlich im Solidarinteresse aller Nationen dieser Welt. Dies war kein Altersstarrsinn, dies war sein Denken von Jugend auf.

Man hat Adenauer vorgeworfen, er habe die moralische Erneuerung Deutschlands versäumt, ich nicht, das war sein Persönlicher Referent Horst Osterheld. Dazu war er aber gewiß nicht der rechte Mann, wenn es denn so etwas wie moralische Erneuerung überhaupt gibt.

Der zweckgerichtete Mensch hält den Judenkommentator Globke, seinen wichtigsten Handlanger, weil er ihn braucht, läßt ihn aber zweimal auf gepackten Koffern zurück, wenn er nach Amerika fährt. Etliche Millionen wird uns dieser Hans Globke gekostet haben, aber etliche Millionen auch gespart, weil Adenauer ihn eben brauchte. Mit der Moral ist es dann aber zu Ende.

Man muß sich auch fragen, was in der Innenpolitik wohl anders gelaufen wäre als auf dem Wege des geläufigen geringsten Widerstandes, die Montan-Mitbestimmung sogar eingeschlossen.

Ging es um ein Gesetz gegen Ärzte, so teilte Adenauer mit, wie viele Ärzte es gäbe und daß sie vielleicht CDU wählten. Die Vorlage war dann vom Tisch.

Er propagierte den »mäßigen Besitz«, hielt sich nicht ganz daran, änderte aber eigenhändig den Geschäftsordnungssatz der Bundesregierung, daß der Bundeskanzler die Verbände nicht in »außergewöhnlichen«, sondern in »besondern« Fällen empfangen solle. Das war nicht nur, aber meistens, der Bundesverband der Deutschen Industrie. Adenauer ist der Vater unseres Parteispenden-Unwesens.

Seine Schwächen für Absonderlichkeiten machen den Mann für uns interessant, ja sogar konstituierend. Die Bundesrepublik ist mit Konrad Adenauer nicht schlecht gefahren, obwohl ja memand vor seinem Tode glücklich zu preisen ist, siehe den Bismarck-Staat. Nur sehe ich nicht, welche »Werte der Uralte bewahrt hat, die sich als unverbraucht erwiesen« (Willy Brandt). Er hatte eine unverbrauchte Familientradition, die wir auch noch gern hätten, aber das ist alles.

Sonst gibt es da nichts zu holen. Der rührendste Satz in Kochs lesenswertem Buch steht in einem Brief an den ehedem haßerfüllten Gerstenmaier. Es schreibt der Bundestagsabgeordnete Konrad Adenauer: _____« Herr Bundestagspräsident, was hat eigentlich ein » _____« Abgeordneter in diesem Hause zu bestellen? Wie kann er » _____« Einfluß auf die Politik nehmen? Was kann er überhaupt » _____« tun? »

Ein Mann kann nicht vernichtet werden, aber doch besiegt.

Peter Koch: »Konrad Adenauer. Eine politische Biographie«. RowohltVerlag, Reinbek; 540 Seiten; 38 Mark.Adenauer war so auf den Hund gekommen, daß er sogar dem SPIEGELeinen Brief schickte: »Ich bitte Sie dringend, dafür zu sorgen, daßSie entweder überhaupt nichts mehr über mich schreiben oder aber ineiner der Sache angemessenen Weise, wobei ich das Recht dersachlichen Kritik Ihnen durchaus zubillige.« Weil Rudolf Augsteindie Memoiren Adenauers besprochen hatte, bedankte sich der Alte. Esgab, wie immer in solchen Situationen, eine letzte Umarmung, aberauch ein letztes authentisches Gespräch: »Sagen Sie, wie sich dieWelt dreht!« (SPIEGEL 17/1967).

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