Zur Ausgabe
Artikel 29 / 64
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MANAGER / LUFTHANSA Wenn Kugoth kommt

aus DER SPIEGEL 5/1969

Deutschlands Lufthansa wird von drei Spitzenmanagern gesteuert, doch nur einer hat einen gültigen Vertrag. Zwei sind entlassen.

Die stellungslosen Vorstandsmitglieder der Deutschen Lufthansa AG in Köln, Professor Gerhard Höltje und Diplom-Ingenieur Hans Süssenguth, aber lassen sich nichts anmerken und amtieren ohne Vertrag weiter, bereits am 2. Januar 1969 hätten ihre Namen im Handelsregister gelöscht werden müssen*, doch ihr Kollege Dr. Herbert Culmann, derzeit allein im Besitz eines Vertrages, scheut den Weg zum Kölner Amtsgericht.

Cheftechniker Höltje, 61, und Chefverkäufer Süssenguth, 55, sind Opfer der größten Personal-Turbulenz In der neueren Geschichte der Lufthansa. Aus dem Cockpit kippten sie, als die Arbeitnehmer-Vertreter im Aufsichtsrat ihre Stimmen für eine neue Bestallung verweigerten.

Zum Ultimo 1968 liefen die Fünf-Jahres-Verträge der beiden Vorstände aus. Hermann Josef Abs, Vorsitzender im Aufsichtsrat der Lufthansa, setzte die Wiederwahl am 12. Dezember 1968 auf die Tagesordnung. Aber der Großbankier stieß auf unerwarteten Widerstand.

Wie ein Mann knüpften die fünf Arbeitnehmer im 15köpfigen Aufsichtsrat ihren Konsens an ein Gegengeschäft: Höltje und Süssenguth sollten

* Nach Paragraph 81 des Aktiengesetzes muß der Vorstand das Ausscheiden von Mitgliedern dem Amtsgericht melden.

nur auf ihren Posten bleiben, wenn der Lufthansa-Vorstand durch einen Flugkapitän und einen Arbeitsdirektor aus ihren Reihen erweitert werde.

Luftkontrolleur Abs mochte die Belegschafts-Vertreter nicht überstimmen. Er vertagte die Wiederwahl der beiden Hansa-Chefs, um die neue Lage zu prüfen. Angeführt vom Aufsichtsrat Wolfgang Schmidt, Betriebsrat in der Lufthansa-Basis Frankfurt, suchten die Arbeitnehmer-Vertreter derweil Unterstützung in Bonn. Denn dem Bund gehören rund 80 Prozent des Lufthansa-Kapitals.

Bundesverkehrsminister Georg Leber hatte für seine Gewerkschaftsfreunde nur ein Ohr offen. Den Flugkapitän im Vorstand der Luftflotte hielt er für überflüssig: »Im Präsidium der Bundesbahn ist ja auch kein Lokführer.« So versteiften sich die Funktionäre ganz auf den Arbeitsdirektor, obwohl die Arbeitnehmer rechtlich keinen Anspruch auf dieses Mandat haben.

Der Arbeitsdirektor im Vorstandsrang ist laut geltendem Mitbestimmungsgesetz nur für Kohle- und Stahlunternehmen vorgeschrieben. Für alle übrigen Gesellschaften gilt das Betriebsverfassungsgesetz, das den Arbeitnehmern lediglich eine Drittel-Beteiligung im Aufsichtsrat zubilligt. SPD und Gewerkschaften wollen durch Neufassung der Mitbestimmungsgesetze den Arbeitsdirektor in allen grollen Kapitalgesellschaften etablieren.

Obwohl die Gesetzentwürfe zur erweiterten Mitbestimmung vor den Bundestagswahlen nicht mehr verabschiedet werden können, wollen die Gewerkschaftsfunktionäre den Arbeitsdirektor bereits jetzt in den Lufthansa-Vorstand heben. Den Mangel einer gesetzlichen Handhabe können die Funktionäre durch Hinweis auf den Koalitions-Proporz wettmachen. So hatten die Christdemokraten 1966 -- ebenfalls ohne rechtliche Basis -- den Bundestagsabgeordneten Hermann-Josef Russe als Arbeitsdirektor in den Volksaktionärs-Konzern Veba (Bundesanteil 36 Prozent) eingeschleust. Bei der Lufthansa wollen die Sozialdemokraten mit einem »Mann unseres Vertrauens« (Betriebsrat Schmidt) gleichziehen.

Der Vertrauensmann und Kandidat für den 100 000-Mark-Job heißt Gerhard Kugoth, 42, ist Funktionär der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) und sitzt seit 1964 im Aufsichtsrat des Luftfuhrunternehmens. Aus dem Vorstand seiner Gewerkschaft wurde er im letzten Sommer abgewählt, weil er seine Arbeitskraft so stark für die Luftfahrer einsetzte, daß sich Fernfahrer, Binnenschiffer und Straßenbahner vernachlässigt fühlten.

Die Arbeitnehmer-Fraktion im Kölner Aufsichtsrat ist sicher, daß sie den Kollegen Kugoth als Arbeitsdirektor in den Vorstand bringen wird, denn, so Aufsichts- und Betriebsrat Schmidt: »Wir haben ein Druckmittel in der Hand.«

Druckprobe ist am Mittwoch dieser Woche. Dann berät der Aufsichtsrat zum zweitenmal über die neuen Verträge für die alten Vorstände Höltje und Süssenguth, die seit Jahresbeginn in der Hoffnung weiterarbeiten, daß ihre Chefkontrakte erneuert werden.

Dieser Wunsch ist freilich nur unter einer Bedingung zu realisieren: wenn Kugoth kommt.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 29 / 64
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.