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»Wenn Lehmann stirbt, is bei mir Feierabend«

Von Marie-Luise Scherer
aus DER SPIEGEL 5/1976

Machnow ist 75, sein Hund elf Jahre alt. Bei den Vorkehrungen, die Fritz Machnow für sich und das tägliche Leben seines Hundes trifft, spielt die Gewißheit eine Rolle, daß beide alt sind und es »heute eher als morgen« nicht mehr schaffen aufzustehen. Fritz Machnow kauft für drei, vier Tage auf einen Schlag zehn Brötchen, denn »wenn man se instippt, sind se ja wieder weich«.

Die Vorräte für seinen Hund beschafft er von einem Tierfutterlieferanten, den er mal vor einem Zoogeschäft abgepaßt hat. »,Nu hör mal zu', hab' ick zu den jesacht, »wenn ick immer 'nen Zentner koofe, is det billjer?"«

Davon, sagt Machnow, müsse der Staat nichts wissen, »sonst jeht der Hundekuchenhändler ins Spinde«.

Wo Machnow wohnt, heißt eine Straße »Ritze": Danckelmannstraße, die dunkelste Ritze von Berlin-Charlottenburg.

Machnow zahlt sechzig Mark für Stube/Küche, was die miserabelste Wohneinheit mit eigener Klingel ist, die elendste aller vernünftigen Unterkünfte aus der Gründerzeit.

Machnow, Hinterhaus, vier Treppen, 1923 waren es 18 Mark für die 20 Quadratmeter. Da hatte Machnow, nach drei Jahren Warteliste beim Wohnungsamt, ganz knapp heiraten können. Am 8. Oktober war Hochzeit und, »damit Se sehn, wat ick früher druff jehabt hahe«, am 14. Oktober war die Kleene schon da, »in sieben Tage een Kinde«.

Wenn er ins Denken kommt, hat Machnow gleich die Wut im Bauch. Jetzt, wo er mit Lehmann, dem Hund, alleine lebt, rücken ihm die Rettungskommandos der Neuen Heimat auf die Bude und sagen »ei'm ins Jesichte: »Herr Machnow, mit diese finstre Löcher is jetzt Schluß"«. Jetzt, wo er schon 25 Jahre geschieden ist, weil »det finstre Loch irjendwie auch in die Scheidung mit rinnjespielt hat«.

Machnow hat sich mit Lehmann arrangiert: »Ohne den Lehmann wär' ick längst dod.« Lehmann ist eine wolfsgroße »Mostrich-Töle«, wie Machnow sagt, jeder hat seinen Senf dazugegeben. Auf den ersten Blick sei Lehmann damals schwarz gewesen. »Dann hab' ick ihn jejen den Strich jebürschtet, da war er plötzlich grau.«

Vor elf Jahren, Machnow war gerade vier Tage auf Rente, kam von gegenüber eine Frau gelaufen: »Herr Machnow, da hat jemand Pech mit sein' Schäferhund jehabt, der hat vier sone kleene Quirls und weeß nich, wohin damit.« Machnow: »Ick hab' noch janz jenau im Kopp, det ick abjewunken habe, »nee« Frau Wallmann, ick weene nie mehr um wat Lebendijes«.«

Fritz Machnow, gelernter Ofensetzer, dann Kraftfahrer, bis es »mit Anhänger altersmäßig« nicht mehr ging, hatte zuletzt als Nachtwächter einer Möbelfabrik gearbeitet. Als der Hund, mit dem er nachts die Hallen abging, wegen Erblindung und »weil mein Wachvertreter dem det Ohr zertreten hat« eingeschläfert wurde, war Machnow soweit, »an nüscht mehr det Herze zu hängen«.

Dennoch ging Machnow den Wurf inspizieren. »Und plötzlich kommt son geölter Blitz untern Kissen vor, und ick sage mir noch »wat willste mit die Ratte« und war se schon am Graulen.« Noch am gleichen Abend saß in Machnows Stube diese Ratte. Fritz Machnow fühlte sich endlich wieder zu zweit.

Lehmann trägt den Namen seiner Herkunftsfamilie. »Ham Se ooch son kleenen Lehmann abjekriecht?« wurde Machnow anderntags gefragt, als er den »winzjen Spielhund« in den Tabakladen brachte. Worauf Machnow für sich und die Zigarettenfrau ein Pils ausgab, mit seiner Flasche gegen ihre knallte und »uff Lehmann« sagte. Einmal kurz wurde Machnows Lebensgemeinschaft mit dem Hund durch eine Frau aufgestöbert: »Die war erst nur doll nach det Tier und sagte immer sone ulkjen Dinger: Der Lehmann hätt' drei Augen, oben zwee richtje und denn die Schnauze, ooch so schwarz.« Fritz Machnow, der von sich wußte, in den letzten zehn Jahren »nüscht wie Blamagen im Bette« gehabt zu haben, kam trotzdem der schöne wie angst machende Gedanke: »Mann, die will doch wat.«

Machnow: »Dann hat sie sich sone Dreiecks jekooft, durchsichtig aus Tüll, und immer, wenn se den Lehmann jekämmt hat, hat se sich so jesetzt, det ich alles sehen konnte.« Und eines Morgens: »Herr Machnow"«, habe sie gesagt, »ich kann nicht mehr zu Ihnen kommen.« Ick frage: »Warum denn nich, Frau Künnecke?« Sagt doch die dusselije Jöre: »Weil ick Sie liebe.« Da war ick natürlich von de Socken: »Du mußt doch 'n Knall ham!« Jetzt hab« ick du zu ihr jesacht.«

Als Frau Künnecke -- »ihr Mann war Kissenuffschüttler in 'ner Familienpension« -- auf Liebe bestand und von alten Schauspielern erzählte, denen die jüngeren Frauen auch nicht von der Seite weichen, sagte Machnow: »Mensch' da leg dir hin, ick werd's versuchen.«

Für die alte Couch, die Machnow damals hatte, kam am anderen Mittag eine zweischläfrige Liege: »Neu wie Schnee und jefedert wie'n Tannenwald.« Die Möbelpacker brachten sie im Auftrag von Frau Künnecke.

Auf dieser Liege, sagt Machnow heute, wäre er, würde es den Hund nicht geben, der dreimal täglich auf die Gasse muß, sicher längst gestorben: »Denn jut fühlen tu ick mir nur im Liegen.« Machnow hat einen Schlaganfall überlebt. Er schläft auch schlecht.

Um der Nacht den Schrecken zu nehmen, um rundherum den Stillstand aufzufangen, läßt er das Radio laufen. Sackt er weg, ist es gut. Bleibt er wach, ist Musik und das Atmen von Lehmann da, der zum Fenster hin links neben ihm liegt wie eine Dichtungsmasse.

Als die Prostata anfing, ihm Beschwerden zu machen, und Machnow »für een, zwee Troppen« hochmußte und an den Wasserstein in die Küche ging, sagte er zu Lehmann: »Ick jib dir Rätsel uff, wa?« Seit der Zeit bringt Machnow ein Stück Zucker aus der Küche mit, um die Ruhestörung wiedergutzumachen.

Die Absage des musikalischen Nachtprogramms wirkt auf Fritz Machnow wie der Pfiff, der ein Spiel beendet. »Denn iß es sechse.« Machnow kocht Kaffee, was innerhalb seiner fließenden, Tag und Nacht verwischenden Daseinsform die einzige Handlung ist, die ihn in den Rhythmus seiner Umwelt stellt. »Denn stippe ick 'ne Schrippe, rooche eene und wackle wieder ins Bette bei mein' Lehmann.«

Jetzt erst, wo die Geräusche wieder von draußen kommen, kann Machnow schlafen. Auch der Hund schläft weiter, »det ham wa abjesprochen«.

Im Sommer sitzt Machnow am Kanal, der von Charlottenburg nach Wannsee geht. Alle Ausflugsdampfer müssen da vorbei und Lehmann schwimmend mittenmang. Manche Kapitäne halten die Schraube an, die kennen seit Jahren den Hund und seinen Ollen an der Böschung. »Es jibt aba auch welche, denen 's ejal wär', ob mein Lehmann in die Schraube kommt.«

Am Kanal sind beide glücklich. »Lehmann is varrickt nach die Bälle. Ick werfe sein« Ball in't Wasser, Lehmann beißt rinn und freut sich, wenn det Wasser wieder rausspritzt aus'n Loch.«

Wenn Machnow über Lehmann spricht, läßt er die Witze und die sauren Kommentare über den »jroßen, alljemeinen Beschiß«. »Ick liebe den Hund«, traut er sich zu behaupten, »und jebe mir Mühe, so lange zu leben wie er.« Machnow sagt auch: »Wenn Lehmann stirbt, is Feierabend bei mir.«

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