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Wenn Schneemänner tauchen gehen

Gegen den von Kolumbien gesteuerten Kokainschmuggel haben europäische Drogenfahnder kaum eine Chance. Die Tricks der Kuriere werden immer raffinierter, die Profite immer größer.
Von Claus Christian Malzahn
aus DER SPIEGEL 44/2000

Das U-Boot sollte offenbar eine internationale Joint-Venture-Produktion werden.

Montiert wurde die Stahlzigarre in einem Vorort von Bogotá. Die Konstruktionspläne und das Werkzeug stammten aus Russland, die Montagehalle hatte ein US-Amerikaner angemietet. Das Unterwasserfahrzeug war 36 Meter lang, 4 Meter breit, noch ohne Motor - aber in »fortgeschrittenem Baustadium«, wie kolumbianische Kriminalbeamte erstaunt registrierten.

Mit der Entdeckung des U-Boots im September dieses Jahres hatten die Fahnder den Stapellauf gerade noch verhindert. Die Nautilus von Bogotá sollte nach Fertigstellung in drei Teilen mit Sattelschleppern an die 450 Kilometer entfernte Küste gebracht werden - um dann im Pazifik als Drogentransporter zum Einsatz zu kommen.

Mit bis zu 200 Tonnen Ladekapazität hätte das U-Boot Kokain im Marktwert von mehreren Millionen Dollar an Bord nehmen können. Die verbotene Fracht sollte offensichtlich auf hoher See auf einen Frachter umgeladen werden.

Was an eine Szene aus einem James-Bond-Film erinnert, ist Alltag im Krieg der Drogenkartelle um sichere Handelsrouten. Denn von den größten Koka-Anbauländern Kolumbien, Peru und Bolivien aus wird der Stoff in alle Welt verschickt - vor allem in die Metropolen der USA und Europas.

Der größte Absatzmarkt für Kokain liegt noch immer in den Vereinigten Staaten. Doch auch nach Europa fließt immer mehr Stoff - und je mehr Koks anlandet, desto stärker sinken die Preise.

Das für Europa bestimmte Kokain wurde bisher meist per Schiff von Brasilien nach Lissabon oder an spanische Küstenstädte geliefert. Doch die Schmuggelrouten ändern sich ständig. Neuerdings, so warnen Sicherheitsexperten, wird der Stoff nach Skandinavien verschifft. In schwedischen und norwegischen Häfen verladen Mitarbeiter der Drogenkartelle das meist in Briketts gepresste Pulver in Flugzeuge und transportieren es per Chartertrip weiter nach Frankreich, England, Holland und Deutschland.

Über die Gesamtmenge des auf den Kontinent geschmuggelten Stoffs will ein Beamter des Bundeskriminalamtes »nicht mal spekulieren«. Angaben darüber lassen sich nur herleiten. In den Kokain-Hauptproduktionsländern Peru und Kolumbien werden die Blätter der Koka-Pflanze bis zu fünfmal jährlich auf Plantagen abgeerntet. Bauern und Farmer bewirtschaften dort mit der Drogenpflanze nach inoffiziellen Schätzungen eine Fläche von 520 000 Hektar, etwa doppelt so groß wie das Saarland.

Fest steht: Der Weltmarkt für Kokain ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen, die Drogenkartelle produzieren in Lateinamerika jährlich etwa 1800 Tonnen Stoff. Anfang der Neunziger verdreifachte sich die Kokainproduktion, während sich die Herstellung von Opium »nur« verdoppelte. Im Moment stagniert die Herstellung von Heroin und Kokain etwas. Das liegt nicht etwa am Druck der Strafverfolger - die neuen Märkte wie etwa in der ehemaligen Sowjetunion sind noch im Aufbau.

Was den Drogenfahndern in Europa derweil in die Hände fällt - in der Bundesrepublik wurden im vergangenen Jahr 1517 Kilogramm Kokain beschlagnahmt - ist nur ein minimaler Bruchteil des Stoffs, den die Kartelle auf die Reise schicken. Und wenn einmal ein großer Transport auffliegt, kommt der Tipp an die Polizei manchmal sogar von der Konkurrenz. So entledigen sich die Drogenbosse kleinerer Händler, die ihr Geschäft ohne die Mafia machen wollen.

Mit dem Medellín- und dem Cali-Kartell wurden in Kolumbien die beiden größten Organisationen zerschlagen. Doch der Handel ging weiter. An die Stelle der alten Dealer trat die Farc, eine Guerrillaorganisation, die ihre Waffen und Ausrüstungen mit dem Geld aus Kokaingeschäften bezahlt. Nach Ansicht des Bundeskriminalamtes ist die Farc dabei, sich gemeinsam mit kleineren Drogenringen bald zu einem »Superkartell« zusammenzuschließen, das nicht nur den Vertrieb der Droge, sondern auch ihre Herstellung kontrolliert.

Die Methoden der Kuriere werden immer perfider. In der kolumbianischen Stadt Pereira verlassen monatlich rund 40 Drogenkuriere eine regelrechte Schmuggelschule. In einem vierwöchigen Kurs, der mit einer strengen Diät beginnt, trainieren sie dort, mit Kokain gefüllte Plastikbeutelchen zu schlucken. Um den Magen an den Kunststoff zu gewöhnen, wird das Hinunterschlingen zu Beginn mit unzerkauten Weintrauben und mit Milchpulver gefüllten Plastikkapseln geübt.

Pro Trip schluckt ein »Mula« bis zu 150 Portionen Kokain. Doch die »Packesel«, wie die meist aus armen Verhältnissen stammenden Drogenschlucker genannt werden, sind trotz des Trainings ein unsicheres Medium. Platzt ein Säckchen im Magen oder Darm, hat der Kurier nicht mehr lange zu leben, die Ware ist futsch. Deswegen tüfteln die Kartellmafiosi immer neue Schmuggelmöglichkeiten aus.

Der Stoff wird in Wachskerzen eingearbeitet oder im Innenleder von Fußbällen verborgen. Kokain wird als Babynahrung getarnt, in Kodak-Filmplatten versteckt, es findet sich in originalverpackten und zugeschweißten »Ferrero-Rocher«-Schokokugeln genauso wie in hohlen Stuhlbeinen, in Ersatzreifen von Oldtimern oder in einem Laib Brot. Manchmal reisen die Kuriere sogar mit Koffern, die aus gepresstem Kokain gefertigt sind. Beliebt ist auch der Transport des Schneepulvers auf Containerschiffen, die Kaffee geladen haben.

Der Verschleierungsaufwand, den die Kartelle betreiben, bestimmt die Höhe des Profits. Denn die kolumbianischen Drogenmafiosi, die fast den gesamten Handel für Lateinamerika kontrollieren, garantieren den Kokainproduzenten und Zwischenhändlern den Gewinn mit einer Art Vollkasko-Versicherung: Fliegt eine Ladung auf, wird der Marktpreis zu 100 Prozent erstattet. Kommt die Ware durch, kassiert das Kartell 60 bis 70 Prozent des Gewinns. Dafür müssen die Dealer-Organisationen in Europa Bürgen besonderer Art stellen. Bis zur endgültigen Bezahlung der Ware mussten sie Mitglieder nach Südamerika entsenden, die dort als »Gäste« in feudalen Fincas festgesetzt wurden. Gibt es Komplikationen, werden die Geiseln gefoltert oder ermordet.

Der Drogenhandel allein in Kolumbien schlägt pro Jahr mit schätzungsweise acht Milliarden Mark zu Buche. Über drei Millionen Menschen sind dort vom Drogenhandel ganz oder teilweise abhängig. Über 30 000 neue kolumbianische Dollar-Millionäre haben ihr Geld mit dem weißen Pulver gemacht. Gleichzeitig stieg auch die Zahl der Toten: Statistisch gesehen gab es Anfang der siebziger Jahre - vor Beginn des Drogenhandels im großen Stil - pro Jahr 1,8 Mordopfer auf 100 000 Einwohner. Heute sind es etwa 78, die meisten sind Opfer der Drogenmafia. CLAUS CHRISTIAN MALZAHN

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