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BETRÜGER Wenn Sie was taugen

aus DER SPIEGEL 9/1951

Die letzte Spur von Rennfahrer Dr. Ernst Ring deutet nach Dessau. Dort war am 30. September 1950 mit dem umschwärmten Frauenliebling politischer Rabatz gemacht worden.

Ring hatte um Asyl in der Deutschen Demokratischen Republik nachgesucht. Um diesem Frontwechsel des westdeutschen Fahrers den erwünschten propagandistischen Drall zu geben, war sogar Staatspräsident Wilhelm Pieck bemüht worden. Er hatte, von zahlreichen Fotoreportern wirkungsvoll beschossen, dem DDR-Optanten

Dr. Ring auf der Dessauer Tribüne ostentativ die Hand gedrückt.

Die »Neue Berliner Illustrierte« (Ost) brachte den Händedruck eindrucksvoll in Wort und großem Bild. Dr. Ring, braun gebrannt, mit markanten Zügen, steht in weißem Renndreß dem behäbigen Einheits-Vater gegenüber. »Er versprach«, textete die »Illus«, »sich mit allen Mitteln für die Zukunft und das Wohlergehen der DDR einzusetzen.«

Als Begründung für seinen überraschenden Schritt führte Dr. Ring an, er habe sich bereits auf dem Sachsenrennen in Hohenstein-Ernstthal im August 1950 davon überzeugt, »daß in der Ostzone im wesentlichen alles ganz anders ist, als man uns bisher im Westen wissen ließ.« Außerdem hätten ihn die westdeutschen Behörden seiner Existenz beraubt ...

Dr. Rings Existenz bestand bis dahin hauptsächlich im Besitz einer Negerbar in Westerland. Diese »Pinguin - Bar« war überraschend polizeilich geschlossen worden, als Dr. Ring gerade das Sechstagerennen fuhr. Die Anweisung dazu hatte

Westerlands Bürgermeister Lobsien gegeben. Dahinter steckte der Gerichtsvollzieher.

Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß auf die Pinguin-Bar 18 000 DM Schulden drückten. Darüber hinaus war Dr. Ring durch eine Bürgschaft in Höhe von 145 000 D-Mark bei einer Hamburger Bank festgenagelt. Rings finanzielle Verhältnisse lagen so, daß ihm nicht einmal der 1,5 Liter »Veritas« gehörte, in dem er seine Rennen fuhr.

Um reinen Tisch zu machen, hatten Rings Gläubiger verlangt: Schließung der Bar, Festnahme Rings und Festnahme seiner Frau Bernhardine, auf deren Namen die Bar konzessioniert war.

Geschlossen wurde die Bar am 21. August 1950. Dr. Ring machte sich gerade in Hohenstein-Ernstthal startfertig, als ihn die Hiobsbotschaft erreichte. »Ich behielt meine Nerven und gewann«, renommierte er später.

Was sich zugetragen hatte, bezeichnete Ring als ein Mißverständnis, das sich aufklären werde. Kripochef Konrads in Westerland war nicht dieser Ansicht. Er hatte bereits an alle Zonengrenzposten die telegraphische Weisung gegeben, den heimkehrenden Sieger abzufangen und nach Westerland zu überführen.

»Halt, ihr Spitzbuben«. Am 30. August traf Dr. Ring mit seinem Monteur Hübscher in Helmstedt ein. Sie gingen beide einen Kaffee trinken. Rings gleichfalls nicht bezahlter Buick-8 BR 788 315 parkte mit dem Veritas im Schlepp beim Grenzpolizeihäuschen. Als Ring und Hübscher zurückkehrten, nahmen Helmstedter Kripoleute sie in ihre Obhut.

Es gelang Ring jedoch, nicht nach Westerland, sondern nach Düsseldorf verbracht zu werden. Er hoffte, dort noch am ehesten in der Lage zu sein, die geforderte Kaution von 18 000 DM aufzutreiben.

In Düsseldorf war Dr. Rings Mißgeschick bereits bekannt. Seine Pinguin-Neger hatten sich unter Führung von Barmixer Kalla nach dort geflüchtet, um fern von Westerland eine eigene Bar zu eröffnen. Das gelang ihnen später.

Ihr ehemaliger Chef hatte in Düsseldorf weniger Glück: er konnte die 18 000 DM nicht auftreiben. Da fiel ihm der Rennfahrer Adolph ein. Adolph besaß in Stolberg bei Aachen eine Textilfabrik. »Adolph muß und wird helfen«, sagte Ring.

Rings Kripo-Eskorte wollte den Rennfahrer nicht allein nach Stolberg fahrer lassen. Es wurde beschlossen, den Kriposekretär

Müller als Ring-Begleitkommando abzustellen. Monteur Hübscher fuhr sowieso mit.

Der Start um den Preis der 18 000 DM begann sofort. Zuerst Aachen. Den Veritas im Schlepp, fegte der Buick-8 los. Kripobegieiter Müller erfuhr, was es heißt, einen Rennfahrer zu beschatten. Die Tachonadel des Buick zeigte fast immer auf 120.

Aber umsonst. Adolph in Stolberg ließ den Bittsteller nicht vor. »So ein Schurke!« fauchte Dr. Ring.

Also nach Düsseldorf zurück. Im »Franziskaner« in der Graf-Adolf-Straße hatte das zurückgebliebene Kripo - Restkommando inzwischen eine hübsche Zeche gemacht.

Dr Ring wußte Rat. »Einen Augenblick!« sagte er, klemmte seine in Hohenstein - Ernstthal gewonnene Olympia-Schreibmaschine untern Arm. In ein paar Minuten war Ring zurück: 200 DM, ohne Schreibmaschine.

Dankbar waren die Zecher bereit, einen neuen Vorschlag Rings anzunehmen: München. Denn Ring hatte mit dem Münchener Rennfahrer Fritz Rieß telefoniert, einem alten Nürburgring-Hasen. »Kommen Sie ruhig mal her«, hatte Rieß erwidert. »Versprechen kann ich allerdings nichts.«

Weiter auf der Autobahn via München. Der Veritas war diesmal zurückgeblieben. Ring hatte ihn auf einem Trümmergrundstück in der Graf - Adolf - Straße untergestellt. Das Kühlerwasser des Buick-8 kochte. Beifahrer Kripo-Müller überdachte sein Leben.

Abermals eine Enttäuschung. Rieß, München, Pettenkoferstraße, war nicht da. Verreist - mit unbekanntem Ziel. »Schweinehund!« sagte Ring. Eine Vorsprache beim ADAC - Gauvorsitzenden nützte auch nichts.

Neue Idee: Frankfurt. »Rennfahrer Lucas muß helfen.« Also Nachtfahrt nach Frankfurt. Aber Rennfahrer Lucas war krank. Bei Lucas' Zustand war es nicht ratsam, von den 18 000 DM anzufangen. Rennfahrer Helm Glöckler, gleichfalls Frankfurt, war auf Rennen in Frankreich. Glöcklers Vater ersatzweise anzupumpen, schlug fehl.

Ring: »Bleibt nur Hamburg. Beim Stadtparkrennen am 5. September kriegen wir bestimmt das Geld.« Müller war es zufrieden. Von Hamburg nach Westerland war es nicht weit. Ring sollte nach Westerland.

An der Autobahnkreuzung Kassel-Hersfeld blieb der Buick-8 stehen. Der Sprit war alle, Rings Geld auch. »Kriegen wir«, sagte er und stolperte in die Nacht hinaus. Tatsächlich kam er mit 200 DM zurück.

Weitere 300 DM bekam er von dem ihm bekannten Besitzer des Gasthauses »Moormühle« bei Hannover. Der Wirt wollte jedoch den Veritas als Pfand. Der Veritas stand aber noch immer in Düsseldorf.

Nachtfahrt nach Düsseldorf, um den Veritas zu holen. In der Finsternis schlichen Ring und Kripo-Müller an das abgesperrte Trümmergrundstück heran. Plötzlich: »Halt, ihr Spitzbuben!« Ein Nachtwächter mit Laterne. Gleichzeitig Motorgeräusch - ein Radiostreifenwagen der Polizei, vom Nachtwächter vorher alarmiert. Rennfahrer Ring und Kriposekretär Müller wurden des Diebstahls verdächtigt. Erst nach längerer »Durchleuchtung« bekamen sie den Veritas frei.

»Erst die 10 300 DM«. Zurück zur Moormühle, um den Veritas abzugeben. Dann weiter nach Hamburg. Hamburg war eine Niete. Weiter von Hamburg nach Kiel. Hier erbarmte sich ADAC-Gauvorsitzender Sartori. Dr. Ring erhielt 10 000 DM. Dazu 300 DM, um den Veritas in der Moormühle auszulösen. Sartori hatte zur Bedingung gemacht, daß ihm der Veritas übereignet würde. Ring holte ihn in einer der letzten Nachtfahrten von dort.

Die Ring-Fahrt durch Westdeutschland war beendet, das Rennen um die 18 000 DM gewonnen - wenn es zunächst auch nur 10 000 DM waren. Sie reichten, Frau Bernhardine aus der Haft zu erlösen. Auch Ernst Ring war wieder ein freier Mann. Aber die Pinguin-Bar war er los.

Dr. Ring, »seiner Existenz beraubt«, wie er dann in Dessau wehklagte, sann auf Rache. Zu dem Plan, den er hegte, brauchte er jedoch seinen Veritas. Der stand in Kiel. Gauvorsitzender Sartori aber erklärte: »Erst das Geld.«

Es blieb jedoch zu versuchen, ob der politische Kurswechsel eines bekannten westdeutschen Sportsmannes der ostzonalen Sportkommission in Berlin nicht 10 300 DM wert war.

Und tatsächlich: Am 25. September 1950 bekam Sartori ein Telegramm aus der Ostzone: »Bringet Veritas sofort an Zonengrenze Helmstedt. Gegen Zahlung von 10 300 DM übernehme dort. Dr. Ring.« Ring übernahm und zahlte.

An die 10 300 DM war die Bedingung geknüpft, daß Dr. Ring um Asyl in der Deutschen Demokratischen Republik nachsuchen müsse. Zu diesem Zweck hatte er Wilhelm Pieck ein Bittgesuch einzureichen. Pieck nahm dann am 30. September 1950 auf dem Rennen in Dessau den Sieger Ring in Gnaden auf. Was, wie Ring erwartet hatte, der obersten westdeutschen Sportbehörde sauer aufstieß. Dr. Ring erhielt Startverbot für das Bundesgebiet.

Aber auch in der DDR war Rings Start in Dessau sein letzter gewesen. Minister Zaissers Staatssicherheitsamt war dahintergekommen, daß Dr. Ring niemand anderes als der ehemalige OB von Chemnitz war. Als OB war Ring nicht in bester Erinnerung.

Hörte bayrische Glocken läuten. Damals waren es die Amerikaner, die den Doktor zum Oberbürgermeister machten. Als letzter Wehrmachts-Kampfkommandant dieser Stadt hatte der Oberleutnant d. R. Ring sich (zivil umgekleidet) selbst offeriert. Offeriert hatte er auch seinen Kompanie-»Spieß«

Arno Reinelt. Spieß Reinelt wurde Stadtsekretär.

Beide wurden Häftlinge der übernehmenden Russen. Ring schaffte es jedoch, zu türmen. Dem weiter schmachtenden Reinelt bezeigte er kameradschaftliche Hilfsbereitschaft, indem er dessen persönlichen Besitz in Sicherheit brachte. So sicher, daß Reinelt nach seiner Entlassung nichts mehr davon wiederfand.

Bald war der Ex-OB Landrat-Stellvertreter in Wolmirstedt, aber nicht lange. Eine herannahende Verhaftungswelle spülte ihn nach Westberlin. Zusammen mit Gerda Progatzky. Gerda hatte - auf Rings Drängen - erst die Zahl 5 ihres Geburtsdatums vom 2. 11. 1925 in eine 4 umändern müssen, damit beide am 15. März 1946 in Berlin-Wilmersdorf, ohne Einverständnis der Brauteltern, getraut werden konnten

Bald nach diesem Akt verließ Dr. Ring die Ostzone - und Gerda. Er hörte bayerische Glocken läuten. In Mittenwald gründete er die »Dienststelle für die Rückführung der Kirchenglocken des Landes Bayern.« Unter gutgläubiger Assistenz des Generalvikars Buchwieser vom erzbischöflichen Ordinariat in München. Buchwieser hatte 15 000 DM versprochen. Da sie nicht kamen, verschaffte sich Ring auf unfromme Weise Geld, bis ihn Münchens Staatsanwaltschaft 10 Monate einlochen ließ. Der künftige Rennfahrer war in zwei Fällen des Betrugs, einem Fall der Erpressung sowie einem Fall der Anstiftung zur Urkundenfälschung (Fall Gerda Progatzky, von der Ring dann wieder geschieden wurde) bruchgelandet.

Ein böses Omen. Das hinderte Dr. Ring jedoch nicht, sich hernach, als er durch dunkle Geschäfte wieder zu Geld gekommen war, auf den Rennbahnen zu tummeln. Beim Eifelrennen auf dem Nürburgring 1950 wurde er Dritter. Beim großen Preis von Deutschland nahm er sogar den Streckenrekord unter die Reifen. Aber er schaffte den Sieg nicht. Als ihm mit einem Silberpokal noch ein Geldpreis überreicht werden sollte, protzte er: »Das Geld geben Sie man jemand, der es nötiger braucht.«

Der vermögende Barbesitzer von Westerland hatte Geld nicht nötig. Zumal Dr.

Ring, wie er gelegentlich prahlte, außerdem Lebensmittelgroßkaufmann in Westberlin war. Außerdem Teilhaber einer Nährmittelfabrik in München.

In Westberlin hat Ring nachweislich interzonal mit tschechischer Faßbutter geschoben. Kundenbriefe an den Berliner »Stadtrat« Dr. Ring existieren noch bei der Staatsanwaltschaft in Neukölln.

»Nix nausganga«. In München war er Hildchen Klingers Partner bei der Genußmittelfirma Kli-Ri (Inhaberin Hilde Klinger, Syndikus Dr. Ring). »Er war kein schlechter Mensch«, urteilt Kioskbesitzerin Hilde heute. »Er hat halt immer große Pläne gehabt, aber es ist nix nausganga.« Hilde ist ihm nicht böse. Böse ist sie dagegen auf alte Kli-Ri-Lieferanten etcetera, die gelegentlich von 20 000 DM verbliebenen Kli-Ri-Schulden was holen kommen.

Dafür hatte Syndikus Dr. Ring um so häufiger seinen Wagen gewechselt. Zuerst ein Adler - Trumpf - Sportzweisitzer, dann ein Alfa Romeo, dann ein Mercury, zuletzt der Buick-8.

Hilde Klinger, vollsaftige Dreißigerin, ist nur im Adler-Trumpf fotografiert. Zu jedem neuen Wagen hielt sich Ring ein anderes »G'spusi«. Zuletzt, zum Buick-8, Bernhardine, geborene von Maltzahn. »Was ganz feines.«

Aber nur in Rings Phantasie. Bernhardine Ring (Eheschließung war am 31. März 1950 im schweizerischen St. Gallen) ist, laut Staatsanwaltschaft Westberlin, eine geborene Sahl. Ihr Name wird von Hilde Klinger auch mit Heidborn angegeben. Ohne Adel. Bernhardine ist ebenso verschwunden wie Gatte Ernst.

Zu dessen Typisierung ist folgende Wechselrede vor Münchens Schöffengericht beachtlich:

RICHTER: »Sie haben also in Rostock promoviert - bei wem?«

RING: »Bei Professor Steiner.«

RICHTER: »Den hat es aber an der Universität Rostock nicht gegeben, wie die Universität mitteilt.«

RING: »Professor Steiner kam mit einer Sonderkommission aus Berlin, um speziell die Prüfungen von Studienurlaubern der Wehrmacht abzunehmen.«

RICHTER: »Wo ist denn Ihre Promotionsurkunde geblieben?«

RING: »Die wurde bei meiner Verhaftung in Chemnitz von den Russen beschlagnahmt.«

ERGEBNIS: »Das Gericht hat, trotz schwerer Bedenken, den für den Angeklagten günstigsten Standpunkt eingenommen und ihn in diesem Punkt als nicht überführt erachtet.«

Nach Rings Haftentlassung wollte sein damaliger Verteidiger, Dr. Eduard Eble, München, Marienplatz 2, dem Dr. jur. eine Chance geben. »Wenn Sie was taugen und wenn Sie wirklich Jurist sind, dann kommen'S als Referendar zu mir in die Kanzlei.« Eble heute: »Vom Strafrecht hat er a bissel was verstanden - Gefängnispraxis.« Der »Referendar« hat es nur vier Wochen ausgehalten.

Der gefeierte Rennfahrer hielt es in der DDR nur weit kürzere Zeit aus. Um so kürzere Zeit, als das Staatssicherheitsamt seine Häscher schickte. Als Sühne für Wilhelm Piecks Händedruck und die dafür noch bezahlten 10 300 DM. Seitdem ist Dr. Ring verschwunden. Nicht im K/Z. sondern - wie sich Sportsekretär Schneider von der ADAC-Sportabteilung in München informatorisch berichten ließ - zurück in den Westen. Da lebt er noch heute - vielleicht als Jurist.

Nachtrag der Staatsanwaltschaft Westberlin: »Ring, 1921 in Stettin geboren, heißt nicht Ring, sondern Weise.«

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