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»Wenn Zaire fällt, ist Afrika gefährdet«

aus DER SPIEGEL 21/1978

SPIEGEL: In Ihrer reichsten Provinz Shaba ist Krieg. Handelt es sich um einen Volksaufstand oder eine Invasion?

UMBA: Es gibt in Shaba keinen Volksaufstand, es handelt sich um eine Invasion, die vom Ausland vorbereitet wurde. Die Invasionstruppen kommen aus einem Nachbarland, aus Sambia, die Invasion selbst ist in Angola vorbereitet worden.

SPIEGEL: Was wollen die Angreifer?

UMBA: Ganze Bataillone haben uns überfallen. Sie wollen unser Regime ins Wanken bringen. Sie glauben, ein Angriff reiche aus, das Regime zu stürzen. Diese Aggression soll den wirtschaftlichen Wiederaufbau stören, den unser Präsident beschlossen hat.

SPIEGEL: Gibt es Anhaltspunkte dafür, daß Kubaner und Sowjets dahinterstehen?

UMBA: Die Kubaner bilden seit langem Leute in Angola aus. Schon im vergangenen Jahr, als wir angegriffen wurden, haben wir die Kubaner beschuldigt. Dafür ist es gar nicht erforderlich, daß sie an Ort und Stelle die Invasion führen. Für uns reicht es aus, daß sie die Leute, die uns jetzt angreifen, vorbereitet und ausgebildet haben. Und Sie kennen ja Kuba, welche Reichtümer hat Kuba? Wie viele Einwohner hat Kuba? Damit Kuba es sich leisten kann, 35 000 Soldaten in Afrika zu unterhalten, muß es doch noch ein anderes Land geben, das dahintersteht und das bezahlt, denn Kuba bezahlt ja nicht.

SPIEGEL: Und das sind Ihrer Meinung nach die Sowjets? UMBA: Sie sagen es.

SPIEGEL: Gibt es Anzeichen, daß Kubaner und Russen an dieser Invasion selbst teilnehmen?

UMBA: Schon beim Angriff vor einem Jahr sind uns Waffen in die Hände gefallen, die aus Ost-Deutschland stammen. Aus diesem Grunde haben wir zum Beispiel keine diplomatischen Beziehungen zu Ost-Deutschland. Wir haben auch Waffen erbeutet, die von den Russen geliefert worden waren. Wir haben allerdings weder Kubaner noch Russen auf dem angegriffenen Territorium vorgefunden.

SPIEGEL: Haben Sie bei den betroffenen Ländern protestiert?

LIMBA: Jedesmal, wenn uns Beweise in die Hände gefallen sind, haben wir unsere Nachbarländer informiert. Als jetzt die Vorbereitungen im Gange waren, haben wir Sambias Staatspräsidenten Kaunda gewarnt. Das war Mitte Februar. Ich selbst habe die Botschafter der fünf ständigen Mitglieder des Uno-Sicherheitsrats gewarnt.

SPIEGEL: War der Angriff aber ohne Hilfe einheimischer Regimegegner möglich?

UMBÄ: Ich muß noch einmal darauf hinweisen, daß es sich nicht um eine Rebellion, sondern um eine Invasion handelt. Selbst wenn man annehmen würde, es handele sich um einen Aufstand, wie kommt es dann eigentlich, daß immer nur in Shaba rebelliert wird? Es ist immer wieder in Shaba und immer wieder mit Hilfe von Nachbarländern.

SPIEGEL: Glauben Sie nicht, daß auch soziale und wirtschaftliche Gründe eine Rolle spielten?

UMBA: Ich stelle ja gar nicht in Abrede, daß wir soziale und wirtschaftliche Probleme haben. Das ist ganz offensichtlich. Unser Präsident hat das übrigens als erster erkannt. Deshalb hat er ja auch den Plan zum wirtschaftlichen Wiederaufbau ins Leben gerufen. Außerdem: Muß man uns denn angreifen, weil wir soziale und wirtschaftliche Probleme haben? Ich glaube im Gegenteil, weil wir wirtschaftliche und soziale Probleme haben, muß man uns helfen.

SPIEGEL: Aber in letzter Zeit gab es in Zaire doch innenpolitische Spannungen.

UMBA: Spannungen in Zaire? In Zaire gibt es keine Spannungen. Überhaupt keine.

SPIEGEL: Bei der Krise vor einem Jahr in Shaba haben Ihnen westliche Länder geholfen, welche Hilfe erwarten Sie diesmal?

UMBA: Wir erwarten wieder die gleiche Hilfe wie das letzte Mal. Da unsere Feinde Komplicen haben, was ganz normal ist, sind auch wir auf Hilfe angewiesen. Außerdem muß ich betonen, daß die Hilfe, die wir erbitten, nicht notwendigerweise Geld sein muß, wir benötigen in erster Linie moralische Unterstützung, Ermutigung und Solidarität.

SPIEGEL: Sie erwarten doch nicht nur Ermutigungen?

UMBA. Bei diesem Angriff handelt es sich um eine globale Strategie gegen Zaire, gegen Afrika. Wenn jetzt Zaire fällt, dann ist in Zukunft ganz Afrika gefährdet. Im Ogaden-Krieg sagten viele Länder, Somalia habe Äthiopien angegriffen. Deshalb wäre es also normal, Äthiopien zu helfen, und deshalb lieferte die Sowjet-Union Waffen über Waffen. Jetzt sind wir angegriffen, und diejenigen, die uns angreifen und die dahinterstehen, sind in Wirklichkeit viel stärker als wir. Selbst wenn wir in der Lage wären, uns selbst zu verteidigen, müßten wir zeigen, daß es eine Solidarität gibt. Durch moralische Unterstützung müßte eine globale Strategie, die gegen unser Land gerichtet ist, zum Scheitern gebracht werden.

SPIEGEL: Vertreter der USA. Frankreichs, Belgiens und Großbritanniens sollen sich getroffen haben, um einen Hilfsplan auszuarbeiten. Französische und belgische Fallschirmjäger werden nach Zaire geflogen. Was tun sie dort?

UMBA: Es geht um zwei Dinge: Zunächst gibt es das Problem, uns zu helfen, mit der militärischen Aggression fertig zu werden. Das zweite Problem ist, daß in Kolwezi mindestens 4000 Europäer leben. Die Stadt ist angegriffen worden und befindet sich zu einem großen Teil in den Händen der Invasoren. Da die Angreifer schon Europäer getötet haben, da sie begonnen haben, Geschäfte und Banken auszurauben, und ihre Handlungen außer Kontrolle geraten sind, ist man um das Schicksal der Europäer besorgt, die dort sind. Aus diesem Grunde haben sich die vier Länder beraten, wie sie gemeinsam mit uns die Menschenleben retten können.

SPIEGEL: Warum kann das die zairische Armee nicht?

UMBA: Wir hätten dann das Leben der Europäer in Gefahr gebracht, die sich als Geiseln in den Händen der Angreifer befinden.

SPIEGEL: Haben Sie mit Außenminister Genscher über deutsche Hilfe gesprochen und hat er Hilfe versprochen?

UMBA: Minister Genscher hat unsere Probleme sehr gut begriffen. Bei dem gemeinsamen Essen hat er uns volle Kooperation zugesichert. Für den Fall, daß wir humanitäre Hilfe brauchen -- es wird mit Kugeln geschossen. mit Kanonen, und dabei gibt es natürlich Verwundete -, hat uns Außenminister Genscher humanitäre Hilfe zugesagt. Wir haben übrigens nicht um militärische Hilfe gebeten.

SPIEGEL: Haben Sie um finanzielle Hilfe gebeten?

UMBA: Wir haben um logistische Hilfe gebeten. Da wir selbst keine Waffen produzieren, erbitten wir deshalb von den Ländern, die uns helfen wollen und von denen wir Waffen kaufen, uns die schon bestellten Waffen so schnell wie möglich zu liefern. Sie sollen uns alles das liefern, was zur Logistik gehört, also auch Transportmittel.

SPIEGEL: Die deutsche Raketengesellschaft Otrag, die in Zaire ein Versuchsgelände unterhält, wird von vielen Afrikanern als Bedrohung empfunden. Was tut die Otrag wirklich in Zaire? UMBA: Es gibt nicht viele Länder, die die Tätigkeit dieser Gesellschaft als eine Bedrohung gegen ihr Land empfinden. Es ist vor allem ein Land, das eine Vergiftungskampagne, eine Diffamierungskampagne gegen die Tätigkeit der Otrag begonnen hat.

SPIEGEL: Welches Land meinen Sie?

UMBA: Das wissen Sie doch selbst. Ich will keine Namen nennen. Es ist immer wieder die (sowjetische) Nachrichtenagentur Tass, es ist Algerien und es sind ähnliche Länder.

SPIEGEL: Und was macht die Otrag wirklich in Zaire?

UMBA: Die Otrag befaßt sich mit Nachrichten-Satelliten und der Herstellung von Trägerraketen für Nachrichten-Satelliten. Es handelt sich bei dem Vertrag zwischen der Republik Zaire und der Bundesrepublik um eine rein friedliche Anwendung auf dem Gebiet der Raketentechnik. Die Länder, die dagegen sind, wollen einfach nicht, daß die Technologie der entwickelten Länder auch in unserem Lande Verbreitung findet. Aus diesem Grunde machen sie gegen die Otrag Propaganda. Journalisten können sich überzeugen, daß von dort keinerlei Bedrohung gegen ein anderes afrikanisches Land ausgeht. Jedesmal, wenn ein Satellit startet, wird dieses der Öffentlichkeit bekanntgegeben. Zaire hat noch nie irgendein anderes afrikanisches Land angegriffen. Immer wieder wird nur Zaire angegriffen.

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