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UMWELT Wenn's dunkel wird

Die Berliner Batteriefirma »Sonnenschein« - Miteigentümer: Postminister Schwarz-Schilling - belastet Anwohner und Umwelt mit dem Nervengift Blei. *
aus DER SPIEGEL 3/1985

Seit langem läßt sich die Deutsche Bundespost als besonders umweltfreundliches Unternehmen feiern. Vor vier Jahren bereits löste das Bundesunternehmen das klassische, knallige Postgelb durch ein eigens entwickeltes neues »Ginstergelb« ab, das, so die amtliche Erläuterung, zwar »etwas 'schmutziger'« wirke als der alte Farbton, dafür aber absolut bleifrei sei.

Blei und Bleiverbindungen nämlich, verlautbart die Bundesregierung seit Jahren, seien »in staubförmiger oder in gelöster Form starke Umweltgifte«. Bei ständiger Aufnahme führten »bereits Spuren« von Blei »zur Beeinträchtigung der Blutbildung und des Nervensystems« sowie zu »Nierenschäden«.

Daß keine Möglichkeit ausgelassen werden dürfe, nach dem Vorbild der Post bleihaltige durch bleifreie Produkte zu ersetzen, fordert auch das Umweltbundesamt: »Bereits bei den heute in der Umwelt vorkommenden Konzentrationen« würden »bei bestimmten Bevölkerungsgruppen« erhöhte Blutbleispiegel gefunden, insbesondere bei »Kindern und Schwangeren«.

Doch während 1981 der sozialdemokratische Postminister Kurt Gscheidle im »Beispiel des Postgelbs« einen »Ansporn« für die Industrie sah, die Schwermetallbelastung der Umwelt zu mindern, hat sein christdemokratischer Nachfolger Christian Schwarz-Schilling ein gänzlich anderes Verhältnis zum Blei.

Der Postminister ist Kommanditist und war von 1957 bis 1982 Geschäftsführer

des Batterieherstellers »Accumulatorenfabrik Sonnenschein GmbH« in Berlin-Marienfelde - eines Unternehmens, das seit Jahrzehnten das bläulich-weiße Nervengift verarbeitet und in die Umwelt emittiert.

Schwarz-Schilling wurde vom umweltpolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Michael Müller, aufgefordert, bis zur Klärung aller Vorwürfe gegen die Firma, die »bedenkenlos die Gesundheit der Mitarbeiter und der Einwohner aufs Spiel gesetzt« habe, sein Ministeramt ruhen zu lassen.

Seit letzter Woche befaßt sich ein Sonderausschuß der Tempelhofer Bezirksverordnetenversammlung mit den Umweltverstößen. Auch die Staatsanwaltschaft hat die 1980 schon einmal ergebnislos abgebrochenen Ermittlungen gegen »Sonnenschein« wiederaufgenommen - wegen Gewässerverunreinigung, umweltgefährdender Abfallbeseitigung sowie Betrieb von Anlagen ohne Genehmigung.

Auf welche Weise das Familienunternehmen die Berliner Umwelt belastet, beschrieb am Dienstag letzter Woche im TV-Magazin »Panorama« der ehemalige »Sonnenschein«-Betriebsrat Klaus Lipiensky: Bisweilen habe die Firma so viel Bleistaub in die Umgebung geblasen, daß »man gegenüber die Häuser nicht sehen konnte«.

Bei »Sonnenschein«, erinnert sich ein Ex-Kollege, seien gelegentlich Bleirückstände einfach mit dem Wasserschlauch in die Kanalisation gespült worden. Anlieger klagten vor der Kamera: »Wenn's dunkel wird, fängt's an zu stinken.«

Erst seit kurzem finden Vorwürfe breites Gehör, die »Sonnenschein«-Anwohner seit Jahren gegen das Minister-Unternehmen vorbringen. Ende der siebziger Jahre bereits hatten bleihaltige Abwässer und unwirksame Abluftfilter bewirkt, daß sich im Boden eines benachbarten Kinderspielplatzes der Bleigehalt auf das 55fache des erlaubten Grenzwertes anreicherte.

Bei Bränden quollen zweimal schwarze Giftwolken über dem Firmenareal empor. Am 7. Oktober letzten Jahres gab die Polizei Chemie-Alarm und forderte die »Sonnenschein«-Nachbarn auf, hinter verschlossenen Fenstern zu Hause zu bleiben. Im Blut amtlich untersuchter Bürger aus der Nachbarschaft waren bereits 1979 erhöhte Bleiwerte registriert worden.

Zwar bleibt mittlerweile der Bleiausstoß in der amtlich gemessenen Abluft unterhalb der TÜV-Schwelle. Jene Bleistaubmengen jedoch, die das Gelände anderweitig verlassen, etwa durch geöffnete Hallenfenster und bei Ladearbeiten, findet Klaus-Jürgen Delhaes, zuständiger Abteilungsleiter beim Umweltsenator, »ziemlich finster«.

Wie finster genau, veröffentlichte am Donnerstag vergangener Woche eine Bürgerinitiative »Sonne statt Blei«, die rings ums Werksgelände im verseuchten Boden wahre Horrorwerte gemessen hatte. 34 Bodenproben erbrachten eine Verseuchung von bis zu 54 Gramm Blei pro Kilo Erde. Der Arzt Rudolf Franz, CDU-Mitglied und Vorsitzender des Tempelhofer Sonderausschusses, befürchtet, »daß der ganze Boden in der unmittelbaren Umgebung der Firma ausgetauscht werden muß«.

Mit der Firma »Sonnenschein« hatte der Postminister schon wiederholt Scherereien gehabt. Mehrfach war der Politiker in den Ruch geraten, seinen Bonner Einfluß zur Mehrung des Geschäfts zu nutzen. So war beispielsweise aufgefallen, daß Schwarz-Schilling sich beim Innenministerium für eine Entschärfung der Bleiausstoß-Begrenzung in der Luft einsetzte.

Berliner Christdemokraten kommt der Ärger um den Minister derzeit höchst ungelegen. In der extrem umweltbelasteten Stadt - vergangene Woche mußte gleich zweimal Smog-Alarm gegeben werden - ist Umweltschutz erstrangiges Wahlkampfthema. Die Debatte um die Bleiklitsche des Parteifreundes, zwei Monate vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus, stört da erheblich.

Böses Blut macht vor allem eine Senatsentscheidung: Die bei den Schwarz-Schillings fälligen Sanierungsarbeiten sollen hoch subventioniert werden. Sechs Millionen Mark Ausbaukosten sind projektiert, der Staat trägt davon zwei Millionen - 200 000 Mark als Zuschuß, 1,8 Millionen als Elfjahresdarlehen zu 0,5 Prozent Zinsen.

»Subventionsbetrug«, schilt die Alternative Liste, ein »Deal«, räumt die Umweltverwaltung ein. Zu dem Handel sah sich die Behörde veranlaßt, weil sie beim zentralen Punkt des »Sonnenschein«-Skandals, der Bodenvergiftung, im Bundes-Immissionsschutzgesetz keine Handhabe gegen das Unternehmen fand. »Die Situation«, klagt Umweltaufseher Delhaes, »ist beschissen.«

So fahrlässig die Akku-Hersteller in der Vergangenheit mit dem Nervengift Blei verfahren sind, so zupackend reagieren sie neuerdings, sobald sich Kritiker zu Worte melden.

Dem Fernsehen schickten die Mannen des Medienexperten Schwarz-Schilling noch vor der Ausstrahlung des »Panorama«-Beitrags »ein anderthalb Meter langes Fernschreiben« ("Panorama«-Chef Peter Gatter) mit der Drohung: »Wir werden eine evtl. Sendung Ihrerseits mit entsprechender Aufmerksamkeit verfolgen« sowie gegebenenfalls »alle juristischen Möglichkeiten zur Richtigstellung und Schadensregulierung ausschöpfen.«

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