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FERNSEHEN Wenn's nicht klappt

Die Medienpolitik der CDU hat paradoxe Folgen: Verleger, die einst das Verlegerfernsehen forderten, sehen darin nun »enorme Gefahren«. *
aus DER SPIEGEL 37/1983

Früher, in den sechziger Jahren, wollte Axel Springer zu allem, was er neben »Bild« und »Welt« schon besaß, immer eines dazuhaben: »Ein Verlegerfernsehen« forderte der Großverleger, um »das neue Medium Fernsehen zur Unterstützung der Presse zu nutzen«.

Später, als die Medien der Zukunft heranreiften und das Privatfernsehen in Sicht kam, näherten sich Springer-Kollegen wie der Ulmer »Südwest-Presse«-Verleger Eberhard Ebner schon viel vorsichtiger der »kaum geliebten, aber offenbar nicht abzuwendenden Entwicklung« (Ebner).

Nun aber, da es mit den ersten privaten TV-Programmen losgehen soll, ist die Stimmung unter den Verlegern umgeschlagen. Hohe »Verlustinvestitionen« erwartet Bertelsmann-Vorstandschef Mark Wössner »für einen beträchtlichen Zeitraum«, in dem eine »sinnvolle wirtschaftliche Betätigung« für die Verlage nicht sichtbar sei.

Nach dem Urteil seines Kollegen Peter Tamm vom Axel Springer Verlag wird das Kabelfernsehen, in dem erstmals private Programmacher zum Zuge kommen sollen, zu einer »Bedrohung für die Regionalzeitungen«.

Jahrelang war die Entwicklung wegen des medienpolitischen Hickhacks der Parteien für die Verlage schwer durchschaubar gewesen. Als sich schließlich die planerischen und geschäftlichen Bedingungen herausschälten, wurden die Wettbewerbsnachteile immer deutlicher.

Nur langsam schienen manche Verleger zu begreifen, daß sie den Inhabern bereits vorhandener Programmware, von Kinofilmen und Fernsehserien, mit leeren Händen gegenüberstanden. Während selbst große Pressekonzerne bestenfalls über das Copyright TV-geeigneter Textstoffe verfügen, die sich nur mit hohem Finanzaufwand in Szene setzen lassen, können Kinoproduzenten, Filmimporteure und TV-Anstalten in ihre vollen Regale greifen.

Die »Finanzierung des erforderlichen Aufwands« sieht Springers Medienexperte Gerhard Naeher beim »Einstieg in das Fernsehen als ein extrem schwieriges Unterfangen« an. Die Jahreskosten für ein Vollprogramm kalkulierten die Bertelsmänner, die bei ihrer Tochterfirma Ufa ATB wenigstens über einen kleinen Filmstock verfügen, selbst bei sparsamster Produktion auf 360 bis 400 Millionen Mark. Die Minutenpreise fürs Werbefernsehen aber sind von der Zuschauerzahl abhängig, und die wird bei den Kabelnetzen vorerst sehr gering sein - keine Basis für hohe Einnahmen.

Andererseits drängen in der Hoffnung auf ein Zukunftsgeschäft finanzstarke Mediengruppen von außen, Interessenten aus dem Filmgeschäft wie öffentlichrechtliche Fernsehanstalten, teilweise mit Unterstützung von Banken- und Industriekonsortien, auf die lokalen Werbemärkte. Dort werden sie den Regionalzeitungen die Reklamebudgets der heimischen Wirtschaft streitig machen und sie in ihrer Existenz gefährden.

Genau das zeichnet sich jetzt, schon vor Beginn der Kabel-TV-Versuche, in Ludwigshafen ab, wo das erste Strippennetz für privates Fernsehen zum kommenden Jahreswechsel den dreijährigen Probebetrieb aufnehmen soll.

Eigentlich wollte der Mainzer Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) dort auf 48 Kabel-Kanälen, je zwei Dutzend für Hörfunk und Fernsehen, den Verlegern den Weg ins elektronische Zukunftsgeschäft bahnen. _(Neben dem Privatfernsehen, dessen Umfang ) _(noch nicht feststeht, können die ) _(öffentlich-rechtlichen Programme, auch ) _(Dritte aus anderen Regionen, Fernsehen ) _(aus Nachbarländern sowie Kabelprogramme ) _(des Südwestfunks (Bildung) und des ZDF ) _((Musik) eingespeist werden. )

Claus Detjen, bis dahin Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger, wurde zum Geschäftsführer der Ludwigshafener Anstalt für Kabelkommunikation bestellt. Ex-Springer-Chefredakteur Peter Boenisch, heute Regierungssprecher in Bonn, übernahm ehrenamtlich den Vorstandsvorsitz.

Vor allem die »Platzhirsche« von der Ortszeitung »Rheinpfalz«, so deren Geschäftsführer Lothar Jettenberger, fühlten sich von der lokalen TV-Offerte angesprochen. Verleger Dieter Schaub griff Vogels Wettbewerbsmodell fürs private Kabelfernsehen auf, und Jettenberger baute die Erste Private Fernsehgesellschaft (EPF) auf, an der sich der Bundesverband der Zeitungsverleger mit 20 Prozent beteiligte.

Heute aber sieht sich der CDU-nahe Verlag durch die CDU-Strategie in Bedrängnis gebracht. Neben harmlosen Programmkonkurrenten, wie der Landesverkehrswacht oder der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule in Mainz, wollen auf dem Testmarkt in Ludwigshafen und der Vorderpfalz nämlich potente Bewerber mitmischen - etwa eine Frankfurter Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk (PKS), die wie

die »Rheinpfalz«-Leute ein pfälzisches Regionalprogramm ankündigte, zusätzlich aber über erhebliche Reserven für ein vielstündiges Vollprogramm verfügt.

Hinter dem von der PKS verheißenen Kommerzprogramm mit Filmen, Fernsehserien und Shows steht ein Finanzkonsortium der Volks- und Raiffeisenbanken. Ob der Münchner Film- und TV-Importeur Leo Kirch ("Beta-Film"), einer der Großen der privaten TV-Branche, zur künftigen Privatmixtur beiträgt, läßt PKS-Geschäftsführer Jürgen Doetz, zuvor Vogels stellvertretender Regierungssprecher, vielsagend offen.

Kirch könne mit seinen internationalen Partnern, sagt Doetz, sicher leicht vereinbaren, »eine Menge Filme aus seinen Lagerhallen in Unterföhring, aber auch Neuproduktionen sogar noch vor dem Kinostart im Ludwigshafener Testmarkt mitlaufen zu lassen«.

Noch schlimmer traf die TV-Planer von der »Rheinpfalz« die Entscheidung der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, sich am PKS-Kanal zu beteiligen und dort das tägliche Nachrichtenprogramm beizusteuern. »Diese Form der Konkurrenz«, so EPF-Manager Jettenberger, »hält auf Dauer keiner durch.«

Mindestens ebenso abträglich ist den Verlegern auch ein weiteres Programmvorhaben der Mainzer Regierung: Staatskanzlei-Chef Hanns-Eberhard Schleyer kehrte von einer Amerikareise mit der frohen Kunde zurück, daß US-Medienriesen wie Warner Communications oder Kabel-TV-Gesellschaften wie Cox in Atlanta eine Beteiligung am deutschen Pilotprojekt als »Sprungbrett für ein breiteres Engagement« in der Bundesrepublik erwägen.

Auch Fußballstar Franz Beckenbauer, der mit seinem Manager Robert Schwan eine Rofa-Gesellschaft für kommerzielles Fernsehen gegründet hat, gilt in Ludwigshafen als TV-Vorhut von Warner, dem Sponsor seines derzeitigen Klubs Cosmos New York. Schwan nennt dagegen nur vage deutsche und japanische Firmen als Geldgeber.

Von der Perspektive einer Amerikanisierung des deutschen Privatfernsehens waren »Rheinpfalz«-Verleger Schaub und sein Geschäftsführer Jettenberger aufs höchste alarmiert. Das würde auf dem engen Lokalmarkt »Kampf mit allen Mitteln« bedeuten, wie Jettenberger schwant. Er fürchtet »eine Kriegserklärung« mit »immensem Geld«.

Daß die Mainzer im Medienpoker so schnell die amerikanische Karte zogen, hat vor allem mit den politischen Hintergründen des Kabelvorhabens zu tun. Medienpolitiker Vogel riskiert nämlich ein Mißlingen des unionsgeförderten Projekts ausgerechnet in der Heimatstadt von Bundeskanzler Helmut Kohl, wenn er den Ludwigshafenern nicht mit genügend zusätzlichen Programmen Appetit auf den kostspieligen Kabelanschluß macht. Von den Amerikanern erhofft er sich neue Bildschirmimpulse, seit die deutschen Pressekonzerne auf Distanz gegangen sind.

Axel Springer gab Vogel zum Richtfest der Kabelanstalt zwar brieflich, sein Haus werde beim Start »dabeisein«. Doch auch er weiß inzwischen, was Bertelsmanns Wössner vorgerechnet hat: daß bei der geringen Verbreitung der TV-Werbung in gerade 30 000 Haushalten - laut Planung - »Wirtschaftlichkeit nicht herstellbar ist«. Dennoch beantragte der Bertelsmann-Chef, um den Anschluß nicht zu verpassen, jüngst eine Programmlizenz für Ludwigshafen. Unter den bisher 43 Lizenzbewerbern sucht er nun nach Kooperationspartnern für einen Gemeinschaftskanal - noch eine Konkurrenz für die »Rheinpfalz«?

Jettenberger bemühte sich zwar um Rückendeckung bei Radio Luxemburg, doch die Kommerzfunker wollen demnächst ebenfalls ein deutschsprachiges TV-Programm starten. So flüchtete er sich zum öffentlich-rechtlichen Zweiten Deutschen Fernsehen, das ihm, als Rahmen zum zeitlich begrenzten EPF-Privatprogramm, ZDF-Sendungen vom Tage in veränderter Reihenfolge in den gemeinsam genutzten Kabelkanal einspielen will, ein zeitversetztes Programm.

Gegen die »enormen Gefahren« (Jettenberger) der TV-Konkurrenz von auswärts für das regionale Werbeaufkommen der »Rheinpfalz« aber kann den Zeitungsverlag auch die ZDF-Hilfe nicht schützen. Jettenberger: »Unser Werbemarkt ist ja nicht beliebig vermehrbar.«

Werde »den Zeitungen zuviel weggenommen«, sei um ihren Bestand zu fürchten, meint der Mann vom Heimatblatt: »Wenn''s nicht klappt, gehen wir zum Konkursrichter.«

Neben dem Privatfernsehen, dessen Umfang noch nicht feststeht,können die öffentlich-rechtlichen Programme, auch Dritte aus anderenRegionen, Fernsehen aus Nachbarländern sowie Kabelprogramme desSüdwestfunks (Bildung) und des ZDF (Musik) eingespeist werden.

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