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»Wenn's paßt, langen wir zu«

aus DER SPIEGEL 45/1991

Es war schon grotesk, wie die Bayern dem Erich Honecker damals, bei seinem Staatsbesuch 1987, den Hof gemacht haben: Im Gartensaal der Münchner Residenz standen die prominenten Bankettgäste Schlange, um dem DDR-Staats- und -Parteichef vorgestellt zu werden.

Bei einem im Defilee war das Protokoll allerdings überflüssig. Bei ihm, einem bulligen Graukopf mit dicker Hornbrille, 62 Jahre alt, ergriff Honecker augenblicklich selber die Initiative.

»Den Herrn kenn'' ich schon lange«, sagte er schmunzelnd, trat vor und zog den Mann zu einer herzlichen Begrüßung an seine Brust - da fehlte nur noch der sozialistische Bruderkuß.

Honeckers guter alter Bekannter aus dem Bayerischen war der Rosenheimer Fleischwarenmillionär Josef März, Konzernchef und Senior der Familienfirma »Gebr. März KG«, einer der intimsten Spezis des damaligen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß. Der Oberbayer trieb mit den Roten von drüben schon mehr als 30 Jahre gute Geschäfte.

Der westdeutschen Öffentlichkeit waren März, der im Jahr nach der Honecker-Begegnung verstarb, und der März-Konzern aus Wurstfabriken und Brauereien, Viehhandel und Gastronomie bis dahin weniger gut bekannt. Das hat sich inzwischen geändert - durch immer neue Enthüllungen über die dubiosen Beziehungen, die Josef März jahrelang zu dem DDR-Devisenbeschaffer und Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski unterhielt.

Für die Geschäfte des kapitalistischen März-Clans mit der DDR des Genossen Honecker interessiert sich seit letzter Woche der bayerische Landtag. SPD und Grüne wollen mit Hilfe eines Untersuchungsausschusses herausfinden, wie es kam, daß der Fleischfabrikant März _(* In den zwanziger Jahren. ) und sein Konkurrent, die Firma Moksel aus Buchloe im Allgäu, die lukrativen Schlachtvieh-Importe aus dem SED-Reich unter sich aufteilen konnten.

Die Rosenheimer importierten zeitweise bis zu 50 000 Mastbullen im Jahr - die Gewinnspanne, behaupten Branchenkenner, habe um das Zehnfache über dem im Viehhandel Üblichen, rund ein Prozent, gelegen.

Das Nachsehen hatten die bayerischen Bauern. Mit den März-Einfuhren sei, sagt Sepp Daxenberger, Landwirt und Abgeordneter der Grünen im Bayern-Parlament, für zahlreiche Höfe »ein dicker Sargnagel geschmiedet« worden.

Sicher ist: Der März-Clan aus Rosenheim, Inhaber der Firma Marox, hätte den Aufstieg des eigenen Imperiums ohne die DDR nicht zuwege gebracht.

Die vier Brüder März hatten bescheiden angefangen, mit einer kleinen Molkerei und einem Milchladen, Am Salzstadel 2 in der Rosenheimer Innenstadt. Aber schon wenig später ging es bergauf, als sich Josef, der älteste der vier, auf den Viehhandel besann.

Die ersten Kühe und Kälber kamen aus Niederbayern und der Oberpfalz, alsbald holten die Märzens auch Pferde aus der Tschechoslowakei, Hammel und Schafe aus der DDR. Die schlachteten und verarbeiteten sie später selber - Anfänge des Stammbetriebs, der »Marox Fleischwarenfabrik«.

Beim Geschäft mit dem Osten entwickelte Josef März, so rühmte sogar die Konkurrenz, einen genialen Spürsinn. Als in den sechziger Jahren die Weichen für den zollfreien innerdeutschen Handel gestellt wurden, war der Oberbayer sofort zur Stelle.

»Als die Genossenschaften noch schliefen, weil sie die einheimischen Bauern nicht verprellen wollten, hat der März eher als alle anderen gewußt, wo die Glocken hängen«, sagt Gottfried Wolff, damals Vorstandsvorsitzender der genossenschaftlichen Südvieh-Südfleisch GmbH.

Aus dieser deutsch-deutschen Steinzeit stammen die Kontakte zu den Einheitssozis, die dem bayerischen Fleischer eine »praktisch uneinnehmbare Stellung« (Wolff) im west-östlichen Viehhandel sicherten.

Da half es der konkurrierenden Südvieh beispielsweise nicht einmal, daß sie DDR-Offiziellen deutlich höhere Abnahmepreise in Aussicht stellte. »Die haben«, erinnert sich Wolff, »gar nicht hingehört oder immer nur gesagt, sie wollten die Partner nicht wechseln.«

Und als Partner akzeptierten die Staatshändler aus der DDR immer nur zwei: März und Alexander Moksel. SPD-Sympathisant Moksel hatte bei den Geschäften gleichfalls höchst förderliche Kontakte zum Genossen Schalck-Golodkowski.

Gegenüber Moksel hatte März einen entscheidenden Vorsprung: Die Firma exportierte auch in die DDR, vor allem Käse und Molkereiprodukte. 1980 bekam die zuständige Ost-Berliner Importfirma vom DDR-Handelsministerium eine förmliche Weisung, Käse aus der Bundesrepublik nur noch über einen Handelspartner zu beziehen: die West-Berliner Primovo GmbH, 100prozentige Tochter des März-Konzerns.

Schalck persönlich, so erinnern sich Beteiligte, habe wegen »übergeordneter politischer Interessen der DDR« das Monopol verfügt.

Es ging vor allem um die Interessen des Schalck-Instituts »Kommerzielle Koordinierung« (KoKo) und der Firma März. Primovo zahlte an die KoKo-Firma Camet in Ost-Berlin jeweils drei bis fünf Prozent Provision. Westdeutsche Molkereien, die ihre Produkte im Osten absetzen wollten, mußten an Primovo zwischenverkaufen. Primovo schlug dann noch mal zwischen 25 und 50 Prozent drauf.

Laut Statistischem Bundesamt importierte die DDR aus der Bundesrepublik im Jahr 1980 Käse und andere Milchprodukte für 16,7 Millionen Mark. 1983 belief sich der Käse-Handel bereits auf 24,3 Millionen, 1985 erreichte er die Rekordmarke von 30,9 Millionen Mark.

Wie innig die geschäftlichen Beziehungen zwischen März und Schalck bereits Mitte der siebziger Jahre waren, erhellt ein dem SPIEGEL vorliegender Schalck-Bericht über ein Gespräch mit Josef März aus dem Frühjahr 1975. Laut Schalck-Vermerk erörterten die beiden bei dem Treffen die Gründung einer »gemischten Gesellschaft« in Beirut »zum Export von Fleisch besonders nach Saudi-Arabien«.

Als glücklich nicht nur für die Ost-Geschäfte des CSU-Mitglieds Josef März, sondern auch für das Wohlergehen der DDR erwies sich die freundschaftliche Verbindung mit Franz Josef Strauß. Denn März brachte 1983 den Devisenbeschaffer Schalck mit dem CSU-Vorsitzenden zusammen. Heraus kam der Bonner Milliardenkredit für Ost-Berlin, der das SED-Regime fürs erste ökonomisch stabilisieren half.

März, zeitweilig CSU-Schatzmeister im Bezirk Oberbayern, und Strauß kannten sich seit 1947 - damals gingen beide daran, die Junge Union als CSU-Nachwuchsorganisation in Oberbayern aufzubauen. Gemeinsam frönten sie später ihrer Jagdleidenschaft. Mal begleitete Josef den Franz Josef auf Polit-Reisen nach China oder Südafrika. Mal war der Politiker mit von der Partie, wenn der Geschäftsmann große Sprünge machte - etwa nach Schwarzafrika.

Dort entstanden in den siebziger Jahren serienweise März-Projekte, hauptsächlich in der ehemaligen deutschen Kolonie Togo, aber auch in Gambia und Gabun, Zaire und Uganda, Niger und Transkei. Familienseniorin Elisabeth März wurde bei gelegentlichen Ausflügen in die Togo-Metropole Lome, berichten Ohrenzeugen, meist »liebevoll mit ,Mama Marox'' angesprochen«.

Oft bewirtete März afrikanische Potentaten und Diplomaten auf seinem Landsitz Gut Spöck bei Rosenheim. Als einer der mächtigsten Spöck-Besucher, Zaires Diktator Mobutu, mal darauf bestand, daß der Wein nach seiner Landessitte aus Tellern geschlürft wurde, schlürfte auch Franz Josef Strauß mit.

Gehobener ging es beim sogenannten Franzens-Klub zu, der regelmäßig in Märzens noblem Landgasthaus »Nußdorfer Hof« tagte und tafelte. Der Zirkel umschloß einst die allerengsten Strauß-Kumpel wie den Münchner Mercedes-Repräsentanten Karl Dersch, den Rechtsanwalt Franz Dannecker und den Hendlkönig Friedrich Jahn - solange dessen »Wienerwald« noch bei Kasse war.

Josef März hatte zeitlebens viele hilfreiche Freunde, darunter den legendären früheren CSU-Schatzmeister Wolfgang Pohle, der auf einem März-Bauernhof in Oberaudorf seinen Lebensabend verbringen durfte. Bayerns ehemaliger Arbeitsminister Fritz Pirkl gehörte dazu, auch dessen Nachfolger Franz Neubauer, ein Rosenheimer, in dessen Steuerberatungskanzlei eine der zwielichtigsten Figuren aus dem Dunstkreis der Schalck-Strauß-März-Connection betreut wurde - der Geschäfts- und Provisionsvermittler Simon Goldenberg.

Der wurde von bayerischen Staatsschützern zeitweilig als ein auf Strauß angesetzter Stasi-Agent verdächtigt, nicht zuletzt deshalb, weil es ihm nach seiner Übersiedlung von Ost-Berlin nach Rosenheim gleich gelang, im Gut Spöck einzukehren. Im Jargon von Bundesnachrichtendienstlern galt die Datscha als »März-Schleuse« für Leute, die nahe an Strauß herankommen wollten.

Josef März starb im April 1988, fünf Monate vor seinem Förderer Strauß. Das Unternehmen hat sich seither verändert: 1989 wurde es in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, und vor fünf Monaten ging die Firma des Josef März an die Börse. Chefs sind Willi März, 64, Aufsichtsratsvorsitzender, und der jüngste der Brüder, Andreas März, 44, der dem Vorstand vorsitzt.

Vermeldet werden respektable Zahlen: Die März AG zählt weltweit über 6000 Mitarbeiter und rund 80 Tochterfirmen (siehe Schaubild Seite 63), darunter, so Andreas März, »nur zwei, drei Lahme«. Die März-Gruppe steigerte ihren Umsatz in den vergangenen zehn Jahren um das Sechsfache auf rund zwei Milliarden Mark.

Aus dem Milchladen von einst ist ein Lebensmittelriese geworden. Die Brüder aus Rosenheim handeln längst nicht mehr nur mit Fleisch und Käse. Mit dem Erwerb diverser Großbrauereien, zuletzt der Frankfurter Henninger Bräu (1987) und der Hamburger Bavaria-St. Pauli-Brauerei (1989), ist März zum zweitgrößten Biersieder der Bundesrepublik nach dem Oetker-Konzern aufgerückt.

März braut auf den Seychellen und in Westsamoa, vertreibt Fruchtsäfte, Mineralwasser, Wein und Sekt, handelt aber auch mit Computern und macht Kompensationsgeschäfte aller Art. Und expandiert fortwährend, derzeit vor allem in den neuen Bundesländern: »Wenn''s paßt«, sagt Willi März, »dann langen wir zu.«

Doch so leicht kriegt die neue AG den Ruch von deutsch-deutscher Mauschelei mit dem Devisenschieber Schalck und bayerischer Geschaftlhuberei mit der CSU-Spitze nicht weg. Das werde der Firma, räumt Willi März ein, noch eine Weile zu schaffen machen. o

* In den zwanziger Jahren.

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