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»Wer bin ick denn?«

Gregor Gysi: Wie der Honecker-Erbe versuchte, die Einheit aufzuhalten
aus DER SPIEGEL 50/1999

Es war sein rhetorisches Talent, das den kleinen Rechtsanwalt zum Retter der SED prädestinierte. Mit vier Auftritten in fünf Wochen katapultierte sich der 1,64 Meter große und bis dahin einer breiteren Öffentlichkeit unbekannte Ost-Berliner Jurist Gregor Gysi, damals 41, an die Spitze der kollabierenden Staatspartei.

Als Vorsitzender des Kollegiums der Rechtsanwälte in der DDR hatte Gysi bei der Großkundgebung auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 vor einer Million Zuhörern eine Ansprache gehalten, die auch auf den pensionierten DDR-Spionagechef (und ausgepfiffenen Ko-Redner) Markus Wolf Eindruck machte.

Gysi, den er an diesem Tag kennen gelernt habe, verstehe es, »auch komplizierte Gedanken einfach und verständlich auszudrücken«, notierte der zum milden Reformer gewendete Ex-Stasi-General Wolf in seinem Tagebuch. Einer der bejubelten Kernsätze Gysis lautete: »Die beste Staatssicherheit ist die Rechtssicherheit.«

Als »Star des Abends« erlebte Wolf den Advokaten knapp zwei Wochen später auch beim neu eingeführten »Donnerstagsgespräch« im DDR-Fernsehen: Gysi sei »wie immer schlagfertig« gewesen und »als integerer Saubermann bei Bekanntwerden immer neuer Privilegiensensationen mit Zuschauerfragen überhäuft« worden.

Als am 3. Dezember 1989, nach dem Abgang des Kurzzeit-Generalsekretärs Egon Krenz, ein »Arbeitsausschuss« die Geschäfte des aufgelösten Politbüros übernahm, wurde Gysi - als eines von 25 Mitgliedern - in das Gremium berufen.

Während die Genossen sprachlos aus den Fenstern des ZK-Gebäudes zuguckten, trat Gysi vor mehrere tausend Demonstranten, von denen die Entmachtung der alten Kader gefordert wurde, und meldete Vollzug. So profilierte sich das PR-Talent, wie Gönner Wolf zufrieden feststellte, zum »Idol der rebellierenden Parteibasis«.

Im Arbeitsausschuss »schwang sich« Gysi schließlich, zwei Tage später, »zu einer Rede auf, nach der wir«, wie Wolf sich erinnert, »übereinstimmend sagten: ,Da hat der Vorsitzende gesprochen.''«

Diskret aus dem Hintergrund begleitete der Ex-Geheimdienstchef, der weiterhin über exzellente Drähte nach Moskau verfügte, das passive SED-Mitglied - Sohn des einstigen DDR-Kulturministers und Kirchenstaatssekretärs Klaus Gysi - in die Rolle des Honecker-Erben. Über die SED hinaus genoss Gysi »zu dieser Zeit«, wie Wolf nachträglich auf Distanz zu seinem Schützling geht, »noch einen hohen Vertrauensbonus«.

Als ehemaliger Verteidiger der SED-Dissidenten Rudolf Bahro und Robert Havemann sowie von DDR-Bürgerrechtlern wie Bärbel Bohley und Gerd Poppe war Gysi

Ende der Achtziger in oppositionellen Kreisen wohl gelitten. Mitte September 1989 hatte der Anwalt die juristische Vertretung des Neuen Forums übernommen, das von den DDR-Behörden als »staatsfeindlich« eingestuft worden war.

Ein Jahr später freilich warf die 1988 aus der DDR ausgebürgerte Regisseurin Freya Klier dem Juristen Eitelkeit und Opportunismus vor. Er habe »im Laufe seiner 18-jährigen Anwaltstätigkeit viermal DDR-Oppositionelle verteidigt«, auf die »jeweils in außergewöhnlicher Weise gerade die Scheinwerfer der Westmedien« gefallen seien. Zugleich habe er aber »so buckelkrumm zu allen DDR-Problemen geschwiegen wie die Masse seiner Mitgenossen«.

Anfang 1992 schließlich kam Verdacht auf, dass Gysi unter dem Decknamen »Notar« der Stasi zu Diensten war: Mehrere ehemalige DDR-Bürgerrechtler fanden beim Lesen ihrer Akten detaillierte Berichte über vertrauliche Gespräche, die sie zum Teil unter vier Augen mit ihrem damaligen Anwalt geführt hatten; Gysi bestreitet, für die Stasi gearbeitet und seine Mandanten an die DDR-Geheimpolizei verraten zu haben.

In der Wendezeit gerierte sich der Anwalt der Verfolgten bald so, als sei er selbst ein von der Obrigkeit Verfolgter gewesen. Der Jurist, glaubten zumindest seine Fürsprecher Wolf und Premier Hans Modrow, genoss in der DDR-Öffentlichkeit ein höheres Ansehen als der eher zurückhaltende Dresdener Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer (der im Januar 1990 aus der PDS austrat, weil sie ihm reformunfähig erschien).

Obwohl Gysi beim außerordentlichen Parteitag während der 17 Stunden dauernden Sitzung in der Nacht vom 8. auf den 9. Dezember »einen wirren und schlecht vorbereiteten Eindruck machte« (so der Politologe Patrick Moreau), wurde er mit DDR-gemäßen 95,3 Prozent der Stimmen zum Vorsitzenden der SED gewählt. Gysi selbst entschuldigte seine schwache Tagesform damit, dass er tags zuvor bei der konstituierenden Sitzung des Runden Tisches gewesen sei und keine Zeit zur Vorbereitung gehabt habe. Ihrem neuen Parteichef gratulierten die Delegierten statt mit Blumen mit einem großen Besen: Gregor Gysi solle die Partei ausmisten. Doch der große Kehraus fand nicht statt.

Auf dem am folgenden Wochenende fortgesetzten Parteitag gab sich die SED den Namenszusatz PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus). Gysis Kompromissvorschlag - zunächst hatte er für einen neuen Namen plädiert - zeigte, wie halbherzig der verkündete Neubeginn angegangen wurde. Vehement wehrte sich Gysi gegen die von manchen Reformern geforderte Selbstauflösung der Partei. Dies, warnte er, würde »eine Katastrophe« bedeuten. Der Anwalt argumentierte mit den »rechtlichen Folgen": »Das Eigentum der Partei wäre zunächst herrenlos, anschließend würden sich sicherlich mehrere Parteien gründen, die in einen juristischen Streit um die Rechtsnachfolge träten.«

Mit Berliner Schnoddrigkeit verteidigte Gysi später die Entscheidung: »Wer bin ick denn, det ick bei der Partei, die Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht jegründet haben, det Licht ausknipse?«

Unter Gysis Führung - er amtierte als PDS-Vorsitzender bis Ende 1992 - versuchte die Partei nach Erkenntnissen der »Unabhängigen Kommission zur Überprüfung der DDR-Parteivermögen«, einen großen Teil ihres Kapitals in Sicherheit zu bringen. Die Gesamtausgaben der SED/PDS betrugen laut Kommission zwischen dem 1. Oktober 1989 und dem 31. August 1991 knapp 3,5 Milliarden Mark. Sie seien vor allem zu dem Zweck getätigt worden, das Geld bei Strohmännern zu parken.

Gleich nach Gysis Wahl bestärkte Michail Gorbatschow seinen neuen ostdeutschen Kollegen darin, an der Zweistaatlichkeit festzuhalten: »Von der Stabilität der DDR« hänge »nicht unwesentlich die Stabilität des europäischen Kontinents« ab.

In den unruhigen Dezemberwochen (Wolf: »Das Land ist kaum mehr regierbar") fürchtete der Kremlherr offenbar, ein plötzlicher Zusammenbruch von Staat und Staatspartei könnte den Deal gefährden, der dann wenige Wochen später zu Stande kam: Bundeskanzler Helmut Kohl kaufte dem ökonomisch klammen Kremlchef die Zustimmung zur Einheit ab.

Gysi selbst versuchte, die Vereinigung möglichst hinauszuzögern. Dem russischen Deutschlandexperten Walentin Falin wollte er gar weismachen, Helmut Kohl wisse, dass die Westmächte nichts dagegen unternehmen würden, »wenn die Sowjetunion in der DDR zu einer militärischen Lösung greife«.

Seinem Moskauer Amtsbruder klagte der sonst so redegewandte Gysi im Februar 1990, die Losung »Deutschland, einig Vaterland« komme ihm »nur schwer über die Lippen«. Ironisch erwiderte Gorbatschow: »Da werden Sie wohl noch etwas üben müssen.« NORBERT F. PÖTZL

* Vor einem Fallschirmsprung im Wahlkampf 1990.

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