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USA / RB-47 Wer einmal lügt

aus DER SPIEGEL 31/1960

Bis heute ist es ein vom Weißen Haus und vom Kreml gemeinsam gehütetes Geheimnis geblieben, daß Moskau im Verlauf der letzten Jahr insgesamt dreimal durch diplomatische Noten in Washington gegen das Überfliegen russischen Territoriums durch US-Fernaufklärer vom Typ U-2 protestiert hatte, ehe am 1. Mai dieses Jahres der Oberleutnant Francis Gary Powers vom Sowjethimmel fiel.

In einer der Noten war die amerikanische Aufklärungsmaschine sogar namentlich und korrekt als »U-2« bezeichnet worden. Alle drei Noten wurden jedoch von der US-Regierung nicht beantwortet, von der Sowjetregierung nicht veröffentlicht.

Das Vertrauen in das so gepflegte stillschweigende Übereinkommen, die nur den beiden betroffenen Weltmächten bekannte Operation U-2 geheimzuhalten, war die wichtigste Ursache der monströsen amerikanischen Fehlspekulation, den Abschuß der Maschine mit der These vom verirrten Wetterflugzeug zu erklären - einer These, die es Nikita Chruschtschow ermöglichte, die US-Regierung vor aller Welt der Lüge zu überführen.

Die Quittung für diese Fehl-Lüge erhielt Washington vergangene Woche im Weltsicherheitsrat: Auf den Tag zwei Monate, nachdem das Geheimnis der U-2 am Fallschirm des Oberleutnants Powers zu Boden gependelt war, hatten sowjetische Streitkräfte am 1. Juli wiederum einen US-Aufklärer abgeschossen, diesmal vom Typ RB-47 und über der Barents-See. Obgleich die amerikanische Rechtsposition in diesem Fall ungleich besser war als in der Affäre U-2, schenkte die Welt Washingtons Unschuldsbeteuerungen nicht den rechten Glauben.

Diesmal war dem militärischen Zwischenfall kein geheimer Notenversand vorausgegangen. Denn im Gegensatz zur Operation U-2 über dem Inneren der Sowjet-Union sind die Erkundungsflüge der US-Luftwaffe an der Peripherie des roten Imperiums für die Geschichte seit einem Jahrzehnt aktenkundig gemacht. Sie haben im vergangenen Dezennium über 90 Soldaten das Leben gekostet; rund 20 Maschinen wurden dabei abgeschossen (siehe Graphik), Luftzwischenfälle und Luftkämpfe von Aufklärern mit Jägern ohne Absturz oder tödlichen Ausgang nicht eingerechnet.

Ausdrücklich an derartiges Spionage-Gewohnheitsrecht anknüpfend, entrüstete sich daher die US-Regierung nach dem Abschuß der RB-47 über der Barents-See in einem Protestschreiben an den Kreml, die Maschine habe nur »einen jener laufend durchgeführten elektromagnetischen Forschungsflüge ausgeführt, von denen die Sowjet-Union sehr gut weiß, daß sie seit über zehn Jahren stattfinden«.

Aus dem gängigen Geheimdienst -Kauderwelsch rückübersetzt, ist ein »elektromagnetischer Forschungsflug« ein militärischer Aufklärungsflug mit dem Ziel, feindliche Radarstationen und Richtfunkfeuer zu orten, um Aufschlüsse über den Stand der gegnerischen Luftrüstung zu gewinnen und mögliche Einflugschneisen für einen eigenen Angriff zu erkunden.

Diese Flüge hat der Kreml seit Anbeginn mit Gewalt zu unterbinden versucht, ohne daß die Sowjetregierung oder das Pentagon allzu großes Aufheben davon gemacht hätten, wenn dabei eine Maschine kurz vor oder hinter der Grenze des sowjetischen Luftraums abgeschossen wurde.

Diesmal kam es anders. Die abgeschossene RB-47 war vom englischen Flugstützpunkt Brize Norton gestartet. Ihre sechs Besatzungsmitglieder hatten am Vorabend im nahegelegenen Gasthaus »Elephant and Castle« feuchtfröhlich über den bevorstehenden Job geschwatzt.

Ihr Auftrag bestand darin, entlang der norwegischen Küste in die Barents -See einzufliegen, dort ein weitgestrecktes Patrouillen-Dreieck abzufliegen und dann nach England zurückzukehren.

Die Maschine war außer mit elektronischen Geräten mit sieben Luftbildkameras ausgestattet, die nach beiden Seiten bis in eine Tiefe von 200 Kilometern hinein kartographische Aufnahmen machen konnten. Der Aufklärer hatte nicht die Aufgabe, den in Bau befindlichen arktischen Atom-U-Boot -Stützpunkt der Roten Marine zu photographieren, der schon zu einem früheren Zeitpunkt von einer U-2 aufgenommen worden war.

Am Nachmittag des 1. Juli um 15.03 Uhr hatte die RB-47 etwa 480 Kilometer nordöstlich des norwegischen Nordkaps den Ausgangspunkt ihrer Dreieck-Aufklärung erreicht und sandte ihren letzten Funkspruch an den englischen Stützpunkt.

Von diesem Augenblick an umgab tiefes Schweigen die Maschine. Acht Tage lang veranstalteten amerikanische und norwegische Luft- und See-Einheiten eine ergebnislose Suche, nach Wrackteilen, an der sich die Sowjet-Union scheinheilig beteiligte. Erst am 11. Juli gab der Kreml den Abschuß des Düsenaufklärers, angeblich in sowjetischem Hoheitsgebiet, bekannt.

Entgegen der bisher geübten Praxis wetterte Chruschtschow diesmal selbst in ungewohnter Schärfe gegen »die Provokateure, die in gefährlicher Weise mit dem Feuer spielen« und durch eine »neue schwere Verletzung des sowjetischen Luftraums... offensichtlich einen ernsten militärischen Konflikt heraufbeschwören« wollten:

»Der neue Akt amerikanischer Perfidie zeigt, daß die Versicherung, die Präsident Eisenhower im Mai in Paris über den Abbruch der Spionageflüge über der Sowjet-Union abgab, nicht einen falschen Pfennig wert ist.«

Die angebliche Verletzung sowjetischen Hoheitsgebiets ist dabei durch nichts bewiesen. Präsident Eisenhower - wieder einmal in Ferien - bezeichnete die Behauptung als »einfach erlogen«.

Schon die mit dem Heimatstützpunkt unterhaltene Funkverbindung und der Typ des abgeschossenen Düsenaufklärers lassen tatsächlich den Schluß zu, daß die Maschine nicht den Auftrag hatte, in sowjetisches Territorium einzudringen. Denn bei der RB-47, von deren Bomberversion 1400 Maschinen dem Strategischen

Luftkommando unterstehen, handelt

es sich um einen Aufklärer, der mit einer maximalen Flughöhe von 15 Kilometern und einer Reisegeschwindigkeit von rund 900 Stundenkilometern klar im Aktionsbereich sowjetischer Radaranlagen und Abfangjäger liegt.

Wenn überhaupt sowjetischer Luftraum verletzt wurde - was von der US-Regierung bestritten wird -, so nur durch eine Fehlnavigation.

»Beweisen Sie, daß ein amerikanisches Flugzeug von einem britischen Stützpunkt, aus den russischen Luftraum verletzt hat«, klagte daher Präsident Eisenhower in einer Note an Nikita Chruschtschow.

Allein, der Kreml hatte den Beweis gar nicht mehr nötig. Gemäß der alten Spruchwahrheit »Wer einmal lügt...« schenkte die neutrale Welt von Neu-Delhi bis Kairo den amerikanischen Beteuerungen kein Gehör.

Durch die entlarvte Lüge im Fall U-2 unglaubwürdig geworden, mußte Eisenhower erleben, daß selbst sein »Kriegskamerad Harold«, Großbritanniens Premierminister Macmillan, unter dem Druck der öffentlichen Meinung seines Landes seinen Geschäftsträger Lord Hood im State Department vorstellig werden ließ.

Eine 1951 zwischen Präsident Truman und Labour-Premier Attlee mündlich getroffene Absprache über die Benutzung britischer Basen durch US-Flugzeuge, deren Revision bereits nach dem U-2-Zwischenfall in Angriff genommen worden war, wurde jetzt in ihren Hauptzügen neugefaßt und soll schriftliche Form erhalten: Die amerikanische Luftwaffe will die britische Regierung künftig von allen »riskanten Flügen« rechtzeitig in Kenntnis setzen.

Eines der vornehmsten Ziele sowjetischer Politik ist, Amerika zur Räumung seiner ausländischen Luftstützpunkte zu bewegen, von denen aus die Vereinigten Staaten im Kriegsfall allein einen wirksamen Gegenschlag führen können, solange sie dafür auf ihre Bomberflotte angewiesen sind.

Für Amerika kommt es hingegen darauf an die Stützpunkte so lange zu halten, bis die zur Zeit noch in Entwicklung befindlichen Langstreckenraketen voll einsatzbereit sind, die von Amerika aus abgeschossen werden. Das wird voraussichtlich noch, mindestens drei Jahre dauern.

Nikita Chruschtschow drohte bereits nach dem U-2-Zwischenfall Amerikas Verbündeten: »Wenn Sie erlauben, daß man von Ihren Stützpunkten aus auf unser Territorium herüberfliegt, so werden wir gegen die Stützpunkte losschlagen.« Die Warnung zeigte eine nachhaltige Wirkung. Mit dem Abschuß der RB-47 über angeblich sowjetischem Gebiet hat der Kreml Amerikas Stützpunktpolitik einen zweiten empfindlichen Schlag versetzt.

Aus Frankreich mußten die Vereinigten Staaten ihre Atombomber schon abziehen, nachdem General de Gaulle auf einer französischen Kontrolle aller in seinem Land stationierten Nuklearwaffen bestanden hatte. In Japan rechnet das State Department täglich mit dem Ausbruch neuer anti-amerikanischer Ausschreitungen. Von Norwegen über Italien bis Pakistan wächst das Unbehagen über das Gefühl, als amerikanische Flugzeugträger im Kriegsfall das erste Ziel eines sowjetischen Raketenhagels zu sein.

Nur noch drei Länder, die Bundesrepublik, die Türkei und Südkorea, bieten sich dem Pentagon vorbehaltlos als Atomstützpunkte an; alle drei sind militärisch wertlos, weil sie zu dicht am Feind liegen.

Die amerikanische Regierung sieht sich so vor die schmerzhafte Alternative gestellt, die militärisch notwendige Luftspionage entweder in Zukunft noch vorsichtiger - das heißt: weniger wirksam - zu betreiben oder einen neuen Abschuß zu riskieren und damit das gesamte Stützpunktsystem weiter zu schwächen.

Amerikanischer Düsenaufklärer RB-47: Unbehagen auf US-Basen

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