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»Wer hofft, der wird siegen«

aus DER SPIEGEL 15/1991

Allah, schenk' uns Frieden und Freiheit!« Abu Mohammed beugt sein Haupt so tief, daß die Stirn den Lehmfußboden berührt. Es steht nicht gut um die Sache der Kurden. Deshalb wird jetzt in Kurdistan wieder viel gebetet.

Die zwei jungen syrischen Grenzpolizisten, die mit ihren Schnellfeuergewehren auf den Knien dem frommen Kurden-Feldwebel beim Beten zusehen und dabei süßen schwarzen Tee schlürfen, feixen. »Wenn ich du wäre«, ruft einer, »dann würde ich mich jetzt lieber mal nach einem Krankenwagen umsehen, ihr werdet ihn brauchen.«

In Rufweite zieht eine Hundertschaft kurdischer Widerstandskämpfer vorbei. Ihr Ziel ist der Steilhang gegenüber der türkischen Landzunge am Zusammenfluß von Tigris und Hesel, der hier die Grenze zwischen dem Irak und der Türkei bildet. Die Peschmergas tragen über der Brust gekreuzte Patronengurte. Zum Marschtritt singen sie das alte Kurdenlied: »Kina-am, amin, enkurdin.« Wer sind wir? Wir sind die Kurden.

Da mischt sich das Grollen von Geschützen in den Kriegsgesang. Die Erde beginnt zu beben. Drüben, am irakischen Ostufer, tauchen Kampfhubschrauber aus dem Dunst auf. Sie ziehen ein paar Schleifen über dem Grenzdorf Fisch Chabur und verschwinden dann hinter einer Kirche.

»Die Iraker sind dumm«, lacht Kurden-Hauptmann Kisra. »Sie laufen uns direkt in die Falle.« Kisra ist Veteran des iranisch-irakischen Kriegs. Er hofft, die Kampferfahrung, die er an der Südfront gewonnen hat, zur Befreiung seiner kurdischen Heimat einsetzen zu können. »Schauen Sie hier.« Er zeigt auf eine iranische Armeekarte. »Hier steht der Feind, und hier stehen wir. Wir haben die besten Positionen.«

Inzwischen ist die Sonne hinter dem Dschudi-Gebirge untergegangen. Das Dreiländereck versinkt in Finsternis. Nur aus Chanik, dem letzten syrischen Dorf am Tigris, dicht vor der irakischen Grenze, blinken noch matte Lichter herüber. Es ist die Stunde des Aufbruchs.

»Heute nacht passiert's«, sagt Ali Facho, der Einsatzleiter. »Wir jagen die Präsidialgarden zum Teufel, und dann gehört die Flußpassage uns.« Wer die Furt da unten beherrscht, hat einen entscheidenden militärischen Vorteil. Deshalb ist sie seit Tagen so heftig umkämpft.

Über dem Tal, in dem die Grenzen der drei miteinander verfeindeten Länder aneinanderstoßen, liegt ein trügerischer Friede. Dieses Land ist voll Soldaten. Ringsum auf den Bergrücken lauern Peschmergas, Syrer, Türken und Iraker. Seit man denken kann, hat es hier niemals wirklich Frieden gegeben.

Von der irakischen Seite nähert sich Motorengeräusch. Zwei mit Flüchtlingen besetzte Lastwagen rumpeln die Tigrisböschung hinunter. Man hört ganz deutlich fröhliches Gekreisch. Die Menschen auf den Lastwagen freuen sich auf die Freiheit, auf ein warmes Essen, auf ein paar Stunden Schlaf ohne Angst vor Bomben.

Der erste Wagen steht dicht vor dem Ufer, da fetzt ihm eine irakische Stalinorgel eine Raketensalve vor den Kühler. Ein Feuerball, entsetzliches Geschrei, das ganze Flußbett ist in gelblich-fades Licht getaucht.

Ali Facho gibt das Zeichen zum Einsatz. Jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren. In Sekundenschnelle springen die Außenbordmotoren der zehn Viererkanus an. Ein paar Minuten später läuft die kleine Armada knirschend am anderen Ufer auf.

Aber der Feind bleibt unsichtbar. Der Operationsleiter bricht das Unternehmen ab. Die Peschmergas klettern den Steilhang hinauf und richten sich oben auf einem Weizenfeld für die Nacht ein. Irgend jemand schenkt Tee aus. Dann werden gegrillte Hühnchen, Brot und Aprikosensirup herumgereicht. Die Männer sind hungrig.

Aus einem Kurzwellenradio hört man die Nachrichtensendung der »Voice of America«. Die Kurden, so heißt es da, hätten an allen Frontabschnitten schwere Verluste erlitten. Die Stadt Arbil sei eingekesselt. »So ein Unsinn«, ruft einer der Soldaten. Da plötzlich ist der Krieg wieder da. Diesmal mit unheimlicher Wucht. Geschütze hämmern. Artilleriefeuer reißt Fontänen aus dem harten Boden. Helikopter und Panzer greifen an. Die Peschmergas laufen die Böschung zum Fluß hinab.

Der irakische Panzerverband bahnt sich den Weg in Richtung auf drei festungsartige Gebäude auf der Bergkuppe, die von ihren Besitzern verlassen worden und jetzt von kurdischen Widerstandskämpfern besetzt sind. Von hier aus hat man einen Blick fast über das gesamte Länderdreieck.

Es dauert einige Minuten, bis sich die Kurden wieder gesammelt haben. Die kurdischen Artillerie-Stellungen oben auf dem Berg geben Feuerschutz. Nach zwei Stunden brennen ein halbes Dutzend irakische Panzer und Panzerwagen. Aber auch die Häuser von Fisch Chabur stehen in Flammen.

Im Morgengrauen klettern ein Mann, eine Frau und ein Kind an Land, die im Schutze der Dunkelheit unbemerkt durch den Fluß geschwommen sind. Es ist eine ägyptische Familie, die sich aus Bagdad bis nach Syrien durchgeschlagen und die wie durch ein Wunder keinen Kratzer abgekriegt hat.

Gut eine Stunde später stirbt Hasem el-Samti, einer der legendären kurdischen Freiheitskämpfer, den Heldentod. Keiner weiß, ob er ein Beispiel geben wollte oder ob er schlicht die Nerven verlor. Man weiß nur: Es ist ein selbstmörderischer, sinnloser Tod.

Hasem springt unvermittelt in eines der Boote, wirft den Motor an und rauscht auf den Fluß hinaus. Während die Gischt um den Bug spritzt, schießt er aus seinem Schnellfeuergewehr wie wahnsinnig auf das Uferschilf, in dem er den Gegner vermutet.

Hasems Beispiel bringt die anderen auf die Beine. Kurz nach ihm legen vier weitere Boote ab. Hasem will sich nach ihnen umdrehen, da trifft ihn eine Kugel in den Kopf. Er ist sofort tot.

Jetzt regnet es auch Feuer von den Hügeln - feindliches Feuer. Irakische Sonderkommandos haben während der Nacht, unbemerkt von den Peschmergas im Tal, die drei kurdischen Festungen auf der Bergkuppe besetzt.

Die Kurden rennen gegen die irakischen MG-Nester unmittelbar am Ufer an. Zwei Stunden lang prasseln Salven auf sie herab. Panzer greifen wieder ein. Ein T-72 geht in Flammen auf.

Der materiellen Übermacht der Iraker sind die Kurden nicht gewachsen. Der Kampf hat viele Opfer gekostet. Die Überlebenden müssen sich zurückziehen - verfolgt von Gazelle-Kampfhubschraubern, die auf alles schießen, was sich unter ihnen bewegt.

Am späten Vormittag schlägt eine Salve von irakischen Grad-Raketen auf türkischem Territorium ein. Die Türken feuern zurück. Aber der Zwischenfall bleibt ohne weitere Folgen. Gegen Mittag herrscht im Dreiländereck Ruhe. Der Riegel ist wieder vor der Falle. Doch in der Falle sitzen nicht die Iraker, sondern die Kurden.

»Jetzt geht's erst richtig los«, sagt der kurdische Dichter Ramadan Sindin aus Soleimanija, der jetzt »Verse mit der Waffe schreibt«, wie er das nennt. Ramadan Sindin glaubt nicht daran, daß das Ende dieser »kurdischen Ballade« schon gekommen ist. Er schreibt gerade an einem Gedichtband. Der Titel lautet: »Wer hofft, der wird siegen.« Die Kurden haben nicht aufgehört zu hoffen.

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