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»WER NKRUMAH HILFT, IST EIN PHANTAST«

aus DER SPIEGEL 13/1966

SPIEGEL: Herr General, vor drei Wochen haben Sie Nkrumah gestürzt. Jetzt regiert die Armee in Ghana. Wie lange wird sie regieren?

ANKRAH: Wir haben keinen politischen Ehrgeiz. Wir wollen die Regierungsgeschäfte so bald wie möglich einer ordnungsgemäß gebildeten Zivilregierung übertragen. Das haben wir unmißverständlich erklärt. Wir lassen eine neue Verfassung für Ghana ausarbeiten. Sie soll die Macht im Staat fair und gerecht auf die drei Gewalten

- Justiz, Exekutive, Legislative - verteilen, die ...

SPIEGEL: ... die Nkrumah allein beherrscht hat.

ANKRAH: Nkrumah hatte die gesamte Macht an sich gerissen. In seiner Maßlosigkeit wurde er immer willkürlicher,

beschnitt die Unabhängigkeit der Justiz und unterdrückte die persönliche Freiheit jedes einzelnen Bürgers. Unser Staatsstreich war der einzige Weg, dem Volk den Segen der Freiheit, der Gerechtigkeit, des Glücks und des Wohlstands zurückzugeben.

SPIEGEL: Der gestürzte Nkrumah ist nun - neben Sekou Touré - Präsident von Guinea geworden. Was hat das zu bedeuten?

ANKRAH: Ich glaube, daß Nkrumah und Sekou Touré nur auf den Busch klopfen wollten.

SPIEGEL: Haben Sie etwas getan, um Nkrumah von den übrigen afrikanischen Staatsmännern zu isolieren?

ANKRAH: Nein, wir sind überzeugt, daß die Menschen in Afrika fähig sind, sich ihr eigenes Urteil über die Ereignisse zu bilden.

SPIEGEL: Nkrumah könnte immer noch eine Gefahr für Ghana sein, wenn er - unterstützt von anderen afrikanischen oder kommunistischen Staaten - zurückkehren würde.

ANKRAH: Wir sind entschlossen, unsere Freiheit zu wahren. Wer immer Nkrumah bei der Rückkehr nach Ghana unterstützt, ist ein Phantast. Jedermann ist hier auf der Hut, daß sich der Alptraum einer Nkrumah-Herrschaft nicht wiederholt. Eher sterben wir!

SPIEGEL: Können Nkrumahs Minister und er selbst - falls er wagen sollte, nach Ghana zurückzukehren - mit einem fairen Gerichtsverfahren rechnen?

ANKRAH: Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, daß Nkrumah an uns ausgeliefert und hier vor ein Gericht gestellt wird. Wo immer Nkrumah Asyl sucht - es ist die Aufgabe des Nationalen Befreiungsrates, ihn festsetzen und hierherbringen zu lassen, um ihn wegen seiner kriminellen Handlungen vor Gericht zu stellen. Seine Minister und Parteifunktionäre haben wir zunächst einmal nur in Schutzhaft genommen. Denn die allgemeine Empörung über Nkrumah und seine Funktionäre ist so groß, daß es für diese Leute geradezu lebensgefährlich wäre, wenn wir sie auf freiem Fuß ließen. Wir werden sie uns in aller Kürze etwas genauer ansehen.

SPIEGEL: Wie viele politische Gefangene haben unter Nkrumah im Gefängnis gesessen?

ANKRAH: Mehr als tausend Menschen mußten in Nkrumahs Gefängnissen dahinsiechen. Einige von ihnen haben seit sieben Jahren hinter Gittern gesessen, andere waren sage und schreibe 88 Jahre alt und körperlich völlig am Ende. Seit Armee und Polizei die Regierungsgewalt übernommen haben, wurden 786 Gefangene freigelassen.

SPIEGEL: Ihre Machtübernahme ging nicht unblutig vonstatten. Auch Ausländer, speziell Russen, sollen umgekommen sein.

ANKRAH: Nein*.

SPIEGEL: Sie haben angeordnet, daß die Botschaften der kommunistischen Länder ihr Personal verringern. Das Büro der sowjetischen Fluggesellschaft »Aeroflot« wurde geschlossen ...

ANKRAH: Das alles betrifft nur die Sowjet-Union und China. Es gibt Vereinbarungen, nach denen die personelle Stärke der Botschaften begrenzt ist. Diese Grenzen waren überschritten worden.

SPIEGEL: Als Oberst Kotoka das Startzeichen zum Putsch gab, da stand Ghanas Wirtschaft am Rande des Bankrotts. Was wollen Sie tun, um die wirtschaftliche Lage zu verbessern?

ANKRAH: Die dringlichste Aufgabe des Nationalen Befreiungsrates ist, in Ghana eine starke und fortschrittliche Wohlfahrtsgesellschaft aufzubauen. Niemand soll sich Sorgen machen um Arbeit, Nahrung, Gesundheit und Wohnung. Wir wollen das Vertrauen der einheimischen und ausländischen Geschäftsleute in unsere Wirtschaft wiedergewinnen.

SPIEGEL: Dazu brauchen Sie aber Hilfe. Dazu brauchen Sie die Unterstützung des Internationalen Währungsfonds, der sich zuletzt weigerte, dem Nkrumah-Regime zu helfen.

ANKRAH: Selbstverständlich braucht Ghana Hilfe von außen, um seine Wirtschaft zu retten. Aber wir werden beweisen, daß wir uns selbst helfen können. Denn nur dann können wir Hilfe von anderen erwarten.

SPIEGEL: Herr General. Sie wollen die Macht an die zivilen Politiker zurückgeben. Glauben Sie denn, daß es in Ghana genügend befähigte Politiker gibt und daß diese nicht insgeheim bereits wieder den Aufbau einer neuen Tyrannei anstreben?

ANKRAH: Wir werden eine neue Verfassung ausarbeiten. Dadurch wird die Gefahr einer neuen Willkürherrschaft, einer neuen Tyrannei, einer neuen Diktatur gebannt.

SPIEGEL: Wenn Sie aber beispielsweise - wie Nkrumah - ins Ausland reisen, müssen Sie nicht fürchten, daß alte Nkrumah-Freunde Sie während Ihrer Abwesenheit stürzen?

ANKRAH: Sie sind hier in Ghana gewesen, Sie haben selbst gesehen, wie populär unser Staatsstreich ist.

SPIEGEL: Herr General, früher mußten die ghanaischen Schulkinder morgens singen: »Nkrumah wird nie sterben, ewig wird er leben.« Was singen sie jetzt?

ANKRAH: Gar nichts. Die Zeit der nichtssagenden Slogans ist vorbei.

* Wenige Tage nach dem Militärputsch

wurde - so berichten Augenzeugen - der Flughafen von Akkra für mehrere Stunden gesperrt. Eine sowjetische Sondermaschine flog drei bei den Schießereien im Flagstaff -House ums Leben gekommene Russen in die sowjet-Union.

Regierungschef Ankrah (r.), Putschführer Kotoka: »Eher sterben wir«

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