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»WER REDET, GEHT DURCH DEN KAMIN«

aus DER SPIEGEL 12/1964

Unter Anklage des Mordes ein einer unbestimmten Vielzahl von Fällen« (SPIEGEL 51/1963 und 6/1964) stehen 22 ehemalige SS-Chargen und ein Kapo des Konzentrationslagers Auschwitz seit dem 20. Dezember letzten Jahres vor dem Frankfurter Schwurgericht. Das Maß ihrer Schuld abzustecken, sind 250 Zeugen aufgeboten. Einer von ihnen ist der einstige »Schutzhäftling Nr. 60 355«. Er war zuerst zwei Jahre in Dachau, dann zwei Jahre in Auschwitz inhaftiert und konnte, im Sommer 1944 in ein norddeutsches KZ verlegt, am 11. April 1945 aus einem Häftlings -Transport fliehen. Er heißt Hermann Langbein, ist heute 52 Jahre alt und arbeitet als Publizist in Wien.

Es ist noch dunkel, als wir ins Lager geführt werden. Am Eingangstor »Arbeit macht frei« steht darüber - müssen wir warten. Nach dem Morgenappell marschiert eine Musikkapelle auf. Der Kapellmeister, ein wohlgenährter polnischer Häftling in weißem Anzug, schwingt den Stab. Bei fröhlichen Marschweisen ziehen die Arbeitskommandos aus dem Lager an uns vorbei.

Aber die Häftlinge dieser Kommandos schauen ganz und gar nicht fröhlich aus. Ausgemergelte Elendsgestalten; viel schlimmer sehen sie aus als die Arbeitskolonnen in Dachau. Die Kapos an der Spitze der einzelnen Arbeitskommandos dagegen sind meist gut genährt, manche ausgesprochen fett. Alle Kapos, die ich sehe, sind »Grüne« - kriminelle Häftlinge, die im Lager einen grünen Winkel zu tragen haben. In Dachau gab es fast ausschließlich »rote« Kapos - also politische Häftlinge mit dem roten Winkel.

Im Bad, in das alle Neuankömmlinge zuerst geführt werden, lernen wir auch den Lagerältesten kennen - einen kriminellen Häftling mit der Nummer 1. Auf den ersten Blick merkt man: Der ist brutal, gefährlich. Er verlangt, daß ihn seine Mithäftlinge durch Abnehmen der Mütze grüßen.

Wir bekommen Auschwitzer Häftlingsnummern. Meine lautet: 60 355.

Dann werden wir zum Häftlingskrankenbau geführt und zur Arbeit eingeteilt. Ich habe in der Schreibstube in der Nachtschicht zu arbeiten. Ein junger polnischer Lehrer, der ausgezeichnet deutsch spricht - Czubak mit Namen -, führt mich in meine Pflichten ein:

»Wir schreiben hier die Totenmeldungen. Du bekommst Karteikarten, da hast du alle Daten, Häftlingsnummer, Namen, Geburtsdaten, Nationalität und so weiter. Der Schreiber, der dir die Karteikarten gibt, schreibt auch schon Tag und Stunde des Todes darauf. Du mußt dann die Meldungen nach diesem Schema schreiben.« Ich kenne das Schema und ich kenne die Formulare - aus Dachau.

»Und von wo bekomme ich die Diagnose?«, frage ich. In Dachau hatten wir sie der Krankengeschichte zu entnehmen.

Czubak lächelt resigniert: »Schreibe, was du willst. Die Krankheiten, an denen die Häftlinge hier sterben, bekommen sie immer erst in der Schreibstube. Mußt nur abwechseln. Es darf nicht immer dieselbe Todesursache geben. Und keine Infektionskrankheiten, das ist verboten.«

So schreibe ich eine Meldung nach der anderen. Polen, Juden - ein holländischer, ein belgischer, ein slowakischer -, Russen: Namen und Nummern. Neben mir klappern sechs andere Schreibmaschinen in schnellem Takt. Auch auf ihnen werden Totenmeldungen geschrieben. In der Tagschicht ist es dasselbe.

In Dachau waren wir bestürzt, wenn an einem Tag mehr als zehn Tote zu melden waren; und es gab sogar einzelne Tage, an denen es keinen Toten gab, vor allem im Sommer. Wenn ich dann vor dem Frühappell das vorschriftsmäßig der SS meldete, hatte ich mit Bemerkungen zu rechnen wie: »Habt wieder einmal geschlafen, was?«

Bald lerne ich die Todesursachen derer kennen, die ich hier in der Auschwitzer Schreibstube an Lungenentzündung oder Herzmuskelschwäche »sterben« lasse.

»Von der Liste werden heute 100 abgesetzt. Die Tagschicht schreibt die zweiten Hundert, und den Rest machen wir dann morgen nacht.« Der Diensthabende legt eine Liste mit über 300 Nummern auf den Schreibtisch. Ihre Träger sind vergast worden. Nach ein paar Tagen, als wir uns schon näher kennen, sagt es mir Czubak, der junge polnische Lehrer.

Er führt mich zum Block hinaus. Dunkle, sternklare Nacht liegt über dem schlafenden Lager. »Siehst du dort hinter dem Dach den Feuerschein?«

Man sieht deutlich den rot gefärbten Himmel.

»Dort ist Birkenau. Tag und Nacht brennen hinter diesem Lager Scheiterhaufen, die neben den Gaskammern errichtet sind. Die meisten, die dort vergast werden, kommen erst gar nicht ins Lager. Ständig laufen dort Judentransporte ein, darum sieht man auch den Lichtschein heute so stark. Von dort kommt auch Kanada.«

»Kanada?« frage ich. Czubak erklärt es mir: »Den Juden, die hierher gebracht werden, wird gesagt, daß sie im Osten angesiedelt werden. Sie haben ihren ganzen Besitz mitgenommen, Devisen, Gold, Schmuck, Wäsche. Alles wird in großen Baracken gesammelt. Von dort wird verschleppt, geschoben, gestohlen. Dazu braucht aber die SS Häftlinge, und die organisieren natürlich auch. Was von dort kommt, nennt man Kanada.«

Wir stehen schweigend nebeneinander, nur die Sterne funkeln über dem düsteren, roten Schein jenseits der Dächer.

Nach dem Frühstück - einer schwarzen, undefinierbaren Brühe - dürfen wir von der Nachtschicht schlafen gehen. Es ist der 29. August 1942, wir sind erst ein paar Tage in Auschwitz. Ich bin auf den obersten Stock der dreifach übereinandergestellten Pritschen hinaufgeturnt und habe die Flöhe von meinen Beinen gestreift. Ich bin noch nicht richtig eingeschlafen, da weckt mich ein Geräusch auf.

Einer brüllt: »Warum machst du denn die Fenster zu? Es ist doch so heiß.«

»Muß zumachen. Befehl«, antwortet ein junger polnischer Pfleger.

Da sehe ich, daß sich draußen vor unserem Fenster der Hof füllt.

Und jetzt bemerke ich auch, daß die Menschen, die in den Hof gehen, aus dem benachbarten Block 20 herausgetrieben werden, dem Infektionsblock des Krankenbaus. Sie haben nur Hemden an und tragen Decken um die Hüften gewickelt. Jeder hat seine Fieberkurve in der Hand. Ausgezehrte Gesichter, übergroße Augenhöhlen, wankende Schritte. Alle Fenster auf dem Hof sind geschlossen, die Tore bewacht. Da legt sich einer hin, daneben noch einer, bald liegen die meisten auf dem Boden. Man sieht es ihren Beinen an, daß sie selbst die kleinste Last nicht mehr tragen können.

Noch immer kommen Kranke aus dem Tor von Block 20. Jetzt werden auch einige herausgetragen. Einen schüttelt

es in der Augustsonne; er muß hohes

Fieber haben. Hier ruft einer nach Wasser, dort wollen einige in den Block zurück, aber sie werden nicht hineingelassen. Sie dürfen nicht einmal aufs Klosett gehen. So verrichten sie ihre Notdurft im Hof.

Plötzlich kommt Bewegung in die Menge: SS ist da. Ich erkenne den Lagerarzt, SS-Obersturmführer Dr. Friedrich Entress. Er ist mager und blaß, trägt Brille, hat eine betont gerade, steife Haltung. Hinter ihm sehe ich den Sanitäter Josef Klehr. Über sein Gesicht läuft immer wieder ein Zucken.

Befehle werden gegeben. Alle Kranken werden auf eine Seite des Hofes getrieben. Mit der Fieberkurve in der Hand müssen sie einzeln an Entress vorbei. Klehr lauert, damit ja keiner entwischen kann. Die meisten haben schon die Kontrolle passiert, einige liegen aber noch auf der anderen Seite des Hofes. Sie können nicht mehr aufstehen. Da winkt Entress ab und verschwindet. Klehr läßt sich einen Stuhl bringen. Seine Augen wandern von einem Tor zum anderen. Stunden vergehen. Ich bin eingeschlafen.

Dann weckt mich Motorengeräusch. Die Kranken werden auf Lastwagen verladen. Blockführer sorgen für das nötige Tempo. Häftlingspfleger helfen den Kranken hinauf. Ein Wagen nach dem anderen startet. Der Hof wird leer. Schließlich liegt nur mehr einer da. Mit offenen Augen starrt er zum Himmel, sein Mund ist geöffnet, seine Zähne liegen frei, als ob er lachen würde. Er ist tot.

Pfleger kommen in unser Zimmer. Sie sprechen polnisch miteinander. In ihrer Stimme klingt etwas mit, das erschreckt. Mein Bettnachbar - auch ein junger Pole, der mit mir in der Nachtschicht arbeitet - übersetzt mir:

»Der eine hat eben gesagt, daß er jetzt seinem Vater auf den Lastwagen geholfen hat. Sie fahren zur Vergasung.«

An diesem Tag wurden alle Insassen des Infektionsblocks, Kranke und Gesunde, ins Gas geschickt; wie die SS sagt, zur Bekämpfung des Fleckfiebers, das hier herrscht.

Dr. Entress hat die Aktion geleitet. Lastwagen und Begleitposten konnte erallerdings nicht anfordern. Das mußte von seinem Vorgesetzten; der Dienststelle des SS-Standortarztes, geschehen. Standortarzt war an diesem Tag Dr. Kurt Uhlenbrook. Uhlenbrook lebt heute unangefochten in Hamburg. Ein Verfahren gegen ihn wurde eingestellt.

Unruhe im Krankenbau: Ein neuer SS-Standortarzt ist gekommen, und man weiß nie, was so eine Veränderung mit sich bringt. Der Standortarzt will einen Häftling als Schreiber, denn die Rechtschreibkenntnisse des SS-Unterscharführers Richter, eines Sachsen, der bisher die Schreibarbeiten des Standortarztes besorgte, genügen ihm nicht. Ich werde zu dieser Arbeit kommandiert.

Die Dienststelle des Standortarztes ist in einem Haus untergebracht, das unmittelbar neben dem Lager steht. Unsere Schreibstube liegt im ersten Stock. Der Spieß ruft mich zu sich. Vorschriftsmäßig nehme ich militärisch stramm vor seinem Schreibtisch Aufstellung.

»Sie werden hier manches erfahren, was man im Lager nicht weiß. Das wird man auch weiterhin im Lager nicht wissen, verstanden? Schauen Sie zum Fenster hinaus!«

Vor dem Fenster steht ein halb in die Erde eingebauter Bunker, dahinter ein großer Schornstein - das Krematorium.

»Wenn Sie etwas reden, dann gehen Sie durch den Kamin!«

»Jawohl.«

Ich bekomme das Schreibmaterial und werde in die Geheimnisse der Aktenzeichen eingewiesen.

Der Spieß heißt Wilhelmy. Er lebt heute ebenfalls in Hamburg.

Auch andere aus unserem Dachauer Transport haben Glück. Sie haben verhältnismäßig sichere Funktionen erhalten. Es gibt sehr wenig deutsche Häftlinge in Auschwitz, und sie sollen - Perversion des Wahns von der

Herrenrasse - in der von der SS errichteten Hierarchie unter den Häftlingen an erster Stelle stehen. Eine Gruppe gegen die andere auszuspielen, gehört wie der Terror zum Grundprinzip jeder Lagerführung im KZ.

Im Infektionshaus, dem Block 20, ist inzwischen einer aus unserer Gruppe, Hias Neumeier, Blockältester geworden. Hias, ein Bayer, hat mehr hinter sich als die meisten von uns. Er ist »Zweitmaliger« - er wurde von den Nazis bald nach der Machtergreifung ins KZ gesteckt, später entlassen und dann wiederum nach Dachaueingeliefert. Von dort war er mit mir, und 15 weiteren Häftlingen nach Auschwitz überstellt worden.

Trotz der vielen KZ-Jahre hat Hias

seinen Lebensmut nie verloren. Seine Tapferkeit und seine urwüchsig bayrisch-vergnügte Art hat ihm dort, wo Lebensmut und Freundlichkeit ebenso Medizin sind wie Pillen oder Salbe, viele Freunde gemacht.

Zuerst war er im Auschwitzer Krankenbau als Stubenältester eingeteilt, so wie vorher in Dachau. Aber was für ein Unterschied bestand zwischen den beiden Lagern. Als ich Hias das erste Mal in seiner Stube besuche, lacht er nicht mehr.

Er sagt zu mir: »Schau dir das einmal an. Ich komme nicht einmal mit dem Schauen nach, so schnell sterben die Leute.« Die Kranken liegen auf dreistöckigen Pritschen, zwei auf jeder, Kopf bei Fuß und Fuß bei Kopf.

»Wie soll man da Fieber messen? Wie soll man überhaupt feststellen, was jedem fehlt? Es gibt keine Medikamente, nicht einmal genug Tierkohle für die Scheißer. Und nicht mal Papierbinden. Wie soll man da einen Verband machen?«

Die Luft im Zimmer ist widerlich.

»Die Strohsäcke sind durch und durch verschissen und naß. Ich bekomme aber nirgends frisches Stroh. Es ist doch eine Schweinerei, die Kranken so liegen zu lassen.«

»Hast du keine Angst vor dem Fleckfieber im Infektionsblock?«, fragte ich.

»Wenn ich bisher vor den Nazi keine Angst gehabt habe, so werde ich doch jetzt nicht vor den Läusen Angst bekommen. Das wär ja gelacht!«

Hias hat Fleckfieber bekommen. Jeden Abend, wenn unser Kommando ins Lager einrückt, besuche ich ihn. Er ist kaum mehr bei Besinnung. Seine Zähne treten scharf hervor, seine Nase wird spitz, seine Augen sinken in die Höhlen zurück, fast erkenne ich ihn nicht mehr. Das soll der lebenslustige, fröhliche, energische Hias sein? Dieses Skelett, das sich unruhig hin und her dreht, nicht sprechen kann, nichts mehr versteht?

Am nächsten Morgen, bevor unser Kommando ausrückt, schaue ich nochmals zu ihm. Sein Strohsack ist leer. Im Waschraum steht eine Bahre, und darauf liegt er, in ein Leinentuch gehüllt. Das ist eine Vergünstigung, denn gewöhnlich werden die Leichen nackt in den Keller des Blocks 28 gebracht, von wo täglich ein Wagen zum Krematorium fährt. Aber Hias war ja Blockältester.

Da stehe ich vor meinem guten Freund, der nie den Mut verloren hat. Der Anblick von Leichen ist schon so alltäglich geworden, daß ich erschrecke: Werde ich noch einmal ins Leben zurückfinden, selbst wenn ich Auschwitz überleben könnte?

Unser Kommando rückt aus, die tägliche Arbeit beginnt. Ich sitze vor meiner Schreibmaschine am Fenster. Wie jeden Tag, so fährt auch heute wieder der Wagen zum Krematorium. Auf ihm, notdürftig mit Decken zugedeckt, liegen die Leichen derer, die am Vortag im Lager gestorben sind.

Wenn sich das Tor des Vorhofs vom Krematorium hinter dem Wagen geschlossen hat, werden die Decken entfernt. Ich kann es vom ersten Stock aus trotz der Mauer sehen. Ein Gewirr von ausgemergelten Leibern, Armen und Beinen füllt den Wagen. Zwei Häftlinge turnen auf den Leichenberg hinauf. Sie gehören zum Kommando Krematorium« - alle paar Monate werden die Männer dieses Kommandos als »Geheimnisträger« vergast. So hat es die Politische Abteilung der SS befohlen. Sie packen eine Leiche nach der anderen und werfen sie auf den Hof. Alles hat schnell zu geschehen, die SS verlangt es. Die Schädel der Leichen krachen, wenn sie auf den Betonboden aufschlagen.

Heute ist Hias dabei. Er ist der vierte von uns siebzehn aus Dachau, der seit unserer Überstellung nach Auschwitz an Fleckfieber gestorben ist.

Ich schaue wieder auf meinen Stenogrammblock. Das Klappern meiner Schreibmaschine darf nicht zu lange unterbrochen sein. Draußen strahlt die Herbstsonne über die Bäume, und aus dem Schornstein des Krematoriums qualmt dicker, schwarzer Rauch.

Jetzt hat es auch mich erwischt. Schon gestern hatte ich Kopfweh. Der Standortarzt hat bemerkt, daß mir etwas fehlt. Ich muß Fieber messen, und dann telefoniert er mit dem Lagerältesten des Häftlingskrankenbaus. Abends liege ich in einem- der beiden Einzelzimmer, die dort für prominente Häftlinge bestimmt sind.

Wenn es nur alle Kranken so haben könnten! Ich denke an das Krankenzimmer, in dem Hias noch vor paar Wochen Pfleger war. Es liegt im gleichen Block auf demselben Gang. Ich muß an ihn denken - an seinen Tod. Werde ich in ein paar Tagen so ausschauen, wie er am Ende?

Aber die Krise geht vorbei. Ich hatte Typhus. Der Standortarzt sorgt dafür, daß ich zu essen erhalte, wieder zu Kräften komme. Mir ist, als wäre mir das Leben neu geschenkt.

Die Bäume draußen sind kahl geworden. Oft regnet es, und manchmal ist der Regen mit Schnee gemischt. Von meinem Zimmer im Krankenbau aus kann ich über die Lagermauer hinwegsehen. Jenseits der Mauer schieben Häftlinge Loren, die mit Ziegeln beladen sind.

Plötzlich Lärm draußen. Das bekannte Gebrüll der Kapos, der gefürchtete Befehlston der SS. Vorsichtig gehe ich zum Fenster.

Unter meinem Fenster spannt sich vor der Mauer die Stacheldrahtumzäunung. Zwischen Block und Draht ist nur wenig Platz. Dort werden Menschen zusammengetrieben. SSler brüllen, Kapos laufen geschäftig vor ihnen herum und schlagen mit ihren Prügeln wahllos in die Masse der sich Zusammendrängenden.

Sie haben wieder einmal die »Muselmänner« - so werden die Schwachen, Halbverhungerten im Lagerjargon genannt - zusammengefangen. An solchen Tagen sucht der Rapportführer, wenn die Kommandos in der Früh ausmarschieren, alle diejenigen heraus, die ihm durch schlechtes Marschieren auffallen und die ihm deshalb als nicht mehr ausreichend arbeitsfähig erscheinen.

»Alles ausziehen!« Schreien und Schlagen hilft nach.

Die meisten wissen, was ihnen bevorsteht: Der letzte Marsch, ins Gas. Ich lese es von den Gesichtern ab. Da ist einer, der zieht sich, als er sich unbeobachtet glaubt, schnell wieder an - aber jetzt hat ihn schon ein Kapo dabei erwischt. Schläge und Schreie höre ich durchs Fenster. Jeder will als letzter ausgezogen sein; vielleicht hoffen sie in ihrer Angst, daß sie sich dadurch ihrem Schicksal doch entziehen können.

»Flotter, flotter! Wird's!« - Breitbeinig steht der SSler im Hintergrund.

Jetzt sind alle ausgezogen. Armselige Gerippe. Ihre Nummern werden aufgeschrieben, und dann werden die Nackten in den Block hineingejagt. Die Sonne scheint, und der Schnee glitzert. Vom Dach tropft es lustig herunter. Vor meinem Fenster ist es nun leer. Nur Haufen schmutziger Häftlingsanzüge liegen am Boden, auf manchen ist der Judenstern sichtbar, der auch im KZ getragen werden muß.

Dann höre ich auf dem Gang Schritte und gedämpfte Stimmen. Ich mache die Tür auf und schaue hinaus. Nackt sind sie dort in langen Reihen angetreten. Der Schreiber unseres Blocks geht von einem zum anderen, vergleicht Nummern und Namen - er hat die Karteikarten in der Hand - und schreibt jedem mit Tintenstift die Häftlingsnummer auf die Brust. Alle Leichen in Auschwitz tragen die Nummern auf der Brust geschrieben. Die hier zählen schon als Leichen, und Ordnung muß sein. Ein SS-Mann beaufsichtigt den Vorgang.

Wie sie mich anschauen, diese frierenden Skelette, als ob ich ihnen helfen könnte, als ob ich schuld wäre an dem, was jetzt kommen wird! Ich schließe die Tür.

Abends sind sie noch immer auf dem Gang. Den ganzen Tag haben sie nichts zu essen bekommen. Trinken müssen sie aus der Wasserspülung der Klosetts.

Viele liegen. Sie sind zu schwach, um noch auf die Schläge zu reagieren, die

sie aufjagen sollen. Vor der Tür zu meinem Zimmer liegen drei nebeneinander. Ich muß über sie steigen, wenn ich hinaus will. Einer ist tot: Die neben ihm leben noch. »Am nächsten Morgen ist der Gang leer.

Arbeiten ist besser als dem Morden untätig zuschauen zu müssen. Ich rücke wieder mit meinem Kommando aus.

Der Standortarzt hat eine besondere Vorliebe für Statistiken. Ich profitiere davon. Ich kann auf diese Weise die Sterblichkeitszahlen nicht nur im Stammlager, in dem ich lebe, sondern auch in den einzelnen Lagerabschnitten von Birkenau und in allen Außenlagern überblicken.

Im Frühling 1943 fordert der Rassenwahn der Nationalsozialisten neue Opfer. Nach den Juden werden nun auch die Zigeuner aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen. Transporte aus Deutschland, Österreich und aus dem Osten werden nach Auschwitz dirigiert. In einem Lagerabschnitt Birkenaus wird ein Zigeunerlager eingerichtet. Das Besondere an diesem Lager ist, daß es als Familienlager geführt wird: Männer, Frauen und Kinder dürfen beisammen bleiben.

Doch der Anschein, daß die Zigeuner bevorzugt werden, trügt: Ich weiß aus den Wochenmeldungen, daß die Sterblichkeitszahl in diesem Lager die höchste aller KZ-Bereiche ist. Ich schaffe mir einen Vorwand, um mit einem SS -Mann ins Zigeunerlager zu gehen. Ich will wissen, wieso dort so viele sterben.

Ein Barackenmeer, Dach an Dach, Reihe an Reihe, so weit man sehen kann. Bodenloser Dreck. Man versinkt auf der Straße bis über die Knöchel. Wie die Zigeuner ausschauen! Sie haben ihre Zivilkleider behalten dürfen, aber sie haben keine Gelegenheit, sie zu reinigen. Es gibt im ganzen Lager so gut wie kein Wasser. Sie sind schmutzig. Die Kinder haben eine Dreckkruste, die bis zu den Knien reicht.

Wir gehen in den krankenbau. Vor der Tür der Ambulanz steht eine lange Schlange. Viele Frauen mit ihren Kindern, jammernd, weinend, schreiend. Was aber soll der Häftlingsarzt machen? Er hat keine Medikamente für sie, und er kann auch den Kindern nicht das Essen verschreiben, das sie brauchen. Durchfall haben die Babys. Wie sollen sie die Lagerbrühe vertragen?

Der Pfleger, ein Pole, den ich vom Stammlager her kenne, begrüßt mich: »Du willst dir das Zigeunerlager anschauen? Du willst wissen, warum hier so viele sterben? Komm mit, dann wirst du es selber sehen.«

In der Nachbarbaracke liegen die kranken Frauen und Kinder. Der Pfleger erklärt: »Hier gebären sie auch.«

Da liegen auf dem Strohsack sechs Babys, sie können erst ein paar Tage alt sein. Ein entsetzliches Bild: Dürre Glieder, aufgetriebene Bäuche. In die mageren Unterschenkel haben sie bereits ihre Häftlingsnummer tätowiert bekommen. Das ist strengster Befehl der SS: Jeder, auch der Neugeborene, muß in Auschwitz seine Nummer tragen.

Auf den Pritschen nebenan liegen die Mütter; ausgezehrt, brennende Augen. Eine singt leise vor sich hin. Der Pfleger flüstert mir zu: »Die hat es am besten; sie hat den Verstand verloren.«

Ich gehe durch die ganze Baracke. An den Anblick der »Muselmänner« habe ich mich schon gewöhnt. Aber es ist schrecklich, Frauen sehen zu müssen, die so heruntergekommen sind: Ausgemergelt, Haut tund Knochen, ungepflegt, so liegen sie da. Oft nackt. Sie werden sich ihrer Nacktheit nicht mehr bewußt.

Der Pfleger führt mich aus der Baracke heraus. An der Rückwand ist ein Holzverschlag angebaut, den öffnet er; es ist eine Leichenkammer. Ich habe schon viele Leichen im KZ gesehen. Hier aber schrecke ich zurück. Ein Berg Leichen, gut zwei Meter hoch. Fast lauter Kinder, Babys, Halbwüchsige. Darüber huschen die Ratten. Ich werde diesen Anblick nicht mehr vergessen.

In der Nacht vom 31. Juli zum 1. August 1944 werden sämtliche Insassen des Zigeunerlagers (Kommandant Höß:

»Meine liebsten Häftlinge") in die Gaskammern geschickt.

Das Feuer in den Krematorien verlosch nie; die tägliche Routine des Massenmordes war so perfekt, daß an einem Tag 10 000 Menschen in den Gastod geschickt werden konnten. Ihre Haare wurden geschoren und der Industrie zur Verfügung gestellt, ihr Zahngold ausgebrochen, eingeschmolzen und der Reichsbank nach Berlin übersandt, ihre Asche den Fischen in den Teichen von Hermense zur Nahrung ausgestreut.

Die wohlorganisierte Todesmaschinerie arbeitete selbst im letzten Kriegsjahr, allen »technischen Schwierigkeiten« zum Trotz, reibungslos. Und doch wuchs die Zahl derer, die in der gestreiften Häftlingskleidung in Auschwitz zu arbeiten hatten, so lange sie nur konnten. Für jeden Verbrauchten, Vergasten, Verhungerten beschaffte die SS Ersatz.

Auschwitz wurde immer größer. Bald war das ursprüngliche Lager - später Stammlager genannt - zu klein. Drei Kilometer nordwestlich davon wurde die Barackenstadt von Birkenau gebaut. Und ein immer dichter werdendes Netz von Außenlagern diente dazu, der Kriegsindustrie, die ihre Betriebe in der Nähe von Auschwitz errichtete, Arbeitssklaven zur Verfügung zu stellen.

IG-Farben und Krupp, Hermann -Göring-Werke und Siemens waren die bekanntesten Namen am Beginn der Liste einer immer mehr anwachsenden Zahl von Betrieben. Jeder Häftling holte das Letzte - im wahrsten Sinne des Wortes - aus sich heraus, um nicht als arbeitsunfähig bei der nächsten Selektion dem Gastod überantwortet zu werden.

Für viele war alle Mühe vergebens. Als sowjetische Truppen am 26. Januar 1945 Auschwitz erreichten, fanden sie ein Todeslager. Niemals konnte die genaue Zahl der Opfer ermittelt werden. Schätzungen schwanken zwischen vier und fünf Millionen. Aber selbst wenn die größte Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten »nur« vier Millionen Menschenleben gefordert haben sollte, war die Zahl noch immer mehr als doppelt so hoch wie die aller deutschen Gefallenen des Ersten Weltkriegs.

Auschwitz-Häftling Langbein

Fröhliche Marschmusik ....

... auf dem Weg in den Tod: Wachtturm, Lagerstraße, Krematorium in Auschwitz

Totenliste aus Auschwitz: Alle fünf Minuten Mord

Haftlings-Schlafsaal

Jagd auf Muselmänner

Weibliche KZ-Häftlinge in Auschwitz: In den Krematorien ...

... verlosch das Feuer nie: KZ-Krematorium in Auschwitz

Hermann Langbein
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