Zur Ausgabe
Artikel 40 / 87

»Wer reinkommt, bestimme ich«

SPIEGEL-Redakteur Michael Fischer über »Kir Royal« - eine Fernsehsatire auf die bessere Gesellschaft *
Von Michael Fischer
aus DER SPIEGEL 39/1986

Der Klatschreporter Baby Schimmerlos ist eine Promenadenmischung. In ihm steckt etwas von dem »Bild«-Gesellschaftskolumnisten Michael Graeter, aber auch die berühmten Enthüllungsjournalisten Carl Bernstein und Bob Woodward von der »Washington Post« gehören zu seinen Vätern.

Freilich schnüffelt Babys Spürnase vorwiegend in Dessous. Sein forschender Blick sucht vor allem Schlafzimmergeheimnisse zu erspähen. Sein Watergate ist der Bayerische Hof in München. Dessen Gästelisten sind Babys Dossiers, prominente Namen sind ihm die Appetizer, die seine Muse, die Neugier, wecken. Der Umgang mit der Prominenz verhilft auch Baby zu dem Ansehen, das seinem Berufsstand sonst abgeht.

In »Kir Royal«, der neuen, sechsteiligen Montagabendserie der ARD haben die beiden ungleichen Spezln Helmut Dietl und Patrick Süskind ("Das Parfum") satirisch diese bessere Gesellschaft vorgeführt. In »Kir Royal« heult der Baby Schimmerlos nicht mit der prominenten Meute. Wie der Volksschauspieler und Dramatiker ("Bauern sterben") Franz Xaver Kroetz ihn darstellt, ist er ein giftiger Wadlbeißer, der immer wieder von seiner Verlegerin zurückgepfiffen werden muß.

Baby ist der Klatschreporter der Münchner Allgemeinen Tageszeitung »Matz«. Um in seine oft verachtete, vielgelesene Spalte zu kommen, kuschelt sich das Starlet Bea in Babys seidene Laken. Und während des Desserts in den »Champs Elysees« macht die Lisa wie beim Hausarzt unvermittelt die Brust frei.

Für Baby ist »Käfer« kein Insekt, sondern ein großgewordener Lebensmittelhändler mit Einfluß. »Schumann''s« ist keine romantische Symphonie, sondern ein gedrängter Gasthof mit Barbetrieb: Man sieht sich dort, man kennt sich dort, alle plaudern miteinander. Baby serviert man immerzu und allerorten »Kir Royal«, jenes modische Gesöff, das aus trockenem Champagner und einem Schlückchen Cassis gemixt wird.

In »Kir Royal« leuchtet München immerzu durch. »Kir Royal«, sagt Regisseur und Autor Helmut Dietl, sei sein persönlicher Abschied von der Münchner _(unten: Harald Leipnitz, Mario Adorf. ) _(Oben: Franz Xaver Kroetz, Senta Berger; )

Szene, seine süßsaure Rache an der Schickeria um Maximilians- und Leopoldstraße. Residenz und Hofgarten.

Auf diesem Landstrich ist Dabeisein alles, in aller Munde zu sein das höchste Glück so mancher Prominenz. Erst das gibt ihrem Dasein Sinn.

Dazugehören möchte, in der ersten Folge, auch der Kleinweilersheimer Fabrikant Heini Haffenloher (Mario Adorf). Hersteller von Klebstoff der Marke Halo. In der Öde der Provinz sehnt er sich nach großbürgerlichem Lebensglanz, nach Anerkennung durch die besseren Kreise. Mit Neid liest Haffenloher in Babys Spalte von den Schönen und Prominenten und wie sie sich bei Foie gras, Lachs im Champagnersud, Tiramisu und Freunden prächtig amüsierten. Mittels Bestechung an der Bar des Bayerischen Hofs versucht er seinen Einstieg in die Glitzerwelt vorzubereiten.

Nicht drängeln, sagt Baby Schimmerlos, »wer reinkommt, bestimme ich«. Macht hat in Münchner Kreisen, wer Klatsch und Tratsch verbreitet. Nachdem Haffenloher wütend gegen verschlossene Türen angerannt ist, wählt er alsbald den Weg über Babys Verlegerin von Unruh (Ruth Maria Kubitschek). Deren größte Sorge ist die Anzeigenlage der Zeitung - und daß sich die Gesellschaft nie von ihr abwenden möge.

Auch Regisseur Dietl, »ein stadtbekannter Schwarzbart-Nervling« - wie die »az«-Ponkie schrieb-, gehörte einst zu dieser geschlossenen Gesellschaft.

In seiner trefflichen Vorabendserie »Monaco Franze« hatte er die bereits sachte aufgespießt. Der Stenz aus der Vorstadt ist jetzt in »Kir Royal« sozusagen in Gestalt des Klatschreporters Baby Schimmerlos in den inner circle, den Münchner Stadtkern aus Politik, Wirtschaft und Kultur gedrungen.

Aus diesem Baby Schimmerlos wird bei Kroetz ein Mannsbild mit Löwenhaupt und drahtiger Figur. Mit lässiger Noblesse trägt er seine Maßanzüge, mit unwirscher Verachtung, die er, der Bub vom Land, für Gesellschaftshaie übrig hat, spielt er seine Rolle: »Ich bin ein Schnüffler, ein Wühler, ein gesellschaftliches Trüffelschwein.« Mit seinem halben Hundert Zeilen zahlt er es dieser Gesellschaft täglich heim.«

Baby pressiert''s immer wahnsinnig. »Geh weida«, »schleich dich«, »gemma«, »geh zua«, »geh aus der Leitung« sind die Vokabeln, die seine Motorik am Laufen halten. Er ist ein Treiber und zugleich ein Getriebener auf der Jagd nach »Jahrhundertsensationen«. In Wahrheit ist Baby ein Skeptiker, ein Zweifler, ein Pessimist. Wie ein Flor weht immer Melancholie hinter ihm her. Der Baby ist ein Mann mit schwermütigem Charme, er ist einsam in der Masse, gequält, wenn andere Fröhlichsein spielen.

Als Baby Schimmerlos ist der Schauspieler Franz Xaver Kroetz auf dem kleinen Schirm äußerst präsent: Der Mann, als humorloser Linker verschrien, als theatralische Skandalnudel verkannt, im Dauerfeuer von CSU und bürgerlicher Presse gestählt, verleiht dieser Rolle vor allem tierischen Sex-Appeal.

»Ähnlichkeiten mit mir«, prahlte vorab der einzig wahre bundesdeutsche Gesellschaftskolumnist Michael Graeter auf seiner letzten Seite, seien kein Zufall. Vielleicht von Fall zu Fall. Doch Kroetz spielt den Schimmerlos als vielfach gebrochenen Charakter, hingegen ist Graeter ein Mensch, der mit sich selbst im reinen ist. Wie en passant geißelt Baby-Kroetz Graeters unwürdiges Gewerbe.

Zum Empfang der königlichen Hoheit Katharina Patricia von Mandalia (Michaela May) hat sich die Landeshauptstadt weiß-blau rausgeputzt. Alle wollen Zeuge sein, »wie aus einer Frisös'' eine Märchenkönigin wordn is«.

Bei Cartier und Gucci, Saint-Laurent und Daimler-Benz rückt man silbern gerahmte Photographien Ihrer Hoheit in die Auslagen, die Bäckerinnung kreiert Kathi-Brezn, bei Vidal Sassoon werden den Damen Katharinen-Zöpfe auf das Haupt gelegt. Denn Katharina ist ein echtes Münchner Gwachs, am Hasenbergl hat sie als heißeste Hose unter den Heranwachsenden gegolten. Folglich haben sich Baby und Herbie in der Königssuite des exklusiven Hotels eingenistet, um die Kamera, das objektive Auge, en face auf Kathis Bettstatt zu richten. Nach telephonischem Geplänkel kommt bald schon ein ergrauter Herr ins Bild, der alles andere sucht als Sinnenfreuden: Der Tod ist sein Geschäft.

Waffenhändler und Spekulanten, Wald- und Wiesenadel, fiese Filmproduzenten, grantelnde Ministerpräsidenten, prominente Gynäkologen und perverse Grundbesitzer - das ganze bauernschlaue Personal bevölkert Dietls Kosmos. Logisch: Je näher Baby der Wahrheit kommt, desto mehr entfernt er sich von diesem G''schwerl: »Jetzt scheißen wir der Unruh vor den Koffer«, raunzt er vor seinem großen Scoop. »nix mehr Tageszeitung, Gästekiste, Speisenfolge, Schickimicki-Scheißdreck.«

Mit seiner TV-Satire wollte Helmut Dietl, »die Belastbarkeit des Fernsehens strapazieren«. Im Kölner WDR hatte er einen geduldigen Partner. Der engagierte Dietl, obwohl er als Regisseur an der »Unendlichen Geschichte« gescheitert war (die daraufhin von Wolfgang Petersen fortgeführt wurde), für das »Kir Royal«-Projekt und ließ sich das etwa sieben Millionen Mark und viel Zeit kosten: Die »Kir«-Arbeiten zogen sich über zweieinhalb Jahre hin.

Beim WDR fühlte sich der Münchner gut behütet: »Die Art und Weise, wie ich in ''Kir Royal'' die bayrische Connection von Hoch- und Geldadel, Prominenz und Politik behandelt habe, wäre beim Bayerischen Rundfunk nicht möglich gewesen.«

Dietl, der manische Perfektionist mit leidendem Christusantlitz, drehte den Film im 35-mm-Kinoformat und erreichte damit eine fürs Fernsehen ungewöhnliche Brillanz. Noch eine Woche vor Ausstrahlung der Sendung saß der Hektiker im Schneideraum, um das Material optimal zu mischen. Nach Ausstrahlung der Hälfte der Folgen soll zudem ein »Kir«-Buch erscheinen. _(Helmut Dietl, Patrick Süskind: »Kir ) _(Royal«. Albrecht Knaus Verlag, ) _(München/Hamburg; 256 Seiten; 24 Mark. )

Genau wie in der TV-Serie blättert er darin noch einmal die Saga aus dem

Leben seines Klatschreporters auf: ein »Sittenbild der wilden Achtziger«, hat »Kir«-Mitarbeiter und -Darsteller Kurt Raab das Werk pathetisch belobigt.

In der Tat: Wie Feuchtwanger in seinem Roman »Erfolg« sucht auch Dietl mit »Kir Royal« der »besseren« Gesellschaft einen satirischen Spiegel vorzuhalten. »Kir Royal ist (auch) eine Klage über die Oberflächlichkeit und Kauflichkeit menschlicher Beziehungen. Liebe ist darin nur ein peinliches Wort. Am Ende wird Baby auch noch von seiner Freundin Mona (Senta Berger) verlassen.

In einer voraussorgenden Rezension sah »HÖRZU« Ärger für die Schickeria aufziehen. »TV Hören und Sehen« nannte »Kir Royal« einen schmissigen Sechsteiler, der die Schickeria auf die Schippe nehme. Mehr noch: Dietl zeigt mit bissiger Schärfe die Verschwägerung zwischen Politik und Kultur-Schickeria, zwischen Prominenz und bayrischer Provinz. Zum Skandal wird es dennoch nicht reichen ...

Der könnte sich dann einstellen, wenn sich der Bayerische Rundfunk bei der Sendung aus dem Gemeinschaftsprogramm ausblenden würde. Stoiber, der Zensor in der Münchner Staatskanzlei, hat ja wegen des heiter-harmlosen »Schafkopfrennens« dem WDR bereits eine Warnung zukommen lassen.

unten: Harald Leipnitz, Mario Adorf.Oben: Franz Xaver Kroetz, Senta Berger;Helmut Dietl, Patrick Süskind: »Kir Royal«. Albrecht Knaus Verlag,München/Hamburg; 256 Seiten; 24 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 40 / 87
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.