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KIRCHE Wer seine Frau entläßt

aus DER SPIEGEL 43/1964

Anderthalb Jahre lang kurierte das Facharzt-Ehepaar Dr. med. Erich und Dr. med. Sabine Wahl Bürger von Billerbeck bei Münster in Westfalen. Dann wurden beide aufgefordert, die Stadt zu verlassen.

Der Grund: Seine Exzellenz Joseph Höffner, Bischof von Münster, fühlte sich nach eigenem Zeugnis »in Gewissensbedrängnis gebracht«, weil die erste Ehe des katholischen Chirurgen einige Jahre zuvor geschieden worden war; Protestantin Sabine war Wahls zweite Gemahlin.

Bischof Höffner: »Ich bin... an das Wort des Herrn gebunden: 'Wer seine Frau entläßt und eine andere heiratet, bricht ihr die Ehe' (Markus 10, 11), und ich werde das Gesetz Gottes verkündigen.«

Es half den Eheleuten nichts, daß der evangelische Ortspfarrer Ernst Stümke von der Kanzel erklärte, ihre fachliche Tüchtigkeit stehe »haushoch über allem, was man so an ärztlichem Können hierzulande gewohnt ist«.

Vielmehr blieben Amtsdirektor Heinrich Weißenberg und der Vikar Walter Winkelhues bei ihrem Ultimatum: Entweder verpflichte sich das Ehepaar, binnen ein bis zwei Jahren Billerbeck zu verlassen, oder das einzige Krankenhaus am Ort kündige ihnen das Recht, Patienten einzuweisen und im Hospital zu behandeln.

Dieses sogenannte Belegrecht im katholischen St.-Ludgerus-Hospital (90 Betten) hatte den Ausschlag gegeben, daß sich die Wahls - Ehemann Erich, 48, ist Facharzt für Chirurgie, Ehefrau Sabine, 36, Fachärztin für Anästhesie - Anfang letzten Jahres überhaupt in Billerbeck niederließen und 30 000 Mark für die Übernahme einer Praxis zahlten.

Beide machten am Richtengraben 6 eigene Praxen auf (er als Chirurg und Geburtshelfer, sie als praktische Ärztin). Aber ohne Belegrecht und Operationsmöglichkeit im Spital wäre das Engagement in der 5000-Seelen-Gemeinde für sie uninteressant gewesen.

Als Voraussetzung für einen schriftlichen Belegarzt-Vertrag habe man damals, so erinnert sich Wahl, von dem evangelisch getrauten Paar gefordert, es möge sich noch einmal trauen lassen, diesmal katholisch - »ganz im stillen und ohne Bekanntwerden in der Öffentlichkeit«.

Chirurg Wahl lehnte ab und sah, als ihm das Belegrecht schließlich mündlich eingeräumt wurde, auch keine Veranlassung, ein Detail seiner Intimsphäre - die Scheidung - publik zu machen. Da er nicht Angestellter des katholischen Spitals war, wähnte er sich zur Mitteilung nicht verpflichtet.

Sein Schweigen brach er erst, als im Herbst letzten Jahres Sohn Gregor geboren wurde und der (inzwischen gestorbene) katholische Ortsgeistliche vergebens drängte, den Knaben taufen zu dürfen. Das Baby wurde Protestant.

Was der Vater bei der Glaubens-Diskussion offenbart hatte, legte der katholische Ortsgeistliche in einem schriftlichen Bericht nieder. Und alsbald entschied das Generalvikariat zu Münster, beide Ärzte dürften das Belegrecht nicht mehr ausüben.

Das Kuratorium des Ludgerus-Hospitals - neben Propst Laumann und Vikar Winkelhues vier Wahl-Patienten: Amtsdirektor Weißenberg, zwei Bauern und ein Handwerker - leistete hinhaltenden Widerstand. Denn es war offenkundig, daß der münsterländische Wallfahrtsort in den Baumbergen schwerlich wieder eine solche Spezialisten-Kombination - Operateur und Narkotiseurin - würde anlocken können.

Vikar und Amtsdirektor ("Wir wollten uns über alle Bedenken hinwegsetzen") pilgerten schließlich zum Bischof nach Münster. Seine Exzellenz Joseph Höffner war bekümmert: Einen geschiedenen Belegarzt könne er den Ordensschwestern des Hauses nicht zumuten. Wenn das Ehepaar bliebe, müsse er die Schwestern anderen Krankenhäusern zuteilen.

Die beiden Billerbecker Boten verstanden den zarten Wink, der bei Widersetzlichkeit das Ende des Krankenhauses bedeutet hätte. Vikar Winkelhues stieg auf die Kanzel des neugotischen Doms und bezichtigte den Chirurgen, er führe eine »Doppelehe«, weil nach Gottes Gesetz die erste - katholische - Ehe weiterbestehe.

Ein in der Sakristei montiertes Aufnahmegerät- übertrug den Vorwurf der Bigamie in die Heimlautsprecher: Billerbeck ist die einzige Gemeinde im Bundesgebiet, die über einen eigenen Stadtfunk verfügt.

Auf diesem Wege erfuhren die Billerbecker, weshalb auch die Ärztin gehen müsse. Weder die evangelische Taufe des Kindes noch die evangelische Trauung - beteuerte Vikar Winkelhues - seien Anlaß gewesen, sondern allein die Scheidung des Mannes.

Der evangelische Kollege Stümke wußte eine andere Erklärung. Er rügte auf der Kanzel die »beispiellose Überheblichkeit und Anmaßung« der römischen Kirche, die es nicht kümmere, daß die Protestantin Wahl evangelisch getraut worden war. Daß die erste Ehe des Chirurgen rechtsgültig vor einem irdischen Gericht geschieden wurde, interessiere die katholische Kirche »natürlich nicht im mindesten«, denn sie »ist ja die alleinseligmachende, die auch das allein gültige Wort für Zeit und Ewigkeit zu sagen habe«.

Und weiter: »Noch bevor die Mutter wußte, daß sie ein Kind empfangen werde, sollte sie versprechen, dieses Kind katholisch taufen zu lassen.«

Nicht von der Kanzel, sondern in einem Brief an den Arzt erläuterte der Bischof von Münster seine »Gewissensbedrängnis": Ohne Kündigung des Belegrechts sei sein »Eintreten für die Unauflöslichkeit der Ehe vor meinen Gläubigen in Billerbeck... nicht mehr glaubwürdig«.

Der Bischof verkannte seine Billerbecker. Ein »Bürgerkomitee«, das freilich vorzog, anonym zu bleiben, verschickte an 1800 Haushalte Postwurfsendungen für eine Urabstimmung eigener Art. Per Unterschrift forderten bis jetzt 1360 Bürger, daß trotz Scheidung und evangelischer Taufe das Arztehepaar weiterhin im Krankenhaus arbeiten solle.

Das Kuratorium des Ludgerus-Hospitals kündigte beiden Ärzten kurzfristig das Belegrecht zum 31. Oktober auf.

Arzt-Ehepaar Wahl: Das Urteil der Kirche...

Münsteraner Bischof Höffner

... über Stadtfunk verbreitet

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