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»Wer sich von Gefühlen fortreißen läßt...«

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Erich Honeckers Heimatbesuch im Saarland *
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 38/1987

Oberbürgermeister Peter Neuber von Neunkirchen ist ein hochgewachsener Mann. Das Mikrophon, durch das er im Bürgerhaus der saarländischen Bergarbeiterstadt seinen Ehrengast, den vor 75 Jahren hier geborenen DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker, begrüßt, ragt hoch über dessen weißen Schopf hinaus, als der sich aufgereckt zur Antwort anschickt.

Mit Schwung ist Honecker vorgetreten, noch die Hochrufe und den freundlichen Beifall im Ohr, mit den ihn alte kommunistische Kampfgefährten und andere »kreuzbrave Leut''« empfangen haben. Sichtlich auch ist er angerührt durch den Steigermarsch, den die Wiebelskirchener Schalmeienbläser vor der Halle zu Ehren des einst als Arbeitersohn Ausgezogenen und jetzt als Staatschef Heimkehrenden gegen das Glockengeläut angeschmettert haben.

Erich Honecker nimmt sich nicht die Zeit, das Mikrophon zu sich herunterzuziehen. Er beginnt zu reden, bevor seine Hand mit routiniertem Griff das Manuskript aus der Brusttasche seines Anzuges geangelt hat. Doch dann liest er sich wie in all den Tagen seines redereichen Besuches in der »Bunsreplik« Deutschland silbenschluckend durch den Text: Friedenssicherung, Kooperation, souverän voneinander unabhängige deutsche Staaten, »deutschkratsche Replik«.

Er redet wie in Trance. Er kann seine Augen, die schmal hinter der Hornbrille blitzen, nicht auf den Text konzentrieren. Immer wieder schweifen seine Blicke flatternd an die Decke. Daß Oskar Lafontaine, der Ministerpräsident des Saarlandes, herantritt und liebevoll das Mikrophon zu ihm hinunterbiegt, nimmt er gar nicht wahr. Ein leichter Schweißfilm glitzert auf seiner Stirn, als er die Begrüßung »als Ausdruck der Wertschätzung für die DDR« in Anspruch nimmt. Die DDR aber ist in diesem Augenblick er, der erste und mächtigste Mann im ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden. »Viele persönliche Gefühle bewegen mich«, bekennt er, noch bevor er abzulesen beginnt.

Dies ist wohl der Augenblick, den das Politbüro gefürchtet hat. Erich Honecker kommt vom Grab seiner Eltern. Im Garten des unscheinbaren Hauses in der Wiebelskirchener Kuchenbergstraße 88, das einst sein Großvater gebaut hatte, hat er einen Apfel gepflückt, den er noch in Neunkirchen in der Hand hält. Seine Schwester hat ihm Kaffee gekocht, mit drei alten KP-Mitstreitern hat er Erinnerungen ausgetauscht.

Auf der Straße, die der Dachdeckerlehrling und leidenschaftliche junge Rotfrontkämpfer Erich bis 1935 oft genug als Verfolgter und Geschlagener entlanggestolpert ist, winken ihm heute Hunderte zu. »Erich, Erich«, rufen einige. Direkt vor dem schmalen Gang neben dem kleinen Haus schwenken KP-Genossen die schwarzrotgoldene DDR-Fahne mit Hammer und Zirkel im Ährenkranz.

Erich, der sozialistische Sieger, ist zu Hause. Und vergessen ist der Satz, den der strenge Jungfunktionär 1932 seinen Genossen in der Saarbrücker »Arbeiter-Zeitung« eingehämmert hatte: »Aber derjenige ist kein Kommunist, der sich von den Gefühlen und Stimmungen fortreißen läßt.«

Zwar hat er auch heute in der gewohnten eingefrorenen Pose begonnen, das Manuskript hält er wie einen Schutzschild vor der Brust. Dann aber breitet er plötzlich die Arme aus, als wolle er seine Zuhörer umschlingen; vergessen hängt der Redetext in seiner Rechten.

»Die Lage ist doch so«, sagt er »als alter Neunkirchener« auf einmal so spontan, als rede er im vertrauten Kreise: Daß es zwei deutsche Staaten gebe, sei ja allen bekannt, und daß sie in zwei Blöcken eingebunden seien, auch. Und »daß die Grenzen nicht so sind, wie sie sein sollten, ist nur allzu verständlich«. Nun aber habe man ja in Bonn das Kommunique unterzeichnet, und wenn alles im gewünschten Sinne verwirklicht werde, »dann wird auch der Tag kommen, an dem Grenzen uns nicht mehr trennen, sondern uns vereinen«.

Vereinen, sagt Erich Honecker. Die Profis unter den Zuhörern aus Ost und West trauen ihren Ohren nicht. Und als ob bei diesem Wort - gegen das er in Bonn zwei Tage lang seine spröde Kontrolle aufgeboten hat - in ihm Alarmlichter zu flackern beginnen, fügt er schnell hinzu, diese Grenze werde dann so sein wie die zwischen der DDR und Polen.

Das Rätselraten über diesen ungeplanten Exkurs wird die Zwischen-den-Zeilen-Leser auf beiden Seiten lange beschäftigen. Wer dabei war während der zweitägigen sentimental journey nach der strapaziösen Zwei-Tage-Visite in Bonn, der konnte darauf wetten, daß die sozialistische Paradephrase von der »Heimat der Werktätigen« ihre dialektische List entfalten würde. »Heimat« ist im Saarland für Honecker zugleich hier wie dort. Biographisches und Politisches, gestern und heute, verschmelzen ineinander. Die Saarländer, scherzt Lafontaine, hätten ihren Honecker ausgeschickt, damit er »jetzt eben der erste Mann im Staat der Preußen ist«. Grenzen, gedachte und befestigte, geraten so schnell ins Schwimmen. _(Mit Oberbürgermeister Peter Neuber (l.) ) _(und Honecker-Schwester Gertrud ) _(Hoppstädter. )

Von der ersten Minute an hat der Sozialdemokrat Lafontaine diesen Ton gesetzt, nicht heimtückisch, sondern weil Saarländer so sind. An der Gangway der Luftwaffenmaschine begrüßt er seinen Gast, der ihn mag und vertraut und ihn im privaten Kreise auch schon mal duzt, »im Land seiner Kindheit«.

Lafontaine: »Fühle Se sich wie dehemm.« Und der Gast, zum ersten Mal seit 40 Jahren wieder an der Saar, echot bewegt: »Wie dehemm.«

Er hat sich gewappnet. Bei den offiziellen Terminen sucht er dem Lokalkolorit mit Formeln vom Kampf für Frieden und gegen Atomwaffen zu begegnen. Aber er gerät doch in den Sog einer Reise in die Vergangenheit.

Wer den hölzernen Gast in Bonn erlebt hat und nun an der Saar beobachtet, der kommt aus dem Staunen nicht heraus. Kann man sich den disziplinierten Staatsmann Honecker aus der Redoute vorstellen, wie er die lang entbehrte Bibbelsches-Bohnesupp stehen läßt und tränenden Auges mitsummt, als ein Männerchor von alten Straßen singt und alten Freunden in der Heimat, die nicht mehr leben? Reicht die Phantasie, sich einen 75jährigen Staatsratsvorsitzenden vorzustellen, der als aufgekratzter Charmeur beim Dessert der Frau seines Gastgebers zusingt: »Achte auf dein Herz, Margarethe denn ich habe Angst, daß man''s dir stiehlt«?

Hätte man gedacht, daß er bei Peter Maffay für seinen Enkel Robby Autogramme erbittet oder sich Videoclips von Katja Ebstein anguckt? Daß ein SED-Chef geradezu durch eine dichtgedrängte Menge hechtet, um einen 82jährigen Mann zu umarmen, den er seit über 50 Jahren nicht gesehen und mit dem er nicht etwa die Nazis bekämpft hat, sondern mit dem er einst gewandert ist? Doch, die Saar macht es möglich.

Gleichwohl ist der Vorsitzende auch dort keineswegs ein Ausbund an emotionaler Offenheit. Die Haltung des jungen Kommunisten von 1932, der sich Gefühle verbietet und Selbstkontrolle als Charakterstärke andressiert, hat sich zur zweiten Natur verfestigt. Zwar kann er wach und schlagfertig reagieren, aber wirklich offen ist er nie. Selbst beim Lachen bleibt die Oberlippe steif.

Für Gefühle, so sie denn doch hervorbrechen, hat er keinen seinem Alter angemessenen Ausdruck entwickelt. Er wirkt auf seine Gesprächspartner oft rührend naiv, kindlich fast in seiner Freude, pathetisch im Zorn und sentimental im Schmerz.

Der leicht fettige Schmelz, den Lafontaine über dem saarländischen Heimatgefühl spürt, ist auch dem heimgekehrten Gast zu eigen. Als Vertrauensleute und Betriebsräte der IG Metall aus Völklingen und Saarlouis 1985 dem Staatsratsvorsitzenden aus dem Garten seines Elternhauses ein Körbchen voll Heimaterde, bepflanzt mit Blumen und Gemüse, nach Ost-Berlin brachten, hat der Genosse Honecker das Präsent vor einem arroganten SED-Sekretär in Sicherheit gebracht.

Und er ist, wie alle Saarländer, mit einem kollektiven landsmannschaftlichen Minderwertigkeitskomplex beladen, der ihn antreibt, es »denen im Reich« aber mal zu zeigen; um so mehr genießt er stolz den Ruhm des erfolgreichen Heimkehrers.

Er genießt ihn nicht allein. Den »saarländischen Flatschnickel Erich« in Bonn den Staatsmann spielen zu sehen, hat manchen Saarländer entzückt, der auch gern im Kanzleramt den Oskar sähe - weil das den Grenzländern keiner zutraut. Daß die Deutschen sich besser von Saarländern als von Österreichern führen lassen sollten, darüber waren sich Gast und Gastgeber schnell einig.

Von da ist es, über Hitler und Waldheim, nicht weit zur Erinnerung an die Zeit, »als wir die Saar freihalten wollten von der braunen Barbarei«. Auch hier liegt Sentimentalität nicht fern. Honecker hat eine offenkundige Zuneigung für Lafontaine entwickelt, die auch den Niedersachsen Gerhard Schröder einschließt. Das legt den Verdacht nahe, daß der alte Mann, der an der Saar wie in der DDR viele Jahre politisch mit Jugendlichen arbeitete und der heute gern sein Alter verdrängt, noch immer von parteiübergreifenden Bündnissen mit jungen Sozialisten träumt.

Konkret kann man an den Städtepartnerschaften, die zwischen Saarlouis und Eisenhüttenstadt begannen, und an den Zahlen des Jugendaustausches ablesen, daß zwischen der DDR des Erich Honecker und dem Saarland des Oskar Lafontaine der vielbeschworene Geist der Entspannung dichter wabert als zwischen Ost-Berlin und Bonn. Die landsmannschaftlich überhöhte Abneigung der beiden Saarländer gegen den Pfälzer Kanzler in Bonn mag dabei eine Nebenrolle spielen. Sie taugt zu Witzeleien-Lafontaine zur Begrüßung Honeckers in der Staatskanzlei: »Es heißt ja an der Saar: Uff de Beem, de Pälzer komme« -, aber sie verstellt beiden nicht den Blick für die Realität. Honecker antwortet unbeeindruckt, wenngleich saarländisch gefärbt: Die Bundesregierung, und das heißt im Augenblick eben Helmut Kohl, »tut ja einen Staat vertreten«.

Die mit dessen Regierung im Kommunique angestrebten Fortschritte sind die Voraussetzungen dafür, daß »eines Tages« der Charakter der Grenze in Deutschland sich wandeln könne. Das hat der saarländische Kommunist bei allem Gefühlsüberschwang in Neunkirchen nicht zu erwähnen vergessen.

»Das ist«, wie er zu sagen pflegt, »der Fakt, ja.«

Mit Oberbürgermeister Peter Neuber (l.) und Honecker-SchwesterGertrud Hoppstädter.

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