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Wer wagt es, dem Sheriff Vorwürfe zu machen?

Zur Psychologie des Präsidenten Reagan / Von Friedrich Hacker Friedrich Hacker, 70, aus Wien stammender Psychiater, heute US-Bürger, verfaßte das Standardwerk über menschliche Angriffslust: »Aggression. Die Brutalisierung der modernen Welt« (1971). Hacker leitet in Wien das »Institut für Konfliktforschung« und in Los Angeles eine psychiatrische Klinik. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Man könnte sich buchstäblich totlachen über diese Ankündigung der globalen Apokalypse in einem nicht ganz gelungenen Scherz Reagans, dieses doch recht netten, stets freundlich lächelnden alten Herrn.

Er hat es sicher auch nicht so gemeint (sondern eigentlich wie?). Es ist ihm, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, eben nur so herausgerutscht wie vor ihm schon vielen Mitgliedern seiner Regierung, die über den gewinnbaren Atomkrieg plaudern und über dessen notwendige Vorbereitung und Beschränkung schwadronieren.

Ronald Reagan hat nicht nur die althergebrachten männlichen Pioniertugenden von Unabhängigkeit, Sauberkeit und Freiheit zu verteidigen, sondern auch seinen wohlverdienten Ruf als Witzbold, der seine Pointen mit lässiger Nonchalance anbringt. Die Themen sind seinem Erfahrungsschatz an Sportanekdoten, Filmszenarios und Kulissengesprächen entnommen.

Seine berühmt gewordenen Äußerungen nach dem Attentat auf ihn zu seiner Gattin: »Liebling, ich habe vergessen, mich zu bücken« (ein dem Boxweltmeister Jack Dempsey zugeschriebenes Zitat nach dessen verlorenem Kampf gegen Gene Tunney) und »Alles in allem wär' ich lieber in Philadelphia« (Zitat aus einem Film des Komikers W. C. Fields beim Anblick eines Lynchmobs) haben nicht unwesentlich zu seiner Popularität und zum Image eines nahezu mythischen Helden beigetragen, der auch in Situationen äußerster Not nie den Humor verliert.

Witz ist sowohl Entschärfung wie Ausdruck von Aggression. Der sogenannte tendenziöse Witz zeigt einen Weg, Beleidigungen »ungefährdet zu vergelten« (Sigmund Freud, Gesammelte Werke IV.), und ermöglicht Aggression wie Kritik, die unter anderen Umständen verboten wären.

So sehr sind einige wenige psychoanalytische Einsichten zum Allgemeingut der halbwegs Gebildeten geworden, daß sie bereits als triviale Selbstverständlichkeiten erscheinen. Jedermann weiß heute, daß auch und gerade gedankenlos hingeworfene Bemerkungen sehr wohl motiviert sein können, keineswegs so zufällig, wie sie sich ausgeben, sondern sinnvoll und bedeutungsvoll, da sie eine unbewußte oder zumindest nicht voll bewußte Absicht ausdrücken.

Derartige Fehlleistungen sind daher verräterisch, um so mehr, je weniger sie der komplizierten Deutung bedürfen. Wenn der Festredner sagt: »Dann aber sind Tatsachen zum Vorschwein gekommen« oder eine Dame äußert, daß sie einen Mann in flagranti gesehen habe, während sie en passant meint, dann ist da das Unbewußte, das sich en passant verbergen wollte, in flagranti ertappt.

Ronald Reagan hat gewiß nicht beabsichtigt oder auch nur vermutet, daß er gehört und zitiert werden würde. Doch eines der wenigen Privilegien, die der mächtigste Mann der Welt nicht besitzt, ist der Schutz von Anonymität. Der Regierungschef einer Supermacht hat ihn bei seinen öffentlichen Auftritten verwirkt.

Als Reagan sich für seine wöchentliche Radioansprache an die Nation rüstete und sich unbeobachtet wähnte, hätte er Gelegenheit gehabt, ernst oder lustig, unbefangen oder besonnen, seine inoffizielle menschliche Seite zu zeigen. Wenn dabei eine in steifes Amtsamerikanisch gekleidete Vernichtungsphantasie herauskam, ist unvermeidlich, daß die Welt sie betroffen und erschreckt zur Kenntnis nahm.

In sein Statement braucht man nichts hineinzulesen. Man muß es nur lesen, einschließlich des Kommentars, daß es sich ohnehin »nur« um einen Scherz gehandelt habe, der nichts bedeute.

In schneidiger Cowboy-Manier erklärte der Präsident die Russen, nicht etwa nur das Sowjet-Regime, sondern sie alle, für immer und ewig zu vogelfreien Verbrechern, die zu ihrer eigenen Vernichtung geradezu einladen.

In geradezu klassischer Weise wird hier die Erniedrigung des Gegners vorexerziert, der, aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen, seinen Anspruch auf alle Menschenrechte verliert und damit zum legitimen Ziel ungezügelter Aggression wird.

Je nach Geschmack darf man sich dabei an die großen europäischen Vorbilder der Anfertigung stereotyper Feindklischees mit Versprechen des unvermeidlichen Endsieges erinnern oder gemäß der amerikanischen Tradition der Behandlung der eingeborenen Urbevölkerung, der Indianer.

Das amerikanische Ethos von Demokratie und Gleichheit mußte schon in der Gründerzeit irgendwie mit der praktischen Politik des Rassenhasses in Einklang gebracht werden. Im geschichtsverfälschenden Mythos wurden die Indianer (gleich den heutigen Russen) zur gesichtslosen Masse und Meute. Die weißen Siedler dagegen sind einsame, heldische Individualisten auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer, die nur Gott fürchten und außerdem höchstens noch, daß jemand sie als Schwächlinge ansehen könnte.

Für die ehrgeizigen und egoistischen Pläne der Pioniere war die bloße Existenz der Indianer ein Hindernis, das bald als unerträgliche Provokation empfunden wurde und ihre Auslöschung herausforderte. Daher sagte auch der amerikanische

General Sherman, daß nur ein toter Indianer ein guter Indianer sei.

Hätte der Präsident nach dem ersten Satz, der Ächtung Rußlands, innegehalten, wäre es arg genug gewesen, aber es kommt noch deutlicher. Er kündigt an, daß das Bombardement in fünf Minuten beginnen werde. Er stellt in Aussicht, daß uns nur ein paar Minuten bleiben bis zum Anfang vom Ende.

Ist man davon überzeugt, daß der zum Repräsentanten des Bösen stilisierte Feind, weil er eben durch und durch schlecht ist, das Gute, nämlich uns, zerstören wird, wäre man schön dumm zu warten, bis er diese teuflischen Absichten mit Aussicht auf Erfolg realisieren kann. Vielmehr gilt es den satanischen Plänen zuvorzukommen.

Mit den heutigen massenmedialen und -psychologischen Beeinflussungen ist es ein leichtes, auch jeden Erstschlag als notwendige und daher legitime Verteidigungsmaßnahme darzustellen. Mühelos werden Nationen und Weltanschauungen personalisiert und unbeschadet ihrer komplexen Eigenart polarisiert; im Nu sind damit die einfachen, leicht überschaubaren Verhältnisse der Pionierzeit wiederhergestellt, in der die Unterscheidung zwischen Menschen (wie wir) und Untermenschen (nicht wie wir) ganz leicht war.

Bei aller modernen technologischen Verfeinerung bleibt das Modell der die gegnerische Aggression vorwegnehmenden Aggression (zurückschlagen, noch bevor der Gegner zuschlagen kann) dasselbe:

Die Anwendung dieses Prinzips gewährleistete das Überleben im Wilden Westen. Der energische Sheriff, der am Schluß regelmäßig triumphiert, ist nicht aggressiver als der Outlaw; er ist es nur früher und schneller. Zumindest um den Bruchteil einer Sekunde, ehe der Bösewicht angreift, zieht er vom Leder und hindert den Unhold daran, seine verbrecherischen Pläne zu verwirklichen.

Täte er das nicht und ließe ihn Nachdenken oder Verhandlungsbereitschaft zögern, wäre er kein richtiger Sheriff und längst den Machenschaften des Bösen zum Opfer gefallen. Dem Sieger steht dann auch noch das Definitionsmonopol zu. Er, und er allein, entscheidet, was gut ist (nämlich er selbst und die eigene Sache). Er entscheidet gleichermaßen, was im Dienste dieser Sache notwendig, entschuldbar und geboten ist (nämlich alles). So einfach ist das, und wer würde es wagen, dem tapferen, erfolgreichen Sheriff Vorwürfe oder gar Schwierigkeiten zu machen?

Denkende und fühlende Menschen befürchten, daß globale Konflikte unter Nationen ganz nach dem primitiven Muster des Westerners, nach demselben Schema, ausgetragen werden könnten.

Die den Diktatoren und Demagogen abgeguckte, immer wieder erfolgreich kopierte Herstellung nationaler Einheit mit Feindbild-Klischee und hemmungsloser Anwendung legitimierter Gewalt hat sich zur Inszenierung und Mobilisierung von Massen-Loyalität verläßlich bewährt. Eine Neuauflage dieser längst durchschauten, aber immer noch wirksamen Vorgänge bis zum gewalttätigen Extrem ist deshalb durchaus möglich.

Das wirklich Erschreckende an dieser Probe für den Weltuntergang ist nicht so sehr, daß der mächtige Mann über die Weltkatastrophe scherzt, die er ja tatsächlich durch Knopfdruck auslösen könnte, sondern daß dieser Akt vom Volk im Ernstfall nicht als Wahnsinnstat betrachtet, sondern als Ausdruck staatsmännischer Vernunft hingenommen und vielleicht sogar bejubelt würde.

Reagan wäre nicht, was er ist und wo er heute ist, hätte er nicht die Fähigkeit und den Wagemut, ja die Verwegenheit, das auszusprechen, was viele tief innerlich fühlen, aber nicht zu äußern wagen.

Das macht ihn zum Sprachrohr mächtiger Interessen, aber auch zum Repräsentanten eines Teils der öffentlichen Meinung (in Amerika und in der ganzen Welt), die er geschickt vorstellt, darstellt und manipuliert, um seine Ziele durchzusetzen.

Ob für die Verherrlichung der Stärke durch Drohung, Beschimpfung und Gewalt, für den vom Präsidenten verkörperten zwanghaft übersteigerten Männlichkeitskult unaufgelöste Kindheitskonflikte mit dem unberechenbaren Vater, der liberaler Demokrat und Alkoholiker war, pseudorebellische Emanzipation von der Mutter (oder dem Mutter-Image seiner Nancy), Identifikation mit dem Aggressor (unbewußte Nachahmung der dem Feind zugeschriebenen Gewalttätigkeit), Projektion innerer Ängste und Schuldgefühle verantwortlich waren, ist vergleichsweise unwesentlich.

Politische Erfahrung hat gelehrt, daß die simplistische Inszenierung der Gewaltvorbereitung ein Bombenerfolg ist. Mit dem Erfolg aber läßt sich in den USA nach gängiger Ansicht nicht rechten, da gibt es nicht viel zu analysieren. Doch der Fauxpas des Jahres, von wahrhaft olympischem Ausmaß, die humorvolle Ankündigung des fröhlichen Genozids, ist schon eine Höchstleistung an Fehlleistung.

Das amerikanische Publikum, an die verbalen Gewaltrituale seiner Regierungen gewöhnt, ist geneigt, die Weltkonkurrenz der Supermächte als sportlichen Wettbewerb aufzufassen, in dem, komme, was wolle, der eigenen Seite Hilfe geleistet werden muß. Die quasi sportliche Dramatisierung des politischen Lebens ist zwar keineswegs immer ein ästhetischer Genuß, trägt aber in der manichäischen Polarisierung des »Wir gegen sie« doch zur sachlichen Entpolitisierung des politischen Lebens bei.

Darin ist der frühere Sport-Berichterstatter, der Schauspieler, der so gut Präsident spielen konnte, daß er es wurde, unbestrittener Weltmeister.

Der große Kommunikator, der im lockeren Plauderton den Leuten jene geheimen Wünsche, deren sie sich geschämt haben, plausibel und salonfähig macht, wird dennoch die ihm geneigte Anhängerschaft überzeugen können, daß auch ein mißglückter Scherz nur allzu menschlich ist und lediglich Opponenten daraus politisches Kapital schlagen wollten.

Friedrich Hacker
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