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ABGEORDNETE / BÜRGERSCHUTZ Wer war »Dr. W. B.«?

aus DER SPIEGEL 23/1959

In den stattlichen Garten der bundesdeutschen politischen Vereinsmeierei, über den der Bonner Himmel in Abständen milde, fruchtbringende-Regenfälle entläßt, wurde jüngst ein ganz besonders zartes Pflänzchen eingesetzt. Dieses vorläufig noch einigermaßen kümmerliche Gewächs, das aber nach dem festen Willen seines Gärtners schon bald sehr groß und mächtig prangen soll, trägt den eindrucksvollen Namen »Komitee zum Schutz der Bürger vor Diffamierungen durch die Linkspresse« und entstammt dem Treibhaus des bayrischen Landtagsabgeordneten Dr. Walter Becher.

Dr. Becher, 46, ist im Münchner Parlament Fraktionsvorsitzender einer Partei, die zunächst »Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten« hieß, sich dann zusätzlich, »Gesamtdeutscher Block« nannte und seit neuestem als »Nationaldemokratische Union« in die westdeutsche Nachkriegshistorie eingehen möchte. Außerdem bekleidet Becher noch eine Anzahl von mehr oder minder politischen, aber stets repräsentativen Ämtern.

Dazu gehört auch der verantwortungsvolle Posten eines Rundfunkrats. In dieses gemischte Gremium, das auf den Bayrischen Rundfunk aufzupassen hat, delegierte der Landtag fünf seiner Abgeordneten, darunter für die Partei GB/BHE/ NDU den Dr. Walter Becher, der seine Aufgabe ernst nimmt: Erregten beispielsweise Glossen sein Mißfallen, verlangte er stracks die Entlassung der betreffenden Kommentatoren. Auch Chefredakteur Walter von Cube sollte auf Bechers Wunsch schon gefeuert werden.

Nachdem der Abgeordnete schließlich von Amts wegen lange genug den Bayrischen Rundfunk gehört hatte, erkannte er, daß es mit sporadischer Kritik an dieser Institution des öffentlichen Lebens nicht getan sei. Becher, zu dessen teuerstem Wortschatz Kreuzzeitungs-Vokabeln wie »heimatlose Linke« und »vaterlandslose Gesellen« gehören, brach in den Schrei aus, bei Sendungen von Radio München wisse man nicht, ob sie aus München oder Pankow kämen.

Er beschloß, diese Verhältnisse radikal zu ändern. Becher und seine Gesinnungsfreunde erarbeiteten ein neues Rundfunkgesetz, das vor allem die »Monopolstellung« (Becher) des Intendanten in personalpolitischen Fragen aushöhlen sollte. Wichtigstes Merkmal des Entwurfs: Die Zahl der Landtagsvertreter im Rundfunkrat sollte von fünf auf elf hinaufgesetzt werden. Zunächst war auch daran gedacht worden, den Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde aus dem Gremium zu entfernen.

Mehr aber noch als die spezielle Reinhaltung des Rundfunks beschäftigte den einfallsreichen Abgeordneten der Kampf gegen den Weltfeind Nr. 1 schlechthin. So wies er die westdeutsche Öffentlichkeit im letzten Jahr auf einer Parteiversammlung in Regen im Bayrischen Wald darauf hin, daß bei den KZ-Prozessen des vergangenen Sommers sein Großteil der auftretenden Zeugen zur kommunistischen Lagerprominenz gehört« habe.

Anschließend nahm Walter Becher die bajuwarischen Behörden in Schutz, die kurz zuvor den KZ-Doktor Eisele nach Ägypten hatten entweichen lassen und deshalb mancherlei Attacken ausgesetzt waren. Interpretierte Becher: Es handle sich um eine »künstliche Aufbauschung des Falles Dr. Eisele zu einer bayrischen Justizaffäre, die lediglich dazu dient, die Öffentlichkeit von den akuten Gefahren der kommunistischen Infiltration abzulenken«.

Daraufhin dauerte es nicht lange, bis der BHE-Becher die akuten Gefahren der kommunistischen Infiltration sozusagen am eigenen Leibe zu spüren bekam: Er erhielt »drei Drohbriefe aus Österreich«. Sofort nahm er offiziellen Polizeischutz in Anspruch. Angehörige des bayrischen Landeskriminalamtes begleiteten den Dr. Becher auf seinen Wahlreisen, untersuchten die Versammlungssäle auf versteckte Bomben und Dynamitpakete.

Becher erzählte rundum, er sei ein erklärtes Ziel der gemeinen und heimtückischen Pläne, die im Ostblock gegen den Westen heranreiften. Auch heute noch ist Becher der Meinung, nach Franz-Josef Strauß hätten es die Bolschewiken ganz besonders auf ihn abgesehen.

Diese Mischung von Lächerlichkeit und Hysterie in Zusammenhang mit den rhetorischen Gewohnheiten des neu-bajuwarischen Politikers fiel einem gewissen Hans Maier auf, dem Becher aus der gemeinsamen Heimat, dem Sudetenland, kein Unbekannter ist. Maier erinnerte sich, daß Becher früher publizistisch tätig gewesen war, und trieb einschlägige Quellenforschung, deren erste Früchte er heuriges, Frühjahr in dem von ihm herausgegebenen »Münchner Vertriebenen-Echo« veröffentlichte:

»Sicherlich ist es ein trauriger Witz, daß ausgerechnet der gleiche Dr. Becher, der sich heute als Säule der Demokratie in Bayern fühlt, einmal Schriftleiter des offiziellen NS-Organs. Die Zeit im Sudetenland war. Laut Impressum dieses Blattes zeichnete er dort für ,Kultur, Kunst, Wissenschaft und Unterhaltung verantwortlich. Diese Stellung benutzte Dr. Beeher dazu, um gegen die jüdische Bevölkerung in einer Art und Weise zu hetzen, die durchaus einen Vergleich mit den Artikeln des berüchtigten 'Stürmer' eines gewissen Julius Streicher aushält. Becher war einer der geistigen Wegbereiter jener unheilvollen Entwicklung, an deren Ende die Gaskammern von Theresienstadt standen.«

Das mochte übertrieben sein, doch konnte Maier seinen Lesern immerhin eine Anzahl unschöner Becher-Zitate darbieten, wie etwa dieses aus einem »Entjudung« überschriebenen »Zeit«-Artikel vom 9. November 1938: »Wenn Theater, Presse, Schulen und vor allem jene Berufszweige, die wie etwa der Kunsthandel von vornherein halb wirtschaftlichen und halb künstlerischen Charakter haben, zum Großteil in der Hand fremdrassiger Menschen lagen, so wird man verstehen, daß die allgemeine Entjudung auch die erste Voraussetzung für den Neuaufbau des Sudetendeutschen Kulturlebens ist.«

Wie heute, war auch damals der Rundfunk ein Gebiet, dem Dr. Becher sein besonderes Augenmerk zuwandte. Beispielsweise mit einem unsignierten Artikel vom 26. November 1938, der in der »Zeit« auf Bechers Seite »Kunst und Wissenschaft« unter der Überschrift »Juden am Mikrophon - noch immer 'daitsche Sendung' in Prag« zu lesen war:

»Sie sind alle noch vollzählig im tschechischen Radiojournal versammelt, an ihrer Spitze die Juden Heinrich Fischer, der seinerzeit gleichzeitig mit seinem Chef, Professor Frankl, stürzen sollte, dann aber von der tschechischen Leitung des Rundfunks übernommen wurde, und der Dozent Dr. Nettl, der dank seiner besonderen Beziehungen zu dem berüchtigten Professor Kestenberg, dem 'Jud Süß' der Benesch-Ära, anscheinend auch heute noch ein unentbehrlicher Bestandteil ... (ist).«

Makabrerweise ist nun jener Jude Heinrich Fischer, der im Gegensatz zu den zahlreichen namentlich in der »Zeit« angegriffenen »jüdischen Kulturwanzen« mit dem Leben davonkam, während seine Mutter vergast wurde, heute Hauptabteilungsleiter beim Bayrischen Fernsehen, über das der Rundfunkrat Walter Becher wacht. Becher: »Aber -dieser Artikel war nicht von mir. Ich mußte ja manchmal Kommentare schreiben, aber ich tat das nie im Pamphletstil.«

Ebenso lehnt Becher die Autorschaft an einem scharfmacherischen Artikel ab, der sich mit den Protesten des Auslands gegen die »Kristallnacht« beschäftigte. Dieses Elaborat erschien am 22. November 1938 in der »Zeit« und war signiert mit »Dr. W. B. Reichenberg«. Dr. Walter Becher, damals in Reichenberg wohnhaft: »Ich habe das nicht geschrieben.« Auf die naheliegende Frage, wer sonst den Artikel geschrieben habe, vermag Becher keine Antwort zu geben.

Als Hans Maier in seinem »Münchner Vertriebenen-Echo« solche und ähnliche Ergüsse gleich seitenweise abzudrucken begann, reagierte Becher mit der ihm eigenen Wendigkeit: Es handele sich um einen Diffamierungsversuch, der den Zweck habe, ihn »mit der Hypothek persönlicher Verunglimpfung zu belasten«. Was Becher sonst noch von sich gab, fiel so aus, daß Maier die nächste Nummer seiner Gazette mit der dreispaltigen Überschrift »Pech gehabt, Herr Dr. Becher« aufmachen konnte.

»Er (Becher) behauptet, daß offenbar der tschechische Geheimdienst via Prag belastendes Material in die Bundesrepublik geschafft habe, um ihn und andere verdiente Demokraten politisch zu erledigen.« Höhnte Maier: »Es handelt sich um Originalmaterial ... das sich - Ihr Pech, Herr Becher! - in einem öffentlichen Archiv in München befindet. Da dieses Material nachweisbar seit 1938/39 dort verwahrt wird, kann es wohl kaum vom bösen tschechischen Geheimdienst eingeschleust worden sein.«

Darauf Becher: Maier sei »ein Spitzenfunktionär des kommunistischen 'westdeutschen Flüchtlingskongresses' gewesen«. Maier: »Dafür habe ich ihn jetzt verklagt; das paßt zu ihm, seine Gegner sofort als Kommunisten zu bezeichnen.«

Bei der »Zeit« war Becher bis zum Juni 1939 tätig. Dann kam er hinter Gitter. Becher war Angehöriger des »Kameradschaftsbundes« gewesen, einer logenartigen Vereinigung sudetendeutscher Nationalisten, die nach Bechers Bekundung von der SS mit wütendem Haß verfolgt wurde: Anfang 1940 wurde die erste Garnitur des »Kameradschallsbundes« wegen homosexueller Verfehlungen zu Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verurteilt.

Becher selbst saß unter der gleichen Anschuldigung sechs Monate in »Schutzhaft«. Ein Versuch, nach seiner Entlassung der NSDAP beizutreten, scheiterte. Der stellvertretende Gauleiter Dr. Donnevert schrieb dem Volksgenossen Dr. Becher am 8. April 1940, sein Aufnahmegesuch sei ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Becher: »Das Gesuch hatte nicht ich gestellt, sondern der Verlagsdirektor Bachmann von der 'Zeit'.«

Dr. Becher meldete sich zur Wehrmacht, überstand den Krieg -teilweise als Frontberichterstatter -, landete in Bayern, zog als Mitglied von August Haußleiters »Deutscher Gemeinschaft« in den Landtag ein und wechselte, als Haußleiters Stern sichtbarlich unterging, 1954 zum BHE über. Dort wurde er alsbald Fraktionsvorsitzender und Rundfunkeiferer. Außerdem ist er Generalsekretär des Sudetendeutschen Rats, Bundesvorsitzender des Witikobundes, einer esoterischen Vereinigung großenteils alter »Kameradschaftsbündler«, und Inhaber anderer Ehrenämter.

Becher gehörte auch zu den Gründern des »Deutschen Kreises 1958«, einer Vorläuferorganisation von »Rettet die Freiheit e.V.«. Seine letzte und originellste Gründungstat aber war das »Komitee zum Schutz der Bürger vor Diffamierungen durch die Linkspresse«, über das er nur ungern Auskunft erteilt.

Der Abgeordnete Becher, der schon lange »eine Konzentration der national-konservativen Kräfte gegen die heimatlose Linke« fordert, mußte sich einmal im kulturpolitischen Ausschuß des Landtags sagen lassen, er wünsche offensichtlich ein Verbot von kritischen - Sendungen über das Dritte Reich, und nach seinem Willen dürften Kommentatoren, »die keine Nationalsozialisten waren oder sind, nicht auftreten«.

Die bayrischen Zeitungen sahen keinen Anlaß, solche Vorgänge zu verschweigen. Auch Hans Maiers Ausgrabungen fanden in einigen Blättern Interesse. Daraufhin begründete Becher sein »Komitee«.

Befragt, was er denn unter »Linkspresse« verstehe, meint der sudetendeutsche Politiker zunächst, eine Definition dieses Begriffs sei nicht einfach. Alsdann ergeht er sich in abstrakten Formulierungen über Zeitungen, die »Parolen des Ostens übernehmen und damit dem Anliegen der Freiheit und der Sicherung des Westens in den Rücken fallen«.

Gebeten, er möge sich präziser fassen, erklärt der Dr. Walter Becher: »Wissen Sie, kurz gesagt sind es alle die Zeitungen, die mich angreifen.«

Komitee-Gründer Becher

Wer »links« ist, bestimme ich.

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