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UNTERNEHMER Wer zieht zuerst?

Nach dem Kauf der Fußballrechte für die Champions League und dem Einstieg bei Leo Kirchs Pay-TV will der Medientycoon Rupert Murdoch nun auch den Kölner Privatsender Vox übernehmen. Das Problem: Mitgesellschafter Bertelsmann hat ganz andere Pläne.
Von Hans-Jürgen Jakobs
aus DER SPIEGEL 50/1999

Rolf Schmidt-Holtz, 51, ist gelernter Journalist, im Hauptberuf TV-Manager bei Bertelsmann und nebenbei größter Spaßvogel des Mediengewerbes.

In ernster Mission war er kürzlich nach London zum Bertelsmann-Rivalen Rupert Murdoch, 68, gereist. Der Gegenstand der Gespräche - es ging um die Zukunft des gemeinsam betriebenen Senders Vox - konnte ihm den Frohsinn nicht austreiben.

Beim Betreten des Konferenzraumes zog er in James-Bond-Pose sein DienstHandy wie einen Revolver aus der Hose, zeigte auf die Murdoch-Leute und brüllte laut: »Shoot-out« - eine komödiantische Anspielung auf die anstehende Entscheidungsschlacht um Vox.

Denn Murdoch, der bisher 49,9 Prozent an dem Sender besitzt, hat durch eine so genannte »Shoot-out«-Klausel das Recht, Anfang 2000 ein Kaufangebot abzugeben. Das Verrückte daran: Bertelsmann muss seinen Anteil von 24,9 Prozent exakt zu diesem Preis verkaufen - oder zum entsprechenden Preis den größeren Murdoch-Anteil übernehmen. Weitere Verhandlungen sind ausgeschlossen.

Murdoch will in jedem Fall ein Angebot machen, zumindest kündigen das seine Manager an. In der Bertelsmann-Zentrale in Gütersloh wird das noch bezweifelt. Denn auch Murdoch könne, wenn er als Erster zieht, alles verlieren. Außerdem bekäme er eventuell Probleme mit den EU-Kartellwächtern, machen sich die Bertelsmänner Mut. Die treiben nur den Preis hoch, glauben dagegen Murdochs Leute.

Der gebürtige Australier und jetzige US-Bürger ist schon seit langem scharf auf eine tragende Rolle im deutschen Fernsehgeschäft. Am ersten Dezember-Wochenende machte der Kosmopolit, den Journalisten mal als »Hai im Gewand einer Schlange« ("Time"), mal als »Rammbock in Nadelstreifen« ("FAZ") titulieren, immerhin den Einstieg beim Münchner Medienunternehmer Leo Kirch, 73, perfekt. Die bisher größte Transaktion im deutschen Fernsehen - Volumen: knapp drei Milliarden Mark - ermöglicht Murdoch eine starke Rolle im Pay-TV rund um Premiere World.

In wenigen Wochen will Murdoch dann auch noch Vox übernehmen und das Unternehmen anschließend mit seinem Münchner Kleinkanal TM 3 zu einer Senderfamilie verschmelzen. Mit den Filmen und Serien seines Hollywood-Studios 20th Century Fox sowie den Fußballrechten für die Champions League besitzt er genug Programmstoff, der in beiden Kanälen gewinnträchtig ausgestrahlt werden könnte.

Wenn es so weit kommt, etabliert sich der TV-Unternehmer aus Übersee als dritte Kraft des deutschen Kommerzfernsehens. Wenn - denn den Bertelsmännern kann dieses Szenario nicht gefallen. Doch können sie es verhindern?

Auf eine Gelegenheit, den deutschen Markt aufzurollen, haben Murdochs Strategen schon lange gelauert, schließlich ist der Konzern mit seinen 400 Untergesellschaften und einem Jahresumsatz von knapp 24 Milliarden Mark weltweit der fünftgrößte der Medienbranche.

Längst ist der Medientycoon, der seit seiner Heirat mit der jungen chinesischen TV-Managerin Wendy Deng, 32, gern schwarze Rollkragenpullover trägt und fast täglich im Fitnessraum an sich arbeitet, zum Symbol für die Globalisierung des Mediengeschäfts geworden. Das Erbe einer kleinen australischen Tageszeitung verhalf ihm zum nötigen Startkapital, sein Ehrgeiz trieb ihn um die ganze Welt.

Zunächst kaufte er sich bei australischen Blättern ein, dann bei britischen Zeitungen wie der seriösen »The Times« und der schrillen »The Sun«. Anschließend eroberte er die USA und zog dort die TV-Kette Fox hoch. In England startete er den Pay-Sender BSkyB, in Asien schluckte er das Satellitenfernsehen Star-TV.

So kann er eigene Erfolgsproduktionen nach allen Regeln des Marketings auswerten: die Mystery-Serie »Akte X« , die Cartoons der »Simpsons«, die Unterhaltungsreihe »Ally McBeal« oder Kinohits wie »Titanic«. Vor allem sind die jeweils wichtigen Sportrechte in seinem Besitz - die National Football League in den USA, Rugby in England, die Fußball-Champions-League in Deutschland.

Nach dem 24-Prozent-Einstieg bei Premiere World soll der Kirch-Sender im Herbst 2000 auch einen von zwei Spieltagen der europäischen Spitzenclubs zeigen. Zudem laufen Vorbereitungen für den Start von Murdochs Kinderkanal Fox Kids im gemeinsamen Pay-TV. Und schließlich soll Murdochs Sender BSkyB künftig gemeinsam mit Kirch und dessen italienischem Verbündeten Silvio Berlusconi große europäische Kinofilme produzieren.

Das sei eine »starke Partnerschaft«, sagt Kirch-Geschäftsführer Dieter Hahn, 38, über den Pakt mit Murdoch, er beweise, dass »die hartnäckigen Bemühungen unserer Gruppe im Pay-TV offensichtlich keine Hirngespinste sind«.

Drei Monate lang hatte Murdoch seine Partner mit immer neuen Forderungen genervt. Ein Heer von 14 Anwälten prüfte, wie es um Kirch wirklich steht, meist in einem so genannten Data-Room in der Münchner Großkanzlei Nörr, Stiefenhofer & Lutz des Kirch-Intimus Ronald Frohne.

Die eine Milliarde Mark, die Murdoch in bar zahlt, rettet den Konzern, den das Abenteuer Pay-TV schon rund fünf Milliarden Mark gekostet hat (SPIEGEL 43/1999), vor dem finanziellen Desaster. Zudem kassierte das Münchner Unternehmen BSkyB-Aktien im Wert von 1,9 Milliarden Mark. Im Gegenzug bekommt Murdoch Zugang zu Kirchs Pay-Rechten an rund 11 000 Spielfilmen und gut 37 000 Serienepisoden. Bei allen großen Investitionen hat er ein Vetorecht, und auch einen versierten Controller entsendet er demnächst in die Finanzabteilung der Dachgesellschaft Kirch Pay-TV. Ohnehin sitzt dort seit Anfang 1999 mit Markus Tellenbach, Ex-Vox-Chef, ein Mann seines Vertrauens.

Mit Exklusivangeboten - alle Spiele der Fußball-Bundesliga oder die Boxkämpfe der Klitschko-Brüder live - will die neue Allianz das bislang hoch defizitäre Geschäft mit dem Pay-TV zum Erfolg führen. Die Zuschauer sollen künftig für einzelne Sendungen zahlen - 90 Minuten Spitzenfußball der Bundesliga könnten leicht 20 Mark kosten.

Falls auch diese Offensive scheitert, hat Murdoch die Chance, Kirchs gesamtes Abo-TV-Geschäft zu übernehmen. Sollte Premiere World statt der erwarteten 2,15 Milliarden Mark Verlust bis zum Jahr 2002 tatsächlich 2,5 Milliarden verlieren und zudem die anvisierte Zahl an Abonnenten (Anfang 2001: 2,95 Millionen) um 500 000 verfehlen, ist Murdoch trotzdem Sieger - dann kann er seinen Anteil an dem Sender automatisch auf 51 Prozent aufstocken.

Kirch könnte dies nur verhindern, wenn er den Australier mit 2,9 Milliarden Mark wieder auskauft - angesichts der hohen Schulden der Kirch-Gruppe dürfte der erforderliche Bankkredit kaum zu bekommen sein.

Murdoch habe »Bedingungen diktiert, die Kirch sonst nie akzeptiert hat«, kommentiert der frühere RTL-Chef Helmut Thoma, jetzt Berater der Bertelsmann-Fernsehtochter CLT-Ufa. »Früher hat Kirch, wenn er in Not war, ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert, diesmal ist es eine Klapperschlange.« Auch Konzernchef Thomas Middelhoff wiegelt ab: »Wenn sich ein 68-Jähriger und ein 73-Jähriger zusammentun, hat das mit Zukunft auf den ersten Blick wenig zu tun.«

Doch so rechte Freude mag bei Bertelsmann nicht aufkommen. Die eigene TV-Bilanz sieht nicht allzu glänzend aus. Die Gütersloher besitzen mit RTL zwar den Marktführer, doch eine Senderfamilie mit RTL 2, Super RTL und Vox unter eigener Kontrolle ist nicht in Sicht. Kostenvorteile, zum Beispiel durch Zweit- und Drittverwertungen teurer Sendungen und Serien, lassen sich so kaum erzielen. Sollte nun auch noch Vox an Murdoch fallen, würde der Einfluss weiter schwinden. Und schlagartig würde deutlich, auf welches Abenteuer sich der damalige Bertelsmann-Boss und heutige Aufsichtsratschef Mark Wössner, 61, eingelassen hat.

Anfang 1993 war der Kölner Sender mit hohem journalistischen Anspruch als »Ereignisfernsehen« gestartet. Wössner wollte das Image von Bertelsmann und nebenbei auch das eigene polieren. Die Vision endete als Debakel. Innerhalb von 15 Monaten verlor Vox über 500 Millionen Mark und musste die Liquidation beantragen. Erst kurz vor dem Abschalten fand der damals neu bestallte TV-Vorstand Michael Dornemann, 54, mit Murdoch einen Partner. Allerdings: für nur eine Mark.

Auch damals hatte Murdoch den Wunsch, wie jetzt im Fall Kirch, eine Option auf die Übernahme des Unternehmens zu bekommen. Beide vereinbarten jenes bizarre »Shoot-out«, dass Dornemann »Russisch Roulette« nennt. Es ermöglicht Bertelsmann und Murdoch alle fünf Jahre, sich gegenseitig herauszukaufen; das Angebot muss innerhalb von zwei Wochen erfolgen.

Murdochs Leute lassen keinen Zweifel: Sie werden Anfang Januar für den Bertelsmann-Anteil bieten - und damit in Vorlage gehen. Bei einem vermutlichen Firmenwert von 700 Millionen Mark wären 175 Millionen zu zahlen. Die Gütersloher, die bisher schon über 500 Millionen in den Sender gesteckt haben, müssten noch mal 350 Millionen aufbringen (siehe Grafik).

Wer immer am Ende gewinnt - er müsste außerdem viel Geld zahlen für einen 24,9-Prozent-Anteil des französischen Mitgesellschafters Canal Plus. Laut Vox-Vertrag müssen alle wichtigen Entscheidungen mit einer Quote von 80 Prozent fallen, also einstimmig. Manager des mächtigen belgischen CLT-Ufa-Teilhabers Albert Frère zeigten sich bereits skeptisch, ob sich eine solche Investition lohne.

»Wir haben ein Luxusproblem«, beschreibt Vorstand Dornemann kunstvoll die Lage, »entweder wir bekommen schönes Geld oder einen schönen Sender.« Die Reaktion seines Konzerns auf Murdochs ersten Schuss stehe nicht fest, sie sei »so geheim, dass selbst ich sie noch nicht kenne«.

Die Bertelsmänner tun alles, um einen Showdown in den ersten Tagen des neuen Jahres zu vermeiden. So reiste Bertelsmann-Manager Ewald Walgenbach, 40, im Sommer zu Murdochs damaliger Europa-Präsidentin Letizia Moratti nach Mailand und unterbreitete ihr beim Abend-Menü den Plan eines 50:50-Unternehmens: Vox solle künftig gemeinsam geführt werden. Die Dame ignorierte die Offerte.

Dafür meldete sich Murdochs Konzernchef Peter Chernin immer wieder per Telefon bei Dornemann: »Wollt ihr verkaufen?« Vergangene Woche kündigte er an der Wall Street vor Investoren an, dass News Corporation »die Shotgun-Klausel auf jeden Fall nutzt«, Vox werde künftig von Murdoch zu 100 Prozent geführt oder gar nicht. Gehen die Pläne auf, plauderte Chernin weiter, solle Vox mit TM 3 verbunden werden, das derzeit einen Zuschaueranteil von 1,6 Prozent hat und dessen Anteilsmehrheit News Corporation im November 1998 für 60 Millionen kaufte.

In dem geplanten Verbund würden die wertvollsten Rechte - Film und Fußball - auf Vox laufen. Der Sender erreicht zwar erst knapp drei Prozent des TV-Publikums, ist aber in fast allen Haushalten zu sehen. Bei Brutto-Werbeeinnahmen von rund 550 Millionen Mark wird Vox im nächsten Jahr erstmals einen kleinen Gewinn ausweisen.

Murdochs Ware ist schon heute eine Zier des Senders. Im Sommer kauften Geschäftsführerin Anke Schäferkordt und Finanzchef Tonio Bogdanski für 70 Millionen Mark ein dickes Paket seiner Filme, fast ein Drittel davon entfiel auf den Kinoknüller »Titanic«. Die Ozean-Romanze soll im Herbst 2000 als deutsche Free-TV-Premiere für Furore sorgen, auch Werke wie »Volcano« und »Ganz oder gar nicht« laufen dann erstmalig auf Vox. So soll die Quote bei den 14- bis 49-Jährigen schon bald von gut vier auf über fünf Prozent steigen.

Die Mitarbeiter von Vox jedenfalls sind auf einen Eigentümerwechsel zumindest eingestellt. Chefin Schäferkordt kann eine gewisse Unruhe nicht verbergen: »Ich bin froh, wenn die Entscheidung gefallen ist.« HANS-JÜRGEN JAKOBS

[Grafiktext]

Showdown bei Vox Die Frage, wem Vox künftig gehören soll, wollen Bertelsmann und Murdochs News Corporation in einem »Shoot out« klären. Dabei muss Murdoch seinem Vox-Partner einen Preis für des- sen Anteile bieten. Sollte Bertelsmann nicht akzeptieren, so muss der Konzern seinerseits Murdochs Anteile zu dessen Gebot kaufen. Der Unternehmenswert von Vox wird auf 700 Millionen Mark geschätzt.

[GrafiktextEnde]

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