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Werbegag Holocaust

aus DER SPIEGEL 32/2001

Werbung, PR und Reklame sind die Leitkultur unserer Zeit. Um mit einer Idee wahrgenommen zu werden, muss man »provozieren«. So heißt es. Und es funktioniert ja: Bei Rahmspinat aus dem Kühlfach, bei Autos und Parfums. Also entschied sich Lea Rosh, Mitinitiatorin des Holocaust-Mahnmals in Berlin, für jenes Werbeplakat, auf dem riesige Lettern vor dem Hintergrund einer Bergseeidylle verkünden: »Den Holocaust hat es nie gegeben.« Nur das Kleingedruckte verrät, um welch gute Sache es geht: um Spenden für das Mahnmal. »So ein einzigartiges Ereignis wie der Holocaust muss einzigartig vermittelt werden«, erklärt Frau Rosh voller Stolz, und man sieht sie förmlich vor sich, all die Kreativdirektoren und Juniortexter der Werbeagentur, wie sie beim Brainstorming über andere einzigartige Ereignisse grübelten, die sie auch schon PR-mäßig toll über die Rampe gebracht haben - ob Fußball-WM, »Bambi«-Gala oder Trickskirennen auf der Buckelpiste in Sankt Anton.

Dass Lea Rosh, beseelt von Arroganz und autoritärem Gutmenschentum, Strafanzeigen von KZ-Häftlingen »lächerlich« findet, ist nur logisch: Holocaust-Opfer haben keine Ahnung von moderner Kommunikation. Wann also kommt die nächste Provokation auf den Schwingen des obercoolen Marketings? Vielleicht: »Auschwitz - wir machen den Weg frei!« Klein gedruckt: »Die deutschen Sparkassen spenden für Versöhnung.« Nichts ist unmöglich.

Packen wir's an.

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