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»Werft sie in die Öfen«

aus DER SPIEGEL 4/1995

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Arbeitstag beim Sonderkommando?

An den ersten Tag erinnere ich mich gut. Wir waren im Lager, und eines Abends brachte man uns hinter das letzte Krematoriumsgebäude, wo ich das fürchterlichste Grauen in meinem Leben sah. An dem Abend war ein kleiner Transport angekommen. Wir mußten nicht arbeiten, wir wurden nur dahin gebracht, damit wir uns an den Anblick gewöhnten. Dort gab es ausgehobene, »Bunker« genannte Gruben, um die Leichen zu verbrennen. Von den Gaskammern brachte man die Leichen zu diesen »Bunkern«, warf sie hinein und verbrannte sie.

Womit? Mit welchem Material?

Mit Holz und Verbrennungsstoff. Man zündete Holz an und verbrannte sie.

Wollen Sie den ersten Abend beim Krematorium III beschreiben, als Arbeiter beim Sonderkommando?

Am Anfang haben wir nichts Besonderes gesehen. Dann brachte man uns an die geschlossene Tür der Gaskammer, und als die Tür geöffnet wurde, rief man uns zu: »Kommt her, nehmt die Leichen und werft sie in die Öfen!«

Erinnern Sie sich, was Sie dabei fühlten?

Ich erinnere mich sehr gut. Diese Sache kann man unmöglich vergessen - Hunderte von Leichen.

Worin bestand Ihre Aufgabe?

Sobald ein Transport eintraf, waren wir für die ankommenden Menschen verantwortlich. Wir mußten ihnen auf Befehl der Deutschen sagen, sie sollten sich ausziehen und in die Duschen gehen. Das war jedoch nicht das, was sie erwartete. Neben dem Entkleidungsraum war die Gaskammer, die wie ein Duschraum _(y Interview-Auszüge aus dem Buch von ) _(Gideon Greif: »Wir weinten tränenlos . . ) _(. Augenzeugenberichte der jüdischen ) _(,Sonderkommandos'' in Auschwitz«. Böhlau ) _(Verlag, Köln; 312 Seiten; 44 Mark. ) aussah. Nachdem die Menschen sich ausgezogen hatten und in die Duschen gegangen waren, wurden sie vergast.

Mußten Sie neben Ihrer Aufgabe im Entkleidungsraum auch die Leichen aus der Gaskammer entfernen?

Ja, wir holten auch die Körper aus der Gaskammer und brachten sie in den Aufzug.

Wie holten Sie die Leichen heraus?

Das war schrecklich! Wir holten die Leichen ganz verschieden heraus: Manchmal packten wir sie an den Händen und zogen sie heraus, manchmal waren sie so ineinander verknäult, daß man sie am Hals fassen und wie Tiere herausziehen mußte.

Hatten Sie Zeit, sich die Gesichter der Menschen anzuschauen?

Natürlich hatten wir Zeit. Wir sahen die Gesichter der Menschen. Das war ein Leiden von drei Minuten. Während dieser drei Minuten ging es um Leben und Tod. Die Leute wußten, daß das Ende kam, und versuchten so hoch wie möglich zu steigen, um dem Gas zu entkommen. Manchmal hatte sich die gesamte Haut von den Körpern abgeschält wegen der Wirkung des Gases. Das sah aus wie bei Verbrennungen, aufgeplatzte Beulen.

Wie lösten Sie die Leichen voneinander los?

Wir zogen sie auseinander. Mit den Händen oder mit Hilfe von »Großvaterstöcken«. Fragen Sie besser nicht genau nach.

Ich muß aber fragen. Ich möchte, daß Sie das genau beschreiben.

Ich sagte doch schon, es gab Stöcke, mit denen man die Körper an Händen oder an Füßen herauszog.

Ohne die Stöcke wäre es nicht gegangen?

Sehr schwer nur. Sie klebten aneinander. Einer am anderen . . . Man brauchte viel Kraft, um sie herauszuziehen.

Sahen Sie manchmal, was bei den Verbrennungsöfen geschah?

Jeden Tag sahen wir das. Man schob die Leiche in den Ofen mit einem Stock, der wie eine Gabel aussah. Es waren fünf Öfen, und man packte die Leichen laufend aus dem Aufzug, eine nach der anderen.

y Interview-Auszüge aus dem Buch von Gideon Greif: »Wir weintentränenlos . . . Augenzeugenberichte der jüdischen ,Sonderkommandos''in Auschwitz«. Böhlau Verlag, Köln; 312 Seiten; 44 Mark.

Josef Sackar
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