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KANZLER Wesen der Freundschaft

Selbstbewußt absolvierte Helmut Kohl seinen Besuch in Washington. Bewegt hat er nichts. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Für einen Augenblick geriet Helmut Kohl aus der Fassung. Er verzog das Gesicht, als der Präsident des National Press Club in Washington, um die Diskussion zu beleben, hämische Bemerkungen Helmut Schmidts über den damaligen Oppositionsführer zitierte.

»Sie machen nach jeder Seite hin freundliche Bemerkungen, Herr Dr. Kohl«, so hatte der Vorgänger im Bundestag gehöhnt, »aber Sie sagen niemandem, was Sie wirklich denken.« Und verächtlich hatte Schmidt hinzugefügt: »Vielleicht denken Sie gar nicht.«

Unversehens sah sich Kohl mit einem Stück Vergangenheit konfrontiert, einer Zeit der Demütigungen und Niederlagen. Das schmerzte. Solche Reden, erwiderte der Kanzler matt, gäben halt die Meinung des politischen Gegners wieder, der dürfe so etwas in einem freien Lande eben äußern. Dann aber fiel ihm doch noch die passende Antwort ein: »Trotz allem haben die Wähler mir die Mehrheit gegeben. Dafür bin ich dankbar.«

Kohl hatte sein neues Lebensgefühl wiedergefunden. Seine Reise nach Washington vorige Woche kostete er aus wie eine Siegerehrung, den Empfang beim Präsidenten der Vereinigten Staaten erlebte er so wie ein deutscher Kaiser die päpstliche Salbung in Rom.

Zweimal schon hatte er Ronald Reagan seine Aufwartung gemacht, erst als Interims-Regent nach dem Sturz von Vorgänger Schmidt im Herbst 1982, dann als demokratisch legitimierter Regierungschef nach den März-Wahlen 1983. Damals hatte er nur eines vorzuweisen: Er war Kanzler geworden.

Diesmal aber tritt er bei Reagan auf als ein Politiker, der schon eigene Verdienste herzeigt. Er rühmt sie selber ausgiebig, und sie werden von seinen Gastgebern gebührend gefeiert.

»Gegen starken sowjetischen Druck« habe er »Wort gehalten«, verkündet Kohl; er habe im »Jahr der Bewährung« die neuen amerikanischen Atomraketen ins Land geholt. Dies sei eine politische Leistung, glaubt er, die ihm jetzt schon einen ruhmvollen Platz in den Geschichtsbüchern verschaffe. Hätte er sein Versprechen nicht eingelöst, orakelt der Kanzler, »wäre ein Fiasko passiert«.

Am Montag voriger Woche meldete er dem US-Präsidenten Vollzug. Der hob ihn zum Lohn in die »erste Reihe der Führer der westlichen Welt«. Kohl sei es zu verdanken, so weiß die Welt nun aus Reagans Munde, daß das nukleare Gleichgewicht wiederhergestellt ist: »Er stand fest gegen den Bolschewismus« - die höchste Ehrenbezeigung, die der Mann an der Spitze der westlichen Supermacht zu vergeben hat.

So ein Augenblick im Weißen Haus entschädigt den Kanzler für alle Unbill, die er selbst von Freunden immer wieder erfahren muß. Ernst, aber mit roten Ohren hört er das Lob. Endlich spricht einmal einer vom Range Reagans das aus, was Kohl auch selber von sich hält.

Der Kanzler, bemerken seine Freunde in Bonn noch ungläubig, ist felsenfest überzeugt, daß er nicht nur als erfolgreicher Nachrüster in der Geschichte seinen Platz findet. Kohl ist vielmehr sicher, er werde auch das zuwege bringen, woran der Vorgänger gescheitert ist.

Helmut Schmidt mühte sich erfolglos, der Bundesrepublik einen festen Platz zwischen den Supermächten zu verschaffen. Er wollte, mit Rückhalt in der westlichen Allianz und im Zusammenspiel mit den Sowjets, die Welt ein bißchen verändern. Doch er handelte sich damit in Washington nur den Ruf eines unzuverlässigen Partners ein.

Das ist bei Kohl anders, obwohl sich seine Strategie, erstaunlich genug, von

der Schmidts kaum unterscheidet. Kohl will Sowjets und Amerikaner nicht nur aufeinander zu bewegen; er versteht sich - allen Dementis zum Trotz - auch als Mittler, dem dereinst bescheinigt wird, daß er einen unentbehrlichen Beitrag zum Abschluß neuer Abrüstungsverträge geleistet hat.

Sein Sendungsbewußtsein trug der Kanzler in Washington aufrecht vor sich her. Unablässig und ungefragt erklärte er jedem, daß sich in diesen Tagen, als er Washington besuchte, die März-Wahlen jährten: »Ein sehr guter Tag«, rühmte er, mit dem verflossenen Jahr sei er »sehr zufrieden«.

Seine ärgsten Verächter, Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt, beurteilt er heute schon mit gelassener Milde. Mit seinem Selbstbewußtsein erschreckt er mittlerweile sogar die Liberalen. Der Kanzler, der sonst immer beteuert, wie lebensnotwendig die FDP für seine Regierung ist, träumte in den USA plötzlich von einer absoluten Mehrheit der Union: »Ich wollt', ich hätte heute Wahl, ich hätte 49, 50 Prozent.« Kohl kennt auch den Grund: »Wenn man in der Bundesrepublik für Amerika eintritt, hat man gute Ergebnisse.«

Die politischen Ziele Schmidts, das Gefühl von Strauß für Macht und dazu die Kohl-typische Treuherzigkeit - das war eine Mischung, die den Amerikanern gefiel und ihm selbst gewaltig imponierte.

Bei jeder Gelegenheit stellte er, als ob es ihn gar nicht erstaunte, fest, wie recht er doch immer gehabt habe - gegen alle, die Russen und die Parteifreunde, die Amerikaner und die Sozialdemokraten.

»Richtig« war eben, den Bundestag nicht, wie die Christsozialen es wollten,

sofort, sondern erst Anfang 1983 aufzulösen und Neuwahlen auszuschreiben. Die Sowjets waren im »Irrtum«, als sie glaubten, über die Aufstellung der neuen US-Raketen in Europa werde »die Straße entscheiden«. Und »allen Unkenrufen zum Trotz«, die ja auch aus den USA zu hören waren, »ist die Nachrüstung durchgesetzt«.

Wie er es immer schon vorausgesagt hat, findet er »Respekt sogar bei den östlichen Gesprächspartnern«. Und es hat auch »keine Eiszeit« gegeben, »das deutsch-deutsche Verhältnis ist eher besser geworden« - und zwar »ohne daß Prinzipien aufgegeben wurden«.

Seine politische Philosophie, mit der er in Washington reüssierte, ist simpel: »Man kann nicht genug Freunde haben.« Da gibt es kaum jemanden, den er nicht dazu rechnet: die Israelis und die Araber, natürlich - da kann passieren was will - den amerikanischen Präsidenten, aber eigentlich auch die Sowjets. Kohl klärt gern über das »Wesen der Freundschaft« auf: »Einem Freund sagt man, was wirklich ist, nicht, was er gerne hört.«

Beherzt trug der Kanzler dem US-Präsidenten denn auch seine Einwände gegen die amerikanische Wirtschaftspolitik vor, dieselben, die Helmut Schmidt stets vorbrachte. Das aber konnte, anders als damals, die Stimmung nicht trüben, denn die Kritik »beruhte auf anerkannter Freundschaft«.

Dem US-Präsidenten, bilanziert Kohl, habe er in den »tiefgehenden Gesprächen« die Berührungsängste gegenüber der anderen Supermacht zu nehmen versucht - es ist so, als ob der Vorgänger redete.

Da mahnt der christdemokratische Kanzler, daß es »nichts nützt, wenn jemand Feindbilder vor sich her trägt«. Er wirbt um Verständnis für die Partner in Moskau, die »nicht Abenteurer wie Hitler« seien. Ganz wie Schmidt erläutert er die traditionelle Sorge der Russen »seit Peter dem Großen« um die Westgrenze, und er gebraucht sogar Schmidts Wort von der »Berechenbarkeit«.

Während der Vorgänger mit solchen Reden nur Argwohn weckte, nehmen Präsident, Administration und Abgeordnete diesem Deutschen die Beteuerung ab, er sei »kein Wanderer zwischen den Welten«, er stehe vielmehr »klar an der Seite der Freunde«.

Der Unterschied ist: Schmidt redete nicht nur in schneidendem Ton, er forderte auch Konsequenzen, wollte, daß seine Analysen begriffen und seine Forderungen befolgt werden. Kohl reicht es offenbar, wenn sein Rat entgegengenommen wird und daß ihm niemand böse ist, wenn er nicht brav auf Linie bleibt.

Da mag zwar die Stimmung besser sein, da mag nach außen hin »völlige Übereinstimmung in den Grundfragen« herrschen, bewegt hat Kohl in Washington deshalb auch nicht viel mehr als damals Schmidt.

Ein Treffen des US-Präsidenten mit Konstantin Tschernenko ist, trotz allen Bonner Drängens, nach Ansicht der Amerikaner nicht dringlich.

Auch Kohls Lamento über den US-Protektionismus, das gewaltige Budgetdefizit und die hohen Zinsen ließ den Präsidenten kalt. Und in der Diskussion über die Abrüstung lief der Kanzler ebenfalls auf. »Die haben überhaupt kein Interesse, sich zu bewegen«, so ein Teilnehmer. Allenfalls, glauben die Bonner, seien die USA bereit, über die Kontrolle interkontinentaler Raketen, nicht aber über Mittelstreckenwaffen weiter zu verhandeln. Beide Themen miteinander zu verknüpfen, analysierte das Bonner Auswärtige Amt, liege nicht im »Eigeninteresse« der Amerikaner.

Einen Durchbruch konnte der Kanzler nur bei einem Thema verzeichnen, über das er gar nicht verhandelt hat: den Waffenexport nach Saudi-Arabien. Der israelische Ministerpräsident Jizchak Schamir hatte Außenminister Hans-Dietrich Genscher noch Ende Februar in Brüssel drohend mitgeteilt, auch die USA seien gegen das Geschäft. AA-Staatssekretär Andreas Meyer-Landrut aber erfuhr von seinem US-Kollegen Richard Burt: Es gibt keine Einwände. Denn, so die Begründung des Amerikaners: »Wir machen das ja selber.«

Auf dem Rückflug tat der Kanzler so, als sei seine Reise ein durchschlagender Erfolg gewesen. »Ich habe noch einen heißen Tip«, sagte er am Dienstag voriger Woche, »zum Jubiläum der Wahl fliegen wir mit einem Rückenwind von 300 Stundenkilometern.« Dann legte er sich zum Schlafen nieder.

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