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ÄTHIOPIEN Westen schläft

Das Militärregime in Addis Abeba muß sich nicht nur gegen Eritreer und Somalis wehren, sondern auch gegen Nationalisten des Oromo-Stammes.
aus DER SPIEGEL 48/1977

Der Kubaner im Stab der äthiopischen Armee, General Anjou, war irritiert: Befehle werden nicht befolgt, Lkw-Kolonnen verschwinden.

Von den Somalis in die eroberte Stadt Dschidschiga geführte Journalisten staunten: Die Äthiopier hatten Stellungen kampflos aufgegeben.

Ein sowjetischer General beklagte sich nach einem Frontbesuch bei Harrar bei seinem Botschafter in Addis Abeba: Wie konnten die bestens ausgerüsteten Äthiopier so schlecht gegen die Somalis kämpfen?

Die Antwort auf diese Fragen: 60 Prozent der äthiopischen Soldaten gehören dem Stamm der Oromo oder Galla an, der mit 15 Millionen Menschen den größten Teil der äthiopischen 28-Millionen-Bevölkerung stellt. Und die Mehrheit der Oromo fühlt sich vom Staatsvolk der Amharen (rund sechs Millionen) ebenso unterdrückt wie die Eritreer, die mit Erfolg für ihre Unabhängigkeit kämpfen.

Viele Oromo wollen dem Beispiel der Eritreer folgen. Das linke Militärregime des Obersten Mengistu ist trotz aller Sowjet-Hilfe gefährdet: Außer den ideologischen Machtkämpfen im Militärrat (Derg). dem letzte Woche Oberst Atnafu Abate, der zweite Mann des Regimes, zum Opfer fiel, erschüttert Stammesfeindschaft das Reich.

Offiziere der Dritten Armee diskutierten in der staatlich verordneten Ideologie-Stunde offen über das Oromo-Problem. Eine Oromo-Befreiungsfront eröffnete ein Büro in Damaskus. Der Oromo-Führer Wako Goto arbeitet mit Äthiopiens Todfeinden zusammen -- den Somalis. Radio Mogadischu strahlt Oromo-Sendungen aus. Goto fordert »ein freies Oromo-Land« so wie ein freies Namibia

Die Oromo hatten ihre Freiheit im vorigen Jahrhundert verloren. Sie bezeichnen schon den Begründer des modernen Äthiopien, Haile-Selassie-Vorgänger Menelik II., als »Kolonial-Kaiser«. Denn der« habe Abgesandte auf Bismarcks Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85 geschickt, auf der die Großmächte über die Aufteilung Afrikas diskutierten. Meneliks christliche Amharen gewannen damals die Herrschaft über die vorwiegend moslemischen und dunkleren Oromo.

Amharische Krieger nahmen den Oromo fruchtbares Land weg und behandelten die Oromo, von ihnen Galla genannt, wie Sklaven. Ihre Sprache können die Oromo bis heute nicht in der Schule lernen, sie ist weder vor Gericht noch bei Behörden zugelassen. Zwar konnte sich unter Haue Selassie eine dünne Oromo-Schicht assimilieren. Sie spricht Amharisch und ist mit Amharen durch Heiraten verbunden. Die Masse der Oromo aber fühlte sich weiter diskriminiert. So stellen die Oromo nur ein Siebtel der Offiziere, während sie über die Hälfte der Armee-Angehörigen ausmachen.

Und oromisches Nationaldenken wurde stets verfolgt -- auch nach Haile Selassies Sturz. Denn die Machthaber in Addis Abeba müssen eine Kettenreaktion fürchten, wenn einer der zahlreichen Stämme Äthiopiens das Selbstbestimmungsrecht durchsetzt.

Mengistus Militärrat ist vor allem über die Oromo-Flüsterpropaganda in der Armee beunruhigt. Er stellte Trupps auf, die Wortführer der Nationalisten umbringen sollen. Im Oromo-Gebiet wurde ein Konzentrationslager errichtet, das nur deswegen noch nicht belegt ist, weil die totale Mobilmachung alle Kräfte für den Krieg gegen die Somalis und Eritreer beansprucht.

Die Bedeutung der Oromo-Bewegung sehen sogar die heute besten Freunde des äthiopischen Militärregimes, die Russen. Sowjet-Diplomaten besuchten als einzige Ausländer in Addis Abeba die Redaktion der verstaatlichten Oromo-Zeitschrift »Berissa«.

Vom föderativen Modell der Bundesrepublik und sozialdemokratischen Ideen beeindruckte Oromo suchen Kontakt mit Bonner Politikern. Ein Oromo-Nationalist: »Die Russen sind clever, aber der Westen schläft.«

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